Die Weisheit der Bibel

Herzlich willkommen auf meiner Homepage. Die neue Seite "Youtube" ermöglicht, aktuell mit Videos zu den jeweiligen Fragen der Zeit und Festen der Kirche theologisch Stellung zu nehmen. Demnächst werden auch die "Impulse" auf diesen Seiten zu biblischen Themen als E-Books zusammengefasst erscheinen. Klaus W. Hälbig

Spirituell, intellektuell und mystisch

Für das rechte Verstehen der göttlichen Wahrheit der Offenbarung sind vor allem drei der sieben Gaben des Heiligen Geistes wesentlich: „Frömmigkeit“ (Spiritualität), „Wissenschaft“ (Intellektualität) und „Weisheit“ (Mystik), wie Jesaja 11,2 (Septuaginta, Vulgata) zeigt.

Philo-sophie ist ihrem Ursprungssinn nach Liebe zur Weisheit und Weisheit der Liebe. Der neutestamentliche Kolosserbrief (2,3) sagt: „Alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis“ sind in Christus „verborgen“. Die Beiträge dieser Seiten wollen etwas von diesen verborgenen Schätzen der göttlichen Weisheit in Jesus Christus und in der Bibel als „Wort Gottes“ (Logos) zugänglich machen.

Ethos (Sitte, Ge-wohnheit) ist die Weise, wie der Mensch auf Erden unter dem Himmel wohnt: Ethos anthropon daimon (Heraklit) – „Der Mensch wohnt, insofern er Mensch ist, in der Nähe des Gottes“ (Martin Heidegger, Brief über den „Humanismus“). Der „erste Mensch“ im heiligen Paradies wohnt in dieser Nähe; der ‚gefallene’, sündige und sich deshalb vor Gott versteckende Mensch nicht mehr. Ihn fragt Gott: „Wo bist du/ Wo wohnst du?“ (Gen 3,9). Hebräisch Ajeka wird zum Ausruf der Enttäuschung und Trauer, hebr. Ejacha („Wie konnte es dazu kommen?“), wenn Israel „seiner Bestimmung untreu wird“ (Gabriel Strenger, Jüdische Spiritualität in der Tora und den jüdischen Feiertagen).

Die geistige Bestimmung des Menschen zeigt sich im Jerusalmer Tempel als „(Ein-)Wohnung Gottes“ in seinem heiligen Namen („Ich bin“). Auch die erste Frage der Jünger an Jesus lautet: „Wo wohnst du/ Wo bist du?“ (Joh 1,38; vgl. 17,24).

 

1. Die Bibel als geistiger Bauplan der (Neu-)Schöpfung

Die ersten drei Worte der Bibel Bereschit bara Elohim – „Im Anfang erschuf Gott …“ (Gen 1,1) bedeuten „laut der Deutung des Sohars: Mit Reschit, der Hauptsache – also der Weisheit – erschuf Gott Himmel und Erde. So sagt der Sohar auch: ‚Gott blickte in die Tora und erschuf die Welt’ – und damit ist natürlich die Tora Keduma, die ursprüngliche, geistige Tora gemeint“ (Jüdische Spiritualität in der Tora).

Als der fleischgewordene Logos ist Jesus diese ursprüngliche Thora, der Name Gottes „Ich bin“ (Joh 18,5.8) und damit die göttliche Weisheit in Person. Als solche ist er auch der geistige „Bauplan der Schöpfung“ und so der Bauherr der Kirche als „neuer Schöpfung“ (2 Kor 5,17; Mt 16,18). Als der Auferstandene ist er selbst der von ihm neu erbaute, von den Mächten des Todes nicht zerstörbare (Feuer-)Tempel des Geistes (Joh 2,19-21).

Zugleich ist er dessen Schluss-Stein: „Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn. Durch ihn werdet auch ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut“ (Eph 2,20-22). In diesem Sinn ist jeder zur Heiligkeit als Gottesnähe berufen (1 Thess 4,3) oder dazu, in seiner Leiblichkeit heiliger „Tempel des Heiligen Geistes“ zu sein (1 Kor 6,19) – in Einheit mit der heiligen Kirche als „geistigem Haus“ aus „lebendigen Steinen“ (1 Petr 2,4).

 

2. Die Einheit von Weisheit und Liebe: Geheimnis und Schlüssel aller Dinge

Nach dem in der Thora grundgelegten Bau-, Heils- und Liebesplan erschafft der dreieine Schöpfer als das überzeitliche Sein aus Liebe in Weisheit die zeitliche Welt auf das Heiligtum (Ex 40,33; Gen 2,2f) beziehungsweise auf die Kirche hin. Diese gibt – präfiguriert in der „Jungfrau Israel“ und der Jungfrau Maria – in der Freiheit des Glaubens Gott ihr liebendes Ja-Wort (Lk 1,38).

So wird und ist sie der Ort der Fleischwerdung des Ja-Wortes Gottes als ‚hochzeitlicher’ Beiwohnung in Glaube (Vergangenheit), Liebe (Gegenwart) und Hoffnung (Zukunft): Das Ja-Wort (Logos) „hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen“ (Joh 1,14; vgl. 14,23). Weisheit ist liebendes Wissen um den göttlichen Heilsplan und Sinn des Ganzen, des umfassenden Kosmos oder des eigenen Lebens (Weish 9,17-19).

Die heutige (Natur-)Wissenschaft kann diese Sinn-Frage nicht beantworten. Anders „die wahre Philosophie und Weisheit“, die „auf die Liebe stößt und in ihr das Geheimnis, den Schlüssel aller Dinge findet“ (Richard Gutzwiller, in: Josef Stierli, Cor Salvatoris). In der vollkommenen Liebeshingabe Christi am Kreuz offenbart sich „das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes“ (1 Kor 2,7). Das Kreuz ist der wahre (paradiesische) Baum des Lebens mit der Eucharistie als seiner Frucht (Offb 2,7).

 

3. Der Zusammenhang von Mensch (Körper), Tempel und Kosmos

Nach antiker Weisheit ist der Kosmos und der Mensch als Mikrokosmos aufgebaut durch das Zusammenwirken von vier Urelementen oder Ursubstanzen: den oberen (leichteren) Elementen Feuer und Luft sowie den unteren Wasser und Erde (Empedokles von Akragas/Agrigento, um 495–435 v. Chr). Zwei Urkräfte wiederum halten sie in einem ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens: die verbindende ‚Liebe’ und der trennende ‚Hass’. Nach der Kosmologie des Aristoteles ist für die Einheit des Ganzen entscheidend das erste beziehungsweise fünfte, unwandelbare und zeitlose Element der Himmelssphäre oder himmlischen Welt, der so genannte „Äther“ („das Brennende, Glühende, Leuchtende“).

Dieselbe Grundstruktur kennt auch das Judentum für den Bau des Heiligtums des Tempels in Jerusalem als Abbreviatur des Kosmos. Dem Äther entspricht das Allerheiligste im Tempel, den anderen vier Elementen entsprechen das Heiligtum mit den Brandopfern (Feuer), der Vorhof der Priester (Luft, Pneuma), der Vorhof Israels (Wasser) und der Vorhof der Frauen (weibliche ‚Mutter Erde’). Nach dem jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus war der Vorhang im Tempel aus vier verschiedenen Geweben in scharlachroter, weiser, violetter und purpurner Farbe, die die Vier Welt-Elemente symbolisierten (bei Jesu Kreuzigung zerreißt dieser Vorhang: Mk 15,38).

So sind im Tempel die Gegensätze der vier Urelemente Feuer (hebr. esch) und Wasser (majim) sowie von Luft (ruach) und Erde (Staub, hebr. afar) aufgehoben im „Einen“, das heißt „im fünften Element [Quint-Essenz], das keinen Namen hat und den vier anderen Elementen gegenübersteht“ (Friedrich Weinreb, Der Weg durch den Tempel. Aufstieg und Rückkehr des Menschen, 2000). Wie der Tempel-Komplex ist auch die Heilige Schrift Israels aufgebaut: Dem Allerheiligsten als innerstem Kern entspricht das Buch Genesis, dem Heiligtum und den Vorhöfen entsprechen die anderen vier Bücher Mose, die Geschichtsschriften, die Propheten und die Weisheitsschriften als äußerster Ring und Übergang zur profanen „Welt“ (der vielen Völker).

 

4. Der vierfache Sinn der Heiligen Schrift

Nach der Offenbarungskonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils muss die Heilige Schrift „in dem Geist gelesen und ausgelegt werden …, in dem sie geschrieben wurde“ (Dei verbum 12). Wie in Jesus Christus die göttliche und die menschliche Natur unterschieden und zugleich eins sind, so hat auch die Schrift einen geistigen oder spirituellen und einen buchstäblichen oder körperlichen Sinn; beide gehören zusammen und sind doch wohl zu unterscheiden.

Der innere geistige Sinn wird noch einmal in drei Sinne untergliedert, weil sich der menschliche Geist in die drei Zeitdimensionen Vergangenheit (Erinnerung), Gegenwart (Wahrnehmung) und Zukunft (Erwartung) erstreckt. Diese drei Sinndimensionen sind 1. der typologische Sinn (Analogie zwischen den „Typen“ oder Mustern des Alten und des Neuen Testaments) zur Stärkung des Glaubens, 2. der moralische Sinn als Anleitung zum gerechten Handeln in der Welt zur Stärkung der Liebe und 3. der eschatologische oder anagogische, zum Himmel hinaufführende mystische Sinn zur Stärkung der Hoffnung. In diesen drei Geist-Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung besteht das Christsein (1 Kor 13,13; 1. Tim 2,15).

Den drei Tugenden entsprechen wiederum die drei Initiations-Sakramente Taufe, Eucharistie und Firmung. Der buchstäbliche oder körperliche Sinn, die vierte bzw. erste Sinndimension der Schrift, ist wie der sichtbare Körper eines Menschen dessen Erscheinungsform in der Welt, die prinzipiell der allgemeinen Vernunft zugänglich ist. Die anderen drei Sinndimensionen erschließen sich nur im Hl. Geist als Quint-essenz des Ganzen.

 

5. Der „intelligible“ fünfte Sinn als Geist

Die Sinnfindung  gleicht einem Aufstieg über die vier Stufen sinnlich, sozial, subjektiv-seelisch und rational hin zum „intelligiblen Sinn“ als der „fünften und letzten Stufe“, in dem alle vorangegangenen vier Stufen ihre Einheit erlangen und worin der erkennende Mensch auch selbst mit einbegriffen ist, so der Philosoph Volker Gerhardt (Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche, 2014):

Welt- und Selbstverständnis vollziehen sich hier in einem Akt. Der auf Einsicht zielende Sinn ist auf das Ganze von Personen, auf die Einheit ihrer Handlungen, auf die Bedeutung von Situationen und Konstellationen sowie auf das Ganze eines Horizonts und der ihn umschließenden Welt gerichtet. Im Sinn dieser fünften Stufe tritt die Einheit von Sachverhalten und Vorgängen in ihren denkbar komplexen Kontexten hervor; er macht es möglich, von Natur, Geschichte, Technik, Kultur, Welt oder System zu sprechen; er ist es, der uns alles so verstehen lässt, dass wir zu wissen glauben, was gemeint oder beabsichtigt ist. Seinen elementaren Ausdruck findet dieser Sinn in dem, was wir Einsicht [oder Weisheit] nennen. Das korporative Insgesamt von Einsichten aber ist der Geist.“

Nach Volker Gerhardt kann der „intelligible Sinn auch als das letztlich unverzichtbare Sensorium für das Göttliche angesehen werden“, so dass Gott, obwohl er „ein Vernunftbegriff“ ist, doch „mit allen Sinnen gesucht werden kann“; und so ist der geisterfüllte Glauben „im Sinnverstehen selbst ein treibendes Moment der Vernunft“: „Der Mensch muss sich selbst als bedürftiges und nach Sinn verlangendes Lebewesen erfahren, um Gott als die Antwort auf jene Fragen zu verstehen, die er selbst nach dem Sinn seines Daseins stellt“ (mehr dazu in meinem Buch Die Schönheit des Logos, S. 65-67; 253f; 328f). „Einen Text kann ich verstehen, wenn ich weiß, auf welche Frage er antwortet“ (Thomas Rentsch, Philosophie des 20. Jahrhunderts, ²2019, 58).

 

6. Die Versöhnung von Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft

Weil der Sinn auch mit allen Sinnen gesucht werden muss, gehören zum Glauben wesentlich auch die ‚ästhetischen’ Glaubenszeugnisse, zuerst die der poetischen Sprache von Bibel und Liturgie, dann aber auch die der christlichen Kunst und Mystik. Für Johann Georg Hamann (1730–1788) ist die Poesie „die Muttersprache des menschlichen Geschlechts“, „Nachahmung der schönen Natur“, „eine natürliche Art der Prophezeyung“: „Sinne und Leidenschaften verstehen nichts als Bilder. In Bildern besteht der ganze Schatz menschlicher Erkenntniß und Glückseeligkeit“ (Sokratische Denkwürdigkeiten – Aesthetica in nuce).

In der rationalistischen Philosophie der Aufklärung hingen haben Schöpfung und Natur als ‚Rede Gottes‘ an den Menschen ihren Bild- und Offenbarungscharakter eingebüßt; dem folgte auch die Theologie. Aber diese ist „nicht nur Wissenschaft, sondern auch Weisheit. Die Weisheit beurteilt und ordnet alles von einer höheren Warte aus. Sie betrachtet das Zeitliche im Licht des Ewigen, das Irdische im Licht des Göttlichen“ (Walter Kasper, Theologie und Heiligkeit, in: ders. [Hg.], Sie suchten die Wahrheit. Heilige Theologen, 1985, 7-16).

Die Weisheit versöhnt letztlich Geist und Natur (Materie) und die darauf bezogenen zwei Denkwelten, Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft, indem sie die zwei Seiten der Schöpfung verbindet und miteinander ins Gespräch bringt: „Es gibt nur eine Welt und nur einen wahren Blick auf sie; die Welt wäre auch lesbar als das erste Buch Gottes, aber der Mensch im Notstand der Sünde muss sich den Blick dafür erst befreien lassen. So kommt es zur Definition, er müsse (wieder) wie Gott sehen lernen. Kosmische Ordnung und Thora sind eins; Wissen und Glauben sind eins, weil es nur eine Wahrheit gibt; aber sie müssen erst eins werden“ (Ludwig Weimer, Weisheit als Gabe des Heiligen Geistes. Ein Beitrag zum Problem des Handelns Gottes in der Welt. in: Walter Baier u. a. [Hg.], Weisheit Gottes – Weisheit der Welt, Bd. II, 1245-1278, 1257).

 

7. Die Befreiung des Blicks der Vernunft durch das Kreuz Christi

Aber: „Die Teilnahme an der göttlichen Weisheit setzt die Erlösung von der Erbsünde als Wunder des Tausches zwischen Gott und Mensch im Geheimnis des Kreuzes voraus. Das Mittlertum des Mittlers Jesus ist Sünde-Sühne und nicht neutrale Krönung der Schöpfung. Es bedurfte der Arznei gegen die Erbsünde unserer Schlangen-Klugheit. Im Skandal des Kreuzes zeigt sich, wie wenig die Frommen die Gabe ‚finden’ würden, wenn es auf sie allein ankäme. Die Christologie bekennt: Jesus gibt als die Brücke in Person diese Gabe“ (ebd. 1267f).

Papst Franziskus spricht in seiner Umwelt-Enzyklika Laudato si’ (63) von der religiösen „Form der Weisheit … mit ihrer eigenen Sprache“, die zum Aufbau einer ganzheitlichen Ökologie unverzichtbar ist. In seinem Buch Die Weisheit der Mönche (2017) verbindet der Papst die Weisheit mit dem Kreuz Christi als „spes unica, unsere einzige Hoffnung“, und als Baum des Lebens (117-124: Das Kreuz des Herrn, 117 und 121). Ausführlich zitiert wird der byzantinische Abt Theodor Studites (759–826):

„Im Holze des Kreuzes mischen sich nicht Gut und Böse wie im Holze Edens, vielmehr ist es durch und durch köstlich und schön anzusehen. Dieser Baum spendet Leben statt Tod und Licht statt Finsternis. Er vertreibt uns nicht aus Eden, sondern ruft uns hinein. Dieses Holz, das Christus bestieg wie ein König sein Viergespann, es vernichtet den Teufel, der die Macht über den Tod hatte, und befreit die Menschheit aus der Knechtschaft des Tyrannen. (…) Die gleichsam aus dem Kreuz heraus blühende Weisheit, die über aller Weisheit steht, hat die Prahlerei und den Hochmut der weltlichen Weisheit als Torheit offenbart“ (121f; vgl. 37; 53; 114f; „Vorbote dieses Holzes“ ist u. a. das Holz der Arche, 122; vgl. Weish 13,5-7).

 

8. Einklang der drei Harfen Gottes: Schöpfung, Altes und Neues Testament

In Psalm 49,16 heißt es: „Gott wird mich loskaufen aus dem Reich des Todes, / ja, er nimmt mich auf“; und in Vers 5 singt König David: „Ich wende mein Ohr einem Weisheitsspruch zu,/ ich enthülle mein Geheimnis beim Harfenspiel“: „Die Harfe lässt Weisheit, die von Gott kommt, erklingen, denn sie stellt die Verbindung zu Gott her (V.5)“ (Mechthild Clauss, Illustration als Textauslegung. Der karolingische Stuttgarter Psalter um 830, 2018, 150).

Für die frühe Kirche ist der Psalter als Ganzes messianische Prophetie auf Christus hin. Einer der bedeutendsten Väter der ostkirchlichen Tradition, der heilige Mönch Ephräm der Syrer (4. Jh.), der 1920 von Papst Benedikt XV. zum Kirchenlehrer erhoben wurde, zeigt in seinen „Hymnen über die Jungfräulichkeit“, wie das Alte Testament, das Neue Testament und die Schöpfung (Natur) als gleichsam die drei Harfen Gottes zusmmenklingen.

Durch das in Weisheit vorgetragene Spiel Christi als neuem Orpheus (wie schon David im Judentum) erklingen die drei Zeugen der Offenbarung in einem heiligen Drei-Einklang. Die Sangeskunst des Orpheus, die ästhetische Seite der Zahlenkunst des Pythagoras, hat Mensch und Tier zu einem paradiesischen Zusammenleben geführt analog zum messianischen Frieden (vgl. Jes 11,5); Ephräm schreibt:

 

„Das Wort des Allerhöchsten stieg zur Erde und kleidete sich/ in einen schwachen Leib mit zwei Händen./ Er nahm abwägend die beiden Harfen/ der Testamente links und rechts;/ die dritte (die Schöpfung) stellte er vor sich hin,/ damit sie den beiden anderen Zeuge werde./ Denn die mittlere Harfe bewies,/ dass er der Herr war, der auf ihnen spielte./ Wer schaute staunend unseren Herrn,/ wie er auf drei Harfen spielte!

Er mischte in Weisheit, was in ihnen ähnlich klang,/ damit die Zuhörer (seine Göttlichkeit) nicht leugnen sollten./ Er einte Zeichen, Hinweise und Bilder/ aus Natur und Schrift, damit diese die Leugner widerlegten./ Mit der einen Natur verband er die beiden Testamente, damit die Leugner (seiner Gottheit) beschämt würden“ (zit. nach Lothar Heiser, Mosaike und Hymnen. Frühes Christentum in Syrien und Palästina, 1999, 653).