Die Weisheit der Bibel

Herzlich willkommen auf meiner Homepage. Die Seite "Youtube" bietet Videos zu den jeweiligen Fragen der Zeit und Festen der Kirche. Demnächst werden 50 der "Impulse" zu biblischen Themen zu einem E-Book zusammengefasst. Klaus W. Hälbig

Spirituell, intellektuell und mystisch

Die Bibel wird von der heutigen Bibelwissenschaft „historisch-kritisch“ erklärt, das heißt in „skeptischer“ und „kritischer“ Distanz als ein im Grunde „fremdes“ Buch der Vergangenheit. In der alten geistig-geistlichen Exegese war sie das „Wort Gottes“ für die Gegenwart und Zukunft der eigenen Lebensgestaltung, wobei der Kirche als „Rezeptionsgemeinschaft“ die entscheidende Rolle bei der „Sinnfestlegung“ zukam. Auch die einzelnen Autoren der Schrift gehören in diesem Sinn zur Kirche, dem „gemeinsamen Subjekt des Gottesvolkes“, das sich von Gott angeredet weiß, „der im Tiefsten – durch Menschen und ihre Menschlichkeit hindurch – da redet“ (Benedikt XVI., Jesus von Nazareth I, 19f). „Die Volk Gottes – die Kirche – ist das lebendige Subjekt der Schrift; in ihr sind die biblischen Worte immer Gegenwart. Freilich gehört dazu, dass dieses Volk sich selbst von Gott her, zuletzt vom leibhaftigen Christus her, empfängt und sich von ihm ordnen. Führen und leiten lässt“ (20). Die biblischen Hagiographen sind keine autonomen Schriftsteller im heutigen Sinn, sondern sie wissen sich eingefügt in das Gottesvolk des Bundes in dem einen Geist, „der euch zusammenhält“ (Eph 4,3).

 

Die heilige Kirche ist konstitutiv für die Auslegung der Heiligen Schrift

Diese Position des früheren Papstes ist nicht ‚vorkritisch‘, sondern ‚postkritisch‘, weil nach der neueren Kultur- und Literaturtheorie das Subjekt des Verstehens immer schon kulturell geformt ist, also nicht autonom in sich steht, sondern Teil der Rezeptionsgemeinschaft ist. Daraus folgt: „Die Ekklesiologie ist also konstitutiver Bestandteil der Schriftauslegung, und diese wiederum ist eingebunden in die Theologie. Anthropologie, Ekklesiologie und Theologie greifen in der Schriftauslegung ineinander. Niemand kann die Bibel außerhalb der Gemeinschaft lesen. Die Frage ist, welcher Gemeinschaft er zugehört und woher sich diese Gemeinschaft formen lässt. (…) Letztlich muss sich derjenige, der die Schrift verstehen will, von jener göttlichen Wirklichkeit formen lassen, die in der Schrift bezeugt wird. Für die christliche Theologie konkretisiert sich dies in der Gestalt Jesu“ (Ludger Schwienhorst-Schönberger). Damit wird der kritische „Beobachter“ zum ergriffenen „Teilnehmer“ des Geschehens, von dem die Bibel erzählt, was er in dem Maße ist, wie er von ihrem Geist erfüllt wird.

 

Die Heilige Schrift ist in dem Geist auszulegen, in dem sie geschrieben wurde

Von daher sagt Benedikt XVI. mit Blick auf den heiligen Franziskus: „Die Heiligen sind die wahren Ausleger der Heiligen Schrift. Was ein Wort bedeutet, wird am meisten jenen Menschen verständlich, die ganz davon ergriffen wurden und es gelebt haben. Die Schrift trägt überall ein Zukunftspotential in sich, das sich erst im Durchleben und Durchleiden ihrer Worte öffnet“ (108). Die großen Theologen der antiken und mittelalterlichen Kirche waren alle auch Heilige, deren Schriftauslegung in der Kirche nicht einfach überholt sein kann, so sehr die Kirche als „Gemeinschaft der Heiligen“ im „lebendigen Gedächtnis“ des Heiligen Geistes ihrer heiligen Männer und Frauen stets eingedenk bleibt. Mit einem Wort: Die Heilige Schrift ist in dem Geist zu lesen und auszulegen, „in dem sie geschrieben wurde“ (II. Vatikanum, Die dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum 12).