Impulse zu den Bildwelten der Bibel

Warum ist das Herz Jesu das zentrale christliche Symbol?

Bild: Die Herz-Jesu-Frömmigkeit ist heute scheinbar aus der Zeit gefallen; aber bekannte Jesuiten wie Alfred Delp, Pedro Arrupe und Papst Franziskus waren glühende Herz-Jesu-Verehrer, weil sie darin die Quintessenz ihrer ignatianischen Spiritualität erkannten. Franziskus widmete ihr seine vierte und letzte Enzyklika Dilexit nos (Er hat uns geliebt). Über die menschliche und göttliche Liebe des Herzens Jesu Christi (24. Oktober 2024). Schon Heinrich Seuse lässt Jesus sagen: „Schaut, alle Herzen, ob je ein Herz so voll Liebe war?“ (Das Büchlein der Ewigen Weisheit, 1328). In Südtirol ist die Herz-Jesu-Verehrung noch lebendig, am 3. Sonntag nach Pfingsten (14. Juni 2026) fanden die traditionellen Bergfeuer mit brennenden Herz-Jesu-Herzen statt. In Unterammergau im Allgäu zeigte sich in diesem Jahr am Himmel ein Sonnenherz mit Kreuz. 


Die Mystikerin und Kirchenlehrerin Caterina von Siena, die am 1. April 1375 mit 28 Jahren in der Kirche Santa Cristina in Pisa die fünf Wundmale Christi empfing, beginnt nach weiteren mystischen Erfahrungen 1377 mit ihrem Buch, das sie im Oktober 1378 abschließt; sie stirbt am 29. April 1380 in Rom mit 33 Jahren, nachdem sie sich angesichts des Großen Abendländischen Schismas für die Reform und Einheit der Kirche gleichsam verzehrt hat. Ihr Buch wird später Buch über die göttliche Lehre oder Dialog über die göttliche Vorsehung genannt. Es ist einerseits ein „Buch über die Barmherzigkeit Gottes“, andererseits „ein Buch über die ewige Wahrheit Gottes, über Seine Wahrheit, über den Sohn, der sich am Tisch des Kreuzes durchbohren ließ, um uns das Geheimnis seines Herzens zu zeigen“ (vgl. Caterina von Siena, Der Dialog. Gespräch mit Gott über seine Vorsehung, Kleinhain 2017, Einleitung). Christen sollen ihr Herz am reinen Herzen Jesu bilden, denn „in ihm sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen“ (Kol 2,3). Der Vers findet sich in der kirchlichen Herz-Jesu-Litanei (vgl. GL 564), deren biblischen Grundlagen der Jesuit Richard Gutzwiller herausstellt: „Die wahre Sophia [Weisheit], die in Christus zu finden ist, stammt von oben, von Gott. Der Logos ist die eigentliche Sophia. Sie ist in Christus Mensch geworden. So birgt er in sich die Fülle der Weisheit.“ Die Litanei deute damit an, „dass wahre Philosophie und Weisheit auf die Liebe stößt und in ihr das Geheimnis, den Schlüssel aller Dinge findet. Und schließlich wird neben diesem mehr objektiven Element auch das subjektive angedeutet, dass nämlich das Herz, genauer die Liebe, zu Erkenntnissen führt, die dem bloßen Verstand verschlossen sind“ (Vom biblischen Charakter der Herz-Jesu-Litanei, in: Josef Stierli, Cor Salvatoris, 1954, 221-247, 233f ). Joseph Ratzinger schreibt: „Weil der Leib Sichtbarkeit der Person, die Person aber Bild Gottes ist, daher ist der Leib in seinem ganzen Beziehungsbereich zugleich der Raum, in dem sich das Göttliche abbildet, aussagbar und anschaubar wird. (…) In der Inkarnation vollendet sich, was in der biblischen Geschichte von Anfang an schon unterwegs ist. (…) Leib ist sich selbst überschreitende Bewegung in den Geist und Geist in Gott hinein. Das Schauen des Unsichtbaren im Sichtbaren ist ein österlicher Vorgang.“ Das Ostergeheimnis – tiefster Gehalt und Grund der Herz-Jesu-Verehrung, in: ders., Schauen auf den Durchbohrten, Einsiedeln 1984, 41-59, 44-46).

 

 

Warum bleibt Jesu Weisheit den Weisen und Klugen verborgen?

Bild: Jesus ist als der inkarnierte Logos, das lebendige Wort Gottes, auch die fleischgewordene Weisheit in Person. Deshalb kann er schon als 12-Jähriger im Tempel von Jerusalem die Weisheitslehrer und Schriftgelehrten seiner Zeit belehren. Zugleich weiß er sich im Tempel bei seinem himmlischen Vater zuhause: „Wißt ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? (Lk 2,41-52, hier V.49). Seine Weisheit ist nicht irdischer, sondern ganz und gar himmlischer Natur. Deshalb kann Jesus auch „gütig und von Herzen demütig“ sein, statt aufgebläht wie die „Pharisäer“; sein „Joch“ der Gottesherrschaft ist nicht schwer, sondern für alle „leicht“ zu tragen (Mt 11,29f). Letztlich besteht seine Weisheit im Geheimnis seines Kreuzes: Es offenbart nicht die Weisheit dieser Welt oder die der Machthaber dieser Welt, sonder „das Geheimis der verborgenen Weisheit Gottes, die Gott vor aller Zeit vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung“ (1 Kor 2,6f). Neugotische Basilika Notre-Dame de Montréal: Jesus im Tempel. 


Der Weg der Erziehung und Bildung ist seit jeher auch der Weg der Kirche. Papst Leo XIV. hat in seinem ersten Lehrschreiben in Form einer Apostolischen Exhortation (Ermahnung) unter dem Titel Dilexi te – Über die Liebe zu den Armen (4. Oktober 2025) an die Bedeutung der Klöster als Träger von Bildung und Kultur erinnert: „Über die materielle Unterstützung hinaus spielten Klöster eine grundlegende Rolle für die kulturelle und geistliche Bildung der Ärmsten“ (n. 57). Zitiert wird dazu ein Wort des Johannes Cassian (gest. um 435), Mönch, Abt, Klostergründer und Schriftsteller mit einer umfassenden klassischen Bildung einschließlich der Kenntnis der griechischen Sprache, den Benedikt von Nusrsia als geistlichen Lehrer sehr schätzte: Der Mönch müsse bestrebt sein, „vor allem eine unveränderliche Demut des Herzens zu erlangen, damit er nicht zu jenem Wissen geführt werde, das aufbläht, sondern zu jenem, das erleuchtet durch die Vollendung der Liebe“ (ebd.). Danach gibt es zwei gegensätzlich Formen von Wissen, Weisheit und Bildung, die der Brief des Jakobus so beschreibt: „Die Weisheit von oben ist erstens heilig, sodann friedlich, freundlich, gehorsam, voll Erbarmen und reich an guten Früchten“, das heißt an Werken der Liebe; demgegenüber gibt es aber auch „eine irdische, eigennützige, teuflische Weisheit“ (Jak 3,15.17). Nur die von oben, vom Heiligen Geist gegebene Gabe der Weisheit als himmlische Maßgabe ist die Grundlage wahrer Bildung und Kultur, aber auch von Exegese und Theologie. Den Übergang von der himmlischen zur irdischen Weisheit erzählt die Bibel, das Buch der göttlichen Weisheit und abendländischen Kultur, gleich am Anfang in der Geschichte von Paradies und ‚Sündenfall‘, wo die überaus ‚schlaue‘, ‚listige‘ und teuflische Schlange dazu verführt, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, um scheinbar göttliches Wissen und Weisheit zu erlangen (Gen 3,1-7). Wer vom Erkenntnisbaum gegessen hat – und das sind alle (!) –, dem fehlt die Demut und Offenheit der ‚unmündigen‘ Kinder (Mt 11,25). Immanuel Kant definiert Aufklärung‘ in einem Text von 1784 als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, das heißt aus dem Unvermögen, sich des eigenen Verstandes ohne fremde Anleitung zu bedienen. Kinder brauchen die fremde Anleitung der Eltern, Gläubige brauchen die innere Salbung des Geistes Gottes, dann gilt: „Ihr braucht euch von niemand belehren zu lassen“ (1 Joh 2,27). Davon weiß Kant nichts. 

 

 

Warum gehören die Apostelfürsten Petrus und Paulus zusammen?

Bild: Das Hochfest Peter und Paul am 29. Juni vereint Petrus und Paulus; letzterer weiß sich berufen zum Aposteldienst unter den Heiden, die nicht beschnitten sind, und wird so zum ‚Völkerapostel‘, während „Petrus die Kraft zum Aposteldienst unter den Beschnittenen gegeben“ wurde (Gal 2,8), das heißt unter den Juden. Beim ersten „Apostelkonzil“ zur Streifrage der Heilsnotwendigkeit der Beschneidung auch der Gläubigen aus den Völkern (Apg 15,1-15) hat Petrus die offene Haltung des Paulus gegenüber Heidenchristen unter Berufung auf die Geistausgießung auch auf die Heiden unterstützt (Apg 15,9). Petrus wird im Boot zum „Menschenfischer“ berufen – Kathedr. Mariä Himmelfahrt, San Franzisko.


Petrus erhält von Jesus die „Schlüssel des Himmelsreiches“ und wird zum Felsenfundamt seines Baus der Kirche erwählt, weil er Jesus als erster als den Messias erkannt und bekannt hat – aber „nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel“ (Mt 16,16-19). In der Ankündigung des Gerichts über Jerusalem in Jes 22 nimmt Gott dem Palastvorsteher Schebna das Amt ab und übergibt es seinem Knecht Eljakom: „Ich lege ihm den Schlüssel des Hauses David auf die Schulter. Wenn er öffnet, kann niemand schließen; wenn er schließt, kann niemand öffnen“ (Jes 22,22). Dieser Vers gehört zur alttestamentlichen Lesung als Entsprechung zum ‚Felsenwort‘. Mit den „Schlüsseln der Königsherrschaft der Himmel“ (Mt 16,19) zum Binden und Lösen wird Petrus das Amt und die Lehrautorität übertragen, verbindlich die Thora auszulegen im Sinn des neuen Verständnisses, das mit dem Messias gekommen ist: „Simon Petrus empfängt mit den Schlüsseln die Vollmacht, den Eintritt in das Gottesreich zu gestatten und davon auszuschließen. Und zwar empfängt er die Gewalt, so zu binden und zu lösen, dass das, was er tut, auch im Himmel, d. h. bei Gott, Geltung hat. Nach rabbinischem Sprachgebrauch bedeutet Binden und Lösen zunächst, über jemanden den Bann verhängen bzw. ihn vom Bann lösen, wurde aber auch auf die Lehrautorität angewendet, die die Rabbinen für sich in Anspruch nahmen und in der sie den Schlüssel zum Gottesreich in den Händen zu haben meinten (Mt 23,13…). Etwas für gebunden bzw. gelöst erklären heißt, es als verboten bzw. erlaubt erklären. Was hier Simon Petrus verheißen ist, wird Mt 18,18 den Zwölfen insgesamt übertragen; es handelt sich dort um die auch vor Gott geltende Ausschließung eines einzelnen aus der kirchlichen Gemeinschaft oder um seine Aufnahme in sie. Daraus aber folgt auch für das an Petrus gesprochene Wort, dass das Binden und Lösen nicht bloß in der Lehre besteht, sondern auch die Vollmacht umfasst, bindende Verordnungen zu geben“ (Josef Schmid, Art. Petrus, in: Handbuch für theologische Grundbegriffe, Bd. 3, 1970, 321-327, 327). Dieselbe Vollmacht nimmt auch Paulus für sich in Anspruch: „Er (Gott) hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes“ (2 Kor 3,6). Das heißt, das Alte Testament kann und muss jetzt im Heiligen Geist gelesen und ausgelegt werden, den der auferstandene Messias in die vor Liebe brennenden Herzen der Gläubigen ausgießt (Röm 5,5). Die „Hülle“, die auf der Thora (des Moses) liegt, wird aber entfernt, „sobald sich einer dem Herrn zuwendet“ (2 Kor 3,14-16). 

 

 

Warum schenkt der Heilige Geist Visionen und Träume?

Bild: Für Anselm Grün sind Träume eine Hilfe zu einer ganzheitlichen Spiritualität, die sich „nicht leisten (kann), den Leib auszuklammern und die Träume zu vernachlässigen. Erst wenn der ganze Mensch in den Blick kommt, kann er auch als ganzer heil werden“ (Träume auf dem geistlichen Weg, 1989, 50). Die Beschäftigung mit den Träumen ist „eine Weiterführung des spirituellen Weges bis in das Unterbewusste hinein“ (51). Für Morton T. Kelsey sind Träume ein Mittel, dessen sich Gott bedient, „um uns auf natürliche Weise zu erreichen. Viele der großen Religionen der Menschheit lehren, dass der Mensch Gott erleben kann. (…) Sind wir einmal in dieser Weise von Gott angerührt, dann wissen wir uns eingebunden in eine Realität, die über uns hinausreicht. (…) Einen numinosen Traum haben wir höchsten ein- oder zweimal in unserem Leben“ (Träume. Ihre Bedeutung für den Christen, ²1982, 7; 46). Kondensstreifen am Himmel bilden ein X (= Chi).


Lukas greift die Verheißung des Propheten Joël auf, dass die Geistausgießung an Pfingsten auch Visionen und Träume schenkt und so die Gläubigen zu „Propheten“ macht (Apg 2,17; Joël 3,1). Petrus muss durch eine dreimalige Vision lernen, bestimmte Tiere zu essen, die er für unrein und unheilig hält: „Was Gott für rein erklärt hat, nenne du nicht unrein!“ (Apg 10,10-16). Danach kommen zu Petrus Boten des römischen Hauptmanns Kornelius, der von einem Engel die Weisung erhalten hat, ihn in sein Haus zu rufen, Petrus macht sich auf den Weg zu dem Nichtjuden und betritt sein Haus betritt, „was einem Juden nicht erlaubt ist…; mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig und unrein nennen darf“ (Apg 10,28). Petrus erkennt, „dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist“ (Apg 10,35f). Während Petrus noch redet, „kam der Heilige Geist auf alle herab, die das Wort hörten“, auch auf die Heiden, was die Juden „nicht fassen“ konnten. „Petrus aber sagte: Kann jemand denen das Wasser zur Taufe verweigern, die ebenso wie wir den Heiligen Geist empfangen haben“ (V. 47). Er ordnet die erste Taufe der Heiden an, womit der Weg der Kirche zur Völkermission geöffnet und geebnet ist. Schließlich entscheidet auch der Traum des Paulus von einem Makkedonier, der ruft: „Komm herüber nach Makkedonien und hilft uns“ (Apg 16,9), „über den Gang der Mission. Der Traum durchbricht menschliche Widerstände und gibt dem göttlichen Wirken Raum in Menschen, die von sich aus sehr eng sind. Er weitet ihren Horizont und treibt sie zu ungewohntem Tun an. (…) Paulus folgt der Einladung, weil er überzeugt ist, dass Gott ihn berufen hat, dort das Evangelium zu verkünden. So nahm auf einen Traum hin die Mission in Europa ihren Anfang“ (Grün, Träume, 21). Große Theologen und Heilige erfuhren im Traum ihre Berufung und Inspiration, so Gregor von Nazianz, Evagrius Ponticus, Hieronymus, Franziskus und viele andere. Konstantin der Große sah im Jahr 312 vor der entscheidenden Schlacht an der Milvischen Brücke gegen seinen Rivalen Maxentius im Traum (Laktanz) oder in einer Vision (Eusebius von Cäsarea) die griechischen Buchstaben Chi und Rho, die Anfangsbuchstaben von Christos, am Himmel, die ein Kreuz bildeten, und er las die Inschrift „In diesem Zeichen wirst du siegen“. In der darauffolgenden Nacht erschien ihm Christus im Traum und trug ihm die Anfertigung eines Feldzeichens (Labarum) mit diesem Monogramm (oder Staurogramm) auf. Sein Sieg beendete eine fast 300-jährige Christen-verfolgung mit der Mailänder Vereinbarung im Jahr 313 und schenkte der Kirche neue Wirkungsmöglichkeiten. 

 

 

Warum wird die Feier der heiligen Eucharistie als solche gefeiert?

Bild: Fronleichnam heißt: der lebendige Leib des Herrn (ma. Vogt), also gerade kein „Leichnam“. 1209 schaut die junge Augustinernonne Juliana von Lüttich den Vollmond, Bild der Kirche, mit dem einem dunklen Fleck, der, wie ihr bedeutet wird, das Fehlen eines eigenen Festes zur Ehre der Eucharistie anzeigt. Das Sakrament der Liebe setzt Jesus vor seinem Leiden am Abend des Gründonnerstag  ein, der schon zum Karfreitag gehört. Das Leiden steht daher im Vordergrund, nicht aber die Größe dieser Heilsgabe. Das wird am Donnerstag in der zweiten Woche nach Pfingsten nachgeholt, seit 1264 auch mit Prozessionen und Flurumgängen. Allerheiligstes in einer Kirche in Mauritius; der kreolische Satz an der Wand „Letan favorab rekonsilie ek nou Bondie [= Bon Dieu] e avek nou bedeutet: „Dies ist die günstige Zeit, um uns mit unserem Gott und untereinander zu versöhnen.“


Im Alten Bund sind allein die Leviten vom Stamm Levi mit der priesterlichen Aufgabe betraut. Beim Zug Israels durch die Wüste lagerten sich die zwölf Stämme um die Stiftshütte in der Mitte in vier Lagern (Num 2 und 3); Friedrich Weinreb schreibt: „Innerhalb dieser vier Lager lagerten die Leviten wie in einem inneren Ring, auch unterteilt in vier Abteilungen. Es lässt sich also deutlich die 1–4-Sturktur [des Bundes] erkennen. Aus dem Kern, aus der ‚Eins‘, kommt alle Weisheit und Einsicht, kommt alles Wissen, und dorthin orientiert man sich mit aller Hingabe. Der Stamm Levi vermittelt den Kontakt mit dieser ‚Eins‘, hat die Führung bei der Annäherung dorthin und erklärt ihren Sinn. Die ‚Vier‘ umhüllt, umringt die ‚Eins‘. Von der ‚Eins‘ kommt das Zeichen zum Aufbruch, und dann wird zu einem anderen Ort weitergezogen. Und wenn von der ‚Eins‘ das Zeichen kommt, sich niederzulassen, lässt man sich nieder. Man sieht den Kern und ist nicht mehr in der Meinung befangen, Kommen und Gehen seien die Folge eigener menschlicher Entschlüsse. Man sieht, dass eine ganz andere Kausalität herrscht“ (Schöpfung im Wort, ³2012, 830). Bei der Prozession am Fronleichnamsfest zur Verehrung der Eucharistie ziehen die Gläubigen mit dem allerheiligsten Altarsakrament in der goldenen Monstranz (als ‚Eins‘) unter dem von vier Männern getragenen Baldachin (‚Himmel‘) an die vier Stations-Altäre in alle vier Himmelsrichtungen, wo aus den vier Evangelien die entsprechenden Passagen zur Eucharistie vorgetragen werden (Mt 26,20-35; Mk 14,17-21; Lk 22,14-20; Joh 6,53-56 u. a.). Die Eucharistie ist, wie Benedikt XVI. in seinem Apostolischen Schreiben Sacramentum caritatis (Sakrament der Liebe, 2007) formuliert, das „Kausalprinzip der Kirche“, das aber das kausale Werden in der Zeit auf das Sein hin übersteigt: „Der kausale Einfluss der Eucharistie auf den Ursprung der Kirche verdeutlicht schließlich das nicht nur chronologische, sondern auch ontologische Zuvorkommen seiner (Christi) Liebe, mit der er uns ‚zuerst geliebt‘ hat [1 Joh 4,19]. Er ist in Ewigkeit derjenige, welcher uns zuerst liebt“ (14). Ontologisch heißt: dem Sein nach, nämlich nach dem Sein dessen, der von sich sagen kann „Ich bin“ (Joh 8,58; 17,24 u. ö.), weil er der  Name Gottes ist (Ex 3,14). 

 

Warum kommt mit dem Hl. Geist das innere Verstehen der Thora?

Bild:An Pfingsten feiert die Kirche „Geburtstag“, es ist aber auch „Geburtsstunde des geistigen Schriftverständnisses“; Ludger Schwienhorst-Schönberger: „Das geistige Schriftverständnis wird zusammen mit der Kirche am Tag des Pfingstfestes geboren. In er Gestalt feuriger Zungen kommt der Heilige Geist über die einmütig im Gebet versammelte Gemeinde in Jerusalem, und zwar auf einen jeden der dort Versammelten (Apg 2,3).“ Der Geist tritt als inneres Schriftverständnis an die Stelle der „buchstäblich“ verstandenen Thora. Pfingsten: Herabkunft des Geistes auf Maria und die Zwölf Apostel, Gengenbach, Stadtkirche St. Marien (ehemalige Abteikirche), Deckengemälde.


Die Pfingstpredigt des Petrus, so Schwienhorst-Schönberger, „enthält im Kern alle Elemente des geistigen Schriftverständnisses: Sie ist inspiriert, das heißt, sie wird durch den Heiligen Geist im Menschen (Petrus) angestoßen; sie ist nicht das Ergebnis einer in der Schule gelernten Methode der Schriftauslegung; sie erschließt zentrale Texte der Heiligen Schrift im Hinblick auf die Jesus-Geschichte, ist also der Sache nach eine christologische Auslegung des Alten Testaments. Ihre Hermeneutik ist eine Hermeneutik der Kontinuität, und doch wird etwas Neues ausgesagt. Zwischen der Schrift und der Jesus-Geschichte entsteht eine Dynamik wechselseitiger Erschließung: Die Schrift erschließt die Jesus-Geschichte (Apg 2,22-24) und umgekehrt erschließt die Jesus-Geschichte die Schrift“ (Geistiges Schriftverständnis, in: IKaZ 52 [2023], 4-20, 9f). Die Schrift in Gestalt der Thora wird Mose am jüdischen Pfingstfest Schawuot (= Wochenfest, Erntedankfest; Ex 34,22) von Gott feierlich als „Brautgabe“ der Offenbarung des Wortes Gottes übergeben als Angebot des „hochzeitlichen“ Bundes (Ex 19 – 24), und zwar als schriftliche und mündliche Thora (Überlieferung) am 40. Tag, was beides untrennbar zusammengehört. Gott schließt diesen Bund „aber nicht mit euch allein…, sondern ich schließe ihn [auch] mit denen, die heute nicht hier bei uns sind“ (Dtn 29,13f). Nach der jüdischen Überlieferung, so Levi Israel Ufferfilge, ist mit dem „Erhalt der Tora … der Berg Sinai plötzlich ergrünt. Deshalb schmücken jüdische Gemeinden bis heute den Ort, von dem aus die Tora empfangen wird, nämlich den Toraschrein, mit grünen Pflanzen und Blumen. In manchen Gemeinden sieht man dann viel Palmengrün, immergrüne Bäumchen, prächtige Zitrusbäume oder wie in einigen italienischen Synagogen sogar wunderschöne Rosenarrangements“ (Bilder jüdischen Lebens, in: Bibel heute 1/2023, Jüdische Feste, 14f). Im Christentum tritt an die Stelle der Thora der am „achten Tag“ (Sonntag) auferstandene Jesus als „Thora in Person“ und der Geist Gottes in „Zungen wie von Feuer“; ihn empfangen die mit Maria versammelten zwölf Apostel, der innerste Kern der Kirche (Apg 2,1-4). Im „Blut des Bundes“, das Jesus am Kreuz für viele „zur Vergebung der Sünden“ vergießt (Mt 26,28), wird der „neue und ewige Bund“ geschlossen und in der sonntäglichen Eucharistie gefeiert; das Blut zusammen mit dem Wasser der Taufe und dem Geist Gottes sind eins (1 Joh 5,8). Der neue Bund ist kein weiterer Bund zum bestehenden alten, so wie die Getauften als „neue Schöpfung“ (2 Kor 5,17) keine weitere Schöpfung sind und die mit dem Kommen des Messias erwartete „neue Thora“ keine weitere Thora, sondern das vom Geist geschenkte innere, geistige Verstehen des schon von Gott Gegebenen.

 

Warum erfolgt Jesu Himmelfahrt 40 Tage nach Ostern?

Bild: Jesus hat in seiner Hingabe am Kreuz das Werk der Gerechtigkeit in der Kraft des Heiligen Geistes „vollbracht/ vollendet“ (Joh 19,30); so kann er heimkehren zu seinem Vater im Himmel, um „im Haus meines Vaters“ mit den „vielen Wohnungen einen Platz für euch vorzubereiten. Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin“ (Joh 14,2f). Jesus ist der „Ich-Bin“, das, was der Gottesname JHWH bedeutet: ewiges Sein (hebr. howe) – jenseits der vergänglichen Zeit. Die Zeit im Bild des Wassers wird vermählt mit dem Feuer des Geistes zum „Feuer-Wasser“ oder „Himmel“, hebr. schamajim, was gelesen wird als esch-majim (Feuer-Wasser). Die 40 Tage der Zeit (Wasser) und die 10 Tage bis Pfingsten (Feuer) bilden die 50 Tage von Verlobung und Vermählung jenseits der Sieben der Zeit (50=7x7 +1). Marienkathedrale Sydney.


Von der himmlischen Erhöhung des Auferstandenen vor den Apostel als Augenzeugen „40 Tage“ nach Ostern in Gottes Herrlichkeit (Apg 1,3) heißt es: „Eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken“ (V.9). Schon am Ende des Lukasevangeliums wird gesagt: „Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben; sie aber fielen vor ihm nieder.“ Dieser Gestus der Anbetung ist Ausdruck für Jesu Göttlichkeit (Lk 24,51f). Die Zahl 40 analog zur Zahl 4 und 400 steht in der Bibel für die Zeit überhaupt: Israel ist 400 Jahre im „Sklavenhaus“ Ägypten (Gen 15,13); die Befreiung im Zug durch die „Wüste“ dauert 40 Jahre; Moses ist 40 Tage auf dem Berg Sinai; König David regiert 40 Jahre; bei der Sintflut ist mehrfach vom Zeitmaß 40 Tage die Rede. Der 13. Buchstabe Mem hat den Zahlenwert 40; majim, 40-10-40, ist das „Wasser“ als Symbol der Zeit, die als ‚linke Seite‘ des Gerichts Gottes und des Weiblichen der rechten Seite des Lichts und Feuers, der Gnade und des Männlichen, gegenübersteht. So beginnt die erste Schöpfungserzählung mit dem einen Licht (Gen 1,3), die zweite Erzählung ist charakterisiert durch die Frau, die mit der Schlange, nachasch (mit männlichem Artikel), einen Dialog führt, während der Mann schweigt und dann passiv die ihm gereichte verbotene Frucht nimmt (Gen 3,1-6). In den Zahlen 4, 40 und 400 äußert sich „stets die ‚Zeit dieser Welt‘“ (Friedrich Weinreb, Schöpfung im Wort, ³2012, 135). In 2 Petr 3,5-7 heißt es: Duch das Wort Gottes entstanden Himmel und Erde „aus Wasser“ und hatten „durch das Wasser Bestand. Durch beides ging die damalige Welt zugrunde, als sie vom Wasser überflutet wurde. Der jetzige Himmel und die jetzige Erde sind durch dasselbe Wort für das Feuer aufgespart worden. Sie werden bewahrt bis zum Tag des Gerichts…“ Die Geistsendung an Pfingsten, pentecoste, der „50. Tag“ nach Ostern, in Zungen von Feuer nimmt dieses Feuer-Gericht vorweg insofern, als der Geist „die Welt überführen (und aufdecken wird), was Sünde, Gerechtigkeit und Gericht ist; Sünde: dass sie nicht an mich (Jesus) glauben; Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht; Gericht: dass der Herrscher dieser Welt (der Teufel) gerichtet ist“ (Joh 16,8-11). Gerichtet ist er, der „die Gewalt über den Tod hat“ (Hebr 2,14), weil Jesus in seiner freiwillige Lebenshingabe am Kreuz „für unsere Sünden gemäß der Schrift“ (1 Kor 15,3) und gemäß dem Gotteswillen (Phil 2,8) die geforderte Gerechtigkeit ganz erfüllt hat (Mt 3,15). 

 

Warum ist die Jungfrauengeburt auch leibhaft zu verstehen?

Annette Jantzen behauptet, die Jungfrauengeburt Mariens sollte nicht „biologisch missverstanden“ werden: „Solche Erzählmotive waren in der Antike verbreitet, um die besondere Bedeutung einer Person auszudrücken.“ Biblische Texte seien nicht dazu gedacht, naturwissenschaftliche Erklärungen zu liefern, sondern zu erklären, welche Rolle diese Frau in der Geschichte Gottes mit den Menschen spielt (Theologin: Marienverehrung kann Frauen unter Druck setzen, katholisch.de, 7. Mai 2026). Maria ist in ihrer jungfräulichen Leiblichkeit und ihrer geisterfüllten, gläubigen Empfängnis des unvergänglichen (Samen-)Wortes Gottes, das die neue Geburt bewirkt (1 Petr 1,23), der reine „Tempel des Heiligen Geistes“ (1 Kor 6,19), so auch alle Gläubigen. Ihre Jungfrauengeburt ist mit der leibhaften Auferstehung Jesu von den Toten die größte der „machtvollen Taten“ Gottes (Lk 1,49.51): Sie begründet ein neues, „auserwähltes Geschlecht“ derer, die Gott „mit seinen Gaben“ beschenkt (V. 53), vor allem der des Hl. Geistes (Lk 11,13). Maria zertritt der „alten Schlange“ (Erbsünde) den Kopf: Marienkathedrale Sydney.


Wie Maria als Jungfrau stellt zuvor schon der kinderlosen Priester Zacharias (sachar = erinnern) aus der Priesterordnung des Abi-jah („Gott ist mein Vater“) dem Engel die Frage nach dem Wie der angekündigten wunderbaren Geburt eines Sohnes angesichts des vorgerückten Alters von ihm und seiner Frau (Lk 1,7-14) Aber anders als bei Maria ist sein Fragen Ausdruck des Unglaubens, der mit Stummheit bestraft wird „bis zu dem Tag, an dem all das eintrifft“; so kann sich Zacharias nur durch Zeichen mit der Hand verständigen (Lk 1,18-22). Maria schenkt demgegenüber der Frohbotschaft des Engels „einen von keinem Zweifel verfälschten Glauben“ (Lumen gentium 63): „Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ“ (Lk 1,45). „Ihre Jungfräulichkeit (ist) Zeichen ihres Glaubens“ (KKK 506). Sie gibt damit durch Vermittlung des Engels dem Allerhöchsten im Glauben selbst ihr ‚hochzeitliches‘ Ja-Wort: „Ich bin die Magd des Herrn: mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,37); Friedrich Weinreb bemerkt: „Der Unterschied [zwischen beiden Verheißungen] ist der, dass dem Zacharias ein schon dagewesener Durchbruch verheißen wird, etwas, woran er sich so oder so hätte erinnern können; Maria aber erhält die Mitteilung von etwas vollkommen Neuem, Niedagewesenen. Denn dass eine Jungfrau ein Kind bekommen könnte, ist bis dahin unerhört“ (Innenwelt des Wortes im Neuen Testament, 1988, 45). Diese vollkommen neue Heilsinitiative Gottes zielt aber doch auf die Wiederherstellung und Vollendung des ‚hochzeitlichen‘ Bundes mit dem Bundesvolk Israel, in den jetzt auch die Heidenvölker hineingenommen werden, wie der vom Heiligen Geist inspirierte Prophet Simeon verkündet (Lk 2,30-32). Maria wird angesichts ihrer Erwählung zur Braut und Mutter Gottes nicht stumm, sondern jubelt im Magnificat „über Gott, meinen Retter“, der auf ihre ‚Niedrigkeit‘, humilitas, geschaut und sie so sehr erhöht hat, dass von nun an „alle Geschlechter“ sie seligpreisen: „Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig“ (Lk 1,46-48). Dieses Große, das die Verheißungen an die Väter und bes. an Abraham erfüllt (Lk 1,55), ist die jungfräuliche, geistgewirkte Geburt Jesu, das auch noch die wunderbare Geburt der ‚Unfruchtbaren‘ übertrifft. Die Jungfrauengeburt eröffnet die Taufe als neue Geburt aus Wasser und dem Geist all derer, die an Jesu „Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh 1,13).  

 

Warum kommt der Heilige Geist vom Himmel in Zungen von Feuer?

Bild: Der Heilige Geist verteilt sich an Pfingsten in Feuerzungen auf die mit Maria, der Mutter der Kirche, versammelten Apostel, um sie so auszurüsten für ihre Mission: die Verkündigung des Wortes Gottes, wie es jetzt durch das Mysterium von Kreuz und Auferstehung Jesu im Geist verstanden wird. Die Wahrheit der Worte dessen, der „Worte des ewigen Lebens“ hat, die „Geist“ und „Leben“ sind (Joh 6,63.68), erweist sich „durch viele Zeichen und Wunder“ (Apg 5,12), von denen das Sprachenwunder an Pfingsten das erste und grundlegende ist. Jenseits der „Sprachverwirrung“ durch den Turmbau zu Babel (Gen 11,1-9) sammelt und vereint die Kirche alle Völker und Sprachen in dem einen Geist und dem einen Glauben. Deshalb gilt Pfingsten als „Geburtstag der Kirche“, die allerdings zugleich schon ab dem ersten Gerechten Abel existiert (Ecclesia ab Abel, vgl. Hebr 11,4). Darstellung von Pfingsten, der Versammlung der zwölf Apostel zum Gebet mit Maria in ihrer  Mitte: Die Orthodoxie feiert die Geisterfülltheit der Jungfrau Maria bei der Verkündigung der Fleischwerdung des ewigen Wortes oder der Inkarnation als das erste Pfingsten. Basilika St. Patrick in Fremantle, Westaustralien.  


Jesus sendet seine „Apostel“ (Gesandten) mit der Mission, die er selbst von seinem himmlischen Vater empfangen hat: Sie sollen zu allen Völkern gehen und „alle Menschen zu meinen Jüngern“ machen: „Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (Mt 28,19f). Die Taufe, mit denen alle Menschen getauft werden sollen, ist die „mit dem Heiligen Geist und mit Feuer“ (Mt 3,11; Lk 3,16). Jesus ist ja „gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schön brennen!“ (Lk 12,49). Jesus selbst sagt von sich: „Ich muss mit einer Taufe getauft werden“ (V.50), nämlich die, die er mit seinem Tod am Kreuz empfängt. Seinen Jüngern gibt er die Verheißung: „Ihr werden den Klech trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde“ (Mk 10,39). Alle grundlegenden Wandlungen im Menschsein geschehen in der Nähe des Todes. „Wisst ihr nicht“, sagt Paulus seinen Mitchristen in Rom, „dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind?“ (Röm 6,3). Vom Feuer des Geistes spricht er nicht, vielmehr: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5). Die Emmaus-Jünger erfahren diese Liebe des Geistes im Brotbrechen mit dem Auferstandenen: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss“ (Lk 24,32). Die Schrift, das Alte Testament, ist – wie die Juden sagen – „weißes Feuer auf schwarzem Feuer“. Die Ausgießung des Geistes vom Himmel an „Pfingsten“, dem „50. Tag“ nach Ostern oder achten Sonntag (der Sonntag ist der „achte Tag“ nach dem Sabbat), will kein Strohfeuer entzünden, sondern einführen in den wahren Sinn des Wortes Gottes, wie es schon Israel offenbart wurde am Sinai: „Der ganze Sinai war in Rauch gehüllt, denn der Herr war im Feuer auf ihn herabgestiegen“ (Ex 10,18). An Pfingsten steigt der Geist „in Zungen wie von Feuer“ auf die mit Maria im Gebet versammelten Apostel herab: „Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“ (Apg 2,3f). Das Reden in der Sprache des Geistes hebt die babylonische „Sprachverwirrung“ wieder auf, indem jetzt alle Empfänger des Geistes befähigt werden, die (sakramentale) Sprache des einen Gottes zu verstehen und zu reden, so dass alle Menschen ihre Einheit im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe erfahren. Mit dem Feuer des Geistes getauft sind sie fähig, sich dem heiligen Gott zu nähern, der „verzehrendes Feuer“ ist (Dtn 4,24; Hebr 12,29), so wie sich Mose der Offenbarung Gottes im brennend nicht verbrennenden „Dornbusch“ (hebr. sne wie Sinai) nähern durfte, aber erst, nachdem er seine „Schuhe“ ausgezogen hat: „Denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“ (Ex 3,5). Die Schuhe aus der Haut (Leder) von Tieren symbolisieren die animalische Natur, die der Mensch mit dem Sündenfall und dem „Tierfell“ angezogen hat (Gen 3,21). Dieser „alte Adam“ muss in der Taufe sterben, damit der „neue Mensch“ wiedergeboren werden kann, „der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph 3,24). Die Taufe bedeutet die Wiederherstellung des ursprünglichen Menschseins und ist so universal und keine Entfremdung von der eigenen Kultur.

 

Warum ist der ehelose Jesus das „Urbild des Mannes“?

Bild: Nicht wenige Männer meinen, stählerne Muskeln seien mannhaft und männlich – und trainieren entsprechend in Fitness-Studios. Aber schon die nackt antretenden Kämpfer im alten Olympia wurden so dargestellt, dass ihre Geschlechtsteile eher klein waren – als Ausdruck ihrer Selbstbeherrschung auf dem Gebiet der Sexualität. Die kirchliche Sexualmoral sieht Mann und Frau aufeinander hin geschaffen zur dauerhaften und für Kinder offenen Einehe als Ein-Fleisch-sein: „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Mt 19,6; vgl. Gen 2,24). Jesus selbst lebt bewusst ehelos (zölibatär) im irdischen Sinn, aber nicht im himmlischen: „Christus aber liebt die Kirche als seine Braut: er ist [am Kreuz] zum Urbild des Mannes geworden, der seine Gattin liebt wie seinen eigenen Leib (vgl. Eph 5,25-28)“ (Lumen gentium 7). Männliches Vor-Bild des „Urbilds“ ist der „jungfräuliche“ Josef von Nazareth.


Josef ist als Bräutigam mit Maria, seiner Braut, „verlobt“ ist (Lk 1,27), was die erste Stufe der Eheschließung ist, ohne aber mit ihm im sexuellen Sinn des „Ein-Fleisch-seins“. Maria bleibt nach kirchlichem Verständnis „vor, während und nach“ der Geburt ihres göttlichen Sohnes für immer Jungfrau. Das wird heute selbst von katholischen Autoren und Zeitschriften in Frag gestallt; so nennt Eva Puschautz in ihrem Beitrag „Andere Perspektiven auf Maria“ (Geist und Leben 2/ 2016, 175-180) Josef den „irdischen Vater“ Jesu und diesen als „ältesten Sohn“ Mariens, der nach dem (wohl frühen) Tod Josefs die Verantwortung für seine verwitwete Mutter trage. Nicht erwähnt wird, dass Jesus dieser Verantwortung dadurch nachkommt, dass er am Kreuz seinen Lieblingsjünger zum „Sohn“ Mariens erklärt und diese zu seiner „Mutter“ (Joh 9,26f). Dieser namenlose Lieblingsjünger bezeugt dann unmittelbar danach die Öffnung der Seite des toten Gekreuzigten durch einen Speer, woraus Blut und Wasser strömen (Joh 19,34f): die Zeichen der lebensspendenden Sakramente Eucharistie und Taufe und so die dadurch konstituierte Kirche selbst. Die Kirche wird aus diesem Quell der Gnade geboren als neue Eva analog zum „Bau“ der Ersten Eva aus der „Rippe“ des in einem (Todes-)Schlaf liegenden Ersten Adam (Gen 2,21f). Der Erste Mann zeugt dann jenseits des Paradieses mit seiner Frau die antagonistischen Söhne Kain und Abel – der ältere erschlägt den jüngeren Bruder, was zeigt, dass mit der Mangelsituation der Sterblichkeit auch die todbringende Gewalt in die Welt kommt (Gen 4,8). Jesus erleidet als neuer Abel diese Gewalt seiner jüdischen „Brüder“ und aller Menschen: Er stirbt, um „durch seinen Tod den zu entmachten, der die Gewalt über den Tod hat, nämlich den Teufel“ (Hebr 2,14). Da Geburt und Tod reziprok sind – was geboren wird, muss auch sterben –, überwindet Jesus am Kreuz auch das Prinzip der Geburt, nämlich in der Taufe auf Jesu Tod und Auferstehung als Wiedergeburt aus Wasser und Geist: „Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist“ (Joh 3,6). Jesus nimmt das sterbliche, von der Sexualität bestimmte Fleisch aus der Jungfrau Maria an, was schon österlichen Zeichen ist, um es mit Ostern in lebendigen „Geist“ zu verwandeln; denn „der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch nützt nichts“ (Joh 6,63). Diese Verwandlung des sterblichen Fleisches ist in Josef von Nazareth schon vollzogen, der so seinem keuschen Vorbild Josef von Ägypten gleicht (Gen 39,7-20). 

Warum ist die Eucharistie kein Kannibalismus?

Bild: Auf manchen Inseln der Südsee im Pazifischen Ozean, dem heutigen Polynesien, so insbesondere auf Moorea, den Fidschi-Inseln und Mystery-Island, war der sogenannte magische Kannibalismus weit verbreitet. Das wird heute zur Belustigung der Touristen auch als Werbegag präsentiert, doch im 17. und 18. Jahrhundert, teilweise sogar noch im 20. Jahrhundert, war es für manche Seefahrer und nicht zuletzt für christliche Missionare durchaus bittere Realität. Man glaubte, sich so deren Kraft anzueignen. 


Der bekannte Religionskritiker, Philosoph und „humanistische“ Freigeist Michael Schmidt-Salomon durfte in einer TV-Sendung mit dem australischen Historiker Christoph Clark zur „Religion“ unwidersprochen behaupten, die christliche Eucharistie – das Essen des „Leibes Christi“ und das Trinken des „Blutes Christi“ – sei eine Form des Kannibalismus. Im Art. Kannibalismus in Wikipedia heißt es: „Als Kannibalismus wird das Verzehren von Artgenossen oder Teilen derselben bezeichnet. Insbesondere versteht man darunter den Verzehr von Menschenfleisch durch Menschen (Anthropophagie). (…) In fast allen menschlichen Gesellschaften ist Kannibalismus mit einem Nahrungstabu belegt. Anthropophagie in Extremsituationen (aus Nahrungsmangel) ist zu unterscheiden von rituell bzw. religiös geprägten Erscheinungsformen.“ Der Begriff kam durch Christoph Kolumbus auf, der auf seiner ersten Entdeckungsreise nach „Amerika“ am 23. November 1492 in seinem Logbuch notierte, dass die Einwohner der Insel Hispaniola „in steter Furcht vor den Caniba oder Canima lebten, den angeblich einäugigen, hundsgesichtigen und menschenfressenden Einwohnern der Nachbarinsel Bohío“ (aus Caniba entwickelte sich auch der Begriff Karibik). Der Name Kannibale „wurde zum Begriff; als solcher verbreitete er sich sehr schnell und wurde zum Synonym für den zuvor üblichen griechischen Begriff Anthropophage“ (ebd.). Christian Spiel unterscheidet neun verschiedene Arten von Kannibalismus; der in der Südsee sowie in Papua-Neuguinea besonders verbreitete „magische“ Kannibalismus beinhaltet die „Vorstellung, dass Eigenschaften wie Kraft und Mut vom Opfer durch Verzehren auf den Esser übergehen“ (ebd.). Jesus sagt in Joh 4,34: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu Ende zu führen“, also das Werk des himmlischen Vaters. In Mk 10,38 fragt er seine Jünger: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke“, nämlich den Kelch des neuen und ewigen Bundes in seinem Blut „zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28; vgl. Lk 22,20). Die Teilhabe am Leib und Blut Christi bedeutet, das „ewige Leben“ zu haben (Joh 6,54) im Einssein mit und in Christus, der im Gehorsam gegenüber dem Heilswillen des Vaters auch selbst will, dass alle eins sind: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21). Dieses wechselseitige In-Sein und Einwohnen in den Gläubigen (Joh 14,23) wird nicht durch magisches Menschenfleisch-Essen erreicht, sondern durch Glaube und Taufe, Liebe und Eucharistie. 

 

Warum kommt Gottes Friede durch den Gekreuzigten?

Bild: In der Brot-Bitte des Vatersunsers vor dem Empfang der Eucharistie bitten die Gläubigen darum, im eucharistischen Brot Jesu Hin-gabe am Kreuz zu empfangen, um mit ihm als sterbendes Weizenkorn reiche Frucht zu bringen (Joh 12,24): „Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen“ (2 Kor 8,9) - reich an wahrem Freis-Sein und Selbst-Sein (Joh 8,36). Am Kreuz hat Jesus durch sein „Blut des Bundes“ den Frieden gestiftet zwischen Himmel und Erde (Kol 1,20), auch zwischen Juden und Heiden (Eph 2,14-18). In Menschwerdung und Kreuz seines Sohnes hat der Vater alles gegeben (Röm 8,32); er schenkt es den Gläubigen immer wieder neu, wenn sie ihn im Heiligen Geist mit reinem Herzen darum bitten (Lk 11,13): die Fülle seines Geistes. St. Patricks Kathedrale, Melbourne.


In jeder Eucharistiefeier wird das am Kreuz geopferte Lamm Gottes angerufen: „Gib uns deinen Frieden“. In der Heiligen Woche singt die Kirche: „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung“ (GL 296). Hoffnung aber, sagt Paulus, „die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht?“ (Röm 8,24). Deshalb geht es an der christlichen Heilsbotschaft vorbei, wenn der zum Judentum konvertierte Rabbiner Walter Homolka sagt, die Welt habe „sich nach dem Opfergang von Golgota nicht zum Besseren verändert“ (Der Jude Jesus – eine Heimholung, 2020, 132). Auch Martin Buber schloss in einer Stellungnahme 1917 aus dem Zustand der Welt (im Krieg), dass Jesus nicht der im Judentum erwartete Messias sein kann: „Meinem Glauben nach ist die Erlösung der Welt nicht vor 19 Jahrhunderten geschehen, sondern wir leben noch immer in der unerlösten Welt und harren der Erlösung, an der mitzuwirken [!] jeder von uns in unbegreiflicher Weise berufen ist. (…) Unserem, Israels Glauben nach ist die Erlösung der Welt eins mit der Vollendung der Schöpfung.“ Das Noch nicht der Vollendung in der Erlösung bekennt auch der christliche Glaube, der zugleich aber auch das Schon jetzt in Christus erkennt, und zwar vom „Anfang“ der Schöpfung an: „Weil seit jeher und immer die Selbstmitteilung Gottes (auf Jesus Christus hin) in der Welt wirksam war, ist die Frage, was sich denn ‚seit‘ Jesus Christus zum Besseren gewandt habe, falsch gestellt. Die Gesamtgeschichte der Menschheit steht immer und überall unter der vergebenden Liebe Gottes in Jesus Christus“, so Karl Rahner und Herbert Vorgrimler im Artikel Erlösung (in: Kleines Theologisches Wörterbuch, Bd. 2, 1975, 111). Was der Gekreuzigte und Auferstandene bringt, ist die Gerechtigkeit aus dem Glauben: So „haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn“ (Röm 5,1). Dieser „Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt“ (Phil 4,7), ist Kennzeichen und Merkmal der messianischen Heilszeit. Am Kreuz stiftet Jesus den Frieden, den die Welt nicht geben kann (Joh 14,27). Joseph Ratzinger schreibt über Jesu Abschiedsgruß (Joh 14,23-29) und den eucharistischen Friedensgruß: „In der Liturgie sind mit gutem Grund die beiden Formeln ‚Dominus vobiscum‘ und ‚Pax vobis‘ austauschbar. Der Herr selbst ist der Friede. In seinem Fortgehen grüßt er nicht nur mit Worten. Er, der am Kreuz die Lüge der Menschheit aufarbeitet, ihren Hass durchleidet und überwindet, er ist der Friede“ (Art. Friede, in: Theologisches ABC, 2012, 78f ).

 

Warum bringt Jesu Leib der Aufer-stehung die erste Reinheit zurück?

Bild: Sonne und Mond repräsentieren das männliche und weibliche Prinzip. Der Mond-Zyklus bedingt den Menstruations-Zyklus der Frauen, die dadurch einmal im Monat sieben Tage kultisch „unrein“ werden und das Heiligtum nicht betreten dürfen (Lev 15,19-25), Im Grunde ist die ganze „in Geburtswehen“ liegende, der Vergänglichkeit unterworfene Sieben-Tage- Schöpfung daher unrein und nicht kultfähig; die Gläubigen erwarten, „dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne [Gottes] offenbar werden“ (Rom 8,22f). In der jüdischen Mystik verkörpern Sonne und Mond im Sefirot-Baum auf der Mittelachse die 6. Sefira Tiph’eret (Herrlichkeit, Erbarmen) und die 10. Sefira Malchut (Königreich Gottes), die identisch ist mit der Schechina, Gottes Gegenwart in der Welt. Am Kreuz vereint Jesus im Blut des Bundes die Prinzipien. Anglikan. Kathedrale in Melbourne.


Nach dem Sohar „kostet die Schechina [periodisch] von der anderen, bitteren Seite [der linken Seite des Gerichts Gottes im Sefirot-Baum], und ihr Antlitz ist dann dunkel“ (zit. nach Gershom Scholem, Zur Kabbala und ihre Symbolik, 1973, 143). „Unter diesem Aspekt gesehen erscheint dann die Schechina als der ‚Baum des Todes‘ [= Baum der Erkenntnis], vom Baum des Lebens dämonisch abgetrennt. Während sie sonst im Großen und Ganzen als barmherzige Mutter Israels erscheint, wird sie in solchem Stand selbst zum Vehikel der richtenden und strafenden Gewalt“ (143f). Die Kabbala von Safed (16. Jh.) erklärt das Exil der Schechina mit „der Trennung des männlichen und weiblichen Prinzips in Gott“, das heißt von Tipheret und Malchut, was bedingt ist durch Adams Ursünde: „Die Sünde Adams wiederholt sich unablässig in jeder anderen Sünde. Anstatt in seiner Kontemplation die Gesamtheit der Sefiroth in ihrer ungeheuren Einheit zu durchdringen, verfiel Adam, als ihm die Wahl gestellt wurde, auf den leichteren Weg, die letzte Sefira [Malchut, Schechina] allein, in der sich doch alles andere darzustellen schien, als die Gottheit zu kontemplieren, von den anderen Sefiroth losgelöst. Anstatt die Einheit des göttlichen Vollzugs in allen Welten, die vom geheimen Leben der Gottheit noch durchwaltet waren, zu bewähren und in seinem eigenen Vollzug zu bekräftigen, riss er sie auseinander. Seitdem ist das Obere vom Unteren, das Männliche vom Weiblichen, irgendwo tief innen getrennt. (...) Es ist die Trennung des Baums des Lebens von dem der Erkenntnis, aber auch die des Lebens vom Tod (…) Es ist aber auch die Verkleinerung des Mondes und seine Konstitution zum lichtlosen Empfänger des Lichtes, die hier in anderen kosmischen Symbolen wieder auftaucht. (…) Die Wiedervereinigung Gottes und seiner Schechina ist der Sinn der Erlösung“ (144f). Von daher ist die Heilige Hochzeit das zentrale Symbol der Erlösung, worauf auch das Hohelied der Liebe hinausläuft. Nach Gabriel Strenger bedeutet Unreinheit „ein zeitlich begrenztes Verbot, den heiligen Tempel – Symbol unserer geistigen Bestimmung – zu betreten. (…) Es gibt Zeiten, in denen wir im Heiligtum – im Tempel in Jerusalem oder aber im inneren Heiligtum der Seele – nichts zu suchen haben“ (Jüdische Spiritualität in der Tora, 2016, 201f). Jesu Auferstehung am „achten Tag“ beendet die Todverfallenheit des Körpers und damit alle Unreinheit im Bund seines „kostbaren Blutes“ als „Lamm ohne Fehl und Makel“ (1 Petr 1,19).