Impulse zu den Bildwelten der Bibel

Warum offenbart sich an Pfingsten Gott als drei-einig?

Bild: Während in der Westkirche der Sonntag nach Pfingsten als Dreifaltigkeitssonntag begangen wird, feiert die orthodoxe Kirche Pfingsten (in diesem Jahr am 7. Juni) als Offenbarung der heiligen Trinität, den zweiten Pfingsttag als „Fest des Heiligen Geistes. Das ist praktisch der einzige spezielle Tag für die dritte göttliche Person und bedeutet gewissermaßen eine Ausdehnung von Pfingsten“ (Marie-Louise Gubler). Als Vorwegnahme von Pfingsten versteht sie „Mariä Verkündigung“ als Fleischwerdung des Logos durch die Sendung des Vaters im geisterfüllten Schoß der Jungfrau Maria als Braut des Geistes und Urbild der Kirche – Wissmar, Nikolaikirche (Krämeraltar, li. Bild).


„Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8). Liebe, hebr. Ahawah, 1-5-2-5, hat den Zahlenwert 13 (vgl. 13 Uhr = 1 Uhr) wie hebr. echad (einer), 1-8-4: Liebe lässt eine Mehrzahl von Personen eins werden. 2 x 13 ist die Zahl des Gottesnamens JHWH (10-5-6-5): „Bemerkenswerterweise entspricht der Zahlenwert des Tetragramms (JHWH = 26) dem doppelten Zahlenwert von ‚Liebe‘ (Ahawa = 13). JHWH enthält also zwei Mal Ahawa, zwei Mal Liebe – die Liebe zu Gott und zum Menschen. Der Name Gottes wird sozusagen in die Welt gebracht, wenn wir Menschen die zweifache Liebe verwirklichen“ (Gabriel Strenger, Die Kunst des Betens, 22). Gottes- und Nächstenliebe sind der Sinn der zweimal fünf Gebote auf den zwei Tafeln des Gesetzes: 5 + 5 = 10 (≈ 1). Das wiederum ist der Sinn der Vier Buchstaben des Namens (10 = 5 + 5): „Gott erscheint hier mit diesen beiden 5, in der Erwartung, dass unsere Suche nach Liebe diese beiden Seiten verbinden werde“ (Friedrich Weinreb, Das jüdische Passahmahl, 158). Symbol für Gott ist auch Aleph (= Eins): 1-30-80 = 111: die Eins in allen drei Ebenen, was sich auch trinitarisch verstehen lässt: Vater (1), Sohn (10) und Geist (100). Jesu Bergpredigt, der erste Zyklus von fünf großen Redezyklen bei Matthäus (5,1 – 7,29), hat 111 Verse. Darin heißt es, die Menschen sollen „vollkommen“ sein wie Gott, um so „Söhne eures Vaters im Himmel“ zu werden, der „seine Sonne aufgehen (lässt) über Bösen und Guten, und der regnen lässt über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45-48). Weil er wesenhaft liebt, kann der drei-eine Gott nicht nicht lieben. Die Vollendung der von ihm aus Liebe für das Einswerden in der Liebe erschaffenen und erlösten Welt kann nur in der vollkommenen Teilhabe an seiner drei-einigen Liebesgemeinschaft bestehen. Das biblische Bild dafür ist die ‚Hochzeit’ und der ‚Bund’ zwischen dem Schöpfer und seiner geliebten Welt als Braut (Joh 3,16.29). Diesen Brautcharakter aber hat sie mit der „Sünde der Welt“ (Joh 1,29) verloren. Erst durch Jesu Liebeshingabe am Kreuz als „Lamm Gottes“ gewinnt sie im vergossenen „Blut des Bundes“ (Mt 26,28) und ausgehauchten Geist der Liebe (Joh 19,30; 20,22f) diesen Brautcharakter zurück – in Gestalt der universalen Kirche als Volk Gottes, Leib Christi, Tempel des Hl. Geistes.

 

 

 

Wozu erbaut der Heilige Geist die heilige Kirche?

Bild: Jesus ist durch seinen Kreuzestod der von den „Bauleuten“ (Thoragelehrten) verworfene Grundstein/ Eckstein (Ps 118,22; Apg 4,11; 1 Petr 2,7) für die Kirche als neues Bauwerk des Geistes geworden; durch die Taufe gehören ihm Juden und Heiden an: „Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem hl. Tempel im Herrn“ (Eph 2,19). Der Geist erneuert „das Antlitz der Erde“ (Ps 104,30) in der Kirche – Präsentation des Bauplans für den Sakralbau der Wallfahrtskirche Birnau (Bodensee).


In den ersten zwei Jahrzehnten des 21. Jh.s wurden in Deutschland weit über 500 katholische Kirchen profaniert, kaum 50 wurden neu gebaut. Die Stuttgarter Kirchengemeinde St. Maria lud 2017 Menschen aus der Stadt ein, zu bestimmen, was mit der Kirche geschehen solle – nach dem Slogan: „Wir haben eine Kirche – haben Sie eine Idee?“ Ideen wie Picknick, Tanzen, Biertrinken, Trampolinspringen, DJ-Workshops, Theaterspielen oder eine Kleiderkammer für Bedürftige wurden in der noch nicht profanierten Kirche umgesetzt. Anglikanische Kirchen in England installierten zur selben Zeit Mini-Golf-Anlagen oder Jahrmarkt-Rutschen, um sich attraktiver zu machen. Das Bewusstsein, dass Kirchen Sakralbauten sind und sein müssen, ist durch eine falsche Theologie weithin verloren gegangen. Schon der eine Tempel in Jerusalem, das größte sakrale Bauwerk der Antike, war die Wohnstätte JHWHs. Vorbild waren die heidnischen Tempel als „Gotteshäuser“, die dann ‚vollkommen’ erbaut waren, wenn es der jeweiligen Gottheit gefiel, darin zu ‚wohnen’: mit ihrer Gegenwart anwesend zu sein. Für den biblischen Eingottglauben ist der Gedanke der Einheit und davon abgeleitet der Heiligkeit entscheidend: Der (drei-)eine Gott kann mit der Gegenwart seines überweltlichen heiligen Seins nur anwesend sein in dem einen, geheiligten priesterlichen Volk (Ex 19,5f; 1 Petr 2,9), wofür das äußere Bauwerk aus Stein Sinnbild ist. Denn „der Höchste wohnt nicht in dem, was von Menschenhand gemacht ist“ (Aph 7,48; Jes 66,1f). Aber er wohnt in dem, was er selbst gemacht hat: in der Schöpfung als Paradies, als heiliger Ort seiner Gegenwart und ehrfurchtgebietendes „Haus Gottes“ (Gen 2; 28,17). Von daher ‚wohnt’ er dann auch in den Gläubigen als „lebendigen Steinen“ des Geistes (1 Petr 2,5; Joh 14,23; Eph 3,17). Die so genannten Reformatoren (der Kirche), vor allem Johannes Calvin (1509–1564), haben hingegen die Kirchengebäude als profane Bauwerke betrachtet, nicht als Sakralbauten. Die Altäre wurden entfernt oder zu bloßen ‚Tischen’ entsakralisiert; die Eucharistie verlor ihre sakrale Opfergestalt und wurde zur bloßen ‚(Tisch-)Mahlzeit’ oder zum ‚Gedächtnismahl’. Gottes Geist ist aber das „lebendige Gedächtnis“ der Kirche (KKK 1099), der in der (vertikalen) Er-innerung an den himmlischen Vater „alle Heiligung vollendet“.

 

 

Wie  lässt der Heilige Geist die Großtaten Gottes verstehen?

Bild: Jakobs Traum von der Himmelsleiter verbindet wieder Himmel und Erde (Gen 28,11-22). Der Traum hat mit der Gottesoffenbarung an Mose auf dem Sinai zu tun; denn die Worte ‚Leiter’, hebr. sulam, 60-30-40, und Sinai, 60-10-50-10, haben beide denselben Zahlenwert 130 (≈ 13), so wie der Buchstabe Ajin, 70-10-50, der ‚Quelle’ und ‚Auge’ bedeutet. Nach dem Sündenfall schließt sich das innere Auge, dgesehen wird nur noch das Äußere, der Buchstabe; mit dem Heiligen Geist öffnet sich das innere (kontemplative) Auge wieder. Beim Turmbau zu „Babel“ (= Verwirrung), bei dem die Ziegel gebrannt, die äußere Materie hart gemacht werden, um den Himmel äußerlich zu erobern (Gen 11,1-9) – Endpunkt des Sündenfalls – , wird die eine Sprache verwirrt; an Pfingsten wird durch den Geist die wahre Verbindung von Himmel und Erde wieder hergestellt (Apg 2,5-13). Gen 11,1-9 ist daher liturgische Lesung am Vorabend des Pfingstfestes – M. Chagall (1977), Vatik. Museen.


Mit der pfingstlichen Ausgießung des Heiligen Geistes in Fülle „über alles Fleisch“ werden die Menschen wieder zu „Propheten“, die „Visionen“ und „Träume“ haben (Apg 2,17f). „Durch die Propheten“ hat Gott im Heiligen Geist „viele Male und auf vielerlei Weise einst zu den Vätern“ gesprochen (Hebr 1,1). Jetzt spricht er durch den Sohn und wieder durch den Geist, der „euch alles lehren und euch an alles erinnern (wird), was ich (Jesus) euch gesagt habe“ (Joh 14,26). Auch die alttestamentlichen Propheten haben im Grunde nichts anderes gesagt als Mose, der Prophet schlechthin: „Niemals wieder ist in Israel ein Prophet wie Mose aufgetreten. Ihn hat der Herr Auge in Auge berufen. Keiner ist ihm vergleichbar, wegen all der Zeichen und Wunder, die er in Ägypten im Auftrag des Herrn am Pharao… getan hat“ (Dtn 34,10f). Mose empfängt an Pfingsten (hebr. Schawuot) die Thora, die „fünf Bücher Mose“, von Gott als heiligster Kern der Bibel. „Das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus“, den „eingeborenen Sohn, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht“ (Joh 1,17f). Jesus bringt keine neue Schrift, sondern das geistige Verständnis der vorhandenen Schrift, vor allem der Thora, wie die Emmaus-Jünger mit vom Geistfeuer entzündeten Herzen erfahren: „Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten (über mich) gesagt haben“ (Lk 24,25). „Wenn ihr Mose glauben würdet, müsstet ihr auch mir glauben; denn über mich hat er geschrieben“ (Joh 5,46). Dass Mose in der Thora über den Messias, sein Leiden, Kreuz und Auferstehen, geschrieben hat, lässt sich nur im Heiligen Geist erkennen: „Niemand kann sagen,  Jesus ist der Herr (griech. Kyrios = JHWH), außer im Heiligen Geist“ (1 Kor 12,3). Der Geist ent-deckt die ‚Seele’ hinter dem ‚Körper’ des Buchstabens: das Innere, den gemeinten göttlichen Sinn, die „Herrlichkeit“ in der ‚Erniedrigung’ des äußeren ‚toten’ Buchstabens (2 Kor 3,6-17). In Jesus wird die Bibel erst wahrhaft zum „fleischgewordenen“ Wort Gottes (Joh 1,14): zur Ansprache hier und heute. „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht wie beim Aufruhr“ (Hebr 3,7; Ps 95,7f). Vor allem der Psalter wurde als Gebet Jesu verstanden, aber auch als Gebet zu Jesus als Gott (vgl. Lk 24,44).

 

 

Wozu gibt der Schöpfergeist die sieben Geistesgaben?

Bild: In sieben Flammen kommt der Heilige Geist an Pfingsten als Fülle der Liebe herab: Seine sieben Gaben be-gaben und befähigen den Menschen mit den himmlischen Geisteskräften, die ein sinn- und gotterfülltes, heiliges Leben in der Welt ermöglichen. Mit diesen sieben Gaben wird nicht nur das rechte Menschsein erbaut, sondern auch die Welt recht geleitet „in Heiligkeit und Gerechtigkeit“ (Weish 9,3) – Sieben Flammen als sieben Gaben des Heiligen Geistes in der kath. Abteikirche in Adare, Irland.

 


Auf dem Messias ruht Gottes Geist der Weisheit und der Einsicht, des Rates und der Stärke, der Erkenntnis und der Furcht des Herrn“ (Jes 11,2; vgl. Lk 4,18). Durch Einbezug der Dublette („Frömmigkeit“, lat. pietas) wurden die sechs zu sieben erweitert (LXX). Ihr Sinn ergibt sich aus ihrem Gegensatz, den sieben Hauptsünden, und ihren Querbezügen zu anderen Siebenerreihen wie den sieben Haupttugenden und den sieben Bitten des Vaterunsers. Die Tradition beginnt mit der letzten Gabe Gottesfurcht als der ersten am Beginn des geistigen Aufstiegs. Ihr Gegensatz ist der Hochmut; sie erwirkt die Tugend von Zucht und Maß und entspricht der Bitte „geheiligt werde dein Name“. Die 2. Gabe der Frömmigkeit steht im Gegensatz zur Hauptsünde des Neids, sie erwirkt die Tugend der Gerechtigkeit und entspricht der Bitte „dein Reich komme“. Die 3. Gabe der Erkenntnis (lat. scientia: Wissenschaft) hat zum Gegensatz den Zorn, erwirkt die Klugheit und entspricht der Bitte „dein Wille geschehe“. Die 4. Gabe der Stärke steht gegen die Herzensträgheit (griech. acedia) oder den (geistigen) Überdruss, erwirkt die Tapferkeit und entspricht der Bitte „unser tägliches Brot gib uns heute“. Die 5. Gabe des Guten Rats (lat. consilium) steht gegen die Habsucht, erwirkt die Hoffnung und entspricht der Bitte „vergib uns unsere Schuld“. Die 6. Gabe des Verstandes (lat. intellectus) steht gegen die Unmäßigkeit, erwirkt den Glauben und entspricht der Bitte „und führe uns nicht in Versuchung“. Die 7. Gabe der Weisheit (griech. sophia) steht gegen die Unkeuschheit, sie „gebiert eine Blindheit des Geistes, die nahezu völlig die Güter des Geistes ausschließt“ (Th. von Aquin). Die Weisheit hingegen erwirkt die Liebe und entspricht der Bitte „erlöse uns vom Bösen“ (der falschen, niedrigen Weisheit der Selbstsucht). Die 1. und die 4., die 2. und die 5. sowie die 3. und die 6. Gabe gehören zusammen wie bei den sechs Schöpfungstagen. Die 7. Gabe und Tugend der Liebe bildet wie der Sabbat (7. Tag) die Mitte des von der Weisheit gebauten Gotteshauses auf Erden mit den „sieben Säulen“ (Spr 9,1); ist sie doch „Mitte und Quell rechten Menschseins“ (Jörg Splett, Zur Antwort berufen, 107).

 

Unterliegt die an Pfingsten vom Geist gegründete Kirche der Zeit?

Bild: Mose empfängt an Pfingsten, dem „50. Tag“, die zwei Tafeln des Gesetzes mit 5 + 5 Geboten analog zum Gottesnamen JHWH = 10-5-6-5: 10 = 5 + 5 (Gottes- + Nächstenliebe): „Gottes Schrift“ (Ex 32,16) gibt eine feststehende Struktur. Das ‚Eingravieren’ (hebr. charuth) der 620 Buchstaben ist zu lesen als ‚cheruth’, Freiheit: Trotz festliegender Struktur muss der Weg frei sein; die Zahl 620 bedeutet ‚kether’, 20-400-200, ‚Krone’, womit der Schöpfer als ‚König’ gemeint ist: „Meine feste Struktur ist die Krone des … heiligen Königs, des Königs der Könige, des Vaters, des Herrschers, des Schöpfers aller Dinge. Nicht der fremde Schöpfer, sondern der Schöpfer, dessen Kind du bist“ (Friedrich Weinreb) – Chagall Museum Nizza.


Im Zusammenhang mit den Forderungen nach „Strukturreformen“ in der katholischen Kirche (Priesterinnenweihe, Abschaffung des Priesterzölibats…) wird behauptet, alles in der Kirche sei veränderlich, auch ihre Dogmen und Glaubensinhalte. Wer von „ewigen Wahrheiten“ schwadroniere, gleite in eine Ideologie der „Geschichtsenthobenheit“ ab (so die Tübinger Dogmatikerin Johanna Rahner, Online-Tagung der Kath. Akademie Freiburg am 26. Mai 2020). Es sei zu unterscheiden zwischen zeitlich bedingter Ausdrucksform und dem beabsichtigten Sinn. Ist dieser Sinn dann ewig? Auf den antiken römischen Dichter Ovid geht das Wort zurück: „Tempora mutantur, nos et mutamur in illis“ (Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen). Das kosmische Sinnbild des Prinzips des ständigen Werdens und Vergehens in der Zeit ist Luna, weil diese sich in ihrem Erscheinungsbild ständig wandelt. Dem steht das Prinzip des Unveränderlichen und Ewigen gegenüber im kosmischen Sinnbild der Sonne. In Psalm 19,6 wird (lat.) Sol verglichen mit einem „Bräutigam“, der zum Beginn seines Jahreslaufs (in der Frühlings-Tagundnachtgleiche) „frohlockt wie ein Held“. Mit ihm wird das „Gesetz (Weisung) des Herrn“ verglichen, das „vollkommen“ und „verlässlich“ ist. Jesus verlangt von seinen Jüngern, dass sie „vollkommen“ sein sollen „wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48). Der ewige Sohn kann sagen: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Mt 24,35; vgl. 5,18); denn er hat „Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,69). Ist er doch „derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,8). Die Kirche als sein „Leib“ hat an dieser Ewigkeit Anteil: Die irdische und die himmlische Kirche, so das II. Vatikanum, „sind nicht als zwei verschiedene Größen zu betrachten, sondern bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus göttlichen und menschlichen Elementen zusammenwächst“ (LG 8). „Die Kirche steht in der Geschichte, gleichzeitig aber auch über ihr“ (Weltkatechismus Nr. 770) – wie die himmlische Frau auf der Mondsichel steht (Offb 12,1). So gehört „die Kirche wesentlich überhaupt nicht der Zeit“ (Romano Guardini).

 

Warum fährt Jesus 40 Tage nach Ostern zum Himmel auf?

Bild: Nach seinem Leiden erscheint Jesus „vierzig Tage hindurch“ den Jüngern und spricht zu ihnen „vom Reich Gottes“. Sie sollen den Heiligen Geist empfangen, um so „meine Zeugen (zu) sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“. Eine „Wolke“ – das Symbol des Übergangs zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt – entzieht Jesus ihren Blicken; zwei „Männer in weißen Gewändern“ (Engel) verbinden die Himmelfahrt Christi mit seiner Wiederkunft am Ende der Zeit (Apg 1,3f.8-11) – Himmelfahrts-Ikone, Kloster Odigitrias Sivas, Südkreta; im Zentrum der unteren Bildhälfte repräsentiert Maria die Gesamtkirche, die Erde und die ganze (erlöste) Schöpfung.

 


Das Hochfest „Christi Himmelfahrt“ unterteilt die 50-tägige Osterfestzeit in 40 und 10 Tage analog zu 4 und 1. Die Zahlen 4, 40 und 400 stehen für das Irdische, die mannigfaltige materielle Erscheinungswelt, die Zahlen 1, 10 und 100 für das Himmlische, die geistige Welt der Einheit in Gott. Die Verbindung beider Welten oder von Himmel und Erde geschieht im „Bund“, in dem Gott Himmel und Erde erschaffen hat (Gen 1,1): Hebr. Bereschith (im Anfang) wird gelesen als Berith-esch: Bund des Feuers. Christi Himmelfahrt stellt auf kosmischer Ebene den im Sündenfall gebrochenen Bund zwischen Erde (4) und Himmel (1), Materie und Geist, Wasser und Feuer, Leib und Seele wieder her. Im Alten Bund gibt es die Himmelfahrt des Propheten Elija, dessen Worte wie „ein flammender Ofen“ sind (Sir 48,1), auf dem „Feuerwagen“ (2 Kön 2,11). „So gleicht der auffahrende Elias auf frühchristlichen Darstellungen dem Helios auf dem Sonnenwagen“ (Günter Spitzung, Lexikon byzantinisch-christlicher Symbole, 90). Im Neuen Testament erscheint der Täufer Johannes als Elija redivivus (vgl. Mt 11,14; 17,12f; Lk 1,17). Der auferstandene und verklärte Jesus vereint Gesetz und Propheten, Mose und Elija: „Er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne“ (Mt 17,2-5). Denn in Jesus „muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich gesagt ist“ (Lk 24,44). Die 150 Psalmen (10 x 15) stehen für den dritten Teil der hebräischen Bibel (Ketubim). Im Heiligen Geist wird die ganze Bibel auf Jesus hin gelesen, wobei der Psalter Davids, der als Ankündigung Christi verstanden wurde, als Zusammenfassung der Schrift galt, aber auch als Gebet Christi und als Gebet der Kirche zu Christus (als Herr/Kyrios bzw. Gott). Am Kreuz betet Jesus den Psalm 22 (Mt, Mk) und 31 (Lk). Durch die Verbindung von Apg 1,11 (Jesus „wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen“) mit Psalm 68,34 („der dahinfährt über den Himmel gen Osten“, hebr. Kedem: Frühestes, Ursprung) wird Jesu Wiederkunft vom Osten her erwartet: als ewig aufgehende „Sonne der Gerechtigkeit“ (Mal 3,26) der neuen Schöpfung.

 

 

Warum sendet der Vater vom Himmel den Heiligen Geist?

Bild: Christi „Himmelfahrt“ wird gern in der Form der Mandel (Mandorla) dargestellt, denn der Madelbaum blüht als erster noch im Winter und ist deshalb ein Symbol der Auferstehung. Der siebenarmige Leuchter hat auf dem Schaft „vier mandelförmige Kelche, Knospen und Blüten“; „Knospen und Arme sollen ein Ganzes mit dem Schaft bilden“ (Ex 25,34.36). Der Leuchter (Menorah = Lichtträger) symbolisiert auch das Kreuz als Mittelstamm zwischen Sonne und Mond, die in ihrer männlich-weiblichen Polarität stellvertretend für alle sieben ‚Planeten’ stehen; im Mittelstamm ist die Polarität eins – Vatikanische Museen.

Das Hochfest „Christi Himmelfahrt“ wird heute gern als „Vatertag“ gefeiert, was in einem tieferen Verständnis auch zutrifft. Denn „Himmelfahrt“ ist der Tag des himmlischen Vaters, der seinen Sohn gesandt hat und in seinem Namen den Heiligen Geist sendet: „Ich (Jesus) werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch. (…) Der Beistand (griech. Parakletos = der Herbeigerufene) aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich gesagt habe“ (Joh 14,18.26). Erinnern wird er vor allem daran, dass Jesus der Sohn Gottes ist und die in seinem Namen Geheiligten „Kinder Gottes“ sind, die einen Vater im Himmel haben. Er-innern (hebr. sachor) ist im Hebräischen dasselbe Wort wie „männlich“ (sachar). Das „Männliche“ ist in der Bibel der innerste geistige (himmlische) „Kern“ des Menschen, während das „Weibliche“ die äußere, sichtbare „Umhüllung“ meint: das irdische „Fleisch“. Vor der Sintflut werden den Menschen nur noch „Töchter“ geboren (Gen 6,1); denn sie konnten sich nicht mehr an ihren himmlischen Ursprung und Vater er-innern in der Kraft der  Vergegenwärtigung des Geistes, der bei Noah als weiße Taube zum Ursprung zurückkehrt (Gen 8,8-12; vgl. Mt 3,16). Im Maße, wie die Menschen nur noch (sterbliches) „Fleisch“ sind, leben sie „verdorben“ und „gewalttätig“ auf der Erde, was das Strafgericht der „Sintflut“ zur Folge hat; denn Gottes Geist war nicht mehr dauerhaft in ihnen (Gen 6,3.12f). Papst Franziskus predigte (in der Morgenmesse am 17. Mai 2020), die heutige Gesellschaft sei geprägt vom Fehlen des Vaters: „Eine der Folgen des Gefühls der Verwaisung ist die Beleidigung, die zu Kriegen führt, denn wenn es keinen Vater gibt, gibt es auch keine Geschwister.“ Die Menschen könnten nur „im Bewusstsein als Kinder, die keine Waisen sind, in Frieden miteinander leben“; Kriege, „ob klein oder groß“, hätten immer eine Dimension der Verwaisung. „Wo der Vater fehlt, da fehlt etwas, um Frieden zu schaffen“. „Der Heilige Geist wird vom Vater gesandt, um an den [himmlischen] Vater zu erinnern und den Zugang zum [himmlischen] Vater zu lehren.“

Warum erhalten Adam und Eva Tierfelle als Kleidung?

 

Bild: Die Symbolik des Kleides (= Körpers) zieht sich durch die Bibel vom Anfang bis zum Ende. In der Taufe als Mitsterben und Mitauferstehen mit Jesus erhalten die Täuflinge ein weißes Kleid als Teilhabe an dem „einen“ Christus in dem „einen“ neuen Leib der Auferstehung (Gal 3,28; Eph 4,4). In der Eucharistie werden alle Empfänger des Sakraments im Glauben der eine mystische Leib Christi, die Kirche. Ihr Vorausbild ist die erste Eva im Paradies (vgl. 2 Kor 11,2) noch im „Urstand“ der Heiligkeit und Gerechtigkeit und damit auch der göttlichen Ur-Schönheit – Christus als Schöpfer zieht Eva nach dem Fall das Fell eines sterblichen Tieres über die Ohren, Relief am Eingangsportal des Ulmer Münsters.

Evolutionsbiologisch gibt es dafür, dass der Mensch im Vergleich zum behaarten Tier nackt ist, keine stimmige Erklärung. Ein Vorteil besteht lediglich in der besseren Transpiration und so Ausdauer beim Erjagen von Beutetieren. Dem stehen die Nachteile des Frierens und der dauernden Sorge um angemessene und passende Kleidung gegenüber. Im Paradies ist das erste Menschenpaar „nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander“ (Gen 2,25). Die Scham kommt erst mit dem Sündenfall und dem Aufgehen der (irdischen) Augen (3,7). Schurze aus Feigenblättern sollen ihre Nacktheit vor sich und Gott verbergen (3,7-11). Nach der Ansage der Strafen für das Übertreten des Verbots macht ihnen Gott „Röcke aus Fellen und bekleidete sie damit“ (3,21). Darin drückt sich nicht die Vatersorge für seine nun nackten Kinder aus, sondern der Verlust der Gottähnlichkeit, die jetzt zur Tierähnlichkeit und damit Sterblichkeit geworden ist. Gottähnlich war der Mensch, solange er noch nicht von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse gegessen hat: dem Baum der Zweiheit (Vielheit) im Gegenüber zum Baum des (ewigen) Lebens, das heißt der Einheit mit Gott und untereinander (Gen 2,9). Das haarige Fell (hebr. or, 70-6-200) symbolisiert die Vielheit (ein paar Zentimeter eines Biberfells hat eine Million Haare); die mit dem Licht (hebr. or, 1-6-200) der herrlichen Gnade bekleidete Nacktheit symbolisiert die Einheit. Im österlichen Sieg über Sünde, Tod und Teufel am Kreuz hat der seiner Kleider ‚beraubte’ Jesus (Joh 19,23f) das ursprüngliche ‚Kleid’ erworben, nach dem sich Paulus sehnt: „Im gegenwärtigen Zustand seufzen wir uns sehnen uns danach, mit dem himmlischen Haus überkleidet zu werden. So bekleidet, werden wir nicht nackt erscheinen. Solange wir nämlich in diesem Zelt [= Körper] leben, seufzen wir unter schwerem Druck, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit so das Sterbliche vom Leben verschlungen werde“ (2 Kor 5,2-4). Jesu Sieg über den Tod hat ein ‚neues Kleid’ erschaffen: seinen himmlischen, verklärten Lichtleib der Auferstehung (1 Kor 15,45-54). Gesät wird ein schwacher Leib in Verweslichkeit gleichsam als „nacktes Samenkorn“, auferweckt wird ein unsterblicher, pneumatischer (geistiger) Leib in Herrlichkeit (1 Kor 15,37.42ff).

Warum sendet erst der tote Jesus den Geist des Lebens?

 

Bild: Im Alten Testament bildet die Gestalt der Weisheit die Matrix für den Bau der Welt in Einheit mit dem Schöpfer. Unter der Herrschaft von Sünde, Tod und Teufel ist die gute Schöpfung ‚verdorben’; mit Jesu Ostersieg ist die Schöpfung „von der Verderbnis der Sünde und des Todes befreit“ (Eucharistisches Hochgebet), allerdings erst in den lebendig Hoffenden, Glaubenden und Liebenden, das heißt in der Kirche als „Reich Gottes im Mysterium“ (Lumen gentium 3) – Ikone der heiligen Weisheit (griech. Sophia) als Mutter von Hoffnung (elpis), Glaube (pistis) und Liebe (agape); Moni, Kreta.

Jesus sagt seinen Jüngern: „Es ist gut für euch, dass ich fortgehe (= sterbe). Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden“ (Joh 16,7). Dieser lebenschaffende Geist kommt mit der Erlösung am Kreuz, indem er ‚überliefert’ wird im Aushauchen von Jesu irdischem Leben (Joh 19,30); und er kommt zusammen mit „Blut“ und „Wasser“, der Materie der beiden Hauptsakramente Eucharistie und Taufe, aus dem bleibend geöffneten durchbohrten Herzen Jesu (19,34). Denn: „Drei sind es, die Zeugnis ablegen: der Geist, das Wasser und das Blut; und diese drei sind eins“ (1 Joh 5,7f). Diese drei bezeugen in Wahrheit, dass Jesus als der Sohn Gottes „durch Wasser und im Blut gekommen ist“ (V.6). Taufe und Eucharistie bilden zusammen mit der Firmung (Stärkung) die drei christlichen Sakramente der Initiation: der Einweihung ins österliche Leben. Den drei Zeichen Taufe, Eucharistie und Firmung entsprechen die drei übernatürlichen Geist-Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung für das ewige Leben in der Liebesgemeinschaft des drei-einen Gottes. Der Glaube wiederum ist es, „der die Welt besiegt hat… Wer sonst besiegt die Welt, außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist“ (1 Joh 5,4). Glaube ist Erfülltsein vom Heiligen Geist, dieser klärt auf über die „Sünde (der Welt), Gerechtigkeit und Gericht“: „Sünde: dass sie nicht an mich glauben; Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht; Gericht: dass der Herrscher dieser Welt gerichtet ist“ (16,8-11). Der ‚Herrscher dieser Welt’ ist Jesu eigentlicher Gegenspieler: der Teufel (1 Joh 3,8). Er fordert von Jesus als Beweis seiner Gottessohnschaft die Verwandlung von Steinen zu Brot; doch der Mensch „lebt nicht nur vom Brot, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt“ (Mt 4,4; Dtn 8,3; Weish 16,12.26). Gottes lebendig machendes Wort ist das wahre Lebensprinzip des Menschen; ihm gilt der Glaube. Dabei geschehen Jesu Passion und Tod am Kreuz „für unsere Sünden … gemäß der Schrift“ und seine Auferweckung von den Toten „am dritten Tag … gemäß der Schrift“ (1 Kor 15,3f). Jesu Kampf mit dem Teufel ist auch Kampf um das rechte Verständnis der Hl. Schrift mit den „Schriftgelehrten“: damals und heute.