Die Weisheit der Bibel

Spirituell, intellektuell und mystisch

In Christus, sagt der Kolosserbrief (2,3), „sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen“. Die Beiträge dieser Seiten wollen etwas von diesen verborgenen Schätzen der göttlichen Weisheit zugänglich machen. Weisheit ist Wissen um den Sinn des Ganzen, des umfassenden Kosmos oder des eigenen Lebens. Die heutige Wissenschaft kann diese Sinn-Frage nicht beantworten. Anders „die göttliche Weisheit“, die in der Liebe das Geheimnis, den Schlüssel aller Dinge findet. In der vollkommenen Liebeshingabe Christi offenbart sich das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, denn darin ist alles zusammengefasst. „Die ganze Heilige Schrift ist ein einziges Buch, und dieses eine Buch ist Christus“ (Hugo von Sankt Viktor). Einheit, Wahrheit und Liebe gehören zusammen wie Vater, Sohn und Heilger Geist.

 

Klopfen an die Tür des himmlischen Brautgemachs

Der letzte gemeinsame Kirchenvater von Ost- und Westkirche, Johannes von Damaskus (um 650 – 754), forderte die Gläubigen auf, „mit ganzer Seele und ganzem Geist“ zu Christus zu treten, dem Logos Gottes als der „persönlichen Weisheit und Wahrheit, in welchem alle Schätze der Erkenntnis verborgen sind“ (Kol 2,3), „damit wir nach Auftun der Tür des Brautgemachs die in ihm wohnende Schönheit schauen. Die Tür ist der Buchstabe. Das Brautgemach hinter der Tür, die in ihm verborgene Schönheit der Gedanken, ist wahrlich der Geist der Wahrheit. Lasst uns kräftig pochen, lesen wir einmal, zweimal, oftmals, und wenn wir so graben, werden wir den Schatz der Erkenntnis finden und an Reichtum Überfluss haben. (…) Denn alles wird durch Eifer und Mühe erworben, aber vor allem und nach allem durch die Gnade des schenkenden Gottes“ (zit. nach Emmeran Kränkl, Glaube und Vernunft, 2018, 71). 

 

Der Einklang der drei Harfen Gottes

Die Bibel, die ganz einer mündlichen Kultur entstammt und einen style oral (Marcel Jousse) hat, ist kein Lese-Buch, sondern ein Buch zum (auswendigen) Singen. Für den heiligen Mönch Ephräm den Syrer (4. Jh.), einer der bedeutendsten Väter der ostkirchlichen Tradition, der 1920 von Papst Benedikt XV. zum Kirchenlehrer erhoben wurde, sind das Alte Testament, das Neue Testament und die Schöpfung (Natur) die Harfen Gottes. Durch das in Weisheit vorgetragene Spiel Christi als neuem Orpheus (wie schon David im Judentum) erklingen sie in einem Drei-Einklang; enthüllt doch auch David allen Bewohnern der Erde „mein Geheimnis beim Harfenspiel“ (Psalm 49,5). Die Sangeskunst des Orpheus, die ästhetische Seite der Zahlenkunst des Pythagoras, hat Mensch und Tier zu einem paradiesischen Zusammenleben geführt analog zum messianischen Frieden (vgl. Jes 11,5). Ephräm schreibt in seinen „Hymnen über die Jungfräulichkeit“:

 

„Das Wort des Allerhöchsten stieg zur Erde und kleidete sich

in einen schwachen Leib mit zwei Händen.

Er nahm abwägend die beiden Harfen

der Testamente links und rechts;

die dritte (die Schöpfung) stellte er vor sich hin,

damit sie den beiden anderen Zeuge werde.

Denn die mittlere Harfe bewies,

dass er der Herr war, der auf ihnen spielte.

 

Wer schaute staunend unseren Herrn,

wie er auf drei Harfen spielte!

Er mischte in Weisheit, was in ihnen ähnlich klang,

damit die Zuhörer (seine Göttlichkeit) nicht leugnen sollten.

Er einte Zeichen, Hinweise und Bilder

aus Natur und Schrift, damit diese die Leugner widerlegten.

Mit der einen Natur verband er die beiden Testamente,

damit die Leugner (seiner Gottheit) beschämt würden.“

 

Menschlicher Geist, Philosophie und Theologie

 Der Philosoph und Kardinal Nikolaus von Kues (1401–1464) sagt in seinem Werk „Über die Gottsuche“:

„Unser Geist (noster spiritus intellectualis) hat die Natur des Feuers (virtutem ignis) in sich. Er ist zu keinem andern Zweck von Gott auf diese Erde gesetzt, als um zu brennen und zu einer Flamme anzuwachsen. Er wächst, wenn er durch Staunen angeregt wird. Bei der Betrachtung der Werke Gottes staunen wir über die ewige Weisheit.“ 

Philo-sophie ist die „Liebe zur Weisheit“. Aber auch die Theologie als Rede von Gott ist, wie Walter Kasper erklärt, „nicht nur Wissenschaft, sondern auch Weisheit. Die Weisheit beurteilt und ordnet alles von einer höheren Warte aus. Sie betrachtet das Zeitliche im Licht des Ewigen, das Irdische im Licht des Göttlichen.“ Zitiert wird die Konstitution über die Kirche in der Welt von heute des Zweiten Vatikanischen Konzils (Gaudium et spes 15): „Unsere Zeit braucht mehr als die vergangenen Jahrhunderte diese Weisheit, damit humaner wird, was Neues vom Menschen entdeckt wird. Es gerät nämlich das künftige Geschick der Welt in Gefahr, wenn nicht weisere Menschen entstehen“ (Theologie und Heiligkeit, in: Sie suchten die Wahrheit. Heilige Theologen, 1985).  Mehr...