Die Weisheit der Bibel

Herzlich willkommen auf meiner Homepage. Die neue Seite "Youtube" ermöglicht, aktuell mit Videos zu den jeweiligen Fragen der Zeit und Festen der Kirche theologisch Stellung zu nehmen. Demnächst werden auch die "Impulse" auf diesen Seiten zu biblischen Themen als E-Books zusammengefasst erscheinen. Klaus W. Hälbig

Spirituell, intellektuell und mystisch

Die Bibel, heißt es heute, besteht aus einer ganzen Bibliothek von Büchern ohne innere Einheit. Verkannt wird, dass sie als kanonisches Buch der einen Kirche die eine Quelle der göttlichen Offenbarung bezeugt, die der eine Christus (Logos) in Person ist. In ihm, sagt der Kolosserbrief (2,3), „sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen“. Die Beiträge dieser Seiten wollen etwas von diesen verborgenen Schätzen der göttlichen Weisheit zugänglich machen.

Weisheit ist Wissen um den Sinn des Ganzen, des umfassenden Kosmos oder des eigenen Lebens. Die heutige Wissenschaft kann diese Sinn-Frage nicht beantworten (eine „Sinnwissenschaft“ gibt es nicht). Anders „die göttliche Weisheit“, die in der Liebe das Geheimnis, den Schlüssel aller Dinge findet. In der vollkommenen Liebeshingabe Christi offenbart sich das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, denn darin ist alles zusammengefasst.

Recht verstanden wird die göttliche Wahrheit der Offenbarung nur im Verbund von drei der sieben Geistes-Gaben erfasst, wenn diese sich selbst dialektisch verstehen, nämlich „Frömmigkeit“ (Spiritualität), „Wissenschaft“ (Intellektualität) und „Weisheit“ (Mystik), wie Jesaja 11,2 (Septuaginta, Vulgata) zeigt.

 

Das Ziel: Die ‚Vergöttlichung’ von Mensch und Kosmos

Christus will mit seiner Passion die Gläubigen über das Wandelbare des Irdischen hinaus zur himmlischen Herrlichkeit des Schöpfers führen und ihnen im ‚Vorauskosten’ schon jetzt Anteil geben an seiner göttlichen Natur (2 Petr 1,4) und damit an der ‚Vergöttlichung’ (Theosis). Deshalb hat im Glauben das Prinzip der Einheit Vorrang vor dem Prinzip der Zweiheit und Vielheit, wie es für das Wissen grundlegend ist, und deshalb ist die biblische und theologische Weisheit etwas anderes als die theologische Wissenschaft.

Papst Franziskus spricht in seiner Umwelt-Enzyklika Laudato si’ (63) von der religiösen „Form der Weisheit … mit ihrer eigenen Sprache“, die zum Aufbau einer ganzheitlichen Ökologie unverzichtbar ist. In seinem Buch Die Weisheit der Mönche (2017) verbindet der Papst die Weisheit mit dem Kreuz Christi als „spes unica, unsere einzige Hoffnung“, und als Baum des Lebens (117-124: Das Kreuz des Herrn, 117 und 121). Ausführlich zitiert wird der byzantinische Abt Theodor Studites (759–826):

„Im Holze des Kreuzes mischen sich nicht Gut und Böse wie im Holze Edens, vielmehr ist es durch und durch köstlich und schön anzusehen. Dieser Baum spendet Leben statt Tod und Licht statt Finsternis. Er vertreibt uns nicht aus Eden, sondern ruft uns hinein. Dieses Holz, das Christus bestieg wie ein König sein Viergespann, es vernichtet den Teufel, der die Macht über den Tod hatte, und befreit die Menschheit aus der Knechtschaft des Tyrannen. (…) Die gleichsam aus dem Kreuz heraus blühende Weisheit, die über aller Weisheit steht, hat die Prahlerei und den Hochmut der weltlichen Weisheit als Torheit offenbart“ (121f; vgl. 37; 53; 114f; „Vorbote dieses Holzes“ ist u. a. das Holz der Arche, 122).

 

„Unsere Zeit braucht mehr als vergangene Jahrhunderte die Weisheit“

Wie für die Kirche ist die Weisheit auch für die Theologie unverzichtbar; ist diese doch als Rede von Gott, wie Walter Kasper erklärt, „nicht nur Wissenschaft, sondern auch Weisheit. Die Weisheit beurteilt und ordnet alles von einer höheren Warte aus. Sie betrachtet das Zeitliche im Licht des Ewigen, das Irdische im Licht des Göttlichen.“ Kasper verweist auf die Konzilskonstitution über die Kirche in der Welt von heute „Freude und Hoffnung“ (Gaudium et spes 15): „Unsere Zeit braucht mehr als die vergangenen Jahrhunderte diese Weisheit, damit humaner wird, was Neues vom Menschen entdeckt wird. Es gerät nämlich das künftige Geschick der Welt in Gefahr, wenn nicht weisere Menschen entstehen“ (Theologie und Heiligkeit, in: ders. [Hg.], Sie suchten die Wahrheit. Heilige Theologen, Mainz 1985, 7-16).

Die Weisheit ist biblisch die Fähigkeit, Geist und Natur oder auch Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft zu versöhnen. Der Philosoph und Kardinal Nikolaus von Kues (1401–1464) sagt in seinem Werk „Über die Gottsuche“: „Unser Geist (noster spiritus intellectualis) hat die Natur des Feuers (virtutem ignis) in sich. Er ist zu keinem andern Zweck von Gott auf diese Erde gesetzt, als um zu brennen und zu einer Flamme anzuwachsen. Er wächst, wenn er durch Staunen angeregt wird. Bei der Betrachtung der Werke Gottes staunen wir über die ewige Weisheit.“ Philo-Sophie ist die „Liebe zur Weisheit“.

Dabei ist zu beachten: „Die mit Abstand wichtigste Entdeckung des Menschen war die Technik, Feuer zu bändigen. …weniger Zeit und Energie wurde auf die Verdauung verwendet, dafür stand mehr Energie für das Wachstum unserer Hirne zur Verfügung“ (Alexander von Schönburg, Weltgeschichte to go, 160). Die Feuerbändigung war aber nur möglich, weil der Mensch als Geistwesen selbst das göttliche Feuer in sich trägt.

 

Zum Verhältnis von Glaube und Vernunft (Wissen)

Die Weisheit ist biblisch die Fähigkeit, Geist und Natur oder auch Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft zu versöhnen. Die zwei Seiten der Schöpfung, Geist und Materie, sowie die darauf bezogenen zwei Denkwelten, Glaube und Vernunft (Wissen), ‚hochzeitlich’ zu verbinden und miteinander ins Gespräch zu bringen, ist biblisch gerade das Werk der Weisheit (vgl. Weish 7,17-21; Kol 1,20; 2,3). Diese bezieht dazu wesentlich auch die ‚ästhetischen’ Glaubenszeugnisse ein, zuerst die der poetisch-musischen Sprache von Bibel und Liturgie, dann aber auch die der christlichen Kunst und Mystik. Dabei bleibt zu beachten, was der Theologe Ludwig Weimer so zusammenfasst:

„Die Teilnahme an der göttlichen Weisheit setzt die Erlösung von der Erbsünde als Wunder des Tausches zwischen Gott und Mensch im Geheimnis des Kreuzes voraus. Das Mittlertum des Mittlers Jesus ist Sünde-Sühne und nicht neutrale Krönung der Schöpfung. Es bedurfte der Arznei gegen die Erbsünde unserer Schlangen-Klugheit. Im Skandal des Kreuzes zeigt sich, wie wenig die Frommen die Gabe ‚finden’ würden, wenn es auf sie allein ankäme. Die Christologie bekennt: Jesus gibt als die Brücke in Person diese Gabe“ (Weisheit als Gabe des Heiligen Geistes. Ein Beitrag zum Problem des Handelns Gottes in der Welt. in: Walter Baier u. a. [Hg.], Weisheit Gottes – Weisheit der Welt, Bd. II, 1245-1278, 1267f).

An anderer Stelle schreibt Weimer zum Verhältnis von Glaube und Vernunft beziehungsweise Wissen: „Es gibt nur eine Welt und nur einen wahren Blick auf sie; die Welt wäre auch lesbar als das erste Buch Gottes, aber der Mensch im Notstand der Sünde muss sich den Blick dafür erst befreien lassen. So kommt es zur Definition, er müsse (wieder) wie Gott sehen lernen. Kosmische Ordnung und Thora sind eins; Wissen und Glauben sind eins, weil es nur eine Wahrheit gibt; aber sie müssen erst eins werden“ (1257).

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