Impulse zu den Bildwelten der Bibel

Warum schreibt Jesus zweimal nur in den Staub der Erde?

Bild: Gottes ‚Handschrift‘ prägt seine Schöpfung,  auch ‚Wunder‘ geschehen durch den „Finger Gottes“ (Ex 8,15). In der Thora schreibt „der Finger Gottes“ zudem auf die steinernen Bundes-Tafeln mit den Zehn Geboten (Ex 31,18). Weil das äußere Gesetz wie der bloße Buchstabe ‚tötet‘ (Röm 7,5; 2 Kor 3,6), wird das Gesetz ins Innere des Herzens eingeschrieben (Röm 7,15; Hebr 10,16) und als Geist der Liebe ausgegossen (Röm 5,5). Ihn verkörpert Jesus, wenn er die beim Ehebruch ertappte Frau nicht mit der (steinernen) Härte des Gesetzes richtet, sondern sich bückt und mit dem Finger zweimal nur in den Staub der Erde schreibt (Joh 8,8); so führt er sie barmherzig auf den rechten Weg zurück (V. 11). Relief Notre Dame, Paris.


Jesus ‚hinterlässt‘ weder Geschriebenes auf Papier, noch eine Ehefrau und sterbliche Kinder; auch eine irdische Herrschaftsdynastie hat er nicht gegründet (so Dan Brown im Megaseller „Sakrileg“). Sein „verheißenes ewiges Erbe“ (Hebr 9,15) besteht vielmehr in dem in seiner Lebenshingabe am Kreuz ‚überlieferten‘ Geist (Joh 19,30), der seine Jünger „an alles erinnern (wird), was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,26). Im Heiligen Geist verstanden ist das ‚Gesetz‘ kein äußerlich bleibendes Menschenwort, sondern Gottes innerlich das Herz erfüllendes Samen-Wort, das verwandelnd stirbt und so wie das in die Erde hineinfallende Weizenkorn „reiche Frucht“ bringt (Joh 12,24). Gott will dem Menschen in seiner Personmitte fruchtbar werden lassen; deshalb prüft er ihn „auf Herz und Nieren“ (Ps 7,10; 26,2; Offb 2,23) und räumt aus diesem ‚Tempel‘ des Herzens alles aus, was seiner ‚Einwohnung‘ entgegensteht (vgl. das Beispiel der ‚Tempelreinigung‘ Joh 2,13-22 und 14,23). Um der Reinheit des Herzens willen, das allein Gott schauen kann (Mt 5,8), schenkt Jesus durch Tod und Auferstehung seinen Geist-Hauch zur Vergebung der Sünden (Joh 19,30; 20,22f) und sein in der Auferstehung verklärtes Fleisch und Blut als eucharistische ‚Seelenspeise‘ und Nahrung des neuen (geistlichen) Lebens. Zudem erwählt er die zwölf Apostel und (später) ihre Nachfolger (Bischöfe) als Leiter der Kirche, das heißt des neuen universalen Bundesvolkes der geheiligten Gotteskinder aus der Geist-Wiedergeburt. So besteht das lebendige Vermächtnis seines Heilstodes in einer vierfachen ‚Hinterlassenschaft‘: Geist und Kirche, Wort und Sakrament, deren fruchtbares Zusammenwirken in Einheit den neuen geisterfüllten christlichen Kosmos der Erlösung im Zeichen des Kreuzes bildet. Nach Hebr 9,17-25 wird ein Testament „erst im Todesfall rechtskräftig und gilt nicht, solange der Erblasser noch lebt. Daher ist auch der erste Bund mit Blut in Kraft gesetzt worden“, dem „Blut des Bundes, den Gott für euch eingesetzt hat“. „Fast alles wird nach dem Gesetz [= Thora] mit Blut gereinigt, und ohne dass Blut vergossen wird, gibt es keine Vergebung.“ Während es im Alten Bund nur um „die Abbilder der himmlischen Dinge“ geht, erschließt Christus durch sein reinigendes Opfer-Blut „die himmlischen Dinge selbst“: das „nicht von Menschenhand errichtete Heiligtum“ des Himmels, „um jetzt für uns vor Gottes Angesicht zu erscheinen“, und zwar „ein für allemal“; denn „sonst hätte er viele Male seit der Erschaffung der Welt leiden müssen“ (Hebr 9,26).

Warum steht Jesu Herz im Zentrum des katholischen Glaubens?

Bild: Die Salesianerin und Mystikerin Margareta Maria Alacoque (1647–1690) empfing zwischen 1673 und 1675 mehrere „Visionen“ von Jesus, die ihre Jesus-Liebe intensivierten und ihre „Mission“ beflügelten, in der katholischen Kirche die Herz-Jesu-Verehrung zu fördern durch Einführung eines Herz-Jesu-Freitags (am ersten Freitag in Monat) und eines Herz-Jesu-Festes (am ersten Freitag nach der Oktav des Fronleichnamsfestes, diesmal am 11. Juni). Im Herzen Jesu schaute sie den Quellort seiner brennenden Liebe zu den Menschen, wobei die fünf Wundmale wie „fünf Sonnen“ leuchteten und flammten. Papst Pius IX. führte im August 1856 das Fest universalkirchlich ein; zum 100. Jahrestag veröffentlichte Pius XII. die Enzyklika  „Haurietis aquas“ (Voll Freude werdet ihr Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils). Strahlenförmige Herz-Monstranz, frühere Abtei der Prämonstratenser in Bad Schussenried bei Bieberach.


„Verkäuferin mit Herz gesucht“, heißt es im Schaufenster eines Ladens. „Herz“ ist hier Symbol für Empathie, Freundlichkeit, Beherztheit. Oft steht es auch einfach für „Liebe“ in ihren unterschiedlichen Dimensionen, vor allem die Liebe von Mann und Frau. Religiös bedeutet „Herz“ die innerste Personmitte, den geistigen Personkern als entscheidenden Ort der Erkenntnis von Gut und Böse (Gewissen; Gedächtnis). So wird im Totengericht im Alten Ägypten das Herz des Verstorbenen in die Waagschale gelegt, abgewogen gegen die leichte Straußenfeder der Göttin Ma’at, Verkörperung der Weltordnung von Wahrheit und Gerechtigkeit; wenn es beschwert ist durch schwere Schuld, sinkt das Herz nach unten und wird ein Fraß des bereitstehenden Ungeheuers des Totenreichs. „Bei positivem Ergebnis wird er als Gerechtfertigter in das Gefolge des Sonnengottes aufgenommen.“ Auch für die Azteken war das Herz das Kostbarste des Menschen, das sie dem Sonnengott bei ihren Menschenopfern lebendig pulsierend und blutend anboten: Auf der Spitze der Hauptpyramide in Tenochtitlan wurde der Todgeweihte von vier Priestern an den vier Gliedmaßen festgehalten, ein fünfter Priester schnitt mit einem Messer aus Obsidian „dem Opfer nun unterhalb der Rippen die Brust auf und riss ihm das noch schlagende Herz heraus. Letzteres wurde erst ins Sonnenlicht gehalten und dann in eine sogenannten Adlerschale gelegt und verbrannt. (…) Teile des Körpers wurden anschließend in einer feierlichen Zeremonie verspeist.“ „Grundlage des Glaubens war die Vorstellung, dass sich die Götter einst selbst geopfert hatten, um Sonne, Erde und Mond überhaupt zu erschaffen. Dafür galt es nun entsprechende Dankbarkeit zu zeigen“ und so den kosmischen Kreislauf des Lebens in Gang zu halten (Daniel Sander, Brennende Herzen, in: „Spiegel“-Geschichte 2/ 2014, 94f). In den Visionen der Margareta Maria Alacoque beklagt Jesus, die Menschen hätten „nichts als Kälte und Abweisung für all meinen Eifer, ihnen Gutes zu tun. Mache deshalb wenigstens du mir die Freud, für ihre Undankbarkeit so weit Sühne zu leisten, wie du es nur vermagst.“ Das undankbare, unreine, versteinerte, liebelose Herz Gott gegenüber wieder in ein liebendes, brennendes und danksagendes (eucharistisches) Herz zu ‚verflüssigen‘, ist Ziel des Kreuzes. Denn es geht nicht ohne Reinigung und Sühneleiden, Opfer und Hingabe.

Warum beruft Jesus den Menschen zur Vollkommenheit?

Bild: Bei der Taufe Jesu im Jordan bezeugen Geist-Taube und Himmels-Stimme Messianität und Gottessohnschaft Jesu: „Du bist mein geliebter Sohn, an dem habe ich Gefallen gefunden“ (Mk 1,9-11). Mit dem Geist kommt die Salbung, die der Täufling mit der Taufe empfängt. ‚Salböl‘, hebr. schemen, 300-40-50 = 390, hat denselben Zahlenwert wie ‚Himmel‘, hebr. schamajim, 300-40-10-40, analog zu „Mann und Frau schuf er sie“, hebr. sachar unekeba, 70-20-200 6-50- 100-2-5 = 390. Wo das Männliche (Feuer) und das Weibliche (Wasser) nach der Teilung wieder „eins“ sind, da ist der Mensch vollkommen und himmlisch, „dann erfüllt sich, was im Hohenlied ausgedrückt ist mit dem Einandersuchen und Einanderfinden von Mann und Frau“ (F. Weinreb). Hausförmiges Kästchen (für Salböl) mit vier Leben-Jesu-Szenen, hier die Taufe Jesu (in der Mandorla) und Geist-Taube mit Hängevorrichtung für zwei Salbölfläschchen im Schnabel (9. Jh. Metz), Landesausstellung Mainz.


Schon Gottes Ruf an Abraham „Geh deinen Weg vor mir, und sei vollkommen“ (Gen 17,1) zeigt die Richtung: Das hebr. tamim bedeutet Vollkommenheit, Ganzheit, Unversehrtheit, Fehlerlosigkeit oder Makellosigkeit. Diese Kultfähigkeit wird durch die Beschneidung am „achten Tag“ realisiert, und zwar ausgerechnet an dem männlichen Organ, wo der sexuelle Trieb (hebr. jezer ha-min) am stärksten ist. Christlich tritt an die Stelle der Knabenbeschneidung die Taufe auf Jesu Kreuz und Auferstehung: Im Gekreuzigten „habt ihr eine Beschneidung empfangen, die man nicht mit Händen vornimmt, nämlich die Bescheidung, die Christus gegeben hat. Wer sie empfängt, sagt sich los von seinem vergänglichen Körper“ (Kol 2,11; vgl. Gal 6,12-15). Warum soll sich der Mensch von seinem Körper lossagen, wenn er diesen doch vom Schöpfer bekommen hat? Der Körper im „Paradies“ ist allerdings ein anderer als der nach dem „Sündenfall“ mit einem „Tierfell“ bekleidete (Gen 3,21), der analog ist zur umhüllenden „Vorhaut“, die bei der Beschneidung weggenommen. Ebenso wird bei der Taufe der „alte Adam“ ausgezogen, um das Lichtkleid (verklärter Körper) des „neuen Adam“ anzuziehen, „der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph 4,24). Nur „gerecht“ und „heilig“ (vollkommen) kann der Mensch Gemeinschaft mit Gott haben (Lev 19,2; Mt 5,48). Heute wird von den Kanzeln verkündet, Gott liebt den Menschen so, wie er ist, unter Berufung etwa auf Psalm 139,14: „Ich danke dir und staune, dass ich so wunderbar geschaffen bin.“ Aber der Psalmist betet auch: „Wolltest du, Gott, doch den Frevler töten!“ (V.19). „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz… Sieh her, ob ich auf dem Weg bin, der dich kränkt, und leite mich auf dem altbewährten Weg“ (V. 23f). Gott prüft den Menschen auf „Herz und Nieren“ (Ps 7,10; 17,3; 26,2; 139,23), hebr. lebab (30-2-2) und kelajoth (20-30-10-6-400), in der Summe 500, so wie „Seid fruchtbar und mehret euch“ (Gen 1,26), hebr. pru urebu, 80-20-6 6-200-2-6 = 500: die Zahl der kommenden Welt jenseits der 400 (= letzter, kreuzförmig geschriebener Buchstabe Taw). Der Körper ist für die „Auferstehung“ bestimmt, dafür, „Tempel des Heiligen Geistes“ zu sein (1 Kor 6,19). Das Herz hat es mit dem Blut, die Nieren mit dem Wasser zu tun. Jesus schenkt aus seiner geöffneten Seite „Blut“ und „Wasser“ (Joh 19,34) für den neuen, reinen Körper des Geistes nach dem Wohlgefallen Gottes (Joh 2,15-22).

 

Warum lebt der Mensch nicht nur von Brot und Wein?

Bild: Nach der ersten der drei „Versuchungen“ soll Jesus aus Steinen Brot und sich so zum „Brot-König“ machen (Mt 4,3; Joh 6,15). Aber: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (V.4; Dtn 8,3). Jesus ist das fleischgewordene und damit brotgewordenen ewige Wort Gottes für das ewige Leben der Welt, die sich aber vom Wort abgewandt und der Erde zugewandt hat: „Du, Jesus, bist die Speise, die allen Söhnen Adams verwehrt ist, die, aus dem Paradies vertrieben, von der Erde zu leben suchen, die sie bebauen“ (Nikolaus von Kues). Der Mensch ist, was er isst (Ludwig Feuerbach). In Jesus erlangt er durch Essen und Trinken der Eucharistie als „Sakrament der Liebe“ (im Symbol des Weines) sein wahres Sein zurück, was am Hochfest „Fronleichnam“ (Lebendiger Leib des Herrn) gefeiert wird. Der Gekreuzigte als geistlich fruchtbarer Weinstock, Innichen (Pustertal, Südtirol).


Jesus will, dass seine Jünger in seiner Liebe „bleiben“ und so in Einheit mit ihm wahrhaft fruchtbar werden (Joh 15), so wie er in der Liebe des himmlischen Vaters bleibt und in ihm „reiche Frucht“ bringt, gerade weil er sein Leben dem Willen des Vaters gemäß am Kreuz hingibt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh 12,24). Die „Erde“ ist der Ort des Sterbens und des Todes, aber auch der Verwandlung und Auferstehung in der Kraft des Heiligen Geistes, den zu bringen Jesus gekommen ist (Lk 12,49). In Gen 1–11 wird der „Himmel“ 25mal, die Erde 96mal genannt; nimmt man die fünfmalige Nennung vom „Garten Eden“ in Gen 2–3 dazu, dann entspricht das Verhältnis von Himmel und Erde (= 4. Element) ziemlich genau der Bundesstruktur 1 zu 4. Im Essen vom „Erkenntnisbaum“ (= 4) verliert der Mensch den Zugang zum himmlischen „Baum des Lebens“ (= 1); in Jesu Heilstod am „grünen Holz“ (Lk 23,31) des Kreuzes wird der gebrochene Bund wieder geschlossen und die Eins, das Wort Gottes im geistigen Verständnis, wieder zugänglich, wenn sich das Herz in der Auslegung des Wortes durch den Auferstandenen in der Feier der Eucharistie von der Erde „erhebt“ (vgl. Joh 12,32) und „Feuer“ fängt: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust…“ (Lk 24,26-32). Jesu (Opfer-)Herz brennt beständig aus Liebe für seine Kirche, die sein Geist-Wort im gläubigen Herzen aufnimmt und es so fruchtbar werden lässt in der Geburt der „Kinder Gottes“ (Taufe) in der Kraft des am Kreuz ‚überlieferten‘ Geistes. Kardinal Nikolaus von Kues (1401–1464) betet: „O guter Jesus, Du bist der Baum des Lebens im Paradies alles Entzückens. Niemand vermag mit ersehnenswertem Leben genährt zu werden, es sei denn durch Deine Frucht. (…) Jeder, der hofft, im Paradies des Entzückens die Speise des Lebens zu essen, muss den alten Menschen des Hochmuts ablegen und den neuen Menschen der Demut anziehen, der nach Dir gebildet ist. Die Natur des alten und des neuen Adam ist dieselbe. Im alten jedoch ist sie tierhaft, in Dir, dem neuen Adam, ist sie geistig, da sie in Dir, o Jesus, mit Gott vereint ist, der Geist ist. So wie jeder Mensch mittels der ihm und Dir gemeinsamen menschlichen Natur mit Dir, o Jesus, geeint ist, so muss er auch durch den einen Geist mit Dir verbunden sein, auf dass er so in der Natur, die er mit Dir gemeinsam hat, zu Gott dem Vater gelangen kann, der im Paradiese weilt“ (De visione Dei – Vom Sehen Gottes).

Warum kommt Gottes Geist in Zungen von Feuer?

Bild: An Pfingsten erfüllt Sturmesbraus „das ganze Haus“ und „Zungen wie von Feuer“ verteilen sich auf die Betenden (Apg 2,2f). „In Babel zerteilte sich die eine Sprache (Zunge) in viele Sprachen der Menschen als Beginn der Zerstreuung, an Pfingsten zerteilen sich die Feuer-Zungen im Hinblick auf die persönliche Berufung zur Einheit“ (Isa Baumer). Die ‚Welt‘ ist der Ort der Zerstreuung und Vielheit („70 Sprachen“ der „Völker“), die geisterfüllte Kirche ist dagegen der Ort der Versammlung und Einheit; sie hat ihr Vorausbild in Maria als Herz und Mitte der Kirche bei der „Verkündigung“ als ‚erstem Pfingsten‘. Konstanz, Münster, Sylvester-Kapelle.


Auf dem Offenbarungsberg des Sinai kommt Gott nach dem Auszug des Volkes aus der ‚Zerstreuung‘ in ‚Ägypten‘ in Blitz und Donner und „im Feuer“ auf den „Gipfel“ herab, so dass der Berg erbebt und erglüht wie ein „Schmelzofen“ (Ex 19,18). Gott war Mose schon im brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch erschienen, um ihm seinen heiligen „Namen“ zu offenbaren: JHWH = Sein in der 3. Person Singular Präsens oder Futur: EHJeH: Ich bin/ werde sein (Ex 3). JHWH ist in Zahlen 10-5-6-5 = 26; Mose ist die 26. Generation nach Adam. In der hebräischen Bibel kommt der Name JHWH 1820mal vor: 70 x 26 (so Rabbi Pinchas Zalman Hurwitz aus Krakau). Mit seinem Namen will Gott unter seinem Volk wohnen und gegenwärtig sein so wie in seinem „Engel“ (Ex 23,20f). Das letzte Drittel des Buches Exodus besteht darin, für Gottes Namen und „Herrlichkeit“ (Schechina) eine heilige „Wohnung“ (Mischkan) zu bauen nach himmlischem Vorbild (Ex 25,9.40; Apg 7,44) und göttlicher minutiöser Weisung (dreimal: Ex 25 – 31; 35; 36 – 40), damit Gott wirklich da ist. „Diesem stufenweisen Abstieg (Jerida) Gottes entspricht ein stufenweiser Aufstieg (Alija) des Volkes, sei es auf dem Offenbarungsberg mit seinen gefährlichen Todeszonen (Ex 19; 24,19), sei es im Mischkan, den Benno Jacob einmal glücklich als ‚wandelnde(n) Sinai‘ bezeichnet hat, mit seinen exklusiven Heiligkeitszonen. Die es bei diesem Exodus aus dem Tal [der Tränen] bis ganz oben schaffen – Propheten, Hohepriester, Älteste – erleben die Ekstase (Ex 24,10; 34,39). Nicht der exoterische Exodus des Volkes, sondern der esoterische Exodus der Erleuchteten hat später die jüdischen Philosophen und Mystiker vor allem interessiert und fasziniert…“ (Daniel Krochmalnik, Der vierfache Sinn des Exodus, in: Erbe und Auftrag 1/ 2017, 8-14). Für Christen besteht die „Erleuchtung“ in der Taufe auf den dreifaltigen Namen Gottes, der in Jesus immer bei seiner Kirche ist (Mt 28,19f). Denn er ist der neue Mose, auf den „ihr hören“ sollt (Apg 3,22; 7,37; Mt 17,5; Dtn 18,15.18). Jesus (= JHWH rettet) „wohnt“ schon im Schoß der geisterfüllten Jungfrau Maria, die dem „Engel“ geglaubt hat (Lk 1,28-33), und seit der Geistsendung ist er eucharistische im „Tabernakel“ (Zelt) in seiner vom Geist erbauten Kirche als „Haus des Lobpreises“ des Namens Gottes durch alle Völker (Ps 72,17; 135; 148) und so Gegenbild zu Babel, auch Gegenbild zu dem Israel, von dem es heißt, sie „wandten ihr Herz nach Ägypten zurück“ (Apg 7,39).

Warum befähigt die Geistsendung Jesu zur Mission der Völker?

Bild: Der Baske Francisco de Xavier (1506–1552) hat 1540 den Jesuitenorden mitbegründet; er wurde nicht nur sein erster und größter Missionar, sondern auch ein Vorreiter zeitgemäßer katholischer Mission und Wegbereiter der Mission in Ostasien. Mission begann für ihn mit der Inkulturation des Glaubens, dem Kennenlernen und Verstehen von Sprache, Religion und Riten des fremden Volkes, das er für Christus gewinnen wollte, um so den Glauben in den äußeren Formen anpassen zu können, ohne ihn synkretistisch zu verwässern. Das geschah vor allem durch die Errichtung von Schulen und das Einbeziehen von getauften Katecheten vor Ort. Ikonographisch dargestellt wird Franz Xaver mit einem brennenden Herzen und einem Kreuz in der Hand, meist beim Taufen; Jesuitenkirche St. Franz Xaver,  Luzern.


An Pfingsten betet die Kirche: „Sende aus, deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu“ (Ps 104,30; GL 312,2). Die mit dem Geist entstehende Kirche ist von Anfang an universal auf die ganze Welt bezogen. Das altchinesische Tianxia-System versteht sich nicht nur als Diesseitslehre, sondern als Theorie einer Weltordnung der Inklusion ohne „Fremde“ und „ohne Außen“. Die entscheidende Größe ist der „Himmel“, der nicht mit der „Erde“ (Gaia) oder „Natur“ gleichgesetzt werden kann (vgl. Tingyang Zhao, Alles unter dem Himmel, 5. Aufl. 2021). Denn der „Himmel“ hat einen „Willen“ als „Maßstab des Menschen“, mit dem dieser „übereinstimmen“ muss (wie im Vaterunser): „Wenn der Mensch gegen den Willen des Himmels verstößt, anders ausgedrückt, gegen die Absicht des Seins (telos of being), dann kann als Folge der vom Menschen verursachten Störung des Gleichgewichts der Natur seine Selbstvernichtung erfolgen. Das Dao des Himmels ist daher die absolute Schranke der menschlichen Existenz“ (S. 229). Alles zielt auf harmonische „Koexistenz“ als „Sein durch Werden“ (nicht bloßes Werden). Das wäre auch eine Umschreibung für das, was die Bibel den Garten „Eden“ nennt – als Vorausbild des Reiches Gottes und der universalen Kirche „im Mysterium“. Die Begrenzung der Freiheit durch die „Macht des Systems“ leistet nach Konfuzius eine dreifache Ehrfurcht: 1. vor den „Anordnungen des Himmels“, 2. vor „großen Männern“ (Heiligen, Propheten), 3. vor den „Worten der Heiligen“. „Der gemeine Mann dagegen versteht nichts von den Anordnungen des Himmels…“ (Wolfgang Kubin, Konfuzius, 34). Es ist die „Herrschaft dieses gemeinen Mannes“, die „auf eine Zerstörung der überkommenen Ordnung und auf das Unglück einer Gemeinschaft hinausläuft“ (35). Konfuzius zufolge sind „der Untergang des Ritus und die Verschlechterung der Musik die schlimmsten Verbrechen“; denn dann „hört die Ehrfurcht vor der Schöpfung auf, Maßstab zu sein, wird die Freiheit des Menschen zum Maßstab der Schöpfung, was letzten Endes zum Verlust sämtlicher Maßstäbe führt“ (Zhao, S. 238).  Das Tinaxia-System gewährleistet eine „gute Welt“, aber noch nicht ein „gutes Leben“: Sakralität soll nicht „nur einem absoluten, ewigen und vollkommenen Gott“ gehören (ebd.). Mit der pfingstlichen Geistausgießung schenkt Jesus im katholischen (universalen) Glauben „allem Fleisch“ die im Paradies-Heiligtum verlorene Sakralität zurück zum Aufbau des Reiches Gottes in der einen und heiligen Kirche („Ritus und Musik“).

Warum wirft Jesus ‚männliches‘ Feuer auf die ‚weibliche‘ Erde ?

Bild: Der Prozess der Bekehrung des Iñigo de Loyolas (1491–1556) begann vor 500 Jahren am 20. Mai 1521: Bei einer Schlacht um die Stadt Pamplona wurde das Bein des 30-jährigen Hauptmanns am Pfingstmontag so stark verwundet, dass er seine weltliche Karriere als Höfling beenden musste. Ans Bett gefesselt liest er die Viten der Heiligen wie Franziskus und wird davon immer mehr innerlich ‚gefesselt‘. Erster Höhepunkt seiner Verwandlung ist seine ‚Erleuchtung‘ am Fluss Cardoner. Seine Erfahrungen mit der ‚Unterscheidung der Geister‘ vermittelte er mit den ‚Exerzitien‘ seinem 1540 gegründeten Orden, der sich besonders dem Papst in Rom zur Verfügung stellte, woran heute zwei barocke Kirchen erinnern: die Chiesa del Gesù und Sant‘ Ignazio; Ausschnitt vom monumentalen Decken-fresko mit IHS-Signet (Jesu Name) und Jesu Wort: Ignem veni mittere in terra(m) – „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen“ (Lk 12,49).


Mit dem Herabkommen des Heiligen Geistes in ‚Feuer-Zungen‘ an Pfingsten erfüllt sich Jesu brennendster Wunsch, ‚männliches‘ Feuer auf die ‚weibliche‘ Erde zu werfen, um sie so mit dem ‚Feuerhimmel‘ (Em-pyreum) zu vermählen, ihr Antlitz wieder leuchten zu lassen als Spiegel der unvergänglichen Herrlichkeit ihres Schöpfers. Denn dem Schöpfer von Himmel und Erde als „Freund des Lebens“ (Weish 11,26) und „Gott der Lebenden“ (Mt 22,32) gereicht eine geteilte Welt unter der Herrschaft des Todes und damit des Teufels (Hebr 2,14) als „Herrschers dieser Welt“ (Joh 12,31) und „Gott dieser Weltzeit“ (2 Kor 4,4) nicht zur Ehre. Um Gottes Ehre aber geht es Jesus wesentlich; sie sucht er, während die Menschen ihre eigene Ehre suchen (Joh 5,39-44) in ihrem „eigenen Namen“ (Joh 7,18). Jesus nimmt den Tod am ‚Fluch-Holz‘ des Kreuzes auf sich, um die Erde vom ‚Fluch‘ der ‚Ursünde‘ (Gen 3) zu befreien, was das Mose gegebene Gesetz nicht konnte (Gal 3,13). Deshalb preisen die ersten Christen den „Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel“ (Eph 1,3). Seit seiner ‚Himmelfahrt‘ ist Christus im ‚Himmel‘, in der Herrlichkeit des Vaters; aber er hat die Seinen nicht als „Waisen“ zurückgelassen, sondern ihnen den Tröster-Geist und Beistand gesandt (Joh 14,16.18), ihn in die gläubigen Herzen ausgegossenen als Geist der Wahrheit und Liebe (V.17; Röm 5,5). So wirft Jesus das reinigende Feuer auf die Erde, das die Herzen bekehrt, heiligt und in Brandt setzt (Lk 24,32), die Menschen wieder gottfähig macht als gottähnliche „Kinder Gottes“ (1 Joh 3,2), die im Tun der Liebe das Gesetz erfüllen (Röm 13,10) und missionarischen Feuer-Eifer entfalten zur je größeren Ehre Gottes. Das wurde der Wahlspruch der von Ignatius  gegründeten „Gesellschaft Jesu“: Omnes ad majorem Dei gloria; es war aber auch schon der Wahlspruch Jesu selbst. Deshalb hat er sich (im Gegensatz zum Hochmut der Sünde) demütig selbst erniedrigte, war gehorsam war „bis zum Tod am Kreuz“ und wurde erhöht mit dem größten aller Namen, vor dem Himmel und Erde ihre Knie beugen und jeder Mensch bekennt: „‘Jesus Christus ist der Herr‘ – zur Ehre Gottes, des Vaters“ (Phil 2,6-11).

Warum ist die Religion des Geistes auch eine Religion des Herzens?

Bild: Die ‚Überschattung‘ der betenden Jungfrau Maria durch den Hl. Geist bei der ‚Verkündigung‘ der Fleischwerdung des Logos durch den Engel des Herrn bedeutet: „Das Wirken des Geistes geht auch dem Christusgeschehen voraus und ermöglicht es. So wird das erste ‚Pfingsten‘ in der Verkündigung an Maria gesehen. Maria, von ‚der Kraft des Geistes überschattet‘, wurde als Theotokos, als Gottesgebärerin, Mutter des ewigen Lebens. Die Gottesmutterschaft ist jedoch nicht auf Maria beschränkt, sondern Berufung der ganzen Schöpfung“ (Marie-Louise Gubler): Santa Maria dell Angeli, Rom.


Stephanus, der Proto-Diakon der Kirche, rekapituliert in seiner großen Pfingstrede die gesamte Heilsgeschichte seit Abrahams Berufung; er endet vor dem jüdischen Hohepriester mit der entlarvenden Feststellung: „Ihr Halsstarrigen, ihr, die ihr euch mit Herz und Ohr immerzu dem Heiligen Geist widersetzt, eure Väter schon und nun auch ihr. Welchen Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Sie haben die getötet, die die Ankunft des Gerechten geweissagt haben, dessen Verräter und Mörder ihr jetzt geworden seid, ihr, die ihr durch die Anordnung von Engeln das Gesetz empfangen, es aber nicht gehalten habt“ (Apg 7,51-53; vgl. Gal 3,19). Die Thora empfängt Mose am „50. Tag“ nach Ostern (Schawuot); jetzt wird am „50. Tag“ (Pentecoste = Pfingsten) der Heilige Geist im Herzen empfangen, um das Gesetz von innen her im Tun der Liebe zu erfüllen (Röm 13,10). Das war vom Propheten Jeremia als Inhalt des „neuen Bundes“ vorhergesagt worden: „Ich lege meine Gesetze in ihr Herz und schreibe sie in ihr Inneres“ (Jer 31,33; Hebr 10,16). Das Christentum ist die Religion des Geistes und so des Herzens, denn „der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes“ und „das Innere des Menschen“ (1 Kor 2,10f). Er reinigt das in der Sünde unrein und ‚stein-hart‘ gewordene Herz und macht es wieder lebendig in der wiederhergestellten ‚Zirkulation‘ mit der oberen Welt; denn der Geist „ist die einigende Kraft, … die Welt der absteigenden Offenbarung und der aufsteigenden Antwort des Herzens“ (Alois Grillmeier, Theologia Cordis, GuL 1948, 350). Deshalb heißt es: „Mehr als alles behüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus“ (Spr 4,23) – wenn es eins ist mit Gott. Origenes verweist darauf, dass für Paulus der Heiligen Geist der in die Herzen ausgegossene Geist der Liebe ist (Röm 5,5): „Gott selbst wird Liebe genannt und sein Sohn der Sohn der Liebe. Also … müssen wir als sicher annehmen, dass aus der einzigen Quelle der väterlichen Gottheit sowohl der Sohn wie der Geist stammen, und dass aus dem Überfluss dieser Gottheit der Überfluss der Liebe in die Herzen der Heiligen eingegossen wird, um sie der göttlichen Natur teilhaftig zu machen, wie es der Apostel Paulus gelehrt hat, auf dass durch diese Gabe des Heiligen Geistes das Wort des Herrn sich erfülle: ‚Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so mögen jene eins sein in uns‘, d. h. sie mögen teilhaftig werden der göttlichen Natur im Überfluss der Liebe, die ausgegossen wird durch den Heiligen Geist.“ In diesem Heiligen Geist betet der gesteinigte Stephanus wie zuvor schon Jesus: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an“  (Apg 7,60; Lk 23,34).

Warum geht der Geistsendung Christi Himmelfahrt voraus?

Bild: Die Geistsendung am „50. Tag“ nach Ostern (Pfingsten = Pentecoste) übersteigt wie der „achte Tag“ der Auferstehung (Sonntag) die Sieben-Tage-Schöpfung, die im Sabbat (‚siebter Tag‘) kulminiert; denn 50 ist 7 x 7 + 1 oder der erste Tag der ‚achten‘ Woche. Mit dem ‚achten Tag‘ oder der ‚achten Woche‘ beginnt die Neuschöpfung als Vollendung der Schöpfung. Ein Symbol des Schöpfers ist die Hand mit fünf Fingern im Verhältnis 1 (Daumen) zu 4 (Finger). Dieses Verhältnis 1 zu 4 stellt den „Bund“ dar zwischen Gott (1) und Welt (4). Es zeigt sich auch in den fünf Büchern der Thora (Genesis = 1) und im Verhältnis der ‚40 Tage‘ zu den ‚10 Tagen‘ von Himmelfahrt und Geistsendung. Die zweimal fünf Finger der zwei Hände stehen im Hintergrund der Zehn Gebote auf zwei Tafeln (5 + 5) sowie des Gottesnamens JHWH = 10-5-6-5, das heißt 10 = 5 + 5. Himmelfahrt Christi, Buchminiatur, Armenien, Museum Jerewan (Hände und Finger sind besonders groß und hervorgehoben).


Nach der Konzeption der lukanischen Apostelgeschichte gibt der auferstandene Jesus „40 Tage“ lang seinen Aposteln „Anweisungen“ und spricht über das „Reich Gottes“ (Apg 1,3) als Kern seiner Heilsbotschaft. ‚10 Tage‘ nach seiner Aufnahme in die Herrlichkeit des Himmels sendet er von dort die verheißene Kraft des Heiligen Geistes auf die im Gebet versammelten Apostel mit Maria in ihrer Mitte, damit sie „meine Zeugen sein (können) in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8f.12-14; 2,1-4.32). In der Feuerkraft des Schöpfergeistes wird die ganze Schöpfung erneuert, um das Gottesreich zu sein, wozu sie erschaffen ist. Israel wird am „50. Tag“ (Schawuot) die Schriftliche Thora als Offenbarung des Willens Gottes übergeben, am ‚40. Tag‘ empfängt sie die Mündliche Thora, das heißt die Auslegung der Thora durch die Jahrhunderte im Gottesvolk. Dem entsprechen die ‚40 Tage‘ der Unterweisung vor der ‚Himmelfahrt‘, wodurch Jesus zur ‚Rechten Gottes‘ erhöht wird, gewissermaßen als sein ‚rechte Hand‘. Als die ‚linke Hand‘ oder auch der „Finger Gottes“ erscheint der Geist, mit dem schon Jesus während seines ‚Erdenwandels‘ die Dämonen ausgetrieben und so das „Reich Gottes“ schon vorweggenommen hat (Lk 11,20). Auch Mose wirkt mit dem „Finger Gottes“ Wunder gegenüber dem Pharao als Repräsentant des Teufels (Ex 8,15). Schon die Schöpfung ist das „das Werk deiner Finger“ (Ps 8,4), erst recht die Thora mit den ‚Zehn Geboten‘ als ‚Bauplan‘ der Schöpfung in ‚zehn Worten‘: „Und Gott sprach“ (Gen 1). Die Zehn Gebote hat „der Finger Gottes geschrieben“ (Ex 31,18), also der Heilige Geist. Als die ‚Pharisäer‘ Jesus mit der ertappten Ehebrecherin eine Falle stellen wollen, indem sie ihn der Gesetzesübertretung oder der Hartherzigkeit zeihen wollen, schreibt Jesus zweimal „mit dem Finger auf die Erde“ (Joh 8,6.8). Jesu neues Gesetz der Liebe ist nicht auf äußere Tafeln aus Stein geschrieben, sondern ins Innere, in die Herzen aus Fleisch (Jer 31,33; Hebr 10,16; vgl. 2 Kor 3,3). „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5). So kann im vom Geist bestimmten Leben das Gesetz von innen erfüllt werden (Röm 13,10). Jesus verurteilt die Sünde, nicht die Sünderin (Jo 8,10f).

Warum sind die Charismen des Geistes verschieden vom Amt?

Bild: Amt und Charisma stehen biblisch nicht in Konkurrenz, wie die liberale protestantische Erforschung der Kirchengeschichte gern behauptet (vgl. Klaus Berger, Geist Gottes, 2017, 121-126). „Hinsichtlich der Herstellung von Ordnung besteht die Gemeinde keineswegs aus lauter Gleichberechtigten … Zwischen dem Amt des Apostels und dem Charisma der anderen Geistträger kann kein Widerspruch bestehen“ (125), beide stammen „aus derselben Quelle“ (126). Die Regel ist: „Wenn die Gemeinde sich nicht mehr im Ganzen als missionarisch versteht, richten sich die Begabungen gegeneinander“ (124). Maria hat als Inbegriff aller Heiligkeit die Fülle der Gnadengaben und Tugenden des Geistes, aber keine amtliche Sendung. Verkündigung, Porto, S. Franziscus.


Zum Reformationsgedenken 2017 stellte die Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ neun Thesen auf, „wie sich der christliche Glaube erneuern kann“. Gefordert wurde unter dem Stichwort ‚Demokratisierung‘ eine Öffnung aller kirchlichen Ämter für Frauen: Kirchenleitungen meinten „immer noch, auf die Charismen [!] der Hälfte der Menschheit [!] in wichtigen Ämtern verzichten zu können“. Verlangt wurde auch die prinzipielle ökumenische Öffnung aller Kirchen und Gemeinden füreinander sowie eine Betonung der Gemeinsamkeit aller Religionen gegen „das triviale Konkurrenzdenken zwischen den Religionen“, denn „die religiöse Vielfalt (kann) nur gottgewollt sein“. Nach Albert dem Großen (13. Jh.) kennt die durch den Heiligen Geist bewirkte „Heiligkeit der Kirche … keinen Verfall, auch wenn es zuweilen Versagen bei einzelnen Personen gibt. Darum bekennen wir: ‚die heilige Kirche‘. (…) Das ist die Heiligung der Kirche, die Eingießung der Heiligkeit in den Sakramenten, den Tugenden, den (Sieben) Gaben zur Vollendung der Heiligkeit, und schließlich in den Charismen des Wunderwirkens und anderer ‚umsonst gegebenen Gnaden‘ (gratiae gratis datae): Weisheit, Wissen, Glaubenskraft, Unterscheidung der Geister, Heilungsgabe, prophetische Begnadung, und all dessen, was der Heilige Geist gibt, um die Heiligkeit der Kirche zu erweisen“ (Über die Eucharistie, 2017, 97f). Alle Getauften mit der gleichen Würde der Gotteskindschaft haben ihre jeweiligen Charismen (1 Kor 12,8-10) zum Aufbau des einen Gottesreichs der Liebe oder des Gotteshauses der Freiheit. „Die Charismen sind verschieden, aber alle, die sie besitzen, bilden zusammen eine einzige Jungfrau“, das heißt die Kirche (Augustinus, Kommentar zum Johannesevangelium, ²2019, 87). Der Kirche als Leib Christi steht Christus als Haupt gegenüber, dem Haus der Hausherr, den vielen Charismen das eine dreistufige Amt: das Einheit stiftende Prinzip. Das Amt ist auch kein Recht, weshalb Frauen nicht diskriminiert werden. Priester repräsentieren Christus als Haupt der Kirche (Kol 1,18), alle Getauften seinen Leib (1 Kor 12,12-31) und das Gotteshaus (1 Kor 3,9). Religionen bekennen zwar alle das Göttliche, aber im Islam wird die Vielehe praktiziert, was christlich dem Willen Gottes widerspricht (Mt 19,4-8). Muslime sehen im Kult des Gekreuzigten „Leidensvergötterung“, „Gotteslästerung“, ja „Götzendienst“ (Navid Kermani, Ungläubiges Staunen, ²2015, 50); christlich ist das Kreuzesopfer Hochform des Gottesdienstes.

Warum ist Maria die heldenhafte Schlangenzertreterin?

Bild: Im Marienmonat Mai werden viele Marienlieder gesungen, darunter auch „Die Schönste von allen“, 1927 aufgezeichnet von dem lothringischen Priester, Volksliedsammler und Volkskundler Louis Pink. In der 2. Strophe wird Maria als heldenhafte Schlangenzertreterin besungen: „Ihr Haupt ist gezieret mit goldener Kron,/ das Zepter sie führet am himmlischen Thron;/ ein sehr starke Heldin, mit englischem [= engelhaftem] Schritt/ der höllischen Schlange den Kopf sie zertritt“ (GL 889, Eigenteil Freiburg/ Rottenburg-Stuttgart). Für die heutige Exegese ist die Schlange ein gewöhnliches Geschöpf Gottes; sie hat damit jedes Verständnis für die Tiefendimension der biblischen Heilsbotschaft und des Glaubens verloren. Maria Immaculata mit Jesuskind und vertikalem Kreuzstab der ‚horizontalen‘ Schlange (Weltkugel)den Kopf zertretend, Markplatz Wangen im Allgäu. Papst Benedikt XV. benannte Maria offiziell als Schutzfrau Bayerns. 1917 wurde das Fest der Patrona Bavariae erstmals in bayerischen Diözesen begangen.


In der Bulle „Ineffabilis Deus“ von Pius IX. vom 8. Dez. 1854 zur Dogmatisierung der „Unbefleckten Empfängnis“ (Erbsündenfreiheit) Mariens heißt es mit Bezug auf das Proto-Evangelium von der „Feindschaft“ zwischen dem „Samen“ der Schlange und der Frau (Gen 3,15): Während Eva durch den Fall zur „Sklavin der Schlange“ geworden ist, hat Maria als neue Eva „das giftige Haupt der grausamen Schlange zertreten und der Welt das Heil gebracht“. Die machtvolle Schlange ist nicht weniger als die vergängliche „Welt und ihre Begierde“ des Fleisches (1 Joh 2,15-17), die sich heute nicht zuletzt in der milliardenschweren Porno-Industrie und ‚schwarzen‘ SM-Studios mit bizarren perversen Sexualpraktiken austobt, wo man auch vor der ‚Fixierung‘ des ‚Sklaven‘ am ‚Kreuz‘ zur sexuellen Lustmaximierung nicht zurückschreckt. Die Taufe des Glaubens als ‚Mitgekreuzigtwerden‘ mit Christus, „damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde und wir nicht Sklaven der Sünde bleiben“ (Röm 6,6), befreit von der ‚Erbsünde‘ und schenkt mit der Gnade den „Sieg“ über die „Welt“ (1 Joh 5,4f) – im Widersagen wider den Satan und „den Verlockungen des Bösen“ (GL 573,8), der „die Gewalt über den Tod hat“ (Hebr 2,14). Marias Glaube bei der Fleischwerdung des Wortes hat sie mit Christus für immer vereint. So erscheint sie auch immer wieder einfachen Menschen, um sie an die Grundlagen des Glaubens zu erinnern, so im Jahr 1531 in Mexiko viermal vor dem Nahuatl-Indigenen Juan Diego sechs Jahre nach dessen Taufe (2002 hat ihn Johannes Paul II. heiliggesprochen). „Maria, die Mutter aller Menschen“, bekleidet als himmlische Gestalt mit einem Sternenmantel und zugleich als demütiges Mädchen mit gefalteten Händen auf einer schwarzen Mondsichel, von goldenen Sonnenstrahlen umhüllt, spricht den 57-Jährigen direkt in seiner eigenen Sprache an, der Lingua franca des Azteken-Reiches, und zwar in den vier Tagen unmittelbar nach dem Festtag der Unbefleckten Empfängnis Mariens (8. Dezember) auf dem Hügel, wo die aztekische Erdmutter-Göttin Coatlicue („Die mit dem Schlangenrock“) verehrt wurde. Der Name Guadalupe geht wohl auf den Ausdruck ‚Coatlaxopeuh‘ in der Nahuatl-Sprache zurück und bedeutet Schlangenzertreterin („Ich habe die Schlange zertreten“). Die Erscheinung der Maria von Guadalupe war entscheidend zur Inkulturation des Glaubens in ganz Lateinamerika.