Impulse zu den Bildwelten der Bibel

Ist die Bibel das unvergängliche Samen-Wort Gottes?

Bild: Vincent van Gogh hat mehrfach den  „Sämann“ gemalt, der in der männlichen Kraft der aufgehenden strahlenden Gottessonne das Korn – den unvergänglichen Samen des Wortes Gottes – in die (weiblichen) Ackerfurchen der Welt aussät: Tod und Auferstehung fallen hier zusammen (so besonders 1888). Als Vorbild dienten ihm die ländlichen Szenen des französischen Malers Jean François Millet, wobei er das Landleben des einfachen Volkes als ursprünglicher ansah als das Leben der Städter. Van Gogh entwickelte dabei seine eigene Bildsprache, die vor allem auch in der Darstellung der Sonne als lodernder Stern ihren originären, außergewöhnlichen Ausdruck fand. Das Städel Museum (Frankfurt/M) zeigt in der Ausstellung „Making van Gogh“ (2019/20) nur dieses eine Bild vom Sämann von 1890.

 


Christen sind „neu geboren … aus unvergänglichem Samen: aus Gottes Wort, das lebt und das bleibt“ (1 Petr 1,23). Dagegen ist für Konrad Schmid/ Jens Schröter, Die Entstehung der Bibel (2019), die Bibel eine zeitbedingte „Sammlung vielfältiger Texte“; sie wird „aufgelöst und historische Hypothesen und Wahrscheinlichkeiten an deren Stelle gesetzt“: „Der Inspirationslehre, derzufolge die biblischen Texte göttlich inspiriert und somit von aller anderen Literatur zu unterscheiden seien, (wird) eine Absage erteilt.“ Die Bibel hat keine innere Einheit, es gibt keinen Heilsplan, zwischen Bibel und kirchlichem Glaubensbekenntnis besteht ein Gegensatz. Nach Origenes von Alexandrien (3. Jh.) ist „jede Rede der göttlichen Schrift einem Samenkorn vergleichbar, dessen Natur es ist, in die Erde geworfen, wiederaufzuerstehen in der Ähre oder was sonst die Gestalt seiner Frucht ist, und so sich zu vervielfältigen und auszubreiten, und das umso üppiger, je mehr Mühe der kundige Landmann aufgewandt hat und je größere Wohltat die fruchtbare Erde spendet. Solange die Brote unversehrt sind, wird niemand gesättigt, niemand erquickt, und man sieht auch nicht, wie sich die Brote vermehren. Erwäge nun also, wie wir die wenigen Brote brechen: wir nehmen aus den göttlichen Schriften ein paar wenige Worte, – und wieviel tausend Menschen werden nicht gesättigt!“ (in: Geist und Feuer, 141). Schrift, wunderbare Brotvermehrung, das Pascha-Mysterium Christi und die Mission werden in eins zusammen gesehen, weil es von Pfingsten her die ‚christologische’ oder ‚pneumatologische’ Auslegung des Alten Testaments gibt. Sie ist die Weise, „in der das Alte Testament zur Bibel der Christen werden und bleiben konnte“ (Benedikt XVI. em.). „Die pneumatische Überschreitung des alttestamentlichen Buchstabens in den Dienst des Neuen Bundes hinein erfordert so immer neu den Aufbruch vom Buchstaben zum Geist. Im 16. Jh. hat Luther aufgrund einer völlig anders gearteten Lektüre des Alten Testaments diesen Überschritt nicht mehr vollziehen können.“ Ebenso die heutige Exegese: Gottes Wort, „unser wahres Brot, unser wirkliches Leben“, wird hier zum toten Stein (vgl. Mt 4,3). „Das ist das schlechteste aller Wunder“ (Bonaventura, Hexaemeron).

 

Ist die Schlange im Paradies eine Kreatur wie alle anderen?

Bild: Nach Philo von Alexandrien ist die männliche Schlange im Paradies „Inbegriff der ‚Wollust’“ (Hedoné); auch für Friedrich Weinreb ist die Schlange „das Bewusstwerden der Lust des Geschlechtstriebes“ (Leiblichkeit, 72). Franz von Stuck malte 1920 dieses Bild: Eva präsentiert Adam kokett gemeinsam mit der Schlange den leuchtend roten Apfel zur Verführung: „Das listige Tier windet sich zwischen Evas Beinen an ihrem Körper empor und wird eins mit der rothaarigen Frauenfigur. Der abgewandte Adam greift nicht nach dem verlockenden Apfel, sondern zeigt auf den exponierten Körper Evas. Der Künstler rückt damit die weibliche Erotik in den Fokus und identifiziert die selbstbewusste Frau als ein ins Verderben führendes Wesen“ (Städel Museum, Frankfurt/M).


Die Exegese sieht heute in der Schlange im Paradies nicht die Verkörperung des gefallenen Engels oder Teufels (Offb 12,9), sondern eine Kreatur wie alle anderen. Nach dem Alttestamentler Michael Konkel ist die Verfluchung der Schlange durch Gott (Gen 3,14) „Höhepunkt der Erzählung“, die „das Vorhandensein einer für den Menschen tödlichen Macht in der Tierwelt“ erkläre. Ähnlich Thomas R. Elßner: „Die Schlange ist eine Kreatur wie jede andere auch, die JHWH Elohim gemacht hat; nur ist sie klüger/schlauer als andere Tiere: ‚Der Schlangerich war schlauer/listiger als alle Tiere des Feldes, welche JHWH Elohim gemacht hatte’ (Gen 3,1a)“ (in: Manfred Hauke, Maria und das Alte Testament, 33). ‚Schlange’ ist im Hebräischen männlich, deshalb ‚Schlangerich’. Zu ‚klug/schlau/weise/ einsichtig’ verweist Elßner auf das Wortspiel im Hebräischen mit ‚nackt’ (34), ohne die schambesetzte ‚Nacktheit’ nach dem Fall (Gen 3,7) mit dem Verlust des Paradieskleides der ‚Herrlichkeit’ (Gnade) Gottes in Verbindung zu bringen. Die Übersetzung ‚listig’, die an „teuflische Listen“ erinnert (Eph 6,11), weist Elßner zurück. Übersehen wird, dass Jakobs „List“ gegenüber seinem roten und haarigen Zwillingsbruder Esau (Gen 25,25) „tatsächlich die List gegenüber der List der Schlange ist. Wie die Schlange listig ist und sagt: ‚Ich bin gut’, obwohl sie das Böse in sich trägt, so ist Jakob listig und sagt: ‚Ich bin nur ein gewöhnlicher Mensch’, obwohl er das Göttliche in sich trägt. Das ist die entgegengesetzte List, das Kompensierende“ (Friedrich Weinreb, Der Weg durch den Tempel, 362). Das Göttliche, die Neschama oder Geist-Seele, bildet den Gegensatz zur Nephesch, der Körper oder Blut-Seele, die auch die Tiere haben. Jakob-Israel verkörpert den inneren, Esau den äußeren Menschen: Seele und Körper. Wie Adam im Paradies muss sich auch Israel zwischen Gott und den Götzen, Leben und Tod entscheiden (Dtn 30,19f). Zur von Gott gesetzten „Feindschaft“ zwischen dem Menschen und der Schlange (Gen 3,15) sagt der Mariologe Anton Ziegenaus, sie „bezieht sich auf Personen und nicht auf vernunftlose Geschöpfe, deshalb ist nicht die Schlange als Tier gemeint, sondern als Symbol für die Dämonen, d h. für die Götzen“ der Fruchtbarkeit (in: Hauke, s. o., 181).

Warum stellt Maria Jesus im Haus Gottes dar?

Bild: Im Kirchenlied heißt es: „Zu seinem Tempel kommt der Herr. Maria bringt ihn freudig dar./ Als kleines Kind hält Einzug der, der aller Seher Sehnsucht war“ (Gotteslob 374.2). Der greise Seher Simeon erkennt in dem Jesusknaben, den er auf den Armen hält, „ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel“ (Lk 2,32). Ebenso weiß die „84-jährige“ Prophetin Hanna, dass jetzt der Erlöser Jerusalems gekommen ist (Lk 2,38). Die Zahl 84 ist 7 x 12, 7 Jahre davon hat sie „mit ihrem Mann gelebt“ (V.36): ein Siebtel, wie der Sabbat ein Siebtel der Woche ist. Der jetzt zu seinem Tempel kommt, ist der wahre Bräutigam des ‚8. Tages’ – Relief Kathedrale S. Maria Assunta in Altamura, Apulien.


Das Fest am 2. Februar, 40 Tage nach Weihnachten, wenn die Tage wieder länger werden, trug früher den Namen „Maria Lichtmess“ oder „Mariä Reinigung“; heute ist es ein Herrenfest: „Darstellung des Herrn“ im Tempel, im Haus Gottes. Die liturgische Lesung aus dem letzten Buch des Alten Testaments, dem Propheten Maleachi (3,1-4), spricht vom plötzlichen Kommen Gottes „zu seinem Tempel. (…) Doch wer erträgt den Tag, an dem er kommt? Wer kann bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer im Schmelzofen und wie die Lauge im Wachtrog.“ Gottes Kommen erfordert einen von allem Unrat der Sünde gereinigten, geläuterten Tempel: „Dann werden sie dem Herrn die richtigen Opfer darbringen.“ Der äußere Tempel steht für den inneren Tempel des Herzens oder der Seele. Der Mystiker Johannes Tauler (1300–1361) sagt: „Der Tempel, in den der gute Jesus eintrat, ist die edle, liebenswerte Seele mit ihrer lauteren Innerlichkeit.“ Doch „weil das Innere des Menschen mit vielen Dingen, Wünschen, Vorstellungen und Bildern besetzt ist, kann Gott nicht darin wohnen, obwohl er nichts sehnlicher begehrt als dies.“ Der heilige Franziskus (1181–1226) erhielt am Anfang seines Weges von Christus den Auftrag, „mein Haus“ wiederherzustellen, was er zunächst von der Portiunkula-Kapelle im Tal von Assisi versteht, die er eigenhändig wieder aufbaut. Tatsächlich ist aber zuerst das innere ‚Haus’, der geistige Tempel des Herzens zu reinigen und aufzubauen, bevor auch die Erneuerung des äußeren Baus der Kirche oder gar der großen Kirchenreform begonnen werden kann: „Als Gegenpol zur weit ausgespannten Sendung, die gesamte Kirche zu erneuern, ist es gut, hier auf die eigene Personmitte verwiesen zu werden, den Kreuzesauftrag also nicht nur in seiner universalen Weite, sondern auch in seiner mystischen Tiefe zu verstehen. Wer immer nur nach außen schaut, auf das, was zu bauen und zu reparieren ist, verliert sich leicht in Geschäftigkeit und äußerem Betrieb“ (Leonhard Lehmann, „Geh hin, stelle mein Haus wieder her!“, in: Geist und Leben 2/1991). Heutige Bemühungen um eine Kirchenreform könnten von diesem Beispiel sicher lernen.

Warum wirkt Jesus sein „erstes Zeichen“ bei einer Hochzeitsfeier?

Bild: „Hochzeiten empfindet das Volk immer als die eigentliche Mitte des Lebens, und feiert sie so“ (Eugen Rosenstock-Huessy). Im Judentum wurde die Hochzeit sieben Tage gefeiert analog zur Schöpfung in sieben Tagen mit dem Sabbat als „Vollendung“ (Gen 2,2). „Am Schabbat vereinigen sich nicht nur Himmel und Erde, sondern auch Mann und Frau“ (Gabriel Strenger). Diese Vereinigung bleibt vorläufig; denn erst mit Jesu Heilstod am Kreuz und seiner Auferstehung am „achten Tag“ (Sonntag) wird das Schöpfungswerk von Sünde und Tod befreit und so ‚hochzeitlich’ vollendet. Die 6 Wasserkrüge verweisen daher auf die sechs Schöpfungstage, an dem der Mensch männlich-weiblich erschaffen wird (Gen 1,26) – Krippendauerausstellung in der Hofburg von Brixen.


Im 4. Evangelium wirkt Jesus insgesamt sieben Wunder-„Zeichen“ seiner göttlichen Herrlichkeit, das erste bei der Hochzeit zu Kana mit der Verwandlung des Wassers in sechs Krügen (zu je ca. 100 Liter) in den ‚besseren’ Wein (Joh 2,1-11) des neuen Bundes. Maria initiiert das Zeichen, die nur hier und dann wieder unter dem Kreuz mit drei anderen Frauen auftaucht (Joh 19,25-27); viermal ist dort von der „Mutter“ die Rede, Jesus spricht sie wie in Joh 2,4 als „Frau“ (griech. gyné) an. Maria bildet so die Klammer zwischen dem ersten und dem letzten Zeichen: der „Erhöhung“ am Kreuz in der „Stunde“ des Todes als  „Verherrlichung“ Jesu durch den himmlischen Vater (Joh 2,4; 7,30; 8,20; 12,23; 13,1). Denn als fleischgewordenes Schöpferwort führt Jesus mit seiner Liebeshingabe am Kreuz zur Rettung der geliebten Welt (Joh 3,16) das Schöpfungswerk des Vaters „zu Ende“ (Joh 4,34) und kann sagen: „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30). „Das letzte Wort des Gekreuzigten (teléstai, 19,30) ist durch seine intentionale Doppeldeutigkeit ein typisch johanneisches Schlüsselwort und kann sowohl ‚es ist zu Ende‘ wie auch ‚es ist vollbracht‘ bedeuten. (…) Jesus stirbt zum Anbruch des Paschafestes, so dass seine Erhöhung sein Königtum vom Kreuz her ist, das an die Stelle des jüdischen Hauptfestes tritt. Die Kreuzigung ist ein Inthronisationsgeschehen (‚Seht euren König‘; 19,14; 19,19). Für Jesus ist sein Tod das allerletzte ‚Werk‘, die Vollendung seines Weges. Die Glaubenden können sprechen: ‚Wir sahen seine Herrlichkeit‘ (1,14) – am Kreuz“ (Karl M. Woschitz). Die Vollendung der Schöpfung besteht in ihrem ‚hochzeitlichen’ Einsseins mit ihrem Schöpfer im ‚Bund’, der in Jesu ‚Blut’ geschlossen wird (Mt 26,28) wie beim jüdischen Osterfest im Blut des Paschalammes; Jesus ist das wahre Osterlamm, das die „Sünde der Welt“ hinwegnimmt (Joh 1,29.36) und dessen Gebein nicht zerbrochen werden darf (Joh 19,36; Ex 12,46). In der Johannes-Apokalypse ist das Lamm der Bräutigam des himmlischen Jerusalem als seiner „Braut“ und „Frau“ (21,9). Die „Hochzeit des Lammes“ (19,7) mit diesem Jerusalem als Bild der Kirche und Marias ist das biblische Hoffnungsbild der Weltvollendung.

Warum kommt der Mann nicht schon beschnitten zur Welt?

Bild: Als jüdischer Knabe wird Jesus am „achten Tag“ als Zeichen des Bundes mit Gott beschnitten (Lk 2,21); der achte Tag symbolisiert Erlösung und Auferstehung. Das dabei fließende Blut verweist schon auf „das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28). Die Sündenvergebung geschieht zugleich durch den am Kreuz ‚überlieferten’ (ausgehauchten) und eingehauchten Geist Gottes (Joh 19,30; 20,22f) – Beschneidung Jesu im Tempel, Relief im rechten Kastenflügel des Altaraufsatzes der Krämergilde (um 1430) in der St. Nikolaikirche in Wismar.

 

In der Bibel ist dem Schöpfer die Knabenbescheidung am „achten Tag“ so wichtig, dass er den unbeschnittenen Mose sogar töten will (Ex 4,24-26). Auf die Frage, warum das männliche Kind nicht gleich beschnitten zur Welt kommt, antwortet der große Rabbi Akiba (2. Jh.): Der freie Mensch solle selbst zur „Veredlung seiner Natur“ beitragen, wozu die Knabenbeschneidung der erste Schritt ist – als Zeichen des „Bundes“ mit Gott. Zugleich ist sie alttestamentliches Vorausbild der christlichen Taufe als Teilhabe am neuen Bund und der  „göttlichen Natur“ (2 Petr 1,4). Weil „die ganze Welt unter der Macht des Bösen“ steht (1 Joh 5,19), ist „die gesamte Geschichte der Menschen … ein hartes Ringen gegen die Mächte der Finsternis“ (II. Vaticanum, GS 37). Dazu braucht es die Kraft des Geistes von oben und die Tugend der Hoffnung auf den „Gott der Lebenden“, „nicht der Toten“ (Mt 22,32; Weish 11,26). Die Hoffnung bildet die Mitte zwischen den Extremen der Vermessenheit (Rousseau: Der Mensch ist von Natur aus gut) und der Verzweiflung (Luther: Der Mensch ist von Geburt ein verlorener Sünder, dessen freier Wille ganz „vom Teufel geritten“ wird). Mit der Beschneidung am „achten Tag“ erfüllt Abraham die Forderung Gottes, „ganz“, „vollkommen“ oder „makellos“ zu sein (Gen 17,1), das heißt kultfähig. Der Kult als Ausdruck der Gottesliebe erfordert einen ‚gottähnlichen’ (inneren) Menschen, der aber durch den Sündenfall ‚tierähnlich’ (sterblich) geworden ist (vgl. das „Tierfell“: Gen 3,21). Die Knabenbeschneidung „ausgerechnet dort, wo der Körper unsere stärksten Triebe produziert“ (Oberrabiner Arie Folger) ist der erste Schritt wieder hin zur Gottähnlichkeit, der sich in der Herzensbeschneidung bzw. Taufe vollendet. Entscheidend ist nicht, ob jemand (äußerlich) beschnitten oder unbeschnitten ist“, sondern „dass er eine neue Schöpfung ist“ (Gal 6,15; 2 Kor 5,17). Bei Ezechiel (36,26f) sagt Gott: „Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihre meinen Gesetzen folgt…“

Warum freut sich der himmlische Vater über seinen Sohn?

Bild: Der Abstieg Jesu ins Wasser des Jordans bei seiner Taufe ist schon Abstieg in den Hades, den Abgrund des Todes: „In die Fluten des Jordans, in den Abgrund des Tods,/ lässt du, Herr, dich versenken: So teilst du unser Los“ (Gotteslob, Eigenteil Freiburg/Rottenburg, Nr. 777). Vom Himmel her wird Jesus mit dem Geist gesalbt und so gestärkt zum Kampf mit dem, „der die Gewalt über den Tod hat“ (Hebr 2,14). Der sterbliche Mensch neigt dazu, gegen Gott aufzubegehren und sein Herz zu verhärten; dann kann er „seine Stimme“ nicht mehr hören (Hebr 3,15; 4,7) – byzantinisches Deckenfresko aus der berühmten Minas-Kathedrale in Heraklion, Kreta.

 


Die Taufe Jesu im Jordan durch Johannes den Täufer bildet den Auftakt, die öffentliche Vorstellung Jesu als Sohn des himmlischen Vaters und Retters der Welt. Dazu erscheint mit der Öffnung des Himmels der Heilige Geist in Gestalt der weißen Taube und Gott Vater in Gestalt der Stimme vom Himmel: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe“ (Mt 3,17). Gott freut sich über seinen Sohn, weil er sich von Anfang an frei dazu bestimmt hat, sich von seinem Vater „bestimmen zu lassen“ (Jan-Heiner Tück) und seinen Willen vollkommen zu tun (Hebr 10,7). So erreicht er – „gehorsam bis zum Tod“ (Phil 2,8) – auf Golgatha den Gipfel der menschlichen Freiheit als vollkommene Übereinstimmung mit Gottes Willen. In der Vereinigung des menschlichen mit dem göttlichen Willen wird der Mensch selbst ‚göttlich’. Im Zeitalter der Aufklärung und des ‚Lichts’ hat man sich moralisch darüber empört erhoben, wie Gott ein solch amoralisches Sohnesopfer zunächst von Abraham und seinem ‚geliebten Sohn’, dann auch von Jesus überhaupt wollen kann. Das menschliche Wollen widersetzt sich natürlicherweise diesem göttlichen Wollen, so auch Petrus, der von Jesus hören muss: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen. Du willst mich zu Fall bringen“ (Mt 16,23). In Getsemani, wo Petrus wie die anderen zwei Jünger einschläft, wird Jesus noch einmal in seiner Entschiedenheit für Gottes Willen erprobt: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt 26,39). Im Vaterunser betet die Christenheit zum himmlischen Vater: „dein Wille geschehe“ (Mt 6,10). Ist das Heteronomie? Oder höchste Autonomie? Gott bejaht das natürliche Sittengesetz des lumen naturale der Vernunft; aber dieses ist nicht einfach deckungsgleich mit dem Licht des Schöpferlogos, „das jeden Menschen erleuchtet“ (Joh 1,9). Denn im (‚normalen’) Zustand der Sünde liebt der Mensch „die Finsternis mehr als das Licht“ (Joh 3,19). Gott ruft den Menschen in seine Freiheit, das heißt angesichts der faktischen Sünde zur Umkehr. Wie Gott an seinem Sohn Freude hat, so herrscht im Himmel Freude über jeden, der aufrichtig zu Gott umkehrt (Lk 15,7.32). Dazu erhält der Gläubige in der Taufe die Macht, Kind Gottes zu werden (Joh 1,12), was er von Natur aus gerade nicht ist.

Wie kommen die „heiligen drei Könige“ zum Kind in der Krippe?

Bild: Der Weg zur Krippe mit dem Hindernis des potentielle Rivalen tötenden „Königs Herodes“ ist der Weg zu dem Ziel, zu dem Gott den Menschen seit jeher beruft: zur Heiligkeit, Vollkommenheit und Seligkeit (1 Thess 4,3; Mt 5,48). Die Hirten als Hüter der Schafe sind dazu ebenso berufen wie die Könige als Hüter ihrer Schätze, auch der Schätze des Wissens um die Weisungsmacht der Sterne, die nicht selbst göttlich sind, aber zum Gott im Kinde führen – achtstrahlig wie die Seligpreisungen (Mt 5,3-10), weil im fleischgewordenen Wort des Schöpfers schon die Auferstehung am ‚achten Tag’ gegenwärtig ist – Relief vom „Löwenportal“ der Kathedrale Santa Maria Assunta (13./16. Jh.) in Altamura, Apulien.

 

 

Zum Hochfest Epiphanie sind evangelikale Publikationen wieder darauf aus, biblizistisch zu beweisen, dass die „heiligen drei Könige“ weder Könige, noch drei, noch heilig waren, noch Caspar, Melchior und Balthasar hießen. Eine Gruppe von Astrologen (griech. Magoi) sei nur deshalb zu ‚drei Königen’ geworden, weil sie drei ‚königliche’ Geschenke bringen: Gold, Weihrauch und Myrrhe (Mt 2,7). „Weihrauch und Gold“ auf „Kamelen“ bringen auch die heidnischen Völker zum gesegneten Jerusalem auf ihrer ‚Wallfahrt’ zum Zion, dem Berg, über dem nach der Verheißung des Propheten Gottes Herrlichkeit aufstrahlt (Jes 60,2.6), was Lesungstext an „Erscheinung des Herrn“ ist. Das heißt, auch die Heiden finden zum Gott Israels: Die „heiligen drei „Könige“ repräsentieren die Heidenvölker aus den drei damals bekannten  Kontinenten Europa, Asien und Afrika (deshalb ein Schwarzer). Von jüdischer Seite wird das Heidentum immer als Götzenanbetung und Gestirns-Idolatrie identifiziert. Seine Vertreter werden entsprechend als weise „Sterndeuter“ vom „Stern“ zum Kind in der Krippe und zum Glauben geführt, allerdings nicht ohne die Heilige Schrift Israels zu konsultieren mit ihrer Verheißung, dass der Messias in Bethlehem geboren wird, der Geburtsstadt von König David als Vorausbild des Messias (Mt 2,6; Mi 5,1.3): Schöpfungs- und Wort-Offenbarung gehören so zusammen. Der von Ost nach West führende „Stern“ könnte die Venus sein, die in acht Erdjahren „nahezu exakt dreizehn Mal“ die Sonne umläuft und dabei fünfmal der Erde begegnet sowie fünfmal als Morgenstern im Osten und als Abendstern im Westen aufgeht. Werden die hellsten Konstellationen auf den Fixsternhimmel mit fünf Intervallen von 72° projiziert, entsteht der Fünfstern, wobei 72 der volle Wert des Namens JHWH ist (alle Buchstaben-Zahlen ausgeschrieben); die Fünf als 5. Buchstabe He ist ein Symbol der fruchtbaren Braut (vgl. Uwe Markstahler, Das Neue Testament im Licht der jüdischen Tradition, 70f). Wie die Sterndeuter am Anfang des Evangeliums im „Kind und Maria“ das Ziel ihres Lebens finden, so werden die Jünger am Ende des Evangeliums vom Auferstandenen zu allen Völkern gesandt (Mt 28,19).