Impulse zu den Bildwelten der Bibel / Archiv 20

Warum hat Jesu Tod am Kreuz ewige Heilsbedeutung?

Bild: Der christliche Glaube kann sich nur in dem Maß in fremde Kulturen inkulturieren, wie er seine Heilsbotschaft als universale und überzeitliche für alle Zonen und Zeiten darstellen kann. Die Kreuzweg-stationen in der katholischen Kirche auf Haiti zeigen die Protagonisten als einheimische Insulaner: Jesus vor dem jüdischen Hohepriester Kaiphas, der ihn fragt, ob er der Messias (Christus) sei, der Sohn des Ewigen.


Der Karfreitag vor bald 2000 Jahren ist ein historisches Datum. Aber Jesus stirbt seinen Tod nicht aufgrund eines Zufalls oder menschlicher Willkür (Joh 10,18: „Niemand entreißt es [das Leben] mir, sondern ich gebe es auf freiem Willen hin“). Er vollbringt damit vielmehr den göttlichen Heilswillen und Heilsplan: „Es ist vollbracht/ vollendet“ (Joh 19,30). „Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift“ (1 Kor 15,3), das heißt des im Alten Testament erkennbaren Planes Gottes, vor allem in den ersten beiden Schöpfungserzählungen. Gen 1 ist deshalb erster Lesungstext in der Osternacht. Der Ostersonntag nach dem Sabbat (Samstag) als siebtem Tag ist der „achte Tag“ (vgl. KKK 1166) und so auch wieder der „erste Tag“ oder „Tag eins“ (hebr. jom echad) mit dem „Es werde Licht“. Paulus identifiziert dieses eine Licht mit dem Osterlicht der Auferstehung Jesu (2 Kor 4,6) – im Unterschied zu den vielen Lichtern (Sonne, Mond und Sterne) vom vierten Tag. Am sechsten Tag (Freitag) wird der Mensch männlich-weiblich erschaffen auf das „hochzeitliche“ Eins-sein mit Gott und untereinander im Bund hin. Das wird im „Sündenfall“ am selben Tag (Gen 2,17) grundlegend verfehlt, was den Tod zur Folge: die Unversöhntheit der Gegensätze von Geist – Materie, Geistseele – Körper, Himmel – Erde, Sonne – Mond, männliches und weibliches Prinzip usw. Der Sohn Gottes als das wahre „Bild Gottes“ (Kol 1,15) versöhnt die Gegensätze im Heilstod am Kreuz am (Kar-)Freitag: Er hat „Friede gestiftet am Kreuz durch sein Blut“ (Kol 1,20) des neuen und ewigen (Hochzeits-)Bundes. Irenäus von Lyon schreibt: „Er [Christus] kam zur Passion, einen Tag vor dem Sabbat, dem sechsten Schöpfungstag, an dem auch der Mensch gebildet wurde, indem er ihm die zweite Erschaffung, die ihn dem Tod entriss, durch seine Passion schenkte“ (Adv. haer. 5,23,2). Ähnlich Bonaventura: „Am sechsten Tag wurde der Mensch als Herrscher der Tiere geschaffen… Es entspricht dem sechsten [Weltzeit-]Alter, von Christus bis zum Weltenende. Und im sechsten Alter ist Christus geboren, am sechsten Tag wurde er gekreuzigt, im sechsten Monat nach der Empfängnis des Johannes wurde er empfangen. Die Weisheit also ist im sechsten Alter Fleisch geworden. Das siebte Alter eilt mit dem sechsten, es ist die Ruhe der Seele nach dem [körperlichen] Leiden Christi. – Darauf folgt das achte Alter, die Auferstehung… Das ist die Rückkehr zum ersten, denn nach dem siebten Tag geschieht der Rücklauf zum ersten“ (Hexaemeron, XV,17). Durch die wöchentliche Rückkehr zum Ursprung wird das lineare Zeitschema in Bibel und Liturgie fundamental durchbrochen. Die endzeitliche Zukunft im ewigen „achten Tag“ jenseits der zeitlichen Sieben-Tage-Woche, die vom Mond (luna) mit seinen Lichtphasen von vier Mal sieben Tagen bestimmt wird, ist vorgebildet im „Anfang“ der Schöpfung der Zweiheit aus dem einen Gott. Sechster, siebter und achter Tag als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bilden in der Osterliturgie den „Einen Tag“ des Triduums als Aufhebung der Zeit oder ihre Vermählung mit der Ewigkeit Gottes. Osterliturgie ist jede Eucharistie, die das Opfer des „Lammes Gottes“ als Bräutigam des himmlischen Jerusalem feiert (Offb 19,7.9). Auch an Weihnachten wird die Osterliturgie gefeiert.

 

Warum stirbt Jesus den Tod des fruchtbaren Weizenkorns?

Bild: Das irdische Leben konnte sich nur dadurch entwickeln, weil der Mond (Luna) ihr Stabilität in ihrem Kreisen um die Sonne gibt und so das Klima ermöglicht. Für die Sumerer war der Mondgott, weil er sich monatlich erneuert,  „ihr Fruchtbarkeitsgott“ (Ben Moore, Mond2019, 125). Man glaubte, dass er die  Regeneration „auf alle lebenden Kreaturen übertragen könne“. „Seine Verehrung diente dazu, die Zeugungs-kraft des Mondes in die Sphäre des Menschen zu übertragen und so die zukünftige Fruchtbarkeit von Pflanzen, Tieren und Generationen von Menschen sicherzustellen“ (125f). Als ‚Fruchtbarkeitsstern‘ galt auch Venus, die zum ‚sechsten Tag‘ (Fryatag, franz. vendredi) gehört. Jesus stirbt am (Kar-)Freitag, um das sterblich gewordene Leben zur Unsterblichkeit zu führen. Ostern ist daher am ersten Sonn-tag nach dem Frühlingsvollmond. Jesu Hin-gabe am Kreuz erweist sich in der Eucharistie als fruchtbringend über den Tod hinaus. Erntedankaltar St. Jakobus, Hechingen. 


„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh 12,24). Gott sät gleich einem Sämann sein fruchtbringendes Samen-Wort in die Welt; aber nur wo der „Boden“ (humus) des Herzens „demütig“ (humilitas) und tief genug ist, so dass es Wurzeln in der Ewigkeit schlagen kann, nur wenn nicht „Dornen und Disteln“ sein Wachstum verhindern, was durch den „Ungehorsam“ und Unglauben des Adam „flächendeckend“ für die ganze Menschheit der Fall ist (Gen 3,17f), nur wenn nicht der „Satan“ (Hinderer) das Wort wegnimmt (Mk 4,15), dann bringt es im wahren Glauben überreiche Frucht: „dreißigfach, ja sechzigfach und hundertfach“ (V.20). Mit dem göttlichen Auftrag zur Fruchtbarkeit nimmt die Bibel den Sinn der natürlichen Evolution auf; mit der „Tierherrschaft“ des gottebenbildlichen Menschen (Gen 1,26-28) führt sie ihn aber zugleich über die sexuelle Fortpflanzung, wie sie sich im Tierreich herausgebildet hat, hinaus. Das lässt sich auch an den Zahlen ablesen, die den biblischen Er-zählungen zugrunde liegen. Denn der Auftrag in Gen 1,28 „Seid fruchtbar und mehret euch“, pru urebu, 80-200-6 6-200-2-6, hat den Zahlenwert 500 jenseits des Alphabets der Schöpfung, das mit dem 22., ursprünglich kreuzförmigen Buchstaben Taw und dem Zahlenwert 400 endet; Friedrich Weinreb schreibt: Die 500 wird zustandekommen, wenn die 300 des Mannes und die 400 der Frau sich selbst erfüllt haben und zu der Einheit zusammengewachsen sind, die das ‚Kind‘ hervorbringt, wenn also die 300² + 400² die 500² ergibt“ – gemäß dem Satz des Pythagoras: 3² (9) + 4² (16) = 5² (25) (Schöpfung im Wort, ³2012, 180; 53). Dieses höhere „Kind“ wird verstanden als die geistgewirkte Synthese des Mann-Prinzips (3) und des Frau-Prinzips (4); es ist der erlöste, mit sich und Gott wieder eins gewordene Mensch als „Kind Gottes“. Die Taufe auf Jesu Kreuz und Auferstehung schenkt im wahren, lichterfüllten und erleuchteten Glauben diese Gotteskindschaft zurück. Als „Kinder des Lichts“ (Eph 5,8) haben die Gläubigen keinen unreifen Kinderglauben mehr, sondern den erwachsenen, reifen Glauben des „Mannes“: „Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war“ (1 Kor 13,11). Paulus formuliert, was für alle Gläubigen gilt: Er stellt ihnen den Gekreuzigten vor Augen, damit sie in ihm den Segen und die Fruchtbarkeit Abrahams erlangen, des „Vaters vieler Völker“ und „unser aller Vater vor Gott“ im Glauben (Röm 4,17, Gal 3,1.9). Es ist ein vom „Fluch“ (= Unfruchtbarkeit) des „Gesetzes“ befreiter Glaube (Gal 3,13); Fruchtbarkeit aber schafft „Frieden“.

 

Warum muss Israel aus dem Land „Ägypten“ ausziehen?

Bild: In Israels Exodus  geht es im Kern um die Taufe (im Durchzug durch das Wasser) als Überwindung der Todesmacht in der Auferstehung: Der immer namen-lose Pharao verkörpert den Tod, Ägypten steht für den „sechsten Tag“ (Erschaffung und Fall des Menschen), die Wüste für den „siebten Tag“ (Sabbat), das Gelobte Land für den „achten Tag“ (Sonntag der Auferstehung, jenseits der Zeit). Mose spaltet das Wasser und führt das Volk durch die Fluten, in denen die „Ägypter“ untergehen. Villingen, Münster Unserer Lieben Frau.


Für die Kirchenväter und besonders Origenes ist der Weg der Befreiung aus „Ägypten“ durch die „Wüste“ ins „Gelobte Land“ ein Sinnbild für den Weg der Heiligung der Seele: „Ausziehen müssen wir aus Ägypten, die Welt müssen wir verlassen, wenn wir ‚dem Herrn dienen‘ wollen. Verlassen aber meine ich nicht im örtlichen Sinne, sondern mit der Seele, nicht auf einer Straße wandernd, sondern durch Glauben voranschreitend“ (Wanderung durch die Wüste, in: Geist und Feuer, 1938, 94-106, 95). Die 42 (6 x 7) Stationen auf Israels Wüstenweg haben alle sinnbildliche Bedeutung: Gemeint ist ein Voranschreiten von Tugend zu Tugend, „bis man zum Letzten kommt, zum höchsten Grad der Tugend, bis man den Fluss Gottes überschreitet und die verheißene Erbschaft in Besitz nimmt“ (100). Dies bedeutet auch „wandeln im Gesetz des Herrn“ und nicht außerhalb des Gesetzes, nicht stehen zu bleiben, sondern sich nach dem Ziel auszustrecken, dem Gelobten „Land der Tugenden“: „Um zu diesen Dingen aber hindurchgelangen zu können, bedürfen wir der göttlichen Barmherzigkeit, um vielleicht, wenn wir die Schönheit des WORTES Gottes erblickt haben, in heilsamer Liebe zu ihm zu entbrennen, und damit er selbst eine solche Seele zu lieben sich würdige, in der er die Sehnsucht nach ihm erkennt“ (104). Dass Gottes Volk „mit Eile“ den Jordan zu durchschreiten hat, versteht der alexandrinische Theologe auch von den Christen, die die heilsame Taufe und die anderen „Sakramente des WORTES Gottes empfangen haben“; auch sie dürfen „nicht müßig und schläfrig“ die Dinge betreiben, sondern wach und in Eile, bis alles durchschritten, das heißt alles erfüllt ist, wie Origenes mit den acht Seligpreisungen der Bergpredigt (Mt 5,3-10) sagt: „‘Selig sind die Armen im Geiste‘, damit wir, alle Anmaßung ablegend und die Demut Christi annehmend, dadurch zur verheißenen Seligkeit zu gelangen verdienen. Aber auch wenn wir das schon erfüllten, so dürfen wir doch nicht stehen bleiben und aufhören, sondern auch alles Folgende ist zu durchschreiten: dass wir ‚hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit‘, und auch das weitere ist zu durchschreiten: dass wir in dieser Welt ‚trauern‘, und eilig müssen wir vorbeiziehen daran, dass wir ‚sanftmütig‘ werden und dass wir ‚friedfertig‘ bleiben, um dadurch (den Namen) ‚Gottessöhne‘ hören zu dürfen. Eilen müssen wir weiter, dass wir auch die Last der Verfolgung durch die Kraft der Geduld durchschreiten. All dies, was zum Glanze der Tugend gehört, nicht nachlässig und faul, sondern mit aller Dringlichkeit und Schnelligkeit zu erkämpfen, scheint mir das Wort sagen zu wollen: ‚Mit Eile den Jordan durchschreiten.‘ Besser ist es für den, der das vollkommene Leben sucht, unterwegs zu sterben, als überhaupt nicht zur Suche der Vollkommenheit auszuziehen (96). Jesus: „Seid vollommen wie Gott“ (Mt 5,48). 

 

Warum beruft Jesus alle Getauften in den Dienst der Verkündigung?

Bild: Jesus beruft seine ersten Jünger, Petrus und Andreas, „sofort“ von ihrem Fischerboot weg in seine Nachfolge zu „Menschenfischern“ (Mt 4,18-20). Ähnlich ergeht es Paulus vor Damaskus: Sein Aposteldienst unter den Heiden steht der Dienst des Petrus „unter den Beschnittenen“ (= Juden) gegenüber (Gal 2,7f). Für alle Christen gilt: Sie sind „berufen als Heilige“ (1 Kor 1,2) und „Berufene“ (1 Kor 1,24): „Seht doch auf eure Berufung, Brüder“ (V.26). Sie sind „von Jesus Christus berufen“ (Röm 1,6), und Paulus bittet, dass „dass unser Gott euch eurer Berufung würdig mache“ (2 Thess 1,11). Kathedrale Mariä Himmelfahrt, San Franzisko.


Papst Paul VI. erklärte in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi (1975): Die „eigentliche Berufung der Kirche, ihr tiefste Identität“, ist die Verkündigung der Frohbotschaft: „Sie (die Kirche) ist da, um zu evangelisieren, d. h. um zu predigen und zu unterweisen, Mittlerin des Geschenkes der Gnade zu sein, die Sünder mit Gott zu versöhnen, das Opfer Christi in der heiligen Messe immer gegenwärtig zu setzen, welche die Gedächtnisfeier seines Todes und seiner glorreichen Auferstehung ist“ (14). Die Kirche bringt „den Menschen, im objektiven Sinn, in die Verbindung mit dem Heilsplan Gottes, mit seiner lebendigen Gegenwart, mit seiner Tätigkeit… Die Kirche lässt ihn so dem Geheimnis der göttlichen Vaterschaft begegnen, die sich der Menschheit zuneigt. Unsre Religion stellt tatsächlich eine echte und lebendige Verbindung mit Gott her“ (53). „Die Evangelisierung besteht in ihrer Gesamtheit über die Verkündigung hinaus darin, die Kirche einzupflanzen, die es aber ohne dieses sakramentale Leben nicht gibt, welches seinen Höhepunkt in der Eucharistie hat“ (28). Papst Franziskus erklärte zur Präzisierung eines Interviews mit einer italienischen Tageszeitung, zur Verkündigung der christlichen Botschaft seien alle Getauften berufen, in der Kirche könne es keine „privilegierten Kategorien“ geben, keine Formen der Ungleichheit. Alle haben durch die Taufe die gleiche Würde der Gotteskindschaft, alle sind berufen, den sichtbaren Leib Christi aufzubauen; Bischöfe und Priester hätten daher nicht eine höhere Würde in der Kirche, alle seien berufen, einander zu dienen. Werde die Berufung als „Beförderung“ oder „Aufstieg“ missverstanden, so sei dies „nicht christlich, sondern reines Heidentum“ (Franziskus: Berufung als Beförderung zu sehen, ist nicht christlich, 15. März 2023, katholisch.de). In der zweiten Auflage des Lexikons für Theologie und Kirche (1957–1968) wurde „Berufung“, so Ursula Schumacher, „noch spezifisch als ‚Berufung zum Priester- und Ordensstand‘ erörtert“, in der dritten Auflage (1992–2001) wurde „Berufung“ dagegen „als eine prinzipiell für jedes Menschenleben applikable spirituelle Kategorie bewertet“ (Christsein als Berufung, in: IKaZ 52 [2023] 349-352, 350). Christsein bedeutet nicht schon Heiligsein, sondern zunächst Sündersein; denn Jesus ist „gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten“ (Mt 9,13). Das Ziel ist aber die Vollkommenheit und Heiligkeit durch Christi Gnade (Mt 5,46.48). „Wie er, der euch berufen hat, heilig ist, so soll auch euer ganzes Leben heilig werden“ (1 Petr 1,15; vgl. Vatikanum II, LG, 5. Kap.). 

 

 

Warum verfehlt realistische Dar-stellung der Geburt Jesu den Sinn?

Bild: Das Kunstprojekt „Jesuskind im Reispapier“ bei der vom SWR übertragenen Christmette in St. Maria in Stuttgart wollte radikal realistisch und dadurch provokant sein wie die Kunstinstallation einer „gebärenden“ Maria im Linzer Mariendom (im Sommer 2024); auf der Strecke blieb jeweils das Übernatürliche. Denn an Weihnachten wird nicht irgendwer geboren, sondern das ewige Schöpferwort nimmt das Fleisch der Menschheit an, um es (wieder) zum Geist zu führen: „Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist“ (Joh 3,6). „Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben“ (1 Kor 15,50). Der Kern der Heilsbotschaft wurde so gerade verfehlt; übrig blieb die leere, „schleimige“ Hülle. Das passt vielleicht besser zu einem entkernten „Weihnachtschristentum“, aber die vielen Proteste beim SWR zeigen doch auch: keineswegs überall! Jesu Geburt vor der Erd-(mutter)höhle, russ.-orth. Kathedrale, San Franzisko.


Die Fleischwerdung des Sohnes Gottes ist kein Ja zu Fleisch und Blut, sondern „das Ja zu allem, was Gott verheißen hat“ (2 Kor 1,20). Denn „der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch nützt nichts“ (Joh 6,63). Verheißen hat Gott den Sieg über die Satansschlange (Gen 3,15), über Sünde und Tod (1 Kor 15,54f), und über die „Welt“, die „unter der Macht des Bösen“ steht (1 Joh 5,4f.19). Dieser Sieg wird mit Kreuz und Auferstehung errungen, die von Anfang an im Blick stehen (Joh 1,29: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“). Er wird aber auch in der Menschwerdung aus der Jungfrau Maria errungen im Vorgriff auf die Erlösung an Ostern. Die Jungfrauengeburt ist daher ein österliches Zeichen und Vorausbild der jungfräulichen Wiedergeburt aller Gläubigen in der Taufe. Johannes Paul II. sieht mit Irenäus und Petrus Chrysologus die Geburt Jesu aus der Jungfrau und die Auferstehung Christi von den Toten zusammen: „Ein Zeichen der Gottheit ist es, die Jungfrau nach der Geburt versiegelt zurückzulassen; ebenso ist es ein Zeichen der Gottheit, mit dem Leibe aus dem Grab hervorzugehen“ (vgl. Manfred Hauke, Die „Virginitas in partu“, in: Anton Ziegenaus, „Geboren aus der Jungfrau Maria“. Klarstellungen, 2007, 126). Wie Maria ohne Erbsünde unbefleckt empfangen wird im Vorgriff auf die Erlösung durch ihren Sohn, so auch gebiert sie jungfräulich als Urbild der Taufgeburt. Davon sprich auch Joh 1,13: „nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott“. Auf den ersten Teil des Verses von der Fleischwerdung (Joh 1,14) folgt die „Einwohnung“ und das Sehen der „Herrlichkeit“ wie im Tempel in Jerusalem auf der Bundeslade im Allerheiligsten. Maria ist die neue, lebendige Bundeslade (vgl. 2 Sam 6,5.14 mit Lk 1,44) und der ihr einwohnende Logos ist der neue Bund in Person. Das Wort Gottes steigt vom Himmel auf die Erde herab, um für den irdisch-sterblichen Menschen den durch die „Ursünde“ Adams verschlossenen Himmel wieder zu erschließen (Joh 1,32f.51). Deshalb können die Engel auf den Fluren Bethlehems vom himmlischen Frieden singen. Christus hat „Friede gestiftet … am Kreuz durch sein Blut“, indem er Himmel und Erde, unsichtbare und sichtbare Welt in seiner Person versöhnte (Kol 1,20). Die Dimension des unsichtbaren Himmels ist in dem Kunstprojekt schlicht weggefallen; sie im Irdischen sichtbar zu machen wäre aber gerade das Wesen wirklich guter religiöser Kunst. 

 

Warum ist Gottes Menschwerdung ein hochzeitliches Mysterium?

Bild: Das Fest „Erscheinung des Herrn“, am 6. Januar ist das ältere Weihnachtsfest, das die Ostkirche auch so feiert; in der Westkirche wurde daraus das „Dreikönigsfest“. Liturgische Lesungstexte sind aber neben Besuch und Huldigung der Sterndeuter (Mt 2,1-12) die Taufe Jesu und die Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-11). Nur dort und unter dem Kreuz erscheint Maria und verbindet so beide Szenen, ebenso das Motiv der „Stunde“ (Joh 2,3f) des Todes Jesu. Hier wie auch sonst ist Weihnachten immer zusammen mit Ostern zu sehen, der Auferstehung Jesu am „achten Tag“ (= Sonntag). Der „Bräutigam“ oder männliche „Verlobte“, chatan, 8-400-50, und „Hochzeit“, chatana, sind eng verwandt: „Beide haben die Cheth, die Acht, und die Nun, die Fünfzig“ (Weinreb, Schöpfung im Wort, ³2012, 438), wobei die „Fünfzig“ als 7 x 7 + 1 analog zur 8 ist; die sechs Krüge verweisen auf die sechs Schöpfungstage. Kathedrale Mariä Himmelfahrt, San Franzisko.


Im Judentum „besteht schon von altersher der Brauch, dass die Frau bei der Hochzeit siebenmal um den Mann herumgeführt wird, und pflegt man auch sieben Tage die Hochzeit zu feiern. Denn in der Sieben [als ‚Verlobung‘] sind sie zueinandergekommen. Der achte Tag lässt sie zusammen allein, dann ist die Einsmachung vollzogen“ (Schöpfung im Wort, 438f). Die „Verlobte“ oder „Braut“, kalla, 20-30-5, hat als Stamm Kaph-Lamed, 20-30 = 50 (438). „Der achte Tag ist die Hochzeit zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen, eine in den sieben Tagen [der Schöpfung] vorbereitete Hochzeit“ (833). Zur Unterscheidung zwischen dem siebten und achten Tag schreibt Weinreb: „Hier, heißt es, gibt es nur die Verlobung, hebräisch ‚arissa‘, auch ‚Backtrog‘. Der Teig ist da, um das Brot zu backen; das Brot kommt erst bei der Hochzeit, es braucht das Feuer. Wasser, da ist Verlobung – Feuer: Ewigkeit, dann erst ist Ehe, das Brot ist da“ (Das Markus-Evangelium, Bd. II, 1999, 755). Die (rechtskräftige) Verlobung Gottes mit seinem Volk am siebten Tag vollendet sich in der eschatologischen Hochzeit am achten Tag, wenn sich mit dem Wasser der Zeit das Feuer der Ewigkeit vermählt. Der „Himmel“, schamajim, gelesen als esch-majim, ist die Vermählung von Feuer (esch) und Wasser (majim): „Der Gegensatz ist dort aufgehoben, Feuer und Wasser sind dort eine Einheit“ (Weinreb, Der Weg durch den Tempel, 2000, 384). Wie die jüdische unterscheidet auch die christliche Mystik zwischen Verlobung und Hochzeit. Nach Teresa von Ávila ist die sakramentale Ehe das „Sinnbild für die geistliche Verlobung“, die geistliche Vermählung bleibt dem „Himmel“ vorbehalten (Vida, Kap. 29). Ihr geistlicher Partner Johannes vom Kreuz nennt zehn Sprossen oder Stufen der „Liebesleiter“ des Kreuzes: Auf der ersten „wird die Seele liebeskrank … und vergisst dabei die Dinge, die sie bisher von Gott trennten“; die Vorstufe zur letzten Unio oder „Hochzeit“ heißt „geistliche Verlobung“ (Erika Lorenz, Auf der Jakobsleiter. Der mystische Weg des Johannes vom Kreuz, 1991, 73). Nach Franz von Sales ist iim Hinblick auf das „Hochzeitsmahl des Lammes“ (Offb 19,7) „die Seele die Braut und Verlobte des Lammes. Erst wenn wir zum Himmel eingegangen sind, ist die Feier jener göttlichen Vereinigung“ (vgl. Otto Karrer [Hg.], Der mystische Strom, 1986, 26). Für Louis Lallemant (gest.1635) ist das Hohelied der Liebe das „Hochzeitslied der heiligen Vermählung“ in der Fleischwerdung des Wortes, erst in der menschlichen Natur Christi, dann in Maria und in der Kirche sowie in jeder gläubigen Seele: „Das Hochzeitslied der heiligen Vermählung Marias mit dem Hl. Geist und der Menschenwerdung des WORTES, das ihre Frucht sein sollte, ist das Hohelied, wo die Braut – sogar in wörtlichem Sinn – in erster Linie die heilige Menschheit des Herrn, in zweiter Linie die Muttergottes, in dritter Linie die heilige Kirche, in vierter Linie jede heilige Einzelseele ist, sowohl jene, die stets ihre Jungfräulichkeit bewahrt hat, als jene, die sie verloren hat, aber sich im heiligen Bade der Buße wieder gewaschen hat und dann zum größten Grad der Keuschheit gelangt ist. Wir sollten ohne Unterlass das Fest der göttlichen Hochzeit unserer Seele mit Jesus Christus feiern…“ (Die geistliche Lehre, 106).

 

Warum sind Chanukka und Weihnachten eng verwandt?

Bild: Haben das achttägige jüdische Chanukkafest und das christliche Weihnachtsfest außer Licht-Symbolik und zufälligem Datum (25. Kislev/ 25. Dez.) nichts gemein? So sagt Walter Homolka: „Auch wenn Jesus von Nazareth einer von uns war: Wir Juden warten in der Adventszeit auf nichts und niemanden, nicht auf das Weihnachtsfest und nicht auf eine mögliche Wiederkunft Jesu. Und doch verbindet uns gerade in der dunklen Jahreszeit die Sehnsucht nach Licht und Wärme“ (katholisch.de, 10. Dez. 2020). Hintergründig haben beide Feste sehr viel mehr miteinander zu tun, denn der Leuchter ist acht- statt sonst sieben-armig.


Das Judentum feiert mit Chanukka im Monat Kislev (Nov./Dez.) ein Ölwunder bei der Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem im Jahr 164 v. Chr, den die hellenistischen Eroberer (assyrische Hellenisten) durch Aufstellen einer Zeus-Statue und des Verbots der jüdischen Religionsausübung entweiht hatten: Alle Öle für den Leuchter waren daher unrein bis auf „ein einziges mit dem Siegel des Hohenpriesters versehenes Krüglein mit Öl, das nur so viel enthielt, um einen Tag zu brennen. Aber es geschah ein Wunder, und es brannte davon acht Tage“ (Talmud). So konnte Gott wieder neu im Tempel und damit in der Welt einwohnen, was gerade auch der Sinn des Weihnachtsfestes ist; Friedrich Weinreb schreibt: „Die Geschichte [des Ölwunders] will unter anderem sagen, dass dieses besondere Öl, welches das Licht im Tempel spendet, die Eigenschaft hat, die Natur zu durchbrechen, sobald man den Tempel wieder vom Götzendienst reinigt und sobald man beginnt, neues Öl zu bereiten. Dann wird dieses Öl sieben Tage hindurch bis in den achten Tag leuchten. Dann kann die neue Welt mit dem neuen Öl beginnen, als Licht für den Tempel zu dienen – dem Tempel … als Wesen dieser Welt. Das Geschlecht, das die Initiative bei den Erneuerungsmaßnahmen ergriff, … war das Geschlecht der Hasmonäer. (…) Und der Name Chaschmonaim – also die ‚Hasmonäer‘ – hat wieder die Acht als Stamm“ (Schöpfung im Wort, ³2012, 239f). In den Zahlenwerten der hebr. Buchstaben hat „acht“, schmonah, 300-40-50-(5), den gleichen Wert wie „Öl“, schemen, 300-40-50, und „Himmel“, schamajim, 300-40-10-40 = 390. Der neu geweihte Tempel als Ort der Einwohnung JHWHs ist der Himmel auf Erden. Der mit dem Geist-Öl gesalbte Messiaskönig Jesus (= JHWH hilft) baut am Ende mit seiner Auferstehung am „achten“ Tag (= Sonntag nach dem Sabbat) den Tempel seines Leibes wieder auf und geht durch verschlossene Türen (Joh 20,19). Am Anfang wohnt er mit seiner jungfräulichen Empfängnis und Geburt durch die für immer verschlossen bleibende „Tür“ des Leibes Mariens, des Tempels des Heiligen Geistes, mit seiner himmlischen „Herrlichkeit“ ein (Joh 1,14), wie in der Vision des Ezechiel die „Herrlichkeit“ JHWHs durch das für immer verschlossen bleibende Tor des neuen Tempels wieder einzieht (Ez 43,1; 44,2f). Die acht Seligpreisungen Jesu verweisen auf die gesalbten Getauften, die im Glauben mit ihren vom Geist-Öl erfüllten Lampen in den für die „törichten Jungfrauen“ für immer verschlossen bleibenden Hochzeitssaal einziehen (Mt 25,10f) und für immer brennen – wie die auf wunderbare Weise brennenden acht Lampen des Leuchters an Chanukka (sieben-armige Menorah meint die sieben Schöpfungstage).

 

Warum ist Maria schon vor aller Zeit erlöst und so „unbefleckt“?

Bild: Neun Monate vor dem Fest Mariä Geburt am 8. September feiert die Kirche das Hochfest der ohne Erbsünde (= unbefleckt) empfangenen Gottesmutter im Schoß ihrer Mutter Anna (hebr. chana = Gnade). Maria ist beim Gruß des Erzengels Gabriel, gefeiert am 25. März als Fest Mariä Verkündigung, so „voll der Gnade“ (Lk 1,28), das nicht denkbar ist, dass sie zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens nicht die „Begnadete“ gewesen wäre. Der Franziskaner Johannes Duns Scotus (14. Jh.) hat das Erlöstsein Mariens als Erwählt- und Bewahrtsein vor aller Zeit (vgl. Eph 1,4) und so vor der Erbsünde interpretiert, was dann 1854 zur Dogmatisierung der Glaubensüberzeugung führt. Vier Jahre später stellte sich Maria der 14-jährigen Bernadette Soubirous in Lourdes als die „Unbefleckte Empfängnis“ vor, gleichsam als himmlische Bestätigung des neuen Marien-Dogmas. Ihre jungfräuliche Geburt Jesu ist zugleich Urbild der Taufgeburt  als „Tilgung der Erbsünde“. Maria als Taufbrunnen, Griech. Ikone.


Die christliche Tradition sieht Maria, das ‚vornehmste Geschöpf‘, mit der Sophia (Weisheit), dem ‚ersten Geschöpf‘ (Spr 8,22; Sir 24,14), in eins. Nach Hildegard von Bingen ist Maria „die lichtvolle Urmaterie“ und so „mit dem von Gott im Anfang, vor der Zeit, geschaffenen ‚Himmel’ gemeint. Sie ist die vor aller Schöpfung im Voraus Erwählte Gottes“ (Helmut Feld Das Ende des Seelenglaubens, 2013, 298; 304). Gisbert Greshake entfaltet vom Dogma der Unbefleckten Empfängnis Marias her ‚versuchsweise’ die These von einer Vor-Erlösung der ganzen Schöpfung in einem ‚Apriori der Gnade’ vor aller Geschichte und Welt, die in der ‚erstgeschaffenen Weisheit Gottes’ ihre biblische Konkretion findet, mit der Maria „partial identisch“ ist: „Wenigstens in Maria ist die Schöpfung tatsächlich vor-erlöst = vor aller Zeit erlöst, damit der ursprüngliche Plan Gottes (das ‚Apriori’ alles Geschaffenen), nämlich die Vollendung der ganzen Schöpfung im Leben des dreieinigen Gottes, eingelöst werden kann. (…) Nicht nur hat Gott sich endgültig mit dem Menschen ‚vermählt’, auch das geschöpfliche Ja zu Gott wurde immer schon (vor-)gesprochen und macht seither unverbrüchlich das tiefste Wesen von Schöpfung und Geschichte aus. Damit ist endgültige Hoffnung aufgerichtet.“ „Entscheidend ist die im Blick auf Christus, dem ‚Gott in Maria’, gegebene Entschiedenheit Gottes zur Gemeinschaft mit den Menschen“ (Maria-Ecclesia, 2015, 530; 533f). Nach der von dem Jesuiten Wilhelm Klein (1889–1996) geprägten Formel „Gott in Maria“ ist der geschaffene „Anfang“ der Schöpfung, die als ein personales Freiheits- und Liebesgeschehen verstanden wird, Symbol für die Schöpfungsweisheit. Dieses reine Geschöpf des Anfangs bleibt dem Schöpfer und seiner Liebe immerdar zugekehrt (wobei es immer auch die Möglichkeit zur Abkehr gäbe). Weil die Schöpfung nach Klein „zum Ehebund mit ihrem liebenden Schöpfer geschaffen“ ist, ist sie auch dazu bestimmt, „Logosbraut“ des Logos zu sein und mit ihm ‚einen Leib’ zu bilden: „Das Ja-Wort und Fiat [Mir geschehe] des reinen Geschöpfes [Lk 1,34], in dem Maria sich empfängt und immer annimmt aus dem liebenden Vater im Wort des Fiat [des  fiat lux oder Es werde Licht von Gen 1] durch den Geist, verbindet zugleich das erste und allein eigentliche Brautpaar, den ewigen Logos mit dem nicht ewigen, geschaffenen, unbefleckten Geschöpf, in dem er sich sein eigenes geschaffenes Wesen schafft, so dass sie, die jungfräuliche Tochter des Vaters und seine Mutter, und sich ihm ganz sich angelobend, seine Braut wird“ (496). Maria repräsentiert mit der Kirche auch die ganze Schöpfung.

 

Warum wird im Advent das innere oder dritte Auge geöffnet?

Bild: Am 1. Advent im Lesejahr A (Matthäus) wird die Wiederkunft des Menschensohnes „mit großer Macht und Herrlichkeit“ vorgetragen, dessen „Zeichen … am Himmel erscheinen“ wird (Mt 24,30). „Zeichen“ im Hebräischen ist der letzte Buchstabe Taw (= 400), der ursprüngliche eine Kreuzform hatte. So erscheint in den frühen Kirchen das Kreuz als Zeichen des zum Gericht und Heil wiederkommenden Messias. Apsis-mosaik in Sant' Apollinare in Classe, Ravenna (6. Jh.), mit Mose und Elija, den Zeugen der Verklärung Jesu.


Nach Matthias Morgenroth äußert sich das „Weihnachts-Christentum … maßgeblich in Form von Symbolen“ (Weihnachts-Christentum, ²2003, 22). Er verweist auf die „atmosphärische Dichte“ des Advents und die „heilige Weihnachtsatmosphäre“, wodurch „das ‚dritte Auge‘ geöffnet (wird), um die Welt mit anderen Augen, mit Kinderaugen zu betrachten: still und andächtig“; erst mit dem „symbolischen Blick“ würden „die Phänomene in ihrer originären Bedeutsamkeit ohne wissenschaftliche Brille erfasst“ (142). Das gilt ebenso für die Osterzeit, zumal sich die Entstehung des Weihnachtsfestes „als Ausgliederung eines Zentralstücks urchristlicher Frömmigkeit und Theologie aus dem Osterfest und der altkirchlichen Tauftheologie“ verdankt (64). Michael Schneider zufolge rufen religiöse Bilder und Ikonen „im Menschen die Kraft des Schauens wach und führen ihn von der Äußerlichkeit des Sehens zum Schauen nach innen, auf dass er voller Sehnsucht mit allen Sinnen in das Geheimnis der Schöpfung eintritt“; so erwecken sie „den Menschen sinnenhaft zum ‚Lobgesang der Erde‘…, wie er in der kirchlichen Feier der Liturgie seinen authentischen und letztgültigen Ausdruck findet“ (Zur Frage nach dem Spezifikum der christlichen Kunst, 2004, 130f). Im hebräischen Alphabet bedeutet der 16. Buchstabe Ajin (= 70) auch ‚Auge‘; ausgeschrieben hat Ajin, 70-10-50, den Wert 130, Friedrich Weinreb schreibt: „Das Auge sieht äußerlich nur diese Welt der Vielheit und weist sie auch auf. Es spiegelt die Welt der Vielheit, weil nach dem alten Wissen in der Iris das ganze äußere Leben in allen möglichen Verästelungen und Farben konzentriert ist. (…) Du blickst mit deinem Auge, die Dinge kommen zu deinem Auge, und eigentlich sind die Dinge, die du siehst, und das Auge, das blickt, dasselbe“ (Der Weg durch den Tempel, 2000, 192). Das eigentliche (erleuchtete) Sehen bezieht das Unsichtbare mit ein, verbindet also das Verborgene (im Symbol der 60) mit dem Äußeren (im Symbol der 70): „Hier sind die 6 und die 7 miteinander verbunden, so wie in der Form des Zeichens Ajin [ע] auch die Sechs [ו] und die 7 [ז] verbunden sind, nämlich die Waw mit der Sajin. (…) Das Auge hat also das, was auch die 130 hat, die Einheit, die gerade durch die Verbindung der Sechs mit der Sieben besteht“ (193). ‚Eins‘ oder ‚einer‘, echad, 1-8-4, hat den Zahlenwert 13. Um die Wirklichkeit in ihrer Ganzheit wahrzunehmen, sollen die Gläubigen beimHöre Israel bei dem Vers „der Herr ist einer“ (JHWH echad; Dtn 6,4), die Augen schließen: „Dann werden die Augen geschlossen, denn ‚Einer‘ bedeutet das Nicht-mit-diesen-Augen-Sehen“ (197).

 

Warum ist die Weisheit des Kreuzes die Reinheit des Herzens?

Bild: Der „Baum des Lebens“ ist christlich das Kreuz, das „grüne Holz“ (Lk 23,31), dessen Frucht das ewige Leben ist dank der Vergebung der Sünden im Geist Gottes (Offb 2,7; vgl. Joh 20,22f). Auch der ‚immergrüne‘ Christbaum an Weihnachten ist ursprünglich der Paradiesbaum, an den (zuerst Anfang des 16. Jhs im Elsass) weiße Oblaten als Symbol der Eucharistie und rote Äpfel als Symbol der verbotenen Frucht gehängt wurden. In der Ikonographie wird am Fuß des Kreuzes der Schädel des erlösten Adam (als Haupt der Menschheit) dargestellt. Auf ihn fällt auf Golgotha, der „Schädelhöhe“ oder „Ort des Schädels“ (Mt 27,33; Mk 15,22), ein Tropfen des Erlöserblutes. Dort entspringen auch die vier Paradiesflüsse (vier Evangelien), wodurch die Welt wieder zum Paradies wird. Kreuzigungsgruppe, romanischen Stiftskirche in Innichen (12. Jh.), Oberes Pustertal, Südtirol: Der König auf dem Kreuzesthron (das Hochfest Christ-könig ist am letzten Sonntag vor dem 1. Advent). 


Der Tübinger Philosoph Otfried Höffe geht in seinem Buch „Die hohe Kunst der Weisheit“ (2025) auch kurz auf die Weisheit im Alten und Neuen Testament ein, ohne die Offenbarung der göttlichen Weisheit im Gekreuzigten zu erwähnen – als Gegensatz zur (vermeintlichen) Weisheit der (gefallenen) „Welt“ als „Torheit“ vor Gott (1 Kor 1,18-30; 2,6-12). Anteil an dieser Weisheit Gottes erhalten die Getauften im Glauben als innere Beschneidung des „Herzens“: In Christus „habt ihr eine Beschneidung empfangen, die man nicht mit Händen vornimmt… Wer sie empfängt, sagt sich los von seinem vergänglichen Körper“ (Kol 2,11f). Näherhin geht es darum, durch Gottes Geist ein „reines“ Herz zu erlangen in Analogie zum reinen Herzen Jesu, so dass es Gott wieder in seiner „Herrlichkeit“ schauen kann (Mt 5,8), anfanghaft schon in diesem Leben (was  ein zentrales Anliegen der frühen Mönche war). Das Bild dafür ist das Kreuz, an dessen Fuß die vier Paradiesströme (aus dem einen Quell der Weisheit) entspringen: Sinnbild der vier Evangelien (und damit des Geistes), die in die Welt strömen und sie wieder zum geistig fruchtbaren Paradiesgarten machen mit dem Baum des Lebens (= Kreuz) und seiner Frucht (= Eucharistie) in der einenden Mitte. Die neunfache (= 3²) „Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede…“ im Gegensatz zu den 16 (= 4²) „Werken des Fleisches“: „Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben…“ (Gal 5,19-23). „Alle, die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt“ (V.24). Damit sind alle, die zu Jesus gehören, wieder im Paradies der Gottesnähe und leben nicht mehr als „verdorbenes Fleisch“ mit einem „bösen Herzen“ (Gen 6,6.12f). Das ist Auslöser der Sintflut als universale Geist-Reinigung und Sinnbild der Taufe durch das Feuer des Geistes (1 Petr 3,20f; 2 Petr 2,4f; vgl. Ez 36,25-28.35). Gott erschafft als erstes das eine (ewige) „Licht“ (der Weisheit) für das richtige Leben in der Welt. Dieses Licht leuchtet mit der Fleischwerdung des ewigen Schöpferwortes „in der Finsternis“ (Joh 1,5) und erleuchtet jeden, der sich ihm öffnet (V.9). „In ihm (Jesus) allein wohnt wirklich die ganze Fülle Gottes“ (Kol 2,9). „In ihm sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen“ (Kol 2,3). „Er hat das neue Herz. Und die andern haben es, insoweit und insofern als sie an ihm Anteil haben, als sie, paulinisch gesprochen, ‚in Christus’ leben“ (Vom biblischen Charakter der Herz-Jesu-Litanei, in: Josef Stierli, Cor Salvatoris, 1954, 221-247, 233).

 

Warum ist Elijas Feuereifer geistlich verstanden nicht gewalttätig?

Bild: Felix Mendelssohn Bartholdy vollendete sein Oratorium „Elija“ im Jahr seines Todes 1847: „Ich hatte mir eigentlich beim Elijas einen rechten durch und durch Propheten gedacht, wie wir ihn etwa heut zu Tage wieder brauchen könnten, stark, eifrig, auch wohl bös und zornig und finster, im Gegensatz zum Hofgesindel und Volksgesindel, und fast zur ganzen Welt im Gegensatz, und doch getragen wie von Engelsflügeln.“ Nicht auf Engelsflügel, sondern im Feuerwagen fährt Elija zum Himmel auf (2 Kön 2,11), Jesu Himmelfahrt präfigurierend, aber auch Johannes den Täufer (vgl. Mt 11,14), dessen Wasser-Taufe die  Taufe mit dem Feuer des Heiligen Geistes vorbereitet (Lk 3,16). Russ.-orthodoxe Kathedrale, San Franzisko.


Der Prophet Elija erscheint in der Bibel aus Auswuchs eines religiösen Fanatikers, dessen Glaubenseifer über Leichen geht. Wenn Elija aber Feuer vom Himmel auf das Brandopfer herabruft, dann ist das Feuer keine Naturgewalt, sondern der Erweis des wahren Gottes: „Der Gott, der mit Feuer antwortet, ist Gott“ (1 Kön 18,24). Elija ist der Feuerprophet schlechthin, der „aufstand wie Feuer und dessen Wort wie ein flammender Ofen“ war (Sir 48,1). Er lässt aber nicht nur Feuer vom Himmel fallen, sondern auch große Mengen Regen für das dürre Land (1 Kön 18,41-45). Schließlich erfährt er am Berg ‚Horeb‘, Chorebh, ‚Schwert‘ (= Wort Gottes), dass Gott nicht in den Naturgewalten von Sturm, Erdbeben und Feuer anwesend ist, sondern in einem „sanften, leisen Säuseln“ (1 Kön 19,10-12); Martin Buber übersetzt: in „einer Stimme verschwebenden Schweigens“. ‚Schweigen‘, demanah, enthält die Worte ‚Wasser‘ (mah) und ‚Blut‘ (dam), die beide am ‚Geist‘ teilhaben (vgl. 1 Joh 5,8); dameh bedeutet ‚ähnlich sein‘ im Sinn der Gottähnlichkeit des Menschen als A-dam. Darauf weist auch der Name Elija oder Elijahu hin: Er besteht aus dem Wort ‚El‘ für ‚Gott‘ und den ersten drei Buchstaben des Tetragramms JHWH und bedeutet: „Mein Gott ist JHWH“ – und damit nicht ‚Baal‘ oder ‚Aschera‘. Denn deren heidnische Kulte werden von Elija mit leidenschaftlichem Feuereifer bekämpft: Er lässt nicht weniger als 450 Baalspriester mit dem Schwert ‚erwürgen‘ (die Zahl Adams, 1-4-40, ist 45), nachdem er ihre Götter als nichtig und den Gott Israels als den wahren ‚Herrn des Feuers‘ erwiesen hat, der das von Elija bereitete Brandopfer verzehrt und so annimmt (1 Kön 18,36-40; vgl. auch die zweimal 51 durch Feuer vom Himmel getöteten Soldaten in 2 Kön 1,10-14). Das Feuerschwert des Wortes Gottes ‚erwürgt‘ in Wahrheit alle, die sich fälschlich anmaßen, die göttlichen Mysterien zu kennen, ohne selbst je die notwendigen Verwandlungen durchlaufen zu haben, so wie auch der gefallene Adam gerade durch das Feuerschwert vom Baum des Lebens, das heißt der geistig verstandenen Thora, entfernt wird (Gen 2,24). Bei der Theophanie auf dem Chorebh lässt sich Elija von Gott aus der ‚(Geburts-)Höhle‘ herausrufen (1 Kön 19,11) und erfährt so seine Neugeburt und Vollendung, ja ‚Vergöttlichung‘, Theosis: Er ist selbst, wie Annick de Souzenelle sagt, ganz zum ‚Schwert‘ geworden, das im kabbalistischen Hauptwerk Sohar (III, 274b) ein Bild für das Tetragramm ist: „Der Buchstabe Jod ist der Knauf, der Buchstabe Waw die Klinge und die zwei Buchstaben He sind die Schneiden“ (Annick de Souzenelle).

  

Warum preist Jesus seine Jünger achtfach selig?

Bild: Das Fest Allerheiligen erinnert auch daran, dass alle Christen zur Heiligkeit berufen sind, wie das II. Vatikanum in Lumen gentium sagt: „Alle Christgläubigen sind also zum Streben nach Heiligkeit und ihrem Stand entsprechender Vollkommenheit eingeladen und verpflichtet" (LG 42). Durch die sieben Sakramente haben alle Gläubigen schon teil an der kommenden Welt des „achten Tages“ oder des Gelobtes Landes. Zu ihm hin ist das Volk Gottes unterwegs, das „mit Eile“ den Jordan durchschreiten soll. Das versteht Origenes auch von den Christen, was er mit den acht Seligpreisungen der Bergpredigt (Mt 5,3-10) verdeutlicht; auch sie dürfen „nicht müßig und schläfrig“ die Dinge betreiben, sondern in Eile, bis alles durchschritten, das heißt alles erfüllt ist: „‘Selig sind die Armen im Geiste‘, damit wir, alle Anmaßung ablegend und die Demut Christi annehmend, dadurch zur verheißenen Seligkeit zu gelangen verdienen. Aber auch wenn wir das schon erfüllten, so dürfen wir doch nicht stehen bleiben und aufhören, sondern auch alles Folgende ist zu durchschreiten“ (Geist und Feuer, 1938, 94-106, 96). Kirche der Seligpreisungen am Nordrand des Sees Genezareth in Israel mit achteckigem Grundriss.


Durch die Taufe wird der Mensch von der Ursünde gereinigt, in seinem verdunkelten Verstand erleuchtet und in der Schöpferkraft des Geistes Gottes eine „neue Schöpfung“ (2 Kor 5,17). Gregor von Nyssa sagt: „Man kann sich nur zu Gott erheben, indem man seine Augen ständig auf das Gute dort oben richtet“ (zit. nach Mariette Canévet, Gregor von Nyssa (ca. 333–ca. 394), in: G. Ruhbach/ J. Sudbrack [Hg.], Große Mystiker, 1984, 17-35, 31). Davon handeln auch die acht Seligpreisungen Jesu in der Bergpredigt (Mt 5,3-10): „Die Armen im Geist sind arm an Bösem und reich an Tugend. Die Sanftmütigen sind keinesfalls ‚weich‘, sondern tapfer im Kampf gegen die Sünden, leiden an dem Bösen, das auf dieser Welt das Gute durchzieht, und erhalten die Tröstung des Heiligen Geistes. Die Hungrigen und Durstigen nach Gerechtigkeit entsagen den unersättlichen Gelüsten, um Hunger nach dem zu haben, was gerecht ist vor Gott, das heißt nach dem Himmelsbrot, das allein sättigt. Am gefeiertsten aus den Seligpreisungs-Homilien Gregors ist die sechste über die, die reinen Herzens sind“ (23). Der chinesische Mystiker und Lehrer der christlichen Mystik, John Wu (1899–1986) schätzte die chinesische natürliche Mystik: „Tatsächlich hat der Westen vom Osten etwas zu lernen; denn im Ganzen ist der Osten mit seiner natürlichen Kontemplation weiter gekommen als der Westen mit seiner übernatürlichen Kontemplation“ (Jenseits von Ost und West, 1952, vgl. Tagungsbericht von Zbnigniew Wesolowski: in: China heute 4/2023, 208-212). Für John Wu kann „nichts Menschliches größer sein“ als diese drei Religionen, das heißt Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus, „aber das Christentum ist göttlich“ (zit. ebd.). In seinem Buch Knospe Blüte Frucht: Der dreifache Weg der Liebe zu Gott (1958) sieht John Wu mit Hilfe der acht Seligpreisungen Jesu (Mt 5,3-10) „den gesamten mystischen Weg des Christen. Die ersten drei Seligpreisungen – d. h. Armut im Geiste, Sanftmut und Trauer/Leid tragen als schmerzliche Reinigung der Seele – sind für John Wu der reinigende Weg, in seiner Formulierung ‚das Aufkeimen der Liebe‘ (Knospe). Die weiteren zwei Seligpreisungen – Gerechtigkeit und Barmherzigkeit als Nächstenliebe – sind der erleuchtende Weg, in Wus Formulierung das Erblühen der Liebe‘ (Blüte). Die nächsten drei Seligpreisungen – Reinheit des Herzens, das Gott sieht, Friedensstifter, die Kinder Gottes sind, und alle, die für die Gerechtigkeit Verfolgung erleiden als Weg zum Erbe des Himmelreichs – sind der vereinigende Weg, in John Wus Terminologie ‚die Reifung der Liebe‘ (Frucht)“ (ebd.).