Impulse zu den Bildwelten der Bibel

Warum erhalten Adam und Eva von Gott Tierfelle als Kleidung?

Bild: Die Symbolik des Kleides (= Körpers) zieht sich durch die Bibel vom Anfang bis zum Ende. In der Taufe als Mitsterben und Mitauferstehen mit Jesus erhalten die Täuflinge ein „weißes Kleid“ als Teilhabe an dem „einen“ Christus in dem „einen“ neuen Leib der Auferstehung (Gal 3,28; Eph 4,4). In der Eucharistie werden alle Empfänger des Sakraments im Glauben zu dem einen mystische Leib Christi, der Kirche. Ihr Vorausbild ist die erste Eva im Paradies (vgl. 2 Kor 11,29) noch im „Urstand“ der Heiligkeit und Gerechtigkeit und damit auch in der göttlichen Ur-Schönheit – Christus als Schöpfer zieht Eva nach dem Fall das Fell eines sterblichen Tieres über die Ohren, Relief am Eingangsportal des Ulmer Münsters.

 


Dafür, dass der Mensch im Vergleich zum behaarten Tier nackt ist, gibt es evolutionsbiologisch keine stimmige Erklärung. Ein Vorteil besteht lediglich darin, dass die bessere Transpiration die Ausdauer beim Erjagen von Beutetieren erleichtert. Dem stehen die Nachteile des Frierens und der dauernden Sorge um angemessene Kleidung gegenüber. Im Paradies ist das erste Menschenpaar „nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander“ (Gen 2,25). Die Scham kommt erst, als mit dem Sündenfall die zwei Augen aufgehen (3,7), das eine Oculus contemplationis sich aber schließt. Die Schurze aus Feigenblättern (3,7-11) verbergen die Nacktheit vor sich und vor Gott, das heißt die fehlende „Herrlichkeit“ der Unsterblichkeit, nicht. Auch die ihnen von Gott gemachten „Röcke aus Fellen“ bekleiden nicht wirklich (3,21). Drückt sich doch darin der Verlust der Gottähnlichkeit aus, die jetzt zur Tierähnlichkeit und Sterblichkeit geworden ist. Gottähnlich ist der Mensch als der Eine vor dem Genuss der Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse: dem Baum der Zweiheit (Vielheit) im Gegenüber zum Baum des (ewigen) Lebens (Gen 2,9). Das haarige Fell (hebr. or, 70-6-200) symbolisiert die Vielheit; die mit dem Licht (hebr. or, 1-6-200) der herrlichen Gnade bekleidete Nacktheit symbolisiert die Einheit. Im österlichen Sieg über Sünde, Tod und Teufel am Kreuz hat Jesus, der seiner Kleider ‚beraubt’ wird (Joh 19,23f), das ursprüngliche ‚Kleid’ wieder erworben, nach dem sich Paulus sehnt: „Im gegenwärtigen Zustand seufzen wir uns sehnen uns danach, mit dem himmlischen Haus überkleidet zu werden. So bekleidet, werden wir nicht nackt erscheinen. Solange wir nämlich in diesem Zelt [= Körper] leben, seufzen wir unter schwerem Druck, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit so das Sterbliche vom Leben verschlungen werde“ (2 Kor 5,2-4). Jesu Sieg über den Tod erschafft das ‚neue Kleid’ seines himmlischen Lichtleibes der Auferstehung (1 Kor 15,45-54). Gesät wird ein schwacher, verweslicher Leib als „nacktes Samenkorn“, auferweckt ein unsterblicher, pneumatischer Leib in Herrlichkeit (1 Kor 15,37.42-44).

 

 

 

Warum gibt es keine weiblichen Bischöfe?

Bild: Maria aus Magdala ist (nach Joh 20,11-18) die erste Zeugin der Auferstehung Jesu. Von daher wollen Frauen heute auch das Weihesakrament erhalten können, zumal Paulus in Röm 16,7 von der ‚Apostolin’ Junia spricht. Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands hat den alten Titel ihrer Zeitschrift „Frau und Mutter“ im Sept. 2020 entsprechend in „Junia“ umbenannt und gleichzeitig deren Aufnahme in den Heiligenkalender gefordert. Unklar bleibt, ob Junia nicht doch männlich Junias heißt – der Auferstandene erscheint als „Gärtner“ Maria Magdalena, diese symbolisiert die „Braut“ aus dem Hohelied der Liebe: Sylvesterkapelle (ausgemalt 1472) des Münsters Unserer Lieben Frau, Konstanz.

 


Die Gruppe der „zwölf“ von Jesus erwählten Apostel steht für das Haupt und Fundament der katholischen Kirche. Diese versteht sich von der Eucharistie her als eine sakramentale Kirche, in der es notwendig auch das Weihe-Sakrament (Ordo) gibt. Eph 2,20 sagt den Getauften: „Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst.“ Vom himmlischen Jerusalem als „Frau“ und „Braut“ des „Lammes Gottes“ (= Jesus) wird gesagt: „Die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine; auf ihnen stehen die Namen der zwölf Apostel des Lammes“ (Offb 21,14). Die Zwölf Apostel sind die Entsprechung des neutestamentlichen Gottesvolkes zu den zwölf Stämmen Israels, die auf die zwölf Tierkreiszeichen verweisen: Israel verkörpert als Bundesvolk die ‚Braut’ des Schöpfers (Jes 62,5; vgl. 61,11). Ebenso steht die Kirche stellvertretend für die ganze Schöpfung; auch sie soll von „das Sklaverei [der Sünde] und Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21). Bis zur endgültigen „Erlösung unseres Leibes“ (V.23) liegt die ganze Schöpfung „in Geburtswehen“ (V.22). Wie die Schöpfung somit weiblich ist und den Charakter der Ant-wort hat auf das ‚männliche’ Samen-Wort des Schöpfers (Logos), so sind auch Israel und die Kirche grundlegend weiblich. Das ‚Voraus’ des Schöpfers gegenüber seiner Schöpfung und Kirche repräsentieren die Apostel und in ihrer Nachfolge die Bischöfe (in Einheit mit dem Petrusdienst des Papstes) und die Priester als Bischofs-Mitarbeiter bei der Eucharistie als „Hochzeitsmahl des Lammes“ (Offb 19,9). Nach Paulus nennt ist ‚Apostel’ ein ‚Abgesandter’ der Gemeinde (2 Kor 8,33; Phil 2,25), er spricht aber auch von den zwölf ‚Uraposteln’ (1 Kor 12,28f; 15,5). Karl-Heinz Menke verweist auf den ‚hochzeitlichen’ Bund Gottes mit Israel und Christi mit der Kirche als Grund der Schöpfung: „Das Zueinander der Geschlechter ist deshalb kein austauschbares, sondern ein sakramentales Symbol.“ „In Gen 1–2 ist die Geschlechterdifferenz nicht Zufälliges, sondern Ausdruck des Schöpferwillens und deshalb eine sakramentale Wirklichkeit“ (Sakramentalität,³2018, 82).

 

 

Warum kommt Pontius Pilatus ins christliche Credo?

Bild: Der Statthalter Pontius Pilatus will Jesus wegen erwiesener Unschuld freilassen, lässt dann aber lieber den Mörder Bar-Abbas (Sohn des Vaters) frei, weil das Volk es so will (Mt 27,15-21.26). Er selbst will mit all dem nichts zu tun; er lässt sich daher Wasser bringen und wäscht sich vor allen Augen seine Hände in „Unschuld“ (Mt 27,24). Obwohl es gerade seine Aufgabe als Richter wäre, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterschieden, hält er sich lieber heraus  – aus einem Zyklus spätgotischer Fresken in der Kirche S. Maria della Misericordia, Ascona, Tessin (Schweiz).

 


„Gelitten unter Pontius Pilatus“ heißt es im Glaubensbekenntnis. Am Anfang und Ende des Lebens Jesu stehen Figuren der Zeitgeschichte. Herodes (73–4 v. Chr.) ließ wie der ägyptische Pharao die neugeborenen Knaben der Hebräer töten, um einen vermeintlichen Rivalen zu beseitigen (Mt 2,16; Ex 1,22). Der kaiserliche Statthalter in der Provinz Judäa, Pontius Pilatus (reg. 26–36), ließ Jesus auf Druck der jüdischen Autoritäten geißeln und kreuzigen. Jesus wird an Pilatus ‚überliefert’ (Mt 27,2), der ihn an die Soldaten überliefert. Zuvor hatte Judas Jesus an die jüdischen Autoritäten durch einen Kuss ‚verraten’ (Mt 26,48f), das heißt ‚überliefert’ (Verräter, lat. traditor). Das Johannesevangelium ‚überliefert’ einen Dialog zwischen Pilatus und Jesus, der sich als wahrer ‚König’ zu erkennen gibt: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme“ (Joh 18,37). Die Antwort des Pilatus „Was ist Wahrheit?“ (V.38) lässt diesen als Skeptiker, Agnostiker und Relativist erscheinen. Jesus hingegen offenbart sich als „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Wahrheit ist hebr. emeth, 1-40-400; lässt man die Eins/Alpeh weg, wird daraus meth oder meweth = Tod; lässt man bei Adam, 1-4-40, die Eins/Aleph weg, wird daraus dam = Blut. Eins/Aleph ist das Symbol Gottes als Quell des lebendig machenden Geistes der Wahrheit; die Zahlen 4,40,400 stehen für die Welt der Materie und des Todes. Der Mensch gehört der geistigen und der körperlichen Welt an und soll beide Welten verbinden, deshalb wird er am ‚sechsten’ Tag erschaffen: Der sechste hebr. Buchstabe Waw ist ein Haken I, der Oben und Unten, Himmel und Erde im ‚Bund’ verbindet. Pilatus sagt: „Seht, da ist der Mensch“ (Joh 19,5) und verurteilt Jesus am „Rüsttag des Paschafestes, ungefähr um die sechste Stunde“ (19,14), das heißt am (Kar-)Freitag (= sechster Tag) zum Tod am Kreuz. Dort verbindet der „erhöhte“ Jesus durch sein „Blut des Bundes“ (Mt 26,28) Himmel und Erde, 1 und 4 (Joh 12,32).

Warum offenbart sich die Jungfrau Maria vorwiegend Kindern?

Bild: Nach der sechsmaligen Marienerscheinung 1917 vor drei kleinen Hirtenkinder wurde Fatima zu einem der größten Wallfahrtsorte der Welt. Die Kinder begriffen nicht, was sie schauten und hörten, doch gerade so wurde ihnen eine himmlische Offenbarung zuteil. Nicht nur Papst Johannes Paul II. hat als großer Marienverehrer Fatima besucht, sondern auch sein Nachfolger, Papst Benedikt XVI., sowie Papst Franziskus, letzterer zur Heiligsprechung von zwei der drei Seherkinder zum 100-jahr-Jubiläum der Erscheinungen am 13. Mai 2017. Zum Glauben gehören die Torheit des Kreuzes, eine kindliche Unbeschwertheit, Neugier und Offenheit sowie eine gewisse Einfalt. Einfältig ist nicht vielfältig: ein Sich-Verlieren in der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen – Wallfahrtskirche von Fatima, davor ein monumentaler Rosenkranz mit einem Kreuz.


Das zehnminütige „Sonnenwunder“ am 13. Oktober 1917 in Fatima im Herzen Portugals gegen Ende des Weltkriegs bestätigte die vorangegangenen sechsmaligen Erscheinungen der Gottesmutter Maria vor drei Seherkindern, von denen zwei kurz danach starben: Francisco, Jacinta und Lucia. Mehr als 70 000 Menschen waren ihnen bei zunächst strömendem Regen auf die weite Ebene der Cova da Iria nahe des kleinen Ortes Fatima gefolgt, um sich selbst von der (Un-)Wahrheit der für unglaubwürdig erachteten Erscheinungen zu überzeugen. Die Augenzeugen berichteten hinterher, dass die Wolken beiseite geschoben wurden, die Sonne vollführte eine Art Tanz und schien bedrohlich auf die Erde hin zu stürzen: „Das Licht wechselte in ein schönes Blau, als ob es durch die Buntglas-Fenster einer Kathedrale gekommen sei, und verbreitete sich über die Leute, die mit ausgestreckten Händen knieten, weinten, beteten.“ Auch wenn nicht alle das Wunder sahen, so wurden doch die nassen Kleider aller mit einem Schlag getrocknet. Die Botschaft der Gottesmutter war ein Aufruf zur Umkehr und zum Gebet, sie enthielt aber auch „drei Geheimnisse“: den Hinweis auf Ausbruch eines zweiten Weltkriegs, auf die Bekehrung Russlands und auf die Tötung „eines in Weiß gekleideten Bischofs“. Genau 64 Jahre nach der ersten Erscheinung, am 13. Mai 1981, traf eine Kugel Papst Johannes Paul II. auf dem Petersplatz in den Bauch knapp unter der Hauptschlagader. Der Papst schrieb seine Rettung sofort der Gottesmutter von Fatima zu. Bei seinem Besuch ein Jahr später in Fatima ließ er die Kugel als Zeichen der Dankbarkeit für seine Rettung in die Krone der Marienstatue einarbeiten. 1858 erschien Maria in Lourdes am nördlichen Fuß der Pyrenäen nahe der Höhle Massabielle mit der späteren Heilquelle als weißgekleidete Dame mit Rosenkranz in der Hand insgesamt 18mal dem 14-jährigen Mädchen Bernadette Soubirous. Der Psalmist sagt: „Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob“ (Ps 8,3; Mt 21,16). Ebenso preist Jesus den Vater, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast“ (Mt 11,25).

Warum verlangt Jesus ein Hochzeitsgewand für die Feier?

Bild: Die Unterkleidung des Priesters in der katholischen Kirche ist die (weiße) „Albe“ (vgl. das weiße Taufkleid). Vom Mond aus betrachtet sieht die Erde wie ein strahlender blau-weißer Globus aus, umrahmt von der Schwärze des Weltalls. Wie weiß etwas tatsächlich erscheint, hängt vom Anteil des reflektierten Lichts ab (= Albedo). Schwarz reflektiert etwa fünf Prozent, die Albedo ist 0,05; die Albedo des Mondes, die stark variiert, ist etwa 0,12, die der Erde 0,3, die von Neuschnee 0,8–0,9. Vor dem schwarzen Hintergrund des Alls erscheint selbst noch der Mond silbergrau bis fast weiß. Der Vollmond ist das kosmische Symbol der Auferstehung des Körpers; deshalb wird Ostern am ersten Sonn-tag nach dem Frühlings-Vollmond gefeiert. Darstellungen zeigen das Kreuz oft zwischen ‚männlicher’ Sonne und ‚weiblichem’ Mond (Sol und Luna, Yang und Yin) als Symbol der messianischen Hochzeit Christi mit der Kirche (repräsentiert durch die „Frau Maria: Joh 2,4; 19,26) – armenische Buchmalerei.


Das Teuerste einer Hochzeitsfeier ist heute das Brautkleid. Bis zum Zweiten Weltkrieg waren die Brautkleider meist schwarz, weil sie auch noch weiter zu festlichen Anlässen oder als ‚Sonntagsstaat’ genutzt wurden; eine einmalige Nutzung wie heute wäre viel zu teuer gewesen. Das Hochzeitskleid, das Jesus im Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl auch von denen verlangt, die erst als ‚zweite Wahl’ von der Straße und den Zäunen weg eingeladen wurden (Mt 22,11-13), kann man nicht kaufen. Im Reich Gottes als Reich der Vollendung aber braucht es ein besonderes Kleid der Vollendung. Dessen Farbe ist das Weiß, weil Weiß die sieben Farben des Spektrums auf höherer Ebene vereint. Weiß bedeutet „alle Farben zusammen“, so der Thora-Gelehrte Friedrich Weinreb: „Weil die Thora eine Einheit ist, ist die Farbe der Thora das Weiß.“ Auch die ‚roten‘ Sünden müssen „weiß gewaschen werden wie Schnee“ (Das Opfer in der Bibel, 362; zum „Schnee“ vgl. Ps 51,9 und das Weiß der Verklärung: Mt 28,3). Auch die Engel tragen weiße Gewänder (Joh 20,12). Das himmlische Jerusalem ist die von oben herabkommende „Braut“ des wahren Osterlammes, in dessen (roten) Blut die Glaubenszeugen „ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht“ haben (Offb 7,14). In der Apokalypse reitet Jesus, „das Wort Gottes“, im Endkampf auf einem „weißen Pferd“, bekleidet mit einem (vom Blut der Feinde) „blutgetränkten Gewand“. „Die Heere des Himmels folgten ihm auf weißen Pferden; sie waren in reines, weißes Leinen gekleidet“ (Offb 19,11-14). Zum Weltgericht sitzt Christus auf einem „großen weißen Thron“ (Offb 20,11). Der Gegensatz zur liturgischen Farbe weiß an Ostern ist das Rot (hebr. Edom) des Irdischen, womit auch ‚Adam’ (aus der ‚roten Erde’ gemacht) zusammenhängt: „Was Edom (Esau) ist und bedeutet, nämlich ‚rot‘, das besitzt also auch der Mensch Adam. Und trotzdem heißt es immer: Dieses Rot, das an der Königsseite steht, muss dennoch weiß gemacht werden, denn man sieht es nur als Durchgangsphase, nicht als Endziel. Die Endfarbe ist ja doch Weiß. Auch einen Toten kleidet man in Weiß, weil er vollendet ist, er hat alle Farben in sich“ (ebd.).

Warum ist Jesus nicht auf sexuelle Weise fruchtbar?

Bild: Zum Erntedank werden die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit auf den Altar gelegt. Die eigentliche Danksagung aber ist die Feier der Eucharistie mit Brot und Wein, die durch Herabrufung des Heiligen Geistes (Epiklese) verwandelt werden in den heiligen Leib und das heilige Blut Christi. Daran erhalten alle gläubigen Getauften Anteil, um so in Christus ganz ‚eins’ und ‚fruchtbar’ zu sein: „Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet“ (Joh 15,8). Christus selbst hat sich gleich einem Weizenkorn, das in die Erde fällt, aus Liebe für seine Kirche hingegeben, um so ‚reiche Frucht’ zu bringen (Joh 12,24) – Frucht des himmlischen Geistes, nicht des irdischen Fleisches:

„Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts“ (Joh 6,63). Erntedankaltar in Hechingen mit Brot und Wein in Bezug auf die hl. Eucharistie.


Der Schöpfer-Auftrag „Seid fruchtbar und mehret euch“ (Gen 1,28) ist das erste Wort, das Gott direkt an den von ihm männlich-weiblich geschaffenen Menschen richtet. Menschliches Leben scheint darin seinen Sinn zu finden, dass es sich mehrt wie das der Tiere und so am Leben erhält. Lebenserhaltung ist aber noch kein Lebenssinn. Der Auftrag heißt weiter: „Bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tier, die sich auf dem Land regen.“ Wie aber sollte der Mensch über die Fische in der Tiefe des Meeres und die Vögel in den Höhen des Himmels herrschen? Über einige Landtiere geht das eher, sie wurde zu „Nutztieren“ gemacht, zu „Fleischlieferanten“ in einer „Fleischindustrie“, was heute zu Recht sehr kritisch gesehen wird. Immer mehr melden Theologen auch die Notwendigkeit einer „Tierethik“ an, die bisher viel zu sehr vernachlässigt worden sei. Im geistigen Sinn meint Tierherrschaft auch nicht die äußeren Tiere, sondern die inneren ‚Triebe’: Tierherrschaft ist dann Selbstherrschaft, Selbstbeherrschung. Paulus zählt sie zur „Frucht des Geistes“, zusammen Sanftmut, Treue, Güte, Freundlichkeit, Langmut, Friede, Freude, Liebe, insgesamt neun (3 x 3) Früchte (Gal 5,22f). Dem steht 16 (4 x 4) „Werke des Fleisches“ gegenüber wie Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, Götzendienst usw.: „Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben“ (Gal 5,19-21). Das Gleichnis von den bösen Winzern (Mt 21,33-46) spricht von den von Gott erwarteten „Früchten“ des Reiches Gottes (V.44); sie werden von den ersten Pächtern des Weinbergs nicht nur nicht erbracht, sie töten auch den gesandten Sohn des Weinbergbesitzers, um die Früchte für sich zu haben (V.39). Die natürliche Fruchtbarkeit, erst recht nicht die durch Unrecht erworbene, ist nicht das, was der Schöpfer mit seinem Auftrag meint, sondern die übernatürliche Fruchtbarkeit des Geistes. Quelle aller geistlichen Fruchtbarkeit ist der Gekreuzigte, aus dessen geöffneter Seite Blut und Wasser hervorströmen, Zeichen der kirchlichen Hauptsakramente Eucharistie und Taufe (Joh 19,30).

Warum ist der heilige Franziskus ein „zweiter Christus“?

Bild: Um das Fest Kreuzerhöhung (14. Sept.) schaut Franziskus auf dem Alverna (Toskana) in einer Vision den Gekreuzigten als sechsflügeligen Seraphen und darin den Weg des Kreuzes als ‚Weg der Schönheit‘: Er erkannte „in der Schönheit der Geschöpfe den Allerschönsten“. Bonaventura (1221–1274), siebter Ordensgeneral, sah in der Sechszahl der Flügel einen Hinweis auf die sechs „Sprossen der Erleuchtung“, die der Gekreuzigte als „Himmelsleiter“ selbst ist (vgl. Joh 1,51) - Schatzkammer des Stephansdoms, Wien.


Als „alter Christus – zweiter Christus“ galt Franz von Assisi schon zu Lebzeiten (1181/82–1226). Er gehört zu den kirchengeschichtlich herausragenden Heiligen als „Zeugen seiner Gegenwart“, in denen sich nach Bernhard von Clairvaux eine ‚mittlere‘ dritte Ankunft (Adventus medius) Christi ereignet nach der ‚ersten Ankunft’ in seiner Fleischwerdung und vor der ‚letzten Ankunft’ in seiner Wiederkunft in Herrlichkeit. Auch in der Eucharistie ist Christus gegenwärtig und am Kommen, doch in den großen Heiligen bezeugt er seine Gnade besonders wirkmächtig. Von Christus erhielt der junge Franziskus den Auftrag, „mein Haus“ wiederherzustellen. Das verstand er zunächst von der Portiunkula-Kapelle im Tal von Assisi, die er eigenhändig wieder aufbaute. Tatsächlich ist aber zuerst das innere ‚Haus‘, der geistige Tempel des Herzens zu reinigen und aufzubauen, bevor mit der Erneuerung des äußeren Baus der Kirche oder gar der großen Kirchenreform begonnen werden kann: „Als Gegenpol zur weit ausgespannten Sendung, die gesamte Kirche zu erneuern, ist es gut, hier auf die eigene Personmitte verwiesen zu werden, den Kreuzesauftrag also nicht nur in seiner universalen Weite, sondern auch in seiner mystischen Tiefe zu verstehen. Wer immer nur nach außen schaut, auf das, was zu bauen und zu reparieren ist, verliert sich leicht in Geschäftigkeit und äußerem Betrieb“ (Leonhard Lehmann, „Geh hin, stelle mein Haus wieder her!“ Überlegungen zum franziskanischen Grundauftrag, in: Geist und Leben 2/1991, 129-141, 138). Papst Franziskus, der als erster Pontifex den Namen des Poverello für sein Pontifikat gewählt hat, um zu anzuzeigen, wie sehr er – wie schon sein Ordensvater Ignatius von Loyola – von dem Heiligen inspiriert ist, spricht oft vom „gemeinsamen Haus“ der Menschheit. Dieses Haus ist heute vielfältig bedroht, besonders von der Klimaerwärmung. Schon die im „Sonnengesang“ gelobte Schöpfung ist „Haus Gottes“: „Hier ist nichts anders als das Haus Gottes und das Tor des Himmels“, sagt Jakob nach seinem Traum von der Leiter, die Himmel und Erde verbindet (Gen 28,18) – ein Vers, der über dem Portal von Kirchen stand.

Ist Jesu Sühnopfer am Kreuz der wahre Jom Kippur?

Bild: Dem jüdischen Neujahrsfest Rosch Ha-Schana (Kopf des Jahres, der Veränderung), 2020 am 19. September, folgt eine zehntägige Reue, Buß- und Fastenzeit der Umkehr (hebr. Teschuwa): „Teschuwa ist die Rückkehr zu unserem ursprünglichen, göttlichen Selbst“ (Gabriel Strenger,  Jüdische Spiritualität in der Tora, 414). Die Umkehr drückt die Sehnsucht aus, dass Gott die Gläubigen in die Zeit oder besser Ewigkeit „vor der Veränderung“ zurückbringt. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn kehrt dieser nach seiner Zeit bei den „Schweinen“ ebenfalls zum Ursprung zurück und erhält vom barmherzigen Vater das „erste Kleid“ (Lk 15,22), das heißt das ursprüngliche weiße Lichtkleid des Paradieses vor dem Fall in die Zeit. Das Neujahrsfest mündet in den Jom Kippur (dieses Jahr am 28. September), den strengsten Fast- und Abstinenztag, der an fünf Gottesdiensten in weißen Kleidern (Totenkleidern, Kleidern der Vollendung) gefeiert wird; nach der Sündenvergebung bricht Jubel aus und wird das Schofarhorn geblasen – Der Engel der Ewigkeit bläst bei der Schöpfung das Schofarhorn: Marc Chagall, Fraumünster Zürich, gelbes Zionsfenster rechts neben dem grünen Christusfenster: der Gekreuzigte am (grünen) Baum des ewigen Lebens.

 


Der Jom Kippur (Tag der Bedeckungen, der Sühnungen) ist der höchste jüdische Feiertag: „Im siebten Monat [Tischri: September/Oktober], am zehnten des Monats, sollt ihr euch [sexuelle] Enthaltung auferlegen und keinerlei Arbeit tun… Denn an diesem Tag entsühnt man euch, um euch zu reinigen. Vor dem Herrn werdet ihr von allen euren Sünden wieder rein. Dieser Tag ist für euch ein vollständiger Ruhetag…“ (Lev 16,29-31). An diesem Tag vollzog der Hohepriester im Allerheiligsten des Tempels den Ritus der Bundeserneuerung durch das siebenmalige Spritzen von Opferblut gegen die Vorderseite der Deckplatte der Bundeslade mit den Zehn Geboten: „So soll er das Heiligtum von den Unreinheiten der Israeliten, von all ihr Freveltaten und Sünden entsühnen, und so soll er mit dem Offenbarungszelt verfahren, das bei ihnen inmitten ihrer Unreinheiten ihren Sitz hat. Kein Mensch darf im Offenbarungszelt sein, wenn er in das Heiligtum eintritt, um die Sühne zu vollziehen…“ (Lev 16,16f). Der eine Hohepriester in dem einen Heiligtum im weißen Leinengewand an dem einen Tag repräsentiert den einen Gott, der Israel durch den kultischen Sühneritus mit sich versöhnt, die ‚roten’ Sünden „weißer als Schnee“ macht (Ps 51,9; vgl. Mt 28,3). Bei Paulus tritt der Gekreuzigte an die Stelle des Versöhnungsritus am Jom Kippur: „Ihn hat Gott dazu bestimmt, Sühne zu leisten mit seinem Blut, Sühne, wirksam durch Glauben“ (Röm 3,25). Die Reinigung durch das Opferblut von Böcken und Stieren wie der Jerusalemer Tempel mit seinem Opferritus waren nur „Abbild und Schatten“ (Hebr 8,5; 9,24) für die wahre (innere) Reinigung: „Wieviel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst kraft ewigen Geistes Gott als makelloses Opfer dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott leben. Und darum ist er der Mittler eines neuen Bundes; sein Tod hat die Erlösung von den im ersten Bund begangenen Übertretungen bewirk, damit die Berufenen das verheißene ewige Erbe erlangen“ (Hebr 9,14f). Christus hat „die Reinigung von den Sünden bewirkt“ und so den alles andere weit überragenden Namen geerbt (Hebr 1,3f).

Warum feiert die Kirche das Fest Mariä Geburt?

Bild: Nach dem jüdischen Kalender wird im sechsten Monat Ellul (im Zeichen „Jungfrau“) täglich das Schofar-Horn (Widderhorn) geblasen, das an die Schöpfung erinnert. In der Orthodoxie beginnt das Kirchenjahr am 1. September mit dem „Tag der Schöpfung“; das erste Fest im neuen Jahr ist Mariä Geburt. Das Kirchenjahr endet mit dem Hochfest Maria Entschlafung (Himmelfahrt) am 28. August (nach dem Julian. Kalender). Nach dem apokryphen Jakobusevangelium ist Maria als Tempeljungfrau aufgewachsen (Mariä Tempelgang), was ihre enge Beziehung zum Haus Gottes (als Bild der Kirche) zum Ausdruck bringt. Schon als Dreijährige wird Maria von ihren Eltern Joachim und Anna zum Tempel des Herrn gebracht, wo der Priester sie in Obhut nimmt, sie küsst, segnet und spricht: „Groß gemacht hat der Herr deinen Namen unter allen Geschlechtern. An dir wird am Ende der Tage der Herr sein Lösegeld den Kindern Israel offenbaren.“ Gegeben wird noch der Hinweis: „Maria aber war im Tempel des Herrn, wie eine Taube mit ganz wenig Speise sich beköstigend, und empfing Nahrung aus der Hand eines Engels“ – Darbringung Marias im Tempel, Kathedrale Heraklion.


Bei allen Heiligen feiert die Kirche ihren Todestag als Geburtstag ins ewige Leben, bei Maria und Johannes dem Täufer auch ihren Geburtstag, weil er schon das Mysterium der Erlösung vorwegnimmt. Vom Fest Maria Geburt (8. September) leitet sich das Datum für das Hochfest ihrer „unbefleckten Empfängnis“ ab (8. Dezember). Als künftige Gottesmutter ist Maria schon im Schoß ihrer Mutter Anna (hebr. chana = Gnade) vor jedem Makel der Erbsünde bewahrt, „erwählt vor der Erschaffung der Welt“ (Eph 1,4), die reine Wohnstatt des Sohnes Gottes zu werden. Nach Origenes führt die gläubige Aufnahme des ewigen Samen-Wortes Gottes dazu, dass die Empfangenden „ver-jungfräulicht“ werden und durch Jesu Unterweisung auch seine „Reinheit“ erhalten. Im Alten Testament galten Frauen in der Zeit ihrer Monatsblutung sieben Tage lang als kultisch unrein (Lev 15,19-33; 20,18). Die Alttestamentlerin Dorothea Erbele-Küster kritisiert, dass nach Ezechiel 36,17 die Frau nicht nur „temporär während der Menstruation unrein“ ist, sondern „zum Symbol für die Unreinheit schlechthin“ wird (Kult(un)fähigkeit des geschlechtlichen Körpers, in: Bibel und Kirche 1/2012, 26-29). Weil der Mensch jenseits von Eden sterblich und damit vom Gott des Lebens getrennt ist, gibt es die Sexualität (Engel kennen sie nicht). Mit der Todüberwindung der Auferstehung am (ewigen) „achten Tag“ wird die Welt wieder im biblischen Sinn rein: „Wenn der Mensch vom Baum der Erkenntnis zugunsten des Körperlichen nimmt, entsteht das, was wir einen ‚Zyklus‘ nennen. (…) Und diese Tatsache des Zyklischen nennt man ‚nidda‘… ‚Nidda‘ bezeichnet die Welt, die ‚unrein‘ ist, weil sie zyklisch ist; sieben Tage lang ist sie unrein. Das bedeutet, vom Uranfang aller Dinge und durch alle sieben Phasen hindurch ist die Welt unrein, ‚tuma‘, und erst in der achten Phase, am Abend des siebten Tages, wenn der siebte Tag vorbei ist, wird sie rein. (…) ‚Tuma‘ dauert sieben Tage und erst am achten Tag ist der Eintritt in den Tempel möglich“ (F. Weinreb, Das Opfer in der Bibel, 720f). Als makelloser geisterfüllter ‚neuer Tempel’ hat Maria im Glauben schon Anteil am 8. Tag der Auferstehung ihres Sohnes.