Bibel: Die Fehldeutungen der Experten

Bild: Die Figur „Scientia“ (Wissenschaft) rahmt mit der Figur „Fides“ (Glaube) den Eingang zum Tempio Voltiano in der italienischen Stadt Como am Comer See; das Museum ist dem italienischen Physiker Alessandro Volta (1745–1827) gewidmet, dem Erfinder der elektrischen Batterie und einer der Begründer der Elektrizitätslehre.

 

Wenn ein Buch mit dem Anspruch, „hartnäckige Fehldeutungen biblischer Texte“ zu erklären (so der Untertitel), selbst zuhauf solche produziert, dann ist das schon mehr als ärgerlich. Dies um so mehr, als es nicht nur um Nebensächliches geht, sondern in der Frage des Sündenfalls auch um das Fundament des Glaubens: Ohne Ursünde und Erbsünde als allgemeiner Erlösungsbedürftigkeit auch keine Erlösung. 28 Bibelwissenschaftler in 34 Beiträgen schreiben, wie die Bibel „richtig“ zu lesen ist.

Unter dem Titel „Bibel falsch verstanden“ hat das Katholische Bibelwerk Stuttgart in 2. Auflage das Buch neu herausgebracht, das 2016 erstmals erschienen ist – eine Revision ist nicht erkennbar. Der in dem Buch vielfach kritisierte Katechismus der Katholischen Kirche sagt in Nr. 289: „Unter allen Aussagen der Heiligen Schrift über die Schöpfung nehmen die ersten drei Kapitel des Buches Genesis einen einzigartigen Platz ein. (…) In ihrer feierlichen Sprache bringen sie die Wahrheit über die Schöpfung, deren Ursprung und Ziel in Gott, deren Ordnung und Gutsein, über die Berufung des Menschen und schließlich über das Drama der Sünde und über die Hoffnung auf Heil zum Ausdruck. Im Lichte Christi, in der Einheit der Heiligen Schrift und in der lebendigen Überlieferung der Kirche gelesen, bleiben dieses Aussagen die Hauptquelle für die Katechese über die Mysterien des ‚Anfangs’: Schöpfung, Sündenfall, Heilsverheißung.“ Von ‚Schöpfung’ ist noch die Rede, ‚Sündenfall’ und ‚Heilsverheißung’ werden ausdrücklich in Abrede gestellt.

 

 

 

Ist Maria nicht die apokalyptische Frau?

Der letzte Beitrag (Michael Hölscher) behandelt die apokalyptische Frau in Offb 12, die nicht die „Madonna auf der Mondsichel“ sei, sondern „Bild für die christliche Gemeinde oder das Gottesvolk“ (280). „Die Bedeutung der Frau in Offb 12 ist auch vom unmittelbaren Kontext her zu erschließen…“ (278). Der unmittelbare Kontext wäre der Vers davor: „Der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet, und in seinem Tempel wurde die Lade des Bundes sichtbar“ (Offb 11,19). Dieser Vers wird aber gar nicht erwähnt. Die Bundeslade als das Innerste des Allerheiligsten, das wiederum das Innerste des Jerusalemer Tempels ist, nämlich „Wohnstätte Gottes“, ist im Neuen Testament das Symbol Marias. Entsprechend hüpft Johannes im Schoß seiner Mutter bei der Begegnung mit der von Gottes Sohn schwangeren Maria wie David vor der Bundeslade tanzt (Lk 1,41; 2 Sam 6,5.14; vgl. auch die Zeitangabe „drei Monate“ in 2 Sam 6,11 und Lk 1,56).

Dass die Lade aus ‚unverderblichem’ Akazienholz besteht (Ex 25,10), wurde schon von Philo von Alexandrien und Flavius Josephus als „Zeichen der Unverderblichkeit der Lade“ gelesen, auch weil das in der Lade bewahrte „Wort unseres Gottes ewig dauert“ (Jes 40,8; vgl. Manfred Hauke, Maria und das Alte Testament, 269). Papst Pius II. diente diese ‚Unverweslichkeit’ der Lade als Schriftgrundlage zur Dogmatisierung der Aufnahme Marias mit ‚unverweslichem’ Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit (Bulle „Munificentissimus Deus“, Der unendlich freigiebige Gott, 1950). Im Alten Bund dienen die Priester „einem Abbild und Schatten der himmlischen Dinge“ (Hebr 8,5). Im Neuen Bund erschließt der gekommene Messias Wahrheit und Wirklichkeit des „Allerheiligsten mit dem goldenen Rauchopferaltar und der ganz mit Gold überzogenen Bundeslade“ (9,4), die ein marianisches Symbol ist. Stefano Manelli, Biblische Mariologie (Regensburg 2018, 76) schreibt:

„Die Lade war schlechthin der Ort der Anwesenheit Gottes. Die Israeliten kamen sogar dazu, sie als Gott selbst zu betrachten (Num 10,35), und die Anwesenheit Gottes wurde zwischen den sich oberhalb der Bundeslade befindlichen Kerubinen ausgemacht, in welcher die Tafeln des Bundes, der Stab Aarons, der gesprosst hatte (Num 17,17-25), und ein Gefäß mit Manna (Hebr 9,4) enthalten waren. Die Lade war aber nur ein Symbol. Maria hingegen ist die Wirklichkeit der Bundeslade, ‚die in sich nicht das auf Stein geschriebene Wort Gottes (die Tafeln des Gesetzes), sondern dasselbe Wort Gottes, der Logos, der ihr Fleisch annahm, ihr Sohn geworden ist, trägt; die in sich ‚nicht den grünen Stab Aarons, sondern den Reis Isais’ trägt; die in sich nicht das Manna, Vorausbild der Eucharistie, sondern denselben Leib, das Blut und die Gottheit des Eucharistischen Christus trägt, der von den goldenen Kerubim angebetet wird!’ (…) In Maria, die in den Himmel aufgenommen wurde, verwirklicht sich schließlich im Ehrenglanz die Unverderblichkeit der Lade, die ewige Gottesstätte.“

Der Beitrag des angeblichen ‚Aufklärungs’-Buches trägt nicht nur nichts zur besseren Deutung der apokalyptischen Frau bei, sondern er verunklart den Zusammenhang zwischen Maria, dem alt- und neutestamentlichen Gottesvolk (Kirche) sowie dem Tempel, der in der vom Heiligen Geist ‚überschatteten’ Maria (vgl. Ex 40,34; Lk 1,35) seine eigentliche Wirklichkeit gefunden hat. „Oder wisst ihr nicht“, fragt Paulus, „dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?“ (1 Kor 6,19).

 

Die Analogie zwischen Schöpfung und Tempel-Heiligtum

Nicht anders verhält es sich mit dem ersten Beitrag (Georg Steins), der sich vor allem gegen eine Deutung von Genesis 1 als „naturwissenschaftlicher Bericht“ wendet. Auch hier wird nicht gesehen, dass die „Vollendung“ des Sechs-Tage-Werks am siebten Tag (Gen 2,1-3) seine Parallele hat in der Errichtung des Heiligtums als „Wohnstätte“ Gottes durch Mose: „So vollendete Mose das Werk“ (Ex 40,33). Die Schöpfung wird vom transzendenten Schöpfer als kosmisches Heiligtum gebaut für seine eigene ‚Ein-wohnung’ (Immanenz), und zwar im Kult Israels, der im Sabbat (7. Tag) als Zeichen des Bundes sein zentrales Symbol hat (Ex 31,12-17; 35,1-3): „Die Analogie von Schöpfung und Heiligtum [Kirche] konkretisiert sich im Kult. Der Kult versteht sich als Erneuerung der Schöpfung, indem er ihre ursprüngliche Ordnung möglichst rein wiederholt und so den chaotischen Mächten Einhalt gebietet“ (Ludger Schwienhorst-Schönberger, Die Ordnung der Zeit im Alten Testament, in: Jahrbuch für Biblische Theologie 28 [2013], 3-20, 5).

Die sieben Tage haben so auch ihre Entsprechung in der siebenarmigen Menorah im Tempel mit den zweimal drei ‚Zweigen’ und dem einen Mittelstamm als 7. Tag „nach dem Muster, das du (Mose) auf dem Berg gesehen hast (vgl. Ex 25,31-40). Flavius Josephus versteht die sieben „Lampen“ als Symbole der sieben ‚Planeten’ (einschließlich Sonne und Mond), die den sieben Wochentagen zugrunde liegen (Sonn-tag, Mond-tag, Dienstag, franz. mardi = Marstag; der siebte Tag, engl. saturday, ist der Saturnstag). Je zwei Planeten stehen sich polar gegenüber als ‚männlich’ und ‚weiblich’ (Sonne – Mond, Mars – Venus, Jupiter – Merkur); der siebte Planet Saturn hat kein Gegenüber, sondern verkörpert die Eins analog zum ‚einen’ Gott. Die zweimal drei Tage sind auch symbolisiert im Davidstern aus einem Dreieck mit der Spitze nach oben (3. Tag) und einem mit der Spitze nach unten (6. Tag), der siebte Tage bildet den Mittelpunkt.

Im ‚Aufklärungs’-Buch wird im ersten Beitrag das Wochenschema in dieser Struktur 3-3-1 falsch gedeutet (23f). Im zweiten Beitrag (Julius Steinberg) wird das Schema der zweimal drei Tage zwar erkannt (32f), aber der siebte Tag als Mitte und Einheit fehlt. Als „die eigentliche ‚Idee’ der Schöpfung“ wird hier ausgegeben, dass Gott „geordnete Räume (schafft), in denen sich Leben entfalten kann“ (33). In Wahrheit geht es darum, durch den wahren Glauben einen heiligen Raum der Freiheit im liebenden Herzen des Menschen zu eröffnen, in dem Gott wohnen kann (vgl. Eph 3,17; 2,20-22).

 

Heiliges Paradies: Ort der „Erprobung“ der Freiheit

Ein solcher heiliger Raum der Einwohnung Gottes ist auch mit dem ‚Paradiesgarten’ als „Urbild des Tempels“ (Hartmut Gese) gemeint und damit analog zum heiligen Körper des Menschen. Die sprechende Schlange als Symbol der Triebnatur verführt zum Essen der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Damit gewinnt aber nicht der Mensch die Fähigkeit zur moralischen Erkenntnis und zu einem entsprechenden Handeln (so Ilse Müller, 44f; ebenso Veronika Bachmann, 52f; 55), weil sonst die „Erprobung“ oder „Versuchung“ ja gar keinen Sinn hätte. Der Alttestamentler Klaus Bieberstein sagt: „Der Baum des Lebens liegt innerhalb des Gartens wie das Allerheiligste des Tempels im Westen, von zwei Keruben bewacht, so dass der Tempel im Licht dieser [Paradies-]Erzählung als eine räumliche Inszenierung des Gartens Eden erscheint. Dabei ist die Erzählung jünger als der Salomonische Tempel und dieser also keine Umsetzung der Erzählung in Stein. Vielmehr leistet die Erzählung eine sekundäre Codierung…“ (Communio 41/2012, 528).

Das heißt, der Erkenntnisbaum symbolisiert die irdische (Körper-)Seite des Menschen, der Baum des ewigen Lebens hingegen die himmlische (Geist-)Seite. Indem der Mensch sich zum Irdischen und ‚Animalischen’ (damit auch zum Sexuellen) entscheidet und nicht zum Himmlischen, wird er erst irdisch und sterblich: „Adam, der Erste Mensch, wurde ein irdisches Lebewesen. Der Letzte Adam (Christus) wurde lebendigmachender Geist“; alle Nachfahren Adams sind irdisch, alle Nachfahren Christi – durch die Taufe auf seinen Tod und seine Auferstehung – sind „nach dem Bild des Himmlischen“ gestaltet und werden so zu Erben des unvergänglichen Gottesreiches (1 Kor 15,45.48f).

Davon, dass der Mensch durch Einhauchen des heiligen Gottesatems (Gen 2,7; vgl. Joh 20,22f) eine unsterbliche Geistseele hat und so zur ewigen Gottesgemeinschaft berufen ist, wissen die „Expertinnen und Experten, die in diesem Band schreiben“ (17), nichts mehr. Die Gottebenbildlichkeit besteht für die Bibelwissenschaft jetzt darin, „wie eine lebendige Götterstatue in dieser Welt“ den Schöpfer zu repräsentieren: „Er kann und soll für den Erhalt der geordneten Welt sorgen“ (25). „Der Mensch ist ein beauftragter Sachwalter des als König vorgestellten Schöpfergottes“ (ebd.). Wie aber erhält man die „geordnete Welt“? Der Schöpfer musste dazu noch gegen die Mächte des Chaos kämpfen, gegen den Chaosdrachen, um „Ordnung“ zu schaffen (vgl. Jes 51,9f; Ps 74,13f; Ijob 26,12f; Jer 5,22; Ps 104,7-9). Der gottebenbildliche Mensch sollte darin dem Schöpfer nachfolgen; er versagt aber bei der ‚Erprobung’ durch die Schlange im Paradies.

 

Gottebenbildlichkeit: Statt gottähnlich jetzt (raub-)tierähnlich

Jenseits des Paradieses ist er nicht mehr gottähnlich, sondern (raub-)tierähnlich: bekleidet mit dem „Tierfell“ (Gen 3,21). Christus, der neue Adam, besiegt in seinem Kreuzestod die „Finsternis“ des Bösen und des Teufels oder auch der „Welt“ und gibt allen Getauften an diesem Sieg Anteil (1 Joh 3,8; 5,4f). So ist der wahrhaft „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung“ (Kol 1,15), die „in Geburtswehen liegt“ (Röm 8,22), und macht alle in der Taufe zu Kindern Gottes, die „ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird“ (1 Joh 3,2). Deshalb die Mahnung des Epheserbriefes (4,24): „Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“

Der gefallene Mensch ist nicht mehr einfach ‚Bild Gottes’, sondern dieses Bild in ihm ist durch die Sünde ‚entstellt’. So heißt es in einem orthodoxen Troparion der Vorfeier von Weihnachten: „Bereite Dich Bethlehem, offen steht allen Eden./ Rüste Dich Ephrata;/ denn der Jungfrau entsprosst in der Höhle des Lebens Baum./ Ihr Schoß ward offenbar als geistiges Paradies./ In ihm wurzelt der göttliche Spross./ Wenn wir von ihm essen, werden wir leben,/ wir werden aber nicht sterben wie Adam./ Christus wird geboren,/ um das einst gefallene Bild Gottes wieder aufzurichten.“

Die unsterbliches Leben schenkende Eucharistie ist die Frucht vom Kreuz Christi als wahrem Baum des Lebens (vgl. Offb 2,7), so wie die Taufe als Bekleidetwerden mit dem ursprünglichen weißen Lichtkleid wieder das verlorene Paradies erschließt. Das weiße Kleid ist die Kleidung der heiligen Engel und der Vollendeten: Die großen Glaubenszeugen (Märtyrer) „haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht“ (Offb 7,14). Der Beitrag, der bestreitet, dass es im Paradies mit dem „Teufel“ zugeht und dieser zum „Sündenfall“ verführt, behauptet auch irrtümlich, dass „Engel in den biblischen Schöpfungserzählungen kein Thema sind“ (Bachmann, 51).

 

Ist die Paradiesschlange keine Verkörperung des Teufels?

Tatsächlich vertreiben die Cherubim mit dem „lodernden Flammenschwert“ die Menschen aus dem heiligen Paradies der Gottesnähe und bewachen den Zugang zum Baum des Lebens (Gen 3,24) – dieselben Cherubim, die dann auf der Bundeslade sich gegenüberstehen. Dass „der große Drache, die alte Schlange …Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt“ (Offb 12,9), ist dann ebenso erst ‚spätere’ und so ‚falsche’ Interpretation wie Weish 2,23f, wonach Gott „den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht“ hat: „Doch durch den Neid des Teufels (diabolos) kam der Tod in die Welt, und ihn erfahren alle, die ihm angehören“ „Dieser Äußerung liegt eine deutlich andere Anthropologie als dem Genesisbuch zugrunde“ (54). Das wird hier zwar behauptet; eine vollständige Interpretation des Genesistextes könnte hingegen zeigen, dass die Anthropologie überall in der Bibel dieselbe ist und das Weisheitsbuch ebenso wie die jüdische und christliche Tradition den Text sehr wohl richtig verstanden haben.

Die heutige Exegese sagt, „dass man die Schlange im wörtlichen Sinn verteufelte“, um „alles unter einen Hut zu bringen“ (54), nämlich die Verbindung von Sünde, Tod und Teufel, während doch in Gen 2–3 der Tod als „anthropologische Konstante, als Teil der conditio humana“ (ebd.) verstanden werde. Das ist er in der Tat, aber eben erst nach dem Fall, denn im Paradies selbst wird weder geboren noch gestorben.

Geburt und Tod sind reziprok; deshalb muss eine Religion, die in der Auferstehung den Tod überwinden und den Menschen (wieder) ‚engelgleich’ machen will (vgl. Mt 22,30), auch die natürliche Zeugung und Geburt überwinden. Für die frühere ‚kritische’ Exegese symbolisierte die Schlange noch den „kanaanäischen Fruchtbarkeitskult“ (Claus Westermann). Jetzt ist die Schlange „ein Tier, dessen Eigenheiten, kein Fell und keine Füße zu haben, den Menschen schon immer aufgefallen sein mussten“ (51). Die Schlange verhelfe mit ihrer ‚Verführung’ nun allererst dazu, ‚erwachsen’ und ganz Mensch zu werden: Der ‚Sündenfall’ wird zum „Teil des menschlichen Reifungsprozesses“, zu einer „Adoleszenzgeschichte“, womit die Exegese nur die Position der Aufklärung unkritisch übernimmt (vgl. Ilse Müllner, 45).

 

Was bedeutet Abrahams Opferung des geliebten Sohnes?

Auch bei der Erzählung von der Opferung oder „Bindung“ Isaaks (Gen 22) hatte die Exegese sich der Aufklärungsphilosophie angeschlossen, wonach die Forderung Gottes an Abraham, ihm seinen ‚geliebten Sohn’ zu opfern, um so seine ‚Gottesfurcht’ zu erweisen (V.12), als ‚unmoralisch’ zurückzuweisen sei. Der Alttestamentler Hermann Gunkel hat in seinem großen Genesis-Kommentar (1901) die Erzählung dadurch zu ‚retten‘ versucht, dass er ihren ‚ursprünglichen‘ Sinn als „Absage an das Kinderopfer“ interpretierte: „Es gibt wenige Resultate der kritischen Bibelexegese, die so erfolgreich rezipiert worden sind wie diese religionsgeschichtliche ‚Rettung‘ von Genesis 22“, so der Alttestamentler Konrad Schmid. Heute allerdings sei sich die Exegese sicher, dass diese Deutung „unhaltbar“ ist: 1. zeigt die Erzählung keinerlei Kritik am Kindesopfer, 2. werden Tieropfer als geläufig vorausgesetzt, 3. sind Kinderopfer in Israel nicht nachweisbar, 4. wird nicht die Frage beantwortet, warum in der Erzählung Gott als Versucher in Erscheinung tritt (Weshalb versuchte Gott Abraham?, 7).

Wenn aber die kritische Exegese über mehr als hundert Jahre einer so gravierenden Fehldeutung gefolgt ist, wie kritikfähig und selbstkritisch ist sie dann tatsächlich? Und dies ist ja beileibe nicht der einzige Irrtum, dem sie erlegen ist: „Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat viele gängige Annahmen über die Geschichte Israels und die Entstehung der Bibel revidiert. Ereignisse wie der Auszug aus Ägypten oder der Tempelbau unter König Salomo gelten nicht länger als historisch“ (Konrad Schmid/ Jens Schröter, Die Entstehung der Bibel, 2019).

Das neue ‚Aufklärungsbuch’ verabschiedet ebenfalls die Deutung Gunkels und zeigt auf, wie „die so verstörende biblische Erzählung … eine tiefe Theologie des Opfers“ entwickelt, in der sich Israel in Gestalt des Tieropfers (Widder) im Tempel auf dem Tempelberg Morijah (vgl. 2 Chr 3,1) selbst symbolisch Gott darbringt. „indem es sich immer wieder … diesem Gott zurückgibt“ (Steins, 77). „Darum geht es in jener ungeheuerlichen Aussage, dass nur die Liebe zu Gott um seiner selbst willen den Menschen retten kann, eine Basiseinsicht der Bibel, die in dieser harten Konsequenz aber selten bedacht wird“ (79). Warum aber in diesem Zusammenhang nur in Klammern an die „Passionsgeschichten der Evangelien“ erinnert wird (80), bleibt unverständlich. Ist doch das Abrahamopfer der Typos im Alten Testament für das neutestamentliche Kreuzesopfer des ‚geliebten Sohnes’, den Gott nicht (wie Isaak) „verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben“ hat – „wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken“ (Röm 8,32).

 

Selbstoffenbarung Gottes in seinem heiligen Namen

Wenn Gott alles schenkt, dann schenkt er sich selbst zur ewigen Liebesgemeinschaft im „Bund“, den Gott schon mit Adam schließt und dann nach dem Sündenfall als „Bundesbruch“ mit Noah, dem Zehnten nach Adam, mit Abraham, dem Zehnten nach Noah, schließlich mit Mose auf dem Sinai in den Zehn Geboten auf zwei Tafel (5 + 5). Mose ist die 26. Generation nach Adam, ihm wird der Gottesname JHWH im brennenden Dornbusch offenbart. Das Tetragramm ist in den Zahlenwerten der Buchstaben 10-5-6-5 = 26.

Es führte hier zu weit darzustellen, wie sich eben diese Zahlenstruktur in vier der zehn Stammbäume der Genesis wiederholt und wie sie schon im alten China die heilige Mitte des ersten ‚magischen Weltquadrats’ bildet (als 10 = 5 + 5). Der Alttestamentler Ludger Schwienhorst-Schönberger hat in seinem Kommentar zum Hohelied der Liebe (2015) gezeigt, dass der Name Gottes in dem „Lied der Lieder“ zwar nicht ausdrücklich vorkommt, dass aber für die Braut, die sich 26mal an ihren Bräutigam wendet, und damit für den kundigen Bibelleser  sehr wohl JHWH gemeint ist. Die „Expertinnen und Experten“ verfahren hingegen nach dem Schema, was nicht da steht, ist auch nicht gemeint (vgl. z. B. 51: „Weder Teufel noch Sündenfall“).

Das aber ist im Hinblick auf die Lektüre der Bibel ein schwerwiegender Irrtum. Die Bibel (‚Schriftliche Thora’) setzt nämlich nicht nur kundige Leser voraus, sondern auch die Tradition (‚Mündliche Thora’), weshalb kein (reformatorisches) Prinzip so falsch ist wie das Sola scriptura. Im Zusammenhang mit dem „Apfel“ beim ‚Sündenfall’ wird zwar erwähnt, dass das Hohelied „in vielem als Gegengeschichte zur Paradies-Erzählung gelesen werden kann“ (Müllner, 39), doch genau das aber geschieht nicht.

 

Maria und die Kirche als neue Eva

So wird auch nicht deutlich, dass der ‚Dialog’ der Schlange (als gefallener Engel) mit Eva sein neutestamentliches Gegenstück im ‚Dialog’ des Engels mit Maria als ‚neuer Eva’ (und Braut des Hohenliedes) hat, wie das Zweite Vatikanische Konzil noch ausführt: Die selige Jungfrau Maria gebar als Urbild der Kirche „im Glauben und Gehorsam … den Sohn des Vaters auf Erden, und zwar ohne einen Mann zu erkennen, vom Heiligen Geist überschattet [wie das Zelt-Heiligtum des Mose: Ex 40,34f], als neue Eva, die nicht der alten Schlange, sondern dem Boten Gottes [= Engel Gabriel] einen von keinem Zweifel verfälschten Glauben schenkte. Sie gebar aber einen Sohn, den Gott gesetzt hat zum Erstgeborenen unter vielen Brüdern (Röm 8,29), den Gläubigen nämlich, bei deren Geburt und Erziehung sie in mütterlicher Liebe mitwirkt“ (Lumen gentium 63).

In der Taufe gebiert die Kirche, die ebenfalls die neue Eva ist (vgl. 2 Kor 11,2), selbst auf übernatürliche Weise oder eben jungfräulich die Kinder Gottes, die als Brüder (und Schwestern) Christi den Willen Gottes erfüllen und sich in der Feier der Eucharistie „als lebendiges und heiliges Opfer darbringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst“ (Röm 12,1). In der Bibel geht es von Anfang an um diesen wahren und vernunftgemäßen Gottesdienst, der in der vollkommenen Liebeseinheit im (eucharistischen) Kreuzessopfer des Gottessohnes seinen höchsten Ausdruck findet: Christus und Kirche werden so ein Geist und „ein Fleisch“ analog zu Adam und Eva im Paradies: „Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche“ (Eph 5,31f; vgl. Gen 2,24).

Von dieser Einsicht in das ‚tiefe Geheimnis’ der Liebe und der Bibel ist die heutige Exegese, die so vollmundig frühere ‚Fehldeutungen’ zu korrigieren sich anschickt, himmelweit entfernt. Selbst da, wo sie manches gerade rückt (kein ‚Apfel’, sondern ‚Frucht’; kein Untertan-machen der Erde im Sinn von ihrer ‚Ausbeutung’; keine ‚Blutschuld’ aller Juden am Tod Jesu usw.), bleibt sie doch in der Deutung dieser Korrekturen weit hinter dem zurück, was die jüdische und christliche Tradition dazu zu sagen wusste.

 

Feindschaft zwischen der Frau und der Schlange

Die ‚Tierherrschaft’ etwa wurde in der Tradition als ‚Triebherrschaft’ verstanden; die ‚Frucht’ als ‚Feige’ (s. „Feigenblätter“) und diese als ‚vierte’ Frucht (Dtn 8,8), das heißt als Hinweis auf das in der Zahl Vier symbolisierte Irdische, Weltliche und Sexuelle; die Kritik der ‚Juden’ als Teufelskinder’ (Joh 8,44) war Hinweis auf das Abgründige der Sünde überhaupt: „Wer die Sünde tut, stammt vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Der Sohn Gottes aber ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören“ (1 Joh 3,8). In der ‚Rettung’ von Joh 8,44 (Tobias Nicklas, Für immer Teufelskinder?, 217-225) kommt dieser Vers erstaunlicherweise gar nicht zur Sprache, natürlich auch nicht der Zusammenhang zwischen der Schlange und dem Teufel als „Vater der Lüge“ und „Mörder von Anfang an“ (Joh 8,44).

Die alte Exegese hat den Vers Gen 3,14 („Feindschaft setze ich zwischen dir [Schlangerich] und der Frau, zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen. Er trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an der Ferse“) als Protoevangelium verstanden, weil hier die Erlösung durch den Messias aus der Jungfrau Maria angekündigt wird. In der Bulle „Ineffabilis Deus“ zur Dogmatisierung der „Unbefleckten Empfängnis“ Mariens (Bewahrung vor der Erbsünde vom ersten Augenblick an) heißt es mit Bezug auf das Protoevangelium: Während Eva durch den Fall zur „Sklavin der Schlange“ geworden ist, hat Maria „das giftige Haupt der grausamen Schlange zertreten und der Welt das Heil gebracht“.

„Seit Irenäus gilt der Vers als Protoevangelium, ‚als Ankündigung der Überwindung der Sünde und des Todes beziehungsweise des Teufels durch den Messias Jesus Christus’ [J. Scharbert]“ (Lothar Ruppert, Genesiskommentar 1992). Von daher steht Maria nicht nur auf dem Mond, sondern auch auf der Schlange als machtvolle Schlangenzertreterin, die durch ihren wahren Glauben, der die Zweiheit/Vielheit eins macht, das Böse (den Bösen) besiegt. Jetzt wird daraus: „Tiere können eine tödliche Gefahr für Menschen sein“ (Müllner, 58).

 

Irdische und himmlische Fruchtbarkeit

Ähnlich äußert sich auch der Alttestamentler Michael Konkel; nach ihm ist die Verfluchung der Schlange durch Gott „Höhepunkt der Erzählung“, die „das Vorhandensein einer für den Menschen tödlichen Macht in der Tierwelt“ erkläre („Und sie erkannten, dass die nackt waren“, 31f). Dagegen wendet der Mariologe Anton Ziegenaus zu Recht ein: „Die Feindschaft bezieht sich auf Personen und nicht auf vernunftlose Geschöpfe, deshalb ist nicht die Schlange als Tier gemeint, sondern als Symbol für die Dämonen, d h. für die Götzen. Es ist die Feindschaft zwischen Jahwe und Baal gemeint, für den die Schlange als Symbol für Fruchtbarkeit und Heilungszauber steht und die in Wahrheit den Tod bringt“ (vgl. Hauke, Maria und das Alte Testament, 180-190, 181).

Der babylonische Fruchtbarkeitskult ist allerdings nur die Konkretisierung dessen, worum es geht, nämlich um den Gegensatz zwischen natürlicher und übernatürlicher Fruchtbarkeit im Glauben: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh 12,24; vgl. Mk 4,20). Die ‚Nachkommenschaft’, wörtlich der „Samen“, griech. sperma, lässt schon in der griechischen Bibelübersetzung Septuaginta an den Messias denken. Der Messias bringt die neue, übernatürliche Geistgeburt in der Taufe als ‚Neuschöpfung’ (2 Kor 5,17) oder Vollendung der Schöpfung, worauf schon der Auftrag „Seid fruchtbar und mehret euch“ zielt (Gen 1,28).

Denn die wahre Fruchtbarkeit ist die des Geistes, beginnend mit der Liebe (Gal 5,22f), während die „Werke des Fleisches“, beginnend mit der „Unzucht“ (Gal 5,19-21) und damit das „Fleisch“ überhaupt „das Reich Gottes nicht erben“ können (V.21; vgl. 1 Kor 15,50). „Fleisch“ ist der Mensch, insofern er durch den Sündenfall einen ‚Bund mit dem Tod’ schließt (Weish 1,16) und dann wie die „Frevler“ in Weish 2 die Schöpfung ausbeutet bis zum letzten, denn „unsere Zeit geht vorüber wie ein Schatten“ (V.5). „Geist“ sind die Menschen im Bund mit dem ewigen Gott, denn „ihre Hoffnung ist voll Unsterblichkeit“ (Weish 3,4).

 

Die Bedeutung der Zahlen 12 (120) und 13 (130)

Der Begriff „Fleisch“ taucht erstmals in der Bibel auf bei der Erschaffung der Frau aus der „Rippe“ des Adam, denn die so entstandene Lücke schließt Gott „mit Fleisch“ (Gen 2,21). Der Sündenfall führt zur Sintflut, „denn alle Wesen aus Fleisch auf der Erde lebten verdorben“ (Gen 6,12). Allerdings gibt es auch noch den ‚heiligen Rest’ derer, die ‚Geist’ sind, wozu der ‚gerechte’ Noach gehört in der Linie des dritten Sohnes Adams Seth, den dieser im Alter von „130 Jahren“ nach der Ermordung Abels durch Kain zeugt (Gen 4,15; 5,3). Das Alter des verdorbenen Fleisches wird auf „120 Jahre“ begrenzt: „Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben, weil er auch Fleisch ist; daher soll seine Lebenszeit hundertzwanzig Jahre betragen“ (Gen 6,3).

Der Unterschied zwischen 130 zu 120 oder 13 zu 12 ist der von der welttranszendenten Einheit zur innerweltlichen Vielheit (vgl. die 12 Sterne/Tierkreiszeichen, 12 Stämme Israels, 12 Apostel mit Jesus als dem 13. in der einen Mitte). Liebe, hebr. ahawa, 1-5-2-5, hat den Zahlenwert 13; einer/eins, hebr. echad, 1-8-4, ebenfalls. Zweimal 13 ergibt die 26 des Tetragamms, das die ewige Einheit von Gottesliebe und Nächstenliebe auf den zwei Tafeln des Bundes (5 + 5) bedeutet. JHWH ist daher nicht „eine Art Kosename“, auch nicht das „Ich bin“ (= überzeitliches Sein) oder die Kurzform Jah, etwa in Jehoschua = „Jah hilft“: „Aus Jehoschua/Joschua wird in lateinischer Sprachform dann Jesus. ‚Jesus’ ist eine Art Kosename für unseren Gott namens JHWH“ (Karin Brockmöller, 87).  Das ‚Aufklärungsbuch’ kennt die Symbolik der biblischen Zahlen nicht, obwohl diese für das Verständnis der biblischen Er-zählungen essentiell ist (vgl. Weish 11,20)!

 

Der Kerngegensatz von „Fleisch“ und „Geist“

Die Feindschaft zwischen Schlangerich und Frau zeigt sich konkret in der Feindschaft zwischen den Brüdern Kain und Abel; dessen Tieropfer wird von Gott angenommen, das Pflanzenopfer von Kain aber nicht (Gen 4,5f). Das hat nichts mit der „Erfahrung einer Kränkung“ zu tun (Bachmann, 51), sondern mit dem Gegensatz von Geist und Fleisch, wie er sich auch in den Zwillingsbrüdern Jakob und Esau fortsetzt: Esau „war rötlich, über und über mit Haaren bedeckt“ (Gen 25,25; vgl. Gen 3,21).

Im Judentum wird das zermalmte vierte Weltreich der Vision des Daniel vom kommenden Gottesreich, das „in Ewigkeit nicht untergeht“ (Dan 7,31-35.44) mit der römischen Weltmacht und diese wiederum mit Edom-Esau identifiziert, der sich „in einem erbarmungslosen Bruderkampf mit Jakob-Israel um die Ausübung des Erstgeburtsrechts verwickelt. Jüdische Apokalyptik ist von da an bis heute ein postulierter Machtkampf zwischen Judentum und jeweils herrschender Weltmacht“ (Johann Maier, Apokalyptik im Judentum, in: Hans Althaus, Apokalyptik und Eschatologie, 43-72, 51). „Esau möchte seinem Vater Isaak zeigen, dass der Traum von der Errichtung des Reiches hier in dieser Welt bis zu einem gewissen Grad erfüllt werden kann“ (Friedrich Weinreb, Leben in Freiheit. Die Erzväter in uns, 185).

Der Satz „Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst“ (Röm 9,13; Mal 1,2f) hat den Philosophiehistoriker Kurt Flasch zum Abfall vom Glauben bewegt; denn der Gott der Philosophen hätte niemals „sagen können, dass er Jakob liebt und Esau hasst“ (Warum ich kein Christ bin? 182f). Das ‚Aufklärungsbuch’ geht auf diese Aussage nicht ein. So wird auch nicht gesehen, dass der ‚Fersenhalter’ Jakob zwar der Zweitgeborene ist, als Verkörperung der ‚Geistseele’ aber eigentlich der Erstgeborene sein müsste, was er durch eine List als Gegenlist zu jener der Schlange wieder erreicht (Gen 27). Ohne den Kerngegensatz von ‚Geist’ und ‚Fleisch’ (wozu auch eine ungeordnete Sexualität gehört), von Israel und den Heidenvölkern beziehungsweise von Kirche und Welt lässt sich die Bibel überhaupt nicht verstehen. Davon sprechen die 34 Beiträge des Buches aber an keiner Stelle!

 

Interessengeleitete Auslegung ist ideologisch

„Der vielen Fehldeutungen zur Bibel ist leider kein Ende“ (so die Herausgeber Thomas Hieke und Konrad Huber, 12). „Viele Beiträge decken auf, dass bestimmte Fehldeutungen weniger auf mangelnder Information und fehlender Kenntnis beruhen, sondern darauf, dass man die Bibel für eigene, textfremde Interesse verwenden, gebrauchen, ja eigentlich missbrauchen will“ (15). In der Tat: Die moderne „historisch-kritische“ Exegese ist ein Kind der Aufklärung, die ihre eigenen Interessen hatte. Sie werden in ihren großen ‚Schlagworten’ deutlich: Geschichte statt übergeschichtliche Wahrheit, Freiheit und Autonomie statt autoritätsgebundener Glaube, Vernunft statt Tradition, Moral statt Erbsünde, Vernunftreligion statt Kult. Gipfel der ‚aufgeklärten’ Autonomie ist nach dem Suizidbeihilfe-Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020, dass die Menschenwürde auch und gerade das Recht zur Selbsttötung unter Inanspruchnahme Dritter einschließt.

Dagegen hat die Glaubenskongregation in dem Dokument „Samaritanus bonus“ (Der barmherzige Samariter, Sept. 2020) die katholische Lehre zu aktiver Sterbehilfe und assistiertem Suizid vertreten, wonach beides weiter ethisch verboten bleibt. Patienten, die aktive Sterbehilfe oder Beihilfe zum Suizid verlangen, so heißt es darin, könnten ohne Zeichen eines Widerrufs auch in der Sterbestunde keine Sakramente empfangen. Denn die sieben Sakramente der Kirche sind ja Zeichen des neuen und ewigen Bundes mit Gott, der ein Gott des Lebens ist (Weish 11,14-26). Jesus zitiert zur Begründung des Glaubens an die Auferstehung der Toten Exodus 3,6: „Habt ihr im übrigen nicht gelesen, was Gott euch über die Auferstehung der Toten mit den Worten gesagt hat: Ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs? Er ist doch nicht der Gott der Toten, sondern der Gott der Lebenden“ (Mt 22,31f).

Für die historisch-kritische Exegese ist die Bibel ein Buch einer vergangenen Zeit (der Toten); für die Liturgie und Kirche ist sie auch und mehr noch ein Buch der Gegenwart und der Zukunft im Glauben an das kommende ewige Reich Gottes. Deshalb gibt es für sie kein Vorher und Nachher in der Bibel, sondern alles ist gleichzeitig ‚heute’, was mit der Einleitungsformel „In jener Zeit“ – in illo tempore gemeint ist: Sie fügt „die Hörenden in den Kairos der Gegenwart Christi ein, ‚jene Zeit‘ und ‚unsere Zeit‘ fallen in eins“ (Albert Gerhards, In illo tempore – in jener Zeit, in: Bibel und Liturgie 1/2017, 32-39, 39). Dagegen hält der Neutestamentler Thomas Söding die Formel für problematisch, weil damit in der Antike „Mythen und Göttergeschichten“ beginnen: „Vorausgesetzt ist ein bestimmter, mythischer, ganz und gar unbiblischer Zeitbegriff“ (Jene Zeit ist jetzt: Christus in der Geschichte, in: CiG 51/2005, 422).

 

Das eine Urlicht von „Tag eins“ ist eine „Kampfansage“

Das erste Werk des Schöpfers „Es werde Licht“ vom „Tag eins“ (Gen 1,3) wird historisch-kritisch als Aussage über die Zeitordnung gelesen: „Mit der Unterscheidung von Licht und Dunkel wird Zeitmessung möglich; im Tag-/Nachtrhythmus erlebt der Mensch den Fluss der Zeit“ (Steins, 24). Dagegen stellt nach der Alttestamentlerin Renate Brandscheidt die Erschaffung des einen „Urlichts“ eine Art „Kampfansage“ an die „Finsternis“ des Bösen dar (Schöpfung im Bund. Die Schöpfungs- und Bundeskonzeption in der priesterschriftlichen Urgeschichte, in: Trierer Theologische Zeitschrift 1/2014, 1-21, 4 und 17). Sie glaubt, dass mit der ‚Vollendung’ am kultischen ‚siebten Tag’ (Samstag) das Böse besiegt ist.

Doch das ist es erst vorläufig und nicht eschatologisch der Fall; denn für den endgültigen Sieg steht biblisch der (immer zukünftige, ewige) ‚achte Tag’, der neutestamentlich der Sonntag der Auferstehung ist (vgl. die Beschneidung am „achten Tag“ als Zeichen des Bundes). Im Schema der Sieben-Tage-Woche ist der achte Tag wieder der „erste Tag der Woche…, als eben die Sonne aufging“ (Mk 16,2). Paulus kann daher sagen: „Denn Gott, der [am ersten Tag] sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi“ (2 Kor 4,6).

Von der Erleuchtung (als biblischer Terminus für die Taufe) handelt das ‚Aufklärungsbuch’ nicht, auch nicht von der österlichen Auferstehung Jesu von den Toten, seiner Verklärung zwischen Mose und Elija oder seinen Wundern wie dem Wandeln über dem Wasser, der Verwandlung von ca. 600 Liter Wasser in ‚sechs Krügen’ in den besseren Wein des neuen Bundes oder von der Verwandlung von Brot und Wein in sein Fleisch und Blut: „Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank“ (Joh 6,55). Der Logos nimmt das (gefallene) Fleisch der Menschheit an, um es mit dem Geist zu vermählen und so wieder gottfähig zu machen: „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts“ (Joh 6,63).

 

Die Erbsündlehre als „Kehrseite“ der frohen Botschaft

Auch die Aufklärer haben sich auf den ‚Geist’ berufen; doch dieser ‚Geist’ war nicht der Heilige Geist, der allein ‚unfehlbar’ ist und diese ‚Unfehlbarkeit’ dem katholischen Lehramt verliehen hat, um das eine Wort Gottes in der einen Heiligen Schrift auch wahrheitsgemäß auszulegen: „Es zeigt sich also, das die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche gemäß dem weisen Ratschluss Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt sind, dass keines ohne die anderen besteht und dass alle zusammen, jedes auf seine Art, durch das Tun des einen Heiligen Geistes wirksam den Seelen dienen“ (Offenbarungskonstitution Dei Verbum 10).

Das Buch des Bibelwerks dient nur oberflächlich der Erklärung der Bibel und nicht der Erleuchtung der Seelen; es ist im Gegenteil eher geeignet, sie noch mehr in Verwirrung zu stürzen. Denn wenn der biblische „Sündenfall“ ein Fake ist, was ist dann die Erlösung von der „Erbsünde“? Der Katechismus der Katholischen Kirche sagt: „Die Lehre von der Erbsünde (oder Ursünde) ist gewissermaßen die ‚Kehrseite’ der frohen Botschaft, dass Jesus der Retter aller Menschen ist, dass alle des Heils bedürfen und dass das Heil dank Christus allen angeboten wird. Die Kirche, die den ‚Sinn Christi’ hat, ist sich klar bewusst, dass man nicht an der Offenbarung der Erbsünde rühren kann, ohne das Mysterium Christi anzutasten“ (Nr. 389; vgl. Nr. 289). Die Exegeten des ‚Aufklärungsbuches’ sind sich dessen offenbar nicht bewusst (vgl. dazu die Kritik von Ludger Schwienhorst-Schönberger, Der Sündenfall – eine Befreiungsgeschichte?, in: IKaZ Communio 47 [2019], 122-137).

Wegen der Erbsünde gibt es die Heilsnotwendigkeit der Taufe (mit der ‚Absage’ an den Satan!) und mit ihr die der Kirche: „Extram ecclesiam nulla salus“. „Wenn irgendeiner zu entrinnen vermochte, der außerhalb der Arche Noachs war, dann mag auch einer entkommen, der draußen, außerhalb der Kirche ist“ (Cyprian). Die Arche, hebr. teba (Wort), ist ein Sinnbild des Wortes und der Kirche. Ihre Maße 30-300-50 (Gen 6,15) lassen sich als die Zahlenwerte der hebräischen Buchstaben Lamed-Schin-Nun lesen, das heißt Laschon (Zunge, Sprache). Das Weisheitsbuch sagt: „So hat auch in der Urzeit beim Untergang der übermütigen Riesen [= gefallene Engel] die Hoffnung der Welt sich auf ein Floß geflüchtet und, durch deine Hand gesteuert, der Welt den Samen eines neuen Geschlechtes hinterlassen. Denn Segen ruht auf dem Holz, durch das Gerechtigkeit geschieht“ (14,6f).

Das ‚Holz’ der Gerechtigkeit und der Hoffnung der Welt war für die Kirchenväter auch das Holz des Kreuzes (als spes unica), wobei es genau Acht sind, die gerettet werden mit Noach (Nun-Cheth: 50-8) als „dem achten“ (Gen 7,7; 1 Petr 3,20; 2 Petr 2,5). Der Rettung auf dem Holz durch das Wasser (der Zeit), so der 1. Petrusbrief, „entspricht die Taufe [in achteckigen Becken und Baptisterien], die jetzt euch rettet“ (V.21). Die Glaubenslehre vom Teufel und der Erbsünde haben die Aufklärer bekämpft; gut 200 Jahre später betreiben auch katholische Exegeten und Theologen unkritisch deren Geschäft.

 

Der Unterschied zwischen „Küssen“ und „Beißen“

Papst Franziskus spricht „in seinen Predigten gerne vom Teufel“, den er auch „mit der Paradiesschlange in Verbindung bringt. So riet er in einer seiner Frühmessen im Gästehaus Santa Marta, sich auf keinen Fall auf einen Dialog mit dem Teufel einzulassen: ‚Eva ist gefallen, weil sie sich auf ein Gespräch eingelassen hat’“ (Bachmann, 49).

Zu Beginn seiner Generalaudienz am 8. Januar 2020 reagierte er auf die Einladung einer Nonne, ihr einen Kuss auf die rechte Wange zu geben, mit den Worten: „Oh, aber Du beißt.“ Anschließend fügte er ebenfalls humorvoll hinzu: „Bleib ruhig! Ich gebe dir einen Kuss, aber du bleibst ruhig. Nicht beißen!“ (katholisch.de). Psychologisch gilt: „Jeder Kuss ist ein domestizierter Biss“ (Gotthard Fuchs, Heilige Wut, in: CiG 44/2012, 491). Im Hebräischen ist ‚küssen’ (naschak) sprachlich eng verwandt mit ‚beißen’ (naschach).

„Lippen“, schreibt Friedrich Weinreb, „bedecken die Zähne, Küssen das Beißen, Liebe das Zerteilen. ‚Er küsste mich von seines Mundes Küssen; denn köstlicher sind deine Liebkosungen denn Wein’ (Hld 1,2). So fängt das Lieder der Lieder, das Hohelied an. Das Hohelied, heiligstes vom Heiligen, wie es überliefert immer erzählt wird. Wie erzählt? In der Zerstückelung des Beißens oder in der Vereinigung der Liebe? (…) Warum doch eigentlich in diesem Paradies auch der Baum, mit dem Ort der Schlange, Nachasch…, beschrieben als listig vor allem Tier des Feldes (Gen 3,1), Tier hier als Chajah, als wildes Tier, als Raubtier. Und sie hat zerstückelt. Die Einheit des Menschen zerstückelt, in unendlich viele Stücke in Zeit und unmöglich viele im Raum“ (Legende von den beiden Bäumen, 27).

 

Die Loslösung des Diesseitigen vom Jenseitigen

A-dam ist in Zahlen 1-4-40, ohne Aleph (1) ist er nur dam (Blut). Er verliert seine Einheit im Gebissenwerden von der Schlange wie auch im (zerbeißenden) Küssen oder Essen der Frucht, wenn dieses „nur Diesseitiges erstrebt und damit eigentlich vom Jenseitigen sich lösen möchte“; auch die Erschaffung des Menschen geschieht nach der jüdischen Überlieferung durch einen Kuss: „,Kuss‘ ist einerseits das Verlangen nach Einswerdung, andererseits zugleich Verrat. Denn man verurteilt das Andere dadurch zugleich zum Tode: Jakob küsst Rachel. Mit dem Kuss ist das kommende Kind gemeint, und das kommende Kind macht Vater und Mutter überflüssig. Es verdrängt sie. Es kommt eine andere Zeit, eine andere Welt“ (Weinreb, Das Opfer in der Bibel, 382).

Als Sterblicher jenseits von Eden muss sich der Mensch beständig fortpflanzen, um am Leben zu bleiben. Judas geht den Weg der Schlange der bloß irdischen Fruchtbarkeit, des äußeren Erfolgs ohne Gott. Jesus hingegen geht den Weg der vereinenden Liebe und Wahrheit als Bräutigam und Gotteslamm, das am Kreuz geopfert wird, um den in der Vielheit ‚zerstückelten’, ‚geschlachteten’ Menschen wieder eins zu machen: „Es gibt nicht mehr … Mann und Frau. Ihr alle seid ‚einer’ in Christus Jesus“ (Gal 3,28).

Was der eine Gott „im Anfang“ (hebr. bereschith: Gen 1,1), im „Bund des Feuers“ (berith-esch) der Liebe ‚hochzeitlich’ verbunden hat: Jenseits und Diesseits, (väterlichen) Himmel und (mütterliche) Erde, unsichtbare ‚männliche‘ und sichtbare ‚weibliche‘ Welt, Geist und Materie (‚Mutterstoff’) – das darf der Mensch nicht trennen (eben das kritisiert Johann Georg Hamann an Immanuel Kants Trennung der beiden Erkenntnisstämme Verstand und Sinnlichkeit).

Judas Iskariot, hebr. Jehudah Isch Kariot, bedeutet: „Mensch der (Ehe-)Trennung“ (hebr. Kritut). Jehudah Kariot, 10-5-6-4-5 20-200-10-6-400, hat den Zahlenwert 666 (vgl. Offb 13,18): die Zahl der bloßen Diesseitigkeit des ‚sechsten Tages‘ ohne Überstieg zum ‚siebten’ und zum (ewigen) ‚achten’ Tag der Auferstehung. Judas glaubt an die „Macht der Machbarkeit“ und „trennt sich (Kerat) von der Liebe Gottes (Chesed), stößt sie von sich“, was sich auch in seinem „Kuss“ manifestiert (Uwe Markstahler, Das Neue Testament im Licht der jüdischen Tradition, 177-179).

 

Die Eucharistie als Ausdruck für den „Kuss Christi“

In der Analogie zwischen den 12 Aposteln, den 12 Tierkreiszeichen und dem Körper entspricht Petrus als ‚Haupt‘ dem 1. Zeichen Widder und Judas dem 8. Zeichen Skorpion beziehungsweise den Geschlechtsteilen. In der Astrologie der zwölf Monatszeichen ist der Drache, die Schlange oder der Skorpion identisch mit der chthonischen, erdgebundenen Seite des 8. Tierkreiszeichens Skorpion im Herbst (Untergang), während die Geist-Seite dazu der Adler ist. Der chaldäische Tierkreis zieht die drei männlichen Zeichen Jungfrau, Waage und Skorpion (6., 7. und 8. Zeichen) zu einem Zeichen zusammen; bei Weinreb heißt es dazu:

„Die irdische Seite dieses Zeichens [Skorpion] zeigt den Biss, den Stich des Hinderers [des Satans]; es ist der Drache, der dich angreift, der immer bereitsteht, dich zu verjagen. Dem steht die andere, die Adler-Seite gegenüber. Der Mensch im Zeichen Skorpion erlebt permanent diesen Kampf mit dem Drachen. Es ist der erlösende Typus, der wirklich durchbrechende, der das Im-Bild-Gottes-sein in sich trägt; aber fortwährend steht ihm als Herausforderung dieser Kampfgenosse gegenüber, der gleichsam mahnt: Du wirst mich nicht los, ehe du mich nicht kennengelernt hast. Das Wort für Kampf wird im Hebräischen in Begriffen des Den-anderen-kennen-lernen ausgedrückt“ (Die Astrologie in der jüdischen Mystik, 77).

Beim Letzten Abendmahl gibt Jesus Judas „den Bissen [!] Brot“, und sogleich „fuhr der Satan in ihn“. „Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus: Es war aber Nacht“ (Joh 13,26f.30). In der mystischen Tradition wird die Eucharistie als „Hochzeitsmahl des Lammes“ (Offb 19,9) sowie als ‚Kuss’ verstanden; Jean Daniélou bemerkt: „Der Empfang der Eucharistie, bei dem der Leib Christi auf die Lippen des von Sünden gereinigten Getauften gelegt wird, ist wahrhaft der Kuss Christi, in dem sich sein Liebesbund mit der Seele ausdrückt. Hier wird die hochzeitliche Verbindung zum unmittelbaren Vorbild der Eucharistie“ (Liturgie und Bibel, 206).

Ähnlich Hans Urs von Balthasar: „Die Hochzeit zwischen Gott und Geschöpf geschieht am Kreuz. ‚Christus am Kreuz neigt, dich erwartend, das Haupt, um dich zu küssen, streckt die Arme aus, um dich zu umarmen, seine Hände sind offen, um dich zu entlöhnen, der Leib ausgespannt, um sich ganz hinzugeben, die Füße angenagelt, um zu verweilen, die Seite dir entgegen geöffnet, um dich dort einzulassen.‘ Es ist ‚der Tag der Vermählung‘, ‚und er konnte eine unbefleckte Braut nicht eher haben, als er sie aus seiner Seite gebildet hatte,… diese Hochzeit sollte bei seiner Passion gefeiert werden‘“ (Herrlichkeit II/1, 282, mit Bezug auf Bonaventura). Diese ‚Hochzeit’ am Kreuz vollendet den ‚hochzeitlichen’ (Feuer-)Bund der Schöpfung.

 

Die Verbindung des Irdischen mit dem Himmlischen

Der Mensch ist als Bild des einen Gottes geschaffen zum Liebesbund auf das Einssein hin und so ihm ähnlich und verwandt. Be-reschith (Gen 1,1) bedeutet ‚im Anfang’ im Sinn von im Prinzip, in der Haupt-sache (hebr. resch = Kopf), mit Weisheit. Der 1. Buchstabe der Bibel ist der 2. im Alphabet: Beth = Haus (der Schöpfung) und Zwei: Verbindung von Himmel (oberer Strich) und Erde (unterer Strich):ב.

Der Mensch wird als letztes, ‚achtes’ Schöpfungswerk am ‚sechsten’ Tag (Freitag) erschaffen; der 6. Buchstabe ist das Waw ו (Haken) als Verbindung der geistigen mit der körperlichen Welt, ihre re-capitulatio. So ist er Haupt, Krone, König der Schöpfung, um mit den heiligen Engeln Gott zu dienen und über die Tiere zu herrschen (geistig: über die inneren Triebe). Wahre ‚Weltherrschaft’ kann es nur im ‚Gottesdienst’ geben; deshalb ist auch gar nicht zu kritisieren, dass in außerbiblischen Mythen der Mensch dazu erschaffen wird, „den Göttern zu dienen“ (Steinberg, 30).

Ignatius von Loyola lässt in den Geistlichen Übungen den Exerzitanten als „Prinzip und Fundament“ betrachten: „Der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott Unseren Herrn zu loben, Ihm Ehrfurcht zu erweisen und zu dienen, und damit seine Seele zu retten. Die andern Dinge auf der Oberfläche der Erde sind zum Menschen hin geschaffen…“ (EB 23). Allerdings wird biblisch die Perspektive umgekehrt: Gott dient zuerst dem ihn liebenden Menschen (vgl. die Fußwaschung Jesu: Joh 13).

Die aus Liebe angenommene gefallene Menschennatur wird vom Logos am Kreuz, dessen „Speise“ es ist, den Willen Gottes zu tun (Joh 4,34), verwandelt wieder zur gottähnlichen Gotteskindschaft erhoben. Der gefallene Mensch aber liebt „die Finsternis mehr als das Licht“ (Joh 3,19). Judas Iskariot repräsentiert den in der Finsternis des Unglaubens und der Sünde verblendeten Menschen des ‚sechsten Tages’ der reinen Diesseitigkeit ohne Bezug zur Transzendenz, ohne Glauben an die himmlische Auferstehung am (ewigen) ‚achten Tag’ und das ewige Leben in der Liebesgemeinschaft mit Gott. Die Sieben-Tage-Schöpfung als Zeitstruktur kennt keinen ‚achten’ Tag, sondern in der Oktav wird die ewige Zukunft des Reiches Gottes vorweggenommen.

 

Die Zahlenstruktur des Bundes von Gott (1) und Welt (4)

Den „Kindern des Lichts“ (Eph 5,8) erschließt sich im nun unverbrüchlichen Liebesbund mit Gott in Christus wieder das Paradies der Einheit (Offb 2,7). Danach sehnt sich jedes Liebespaar, wenn es – die Triebnatur übersteigend – sich im Küssen vereint. Denn es vereinen sich immer vier Lippen, zwei obere (Himmel) und zwei untere (Erde). Darin besteht die Bundesstruktur des Paradieses (1 Strom, 4 Flüsse), des Adam (1-4-40), der Hand (1 Daumen, 4 Finger) und auch des Kreuzes (1 Mitte, 4 Enden) beziehungsweise des Gekreuzigten (1 Herzwunde, 4 Male an Händen und Füßen). Unter dem Kreuz stehen die vier Frauen mit Maria, der „Frau“ schlechthin (Joh 19,26; vgl. 2,4), und der eine anonyme Lieblingsjünger, die der Gekreuzigte testamentarisch zum ‚hochzeitlichen’ Bund zusammenführt (V.26f).

Das tiefergehende ‚Sehen’ dieses wahrhaften Glaubenszeugen in der Nähe Jesu „macht ihn zum entscheidenden Vermittler besonderen Offenbarungswissens“ (Konrad Huber, 232). Doch dieses Wissen (= Sehen) ist nicht das eines Experten, sondern das der biblischen Weisheit, die von der Bundesstruktur her geprägt ist, wie sie auch der Thora, den fünf Büchern Mose, zugrunde liegt: als Buch des Bundes (Genesis = 1; Ex, Lev, Num, Dtn = 4). Der Gekreuzigte bezeugt sich so selbst durch sein Liebesopfer im „Blut des Bundes“ (Mt 26,28; Ex 24,8) als der wahre „Blutbräutigam“ (Ex 4,26), mehr noch: als der ‚hochzeitliche’ Bund in Person, aus dessen geöffnetem Herzen in „Blut“ (Eucharistie) und „Wasser“ (Taufe) die Kirche als makellose Braut je neu entspringt (vgl. Sacrosanctum Concilium 5). So erst kann sie der Welt die alles versammelnde ‚hochzeitliche’ Liebe Gottes stets neu bezeugen: ein Geist, vier Evangelien.

 

Die Heiligen sind die wahren Ausleger der Heiligen Schrift

Nicht alle Erklärungen des ‚Aufklärungsbuches’ sind falsch; aber viele sind einfach nur banal (Frucht statt Apfel; Jungfrau als ‚junge Frau’, die aber auch Jungfrau sein kann usw.). So werden Stein statt Brot geboten, was die Seele in Glaube, Liebe und Hoffnung nicht wirklich nährt. enn dazu brauchte es den von der heutigen Exegese abgelehnten dreifachen inneren Schriftsinn: den typologischen (Vergangenheit), den moralischen (Gegenwart) und den anagogischen oder eschatologischen (Zukunft, Ewigkeit).

Die historisch-kritische Exegese kennt nur noch den ‚vierten’ Sinn: den buchstäblichen, wörtlichen, fleischlichen, irdischen Schriftsinn, obwohl doch Paulus sagt: Gott „hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2 Kor 3,6). Auch der (schwarze) Buchstabe als „Hülle“ und Verhüllung hat seine Würde und seine Bedeutung; doch das Licht der Offenbarung erscheint erst im Maße, wie „die Hülle entfernt“ wird: „Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn“ (2 Kor 3,16.18).

Das Wegnehmen der Hülle ist keine Frage von Wissenschaft und Expertentum, sondern von Weisheit (Gottesfurcht) und Heiligkeit (Liebe) im Licht des Heiligen Geistes. Deshalb konnte Papst Benedikt XVI. im ersten Band seiner Jesus-Trilogie mit Bezug auf den heiligen Franziskus schreiben: „Die Heiligen sind die wahren Ausleger der Heiligen Schrift. (…) Auslegung der Schrift kann keine rein akademische Angelegenheit sein und kann nicht ins rein Historische verbannt werden. Die Schrift trägt überall ein Zukunftspotential in sich, das sich erst im Durchleben und Durchleiden ihrer Worte öffnet. Franz von Assisi hat die Verheißung dieses Wortes in letzter Radikalität ergriffen. Bis dahin, dass er sogar seine Kleider [seine Umhüllung] weggab und sich vom Bischof als dem Vertreter der Vatergüte Gottes … neu einkleiden ließ. Diese äußerste Demut war für ihn vor allem Freiheit des Dienens, Freiheit zur Sendung, … innerste Offenheit für Christus, mit dem er in der Verwundung durch die Wundmale ganz gleichgestaltet wurde, so dass nun wirklich nicht mehr er selbst sein Selbst lebte, sondern er als der Wiedergeborene ganz von und in Christus existierte. Er wollte ja keinen Orden gründen, sondern einfach das Volk Gottes neu sammeln auf ein Hören des Wortes, das sich nicht mit gelehrten Kommentaren aus dem Ernst des Anrufs stiehlt“ (108f).

 

Weltliches Leben oder Leben mit dem lebendigen Gott?

Der Mitherausgeber Thomas Hieke (Mainz) erklärte im Interview mit dem Deutschlandfunk (21. Mai 2020) zu dem Buch: „Ich habe so einen kleinen Universalschlüssel für die Auslegung der Bibel, und er steht in Levitikus 18,5 ziemlich versteckt. Da heißt es: Der Mensch, der danach handelt, nämlich nach der Weisung Gottes nach der Thora, wird leben. Das heißt, ein gelingendes Leben ist das Ziel. Wenn aber eine Auslegung der Bibel zum Leben nicht mehr befähigt, sondern vor dem Leben Angst macht, dann ist, glaube ich, die Auslegung falsch.“

Was hier mit „Leben“ gemeint ist, bleibt unklar. Aber es scheint eher um ein bloßes irdisches, weltliches Leben zu gehen als um ein heiligmäßiges, priesterlich-kontmpaltives, geistig-geistliches Leben aus der Ursprungsmitte mit dem lebendigen, heiligen Gott, der „verzehrendes Feuer“ ist (Dtn 4,24; Hebr 12,29). Zu letzterem aber muss der Mensch selbst heilig und ganz werden und sein, das wiederum steht in Levitikus 19,1: „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig“ (vgl. Mt 5,48). Paulus sagt: „Ihr habt von uns gelernt, wie ihr leben müsst, um Gott zu gefallen. (…) Das ist es, was Gott will: eure Heiligung“ (1 Thess 4,1.3). Das Gegenteil ist: „Wer vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen“ (Röm 8,8).

Die „allgemeine Berufung zur Heiligkeit in der Kirche“ war ein zentrales Anliegen des letzten Konzils (vgl. LG 39–42). Das aber wurde so gut wie nicht rezipiert, schon gar nicht in der Exegese. Der vom osteuropäischen Chassidismus geprägte Rabbiner, Mystiker und Religionsphilosoph Abraham Joshua Heschel (1907–1972), vor seiner Emigration in die USA für kurze Zeit Nachfolger Martin Bubers am Jüdischen Lehrhaus in Frankfurt/Main, der an der Konzilserklärung zum Judentum „Nostra aetate“ mitwirkte, beklagte daher schon zu Beginn des Konzils eine Verfügbarmachung und ‚Entheiligung‘ der Bibel durch die kritische Bibelwissenschaft:

„Wir lieben nicht die Bibel, wir lieben unsere eigene Fähigkeit zu kritischer Unterscheidung, unsere eigenen Theorien über die Bibel. (…) Das Gefühl für das Mysterium und die Transzendenz dessen, worum es in der Bibel geht, verliert sich im Prozess der Analyse. Das Ergebnis ist, dass wir die Bibel entheiligt haben. (…) Wir stehen vor einer tiefen Entfremdung von der Bibel. (…) Entscheidender als der dogmatische Versuch, Zeit und Autoren der biblischen Dokumente zu bestimmen, ist die Offenheit für die Gegenwart Gottes in der Bibel. Diese Offenheit erwirbt man sich nicht im Handumdrehen. Sie ist die Frucht harter Bemühungen…“ (Die ungesicherte Freiheit. Essays zur menschlichen Existenz, Neukirchen-Vluyn 1985, 140;

Der Jesuit Michael Schneider zitiert Heschel mit den Worten: Das Gute als letztgültige Idee der Philosophie „ist die Basis, das Heilige der Gipfel. Der Mensch kann nicht gut sein, wenn er nicht danach strebt, heilig zu sein. (…) Ich hatte Gott vergessen, ich hatte Sinai vergessen, ich hatte vergessen …, dass meine Aufgabe ist, ‚die Welt der Königsherrschaft des Herrn zurückzugeben’“ (Theologie des christlichen Gebets, Würzburg 2015, 110-119, 111).

Klaus W. Hälbig

 

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