Liebe Leserin, lieber Leser,

 

vielen erscheint die Bibel wie ein Buch mit sieben Siegeln. Den wenigsten, selbst Theologen, ist ihre innere Sinnstruktur bekannt. Dabei muss das Studium der Heiligen Schrift „die Seele der heiligen Theologie sein“, wie

das Zweite Vatikanische Konzil sagt (Konstitution über die göttliche Offenbarung 24).

 

Die nachfolgenden Seiten wollen helfen, durch Einblicke in die mystische Tiefendimension der Bibel ihre verborgene Weisheit zu entdecken.

 

Das Lamm Gottes auf dem Buch mit sieben Siegeln (Offb 5) im Scheitel des Deckenfreskos der Klosterbibliothek in Bad Schussenried (Oberschwaben).


Über diese Seiten

Schöpfung und Bibel als Heiligtum für die kosmische Liturgie

Die Weisheit des Schöpfers ist in seiner Schöpfung verborgen enthalten. Gottes Werk wird erhalten und belebt von Gottes Geist, der auch die Autoren der Heiligen Schrift inspirierte. Daher entsprechen einander das „Buch der Schöpfung“ und die Bibel als „Schöpfung im Wort“ (Friedrich Weinreb). In ihrer gemeinsamen Geist- und Sinnstruktur sind beide „Bücher“ aufeinander hin zu lesen.

 

Nach antiker Weisheit ist der Kosmos aufgebaut durch das Zusammenwirken von vier Urelementen oder Ursubstanzen: den oberen (leichteren) Elementen Feuer und Luft sowie den unteren Wasser und Erde (Empedokles von Akragas/Agrigento, um 495–435 v. Chr). Zwei Urkräfte wiederum halten sie in einem ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens: die verbindende ‚Liebe’ und der trennende ‚Hass’. Nach der Kosmologie des Aristoteles ist für die Einheit des Ganzen entscheidend das erste beziehungsweise fünfte, unwandelbare und zeitlose Element der Himmelssphäre oder himmlischen Welt, der so genannte „Äther“ („das Brennende, Glühende, Leuchtende“).

 

Dieselbe Grundstruktur kennt auch das Judentum für den Bau des Heiligtums des Tempels in Jerusalem als Abbreviatur des Kosmos. Dem Äther entspricht das Allerheiligste im Tempel, den anderen vier Elementen entsprechen das Heiligtum mit den Brandopfern (Feuer), der Vorhof der Priester (Luft, Pneuma), der Vorhof Israels (Wasser) und der Vorhof der Frauen („weibliche“ Erde). Nach dem jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus war der Vorhang im Tempel aus vier verschiedenen Geweben in scharlachroter, weißer, violetter und purpurner Farbe, die die Vier Welt-Elemente symbolisierten.

 

So sind im Tempel die Gegensätze der vier Urelemente Feuer (hebr. esch) und Wasser (majim) sowie von Luft (ruach) und Erde (Staub, hebr. afar) aufgehoben im „Einen“, das heißt „im fünften Element [Quint-Essenz], das keinen Namen hat und den vier anderen Elementen gegenübersteht“ (Friedrich Weinreb). Wie der Tempel-Komplex ist auch die Heilige Schrift Israels aufgebaut: Dem Allerheiligsten als innerstem Kern entspricht das Buch Genesis, dem Heiligtum und den Vorhöfen entsprechen die anderen vier Bücher Mose, die Geschichtsschriften, die Propheten und die Weisheitsschriften als äußerster Ring und Übergang zur profanen „Welt“ (des Heidentums).

 

Vierfacher Sinn der Heiligen Schrift

Nach der Offenbarungskonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils muss die Heilige Schrift „in dem Geist gelesen und ausgelegt werden …, in dem sie geschrieben wurde“ (Dei verbum 12). Wie in Jesus Christus die göttliche und die menschliche Natur unterschieden und zugleich eins sind, so hat auch die Schrift einen geistigen oder spirituellen und einen buchstäblichen oder körperlichen Sinn; beide gehören zusammen und sind doch wohl zu unterscheiden.

 

Der innere geistige Sinn wird noch einmal in drei Sinne untergliedert, weil sich der menschliche Geist in die drei Zeitdimensionen Vergangenheit (Erinnerung), Gegenwart (Wahrnehmung) und Zukunft (Erwartung) erstreckt. Diese drei Sinndimensionen sind der typologische Sinn (Analogie zwischen den „Typen“ oder Mustern des Alten und des Neuen Testaments) zur Stärkung des Glaubens, der moralische Sinn als Anleitung zum gerechten Handeln in der Welt zur Stärkung der Liebe und der eschatologische oder anagogische, zum Himmel hinaufführende mystische Sinn zur Stärkung der Hoffnung. In diesen drei Geist-Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung besteht das Christsein (1 Korinther 13,13; 1. Timotheusbrief 2,15).

 

Den drei Tugenden entsprechen wiederum die drei Initiations-Sakramente Taufe, Eucharistie und Firmung. Der buchstäbliche oder körperliche Sinn, die vierte bzw. erste Sinndimension der Schrift, ist wie der sichtbare Körper eines Menschen dessen Erscheinungsform in der Welt, die prinzipiell der allgemeinen Vernunft zugänglich ist. Die anderen drei Sinndimensionen erschließen sich nur im Heiligen Geist als Quint-essenz des Ganzen.

 

Im „Aushauchen“ des Lebens des Gekreuzigten wird dieser Geist „überliefert“ (Johannes 19,30) und dadurch das Allerheiligste des Tempels von Bibel und Schöpfung wieder erschlossen: „Da riss der Vorgang im Tempel von oben bis unten entzwei“ (Markus 15,38). Die Emmaus-Jünger sagen nach der Begegnung mit dem gekreuzigten Auferstandenen: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“ (Lk 24,32).

 

Der „intelligible“ fünfe Sinn als Geist

Der Philosoph Volker Gerhardt (Berlin) bezeichnet in seinem Buch Der Sinn des Sinns (2014) als „fünfte und letzte Stufe“, in dem alle vorangegangenen vier Stufen der Sinnfindung (sinnlich, sozial, subjektiv-seelisch, rational) ihre Einheit erlangen, den „intelligiblen Sinn“, worin der erkennende Mensch selbst mit einbegriffen ist:

 

„Welt- und Selbstverständnis vollziehen sich hier in einem Akt. Der auf Einsicht zielende Sinn ist auf das Ganze von Personen, auf die Einheit ihrer Handlungen, auf die Bedeutung von Situationen und Konstellationen sowie auf das Ganze eines Horizonts und der ihn umschließenden Welt gerichtet. Im Sinn dieser fünften Stufe tritt die Einheit von Sachverhalten und Vorgängen in ihren denkbar komplexen Kontexten hervor; er macht es möglich, von Natur, Geschichte, Technik, Kultur, Welt oder System zu sprechen; er ist es, der uns alles so verstehen lässt, dass wir zu wissen glauben, was gemeint oder beabsichtigt ist. Seinen elementaren Ausdruck findet dieser Sinn in dem, was wir Einsicht [oder Weisheit] nennen. Das korporative Insgesamt von Einsichten aber ist der Geist.“

 

Volker Gerhardt zufolge kann der „intelligible Sinn auch als das letztlich unverzichtbare Sensorium für das Göttliche angesehen werden“, so dass Gott, obwohl er „ein Vernunftbegriff“ ist, doch „mit allen Sinnen gesucht werden kann“; und so ist der geisterfüllte Glauben in der Tat „im Sinnverstehen selbst ein treibendes Moment der Vernunft“: „Der Mensch muss sich selbst als bedürftiges und nach Sinn verlangendes Lebewesen erfahren, um Gott als die Antwort auf jene Fragen zu verstehen, die er selbst nach dem Sinn seines Daseins stellt“ (mehr dazu vgl. mein Buch Die Schönheit des Logos, S. 65-67; 253f; 328f).

Klaus W. Hälbig