Impulse zu den Bildwelten der Bibel

Wer sind Jesu Brüder und Schwestern?

 

Bild: Josef von Ägypten gilt als Vorausbild des Erlösers, vor allem, weil er seine „Brüder“ und seinen Vater Jakob mit Brot vor dem „Hungerstod“ bewahrt und sich mit ihnen, die ihn „verraten“ und „verkauft“ haben, am Ende wieder versöhnt. Josef umarmt Jakob – eine von zehn Elfenbeintafeln mit 14 Episoden aus dem Leben des Patriarchen Josef auf den Wangenpartien der Armstützen der Bischofskathedra von Maximian (498–556), Ravenna Erzbisch. Museum.

 


 

Heute wird gern gesagt, alle Menschen seien „Kinder Gottes“ und untereinander „Geschwister“. Das Neue Testament spricht aber auch von „Kindern des Zorns“ (Eph 2,3), ja „des Teufels“ (Joh 8,44). Auch die „geringsten Brüder“ Jesu in seiner Weltgerichtsrede (Mt 25,31-46), die von den Werken der Barmherzigkeit handelt, werden heute selbstverständlich universalistisch auf alle Menschen oder alle Arme bezogen – mit weit reichenden politischen Konsequenzen. Die „geringsten Brüder“ sind aber nicht „Menschen-Brüder“ oder alle „Armen dieser Welt“, sondern „Brüder im Glauben“ (Gerhard Lohfink, Im Ringen um die Vernunft, 2016, 478-494). Nach dem biblischen Befund geht Gottes Liebe zu allen Völkern nicht an der Erwählung Israels und dann der Kirche vorbei, sondern ist dadurch vermittelt: „Der Menschensohn identifiziert sich also in Matthäus 25 mit seinen Jüngern, mit seinen Nachfolgern, mit seinen Jüngergemeinden. So sehr Christus auf der Seite aller Armen steht: Die wichtigste Sache in der Welt ist ihm die Existenz seines Volkes, weil nur über dieses Volk den Armen der Erde wirklich geholfen werden kann. Das ist ein Grundgedanke biblischer Theologie“ (ebd. 488). Hinsichtlich der aktuellen Flüchtlings- und Migrationskrise ist eine Güterabwägung zu treffen. Der Staat muss für Stabilität und Ordnung sorgen und sich an die eigenen Gesetze sowie die allgemeine Rechtsordnung halten. Das erfordert angesichts der notwendigen Hilfen eine schwierige Balance. Zudem ist bei der Gerichtsrede Jesu, die sich ja an Christen richtet, zwischen der Liebe als Gesinnung und der Liebe als Tat zu unterscheiden. Für letzteres gelten die klassischen Vorzugsregeln, wonach „der Nächste“ nicht jeder Mensch ist, sondern der eigene Glaubensbruder. Diese Vorzugsregeln gehören „zum Kern der katholischen Moraltheologie“ und widersprechen auch weder der biblischen Ethik noch dem Liebesgebot; vielmehr sollen sie „dem Anliegen einer bestmöglichen Verwirklichung des Liebesgebotes dienen“ (Eberhard Schockenhoff, Grundlegung der Ethik, 22014, S. 503). „Ohne die Anwendung der Vorzugsregeln könnte niemand leben und würde das gesellschaftliche Leben zusammenbrechen“ (so der Alttestamentler Ludger Schwienhorst-Schönberger). Letztlich ist jeder Bruder und Schwester Jesu, der „den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt“ (Mt 12,50). Dieser Wille Gottes zielt darauf, dass „alle Menschen gerettet werden und  zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4f) – im Glauben.

 

 

Sind Tierleben so viel wert wie Menschenleben?

Bild: Die Vision vom paradiesisch-friedlichen Miteinander von Mensch und Tier steht am Anfang der Bibel: Adam und Eva bilden die Mitte im Kreis der Kreaturen. Adam übt seine ‚Tierherrschaft‘ als Namensgebung aus (Gen 2,20). Sprache und freie Selbstbestimmung sind die zentralen Kennzeichen des  Menschen, der als „Bild Gottes“ zur Gemeinschaft mit dem ewigen Schöpfer berufen ist. Residenz, München.


Für 40 Prozent der Briten Menschen- und Tierleben gleich wertvoll. Das ergab eine Umfrage zur „Operation Arche“, mit der ein britischer Ex-Soldat mehr als 150 Hunde und Katzen aus Kabul ausgeflogen hat. Auch im Hauptartikel des Magazins Zeit-Wissen „Neue Ehrfurcht vor altem Wissen“ (Sept./Okt. 2021) wird der Unterschied zwischen Mensch und Tier eingeebnet, der Begriff „Person“ verworfen. Gelobt wird die frühere indigene Naturverbundenheit in Nordamerika, die es heute zu revitalisieren gelte; kritisiert wird dagegen die Bibel, an deren „Anfang“ Strafe und Vertreibung stünden; das steht aber erst im 3. Kapitel. In den ersten beiden Kapiteln der Bibel steht etwas ganz anderes, nämlich dass der Mensch von Gott mit dem göttlichen Fruchtbarkeitssegen beschenkt ist, dass er zu einem paradiesisch-friedlichen Dasein mit dem Schöpfer, untereinander und mit aller Kreatur erschaffen ist, dass die Ur-Harmonie also auch Tier und Pflanze einbezieht (die ersten Menschen sollen Vegetarier sein), und dass der Auftrag zur „Herrschaft“ über die Tierwelt als eine gewisse „Inbesitznahme“ zu verstehen ist im Sinn der Verantwortung des „Guten Hirten“ für seine „Herde“.  „Für die letzte Aussage in Gen 1,28 können wir also sagen, dass dort alles andere behauptet wird als ein tiefer Graben zwischen Mensch und untermenschlicher Kreatur. Es geht um paradiesisch-friedliche Einheit, in der sich die Ebenbildlichkeit Gottes für den Menschen im Sinn des priesterschriftlichen Entwurfs zunächst verwirklichen sollte“ (Norbert Lohfink, Unsere großen Wörter. Das Alte Testament zu Themen dieser Jahre, 169). Der Text legitimiere daher weder Bevölkerungsexplosion oder ein Recht auf Ausplünderung aller Rohstoffvorräte, noch eine Massentierhaltung, Artensterben o. ä. Allerdings wird der Mensch auch nicht als Person („Bild Gottes“) einfach in die nicht-personale Lebenswelt eingeordnet, sondern er behält seine herausragende Stellung und Würde, die auf seiner Freiheit und unsterblichen göttliche Geist-Seele (hebr. neschamah) beruht. Kein Tier ist für sein Verhalten moralisch verantwortlich, weil es allein instinktgesteuert ist. Weil Tiere nicht frei sind, sterben sie auch nicht, sondern verenden. Sie sind rein „irdische“ Naturwesen, für die es keine ewige Gemeinschaft mit dem Schöpfer im „Himmel“ gibt, auch wenn einige Theologen inzwischen – vom Zeitgeist beflügelt – entsprechende Überlegungen zum „eschatologischen“ Ziel der Tierwelt anstellen.

Warum ist nur das Kreuz das wahre Medium der Gottespräsenz?

Bild: Jesus hat nicht eine neue „Schrift“ hinterlassen, sondern geisterfüllte Männer und Frauen, die das Alte Testament geistig auf ihn hin zu lesen verstehen: „Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich gesagt ist“ (Lk 24,44). Die Schriften „legen Zeugnis über mich ab“ (Joh 5,39). „Wenn ihr Mose glauben würdet, müsstet ihr auch mir glauben; denn über mich hat er geschrieben“ (V. 46). Nur bei der Anschuldigung der Ehebrecherin aufgrund des Gesetzes schreibt Jesus „mit dem Finger“ in den Staub der Erde (Joh 8,6.8), während „der Finger Gottes“ auf die steinernen Gesetzestafeln geschrieben hatte (Ex 31,18). Fresko Maria della Misericordia (15.Jh.), Ascona.


Am Anfang der Religionsgeschichte steht nicht das Wort, sondern das Bild. Gegen den Polytheismus der vielen  (symbolisch: 70) Völker, der sich in der Verehrung von Götterstatuen und -bildern manifestiert (Idolatrie), richtete sich der Monotheismus des einen Gottesvolkes Israel. Voraussetzung dafür war nach Eckard Nordhofens religionshistorischer Mediengeschichte Corpora (2019) ein neues Kultobjekt der Verehrung: das Medium der Schrift (Grapholatrie). Als reine Konsonantenschrift fern vom Alltagsgebrauch habe sich die hebräische Schrift dafür besonders geeignet. Sie lässt den transzendenten Gott in seinem Wort im Unterschied zum Bilderkult nur so anwesend sein, dass er sich zugleich vorenthält und entzieht, dass also Medium und Gott nicht identisch sind, und Gott folglich sich nicht für eigene Bedürfnisse funktionalisieren und für eigene Zwecke instrumentalisieren lässt („privativer“ statt „usurpativer Monotheismus“). Allerdings wird bei den „Schriftgelehrten und Pharisäern“ (den „Schriftlern“) diese Differenz wieder aufgehoben, weshalb ein erneuter Medienwechsel notwendig ist, der vom Äußeren zum Inneren, von der Materie zum Geist, von den Lippen zum Herzen: „Selig sind, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8). In der Szene von der in flagranti ertappten Ehebrecherin schreibt Jesus zweimal mit dem Finger in den Staub der Erde: So „zerschreibt“ das inkarnierte Gotteswort „den Buchstaben [des Gesetzes], der beinahe getötet hätte. Was für eine Pointe: das einzige Mal, dass Jesus schreibt, zerschreibt die Schrift“ (Corpora, 222). Schon Paulus schrieb: „Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2 Kor 3,6). Deshalb tritt im Christentum an die Stelle der „Buchwerdung“ (Inlibration) die „Fleischwerdung“ (Inkarnation) des Logos, in den alle Gläubigen einbezogen sind (Joh 1,12-14). So würden die Körper (Corpora) der Frommen zum neuen Medium der Gottespräsenz. Freilich muss erst in der Taufe der „von der Sünde beherrschte Körper vernichtet“ werden (Röm 6,6), weshalb erst mit dem Kreuz der wahre Medienwechsel vollzogen wird, besser: Hierarchiewechsel von den „Ersten“ zu den  „Letzten“ und umgekehrt, was die ursprüngliche Ordnung wiederherstellt und so erst den wahren „vernunftgemäßen Gottesdienst“ im Mitvollzug des lebendigen Opfers Jesu ermöglicht: „ut exhibeatis corpora vestra hostiam viventem“ (Röm 12,1).

 

Ist  Jesus am Kreuz gescheitert?

Bild: Heute bestreiten auch katholische Theologen, dass Jesu Kreuzestod ein Sühneopfer ist für die Sünden „der ganzen Welt“ (1 Joh 2,2; vgl. Röm 3,25): Gott hätte dem Menschen auch „einfach verzeihen können“ (Magnus Striet, Dlf-Sendung, 18. Juli 2021). Reinigung und Erlösung geschehen aber allein durch die ‚Überlieferung‘ des Heiligen Geistes in Jesu Tod: „Wenn ich nicht gehe (sterbe), wird der Beistand nicht zu euch kommen“ (Joh 16,7; vgl. 19,30). Gott kann seinen Geist einzelnen Propheten und Heiligen verleihen; aber um die Menschheit zu retten, bedarf es des erwählten Volkes Israel und dann der einen, universalen Kirche als geisterfüllte Partnerin und Braut des ‚Bundes‘, die für die Gabe von Jesu Geist und Blut empfänglich und dankbar ist. Die gefallene ‚Welt‘ ist für das übernatürliche Licht der Gnade verschlossen (Joh 1,10): Sie liebt „die Finsternis mehr als das Licht“ (Joh 3,19). Das Kreuz ist der Schlüssel zur Öffnung von Paradiestür und -frieden von innen (Lk 23,43) für die Menschen „bonae voluntatis“ (Lk 2,14) – Fresko St. Jakob, Tramin, Südtirol.


Wer sein Ziel nicht erreicht (wie z. B. den Aufbau einer demokratischen Zivilgesellschaft am Hindukusch), der ist gescheitert. Nach dem zum Judentum konvertierten Judaisten Walter Homolka (Potsdam) hat Jesus „nichts Neues“ gebracht: Alles sei im Judentum seiner Zeit schon vorhanden gewesen. Jesu Lehre war „ohne erkennbare Originalität“, Welterlöser oder Messias sei Jesus schon gar nicht gewesen; denn die Welt habe „sich nach dem Opfergang von Golgota nicht zum Besseren verändert“. Jesus ist demnach gescheitert; gleichwohl soll er als Jude ‚heimgeholt‘ werden ins Judentum (Der Jude Jesus – eine Heimholung, 95; 93; 108; 116). Welterlösung wird hier als äußeres Mirakel gedacht. Jesus wird vom Vater in die Welt gesandt, um sie von Sünde und Tod zu erlösen, aber nicht ohne die Mitwirkung des Menschen. Martin Luther dagegen hat den ‚Sündenfall‘ derart ins Extrem gesteigert, dass für ihn der freie Wille des Menschen total korrumpiert und zur Mitwirkung an seinem Heil unfähig war (was die scharfe Kritik des Humanisten und katholische Priesters Erasmus von Rotterdam auf den Plan rief). Bei der Kirchenlehrerin Caterina von Siena (wie zuvor schon bei Augustinus) sagt Gott: „Ich habe euch ohne euch geschaffen … Doch ich werde euch nicht ohne euch erlösen“ (Dialog Kap. 155). Als „die Mutter des Gehorsams“ bezeichnet Caterina die aus dem Licht des Glaubens hervorgehende Liebe (163). Ihr zufolge hat der Gläubige in der Taufe den vom gekreuzigten Jesus „im Feuer der göttlichen Liebe“ gereinigten und vollkommen wiederhergestellten „Schlüssel des Gehorsams“ empfangen, den Adam „in den schmutzigen Kot“ geworfen und „mit dem Hammer des Hochmuts“ verbogen hat. Dabei komme es darauf an, selbst im demütigen Glauben gehorsam zu sein und sich so den durch Adam verlorenen ‚Himmel‘ zu erschließen. Jesu ganzes Leben steht von Anfang an unter dem Glaubensgehorsam bis hin zum Tod am Kreuz (Phil 2,8) und ist deshalb ein einziges großes „Erlösungsgeheimnis“: „Die Erlösung wird uns vor allem durch das am Kreuz vergossene Blut zuteil…“ (KKK 517). Mit dem Hymnus Vexilla regis von Bischof Venantius Fortunatus (6. Jh.) singt die Kirche: „O heiliges Kreuz, sei uns gegrüßt, du einzige Hoffnung dieser Welt“ (KKK 617). „Im Erlösungstod seines Sohnes Jesus Christus ging der Heilsplan Gottes ‚ein für allemal‘ in Erfüllung (Hebr 9,26)“ (KKK 571).