Die Bibel: Gottes Wort im Feuer des Geistes (I)

Bild: In der Nacht des ersten Frühlings-Vollmonds vom 14. auf den 15. Nissan hat Israel nach göttlicher Anweisung das Oster- oder Paschalamm geschlachtet und es über dem Feuer gebraten, denn „nichts davon dürft ihr roh oder in Wasser gekocht essen“ (Ex 12,9). Origenes, der große theologische Meister der allegorischen Exegese, hat dies als Hinweis auf ein im Feuer des Geistes gewandeltes Verständnis der Schrift gelesen – Ausschnitt aus der Szene der Schlachtung der Lämmer im Tempel von Jerusalem in der dauernden Krippenausstellung in der Hofburg von Brixen (Südtirol).

 

 

„Christus öffnete ihren Sinn für das Verständnis der Schriften“ (Lk 24,32). So beginnt das Motu proprio „Aperuit illis“, mit dem Papst Franziskus am 30. September 2019 einen eigenen „Wort-Gottes-Sonntag“ eingeführt hat, erstmals für den 26. Januar 2020, auch um die Verbindung zum Judentum zu festigen. Verstehbar, wirksam und fruchtbar wird Gottes Wort aber erst durch Gottes Geist als Feuer: Es brät, wie Origenes erklärt, das „Rohe“ der Schrift, verwandelt es und macht es so schmackhaft und genießbar.

 

Der Alexandriner versteht von daher die Vorschrift zum „Braten“ des Paschalammes über dem ‚Feuer‘ (des Geistes) in Ex 12,8 als Anweisung für das geistige Schriftverständnis: „Nicht roh also darf man das Fleisch des Lammes ‚essen‘, wie es die Sklaven der Wörtlichkeit tun nach Art der unvernünftigen Tiere. Sie sind, verglichen mit denen, die wahrhaft vernünftig sind, weil sie Einsicht in die geistige Welt des Logos suchen, wie vertiert und wild geworden. Wer nun das Rohe der Schrift zum Kochen bereitet, muss sich Mühe geben, dass er aus dem Text nicht etwas Schlaffes, Wässriges, Zerflossenes macht…“ (zit. nach Marius Reiser, Bibelkritik und Auslegung der Heiligen Schrift, 2007, 128).

 

 

Das Feuer als Sinnbild der Gnade und des Geistes

 

Dieses Feuer des Logos und des Geistes erfahren die Emmaus-Jüngern in der Begegnung mit dem österlich Auferstandenen: Er, den sie unter den Toten geglaubt haben, was sie zu Tode betrübt, gesellt sich unerkannt zu ihnen, fragt nach ihrem Kummer und verweist sie auf die Botschaft des Alten Testamentes oder der „Schrift“, die doch das Leiden, Sterben und Auferstehen des Messias vorausgesagt hat. Indem er mit ihnen das Brot (der Eucharistie) bricht, gehen ihnen die Augen auf und sie sagen zueinander: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss“ (Lk 24,32).

 

Das Brennen des Herzens im österlichen Glauben ist das, was Christsein ausmacht. Bei der Generalaudienz am 24. April 2013 erinnerte Franziskus an die Wiederkunft Christi und sein Weltgericht: „Wir sind in der Zeit des Handelns, in der Zeit, in der es gilt, die Gaben Gottes fruchten zu lassen, nicht für uns selbst, sondern für ihn, für die Kirche, für die anderen, in der Zeit, in der man immer versuchen muss, das Wohl der Welt wachsen zu lassen.“ In der Zeit der Gnade gelte es, wachsam sein mit brennenden Lampen, das heißt mit dem Feuer der Liebe für den wiederkommenden Messias bereit zu sein (Mt 25,1-13).

 

Die im Glauben brennenden Herzen brauchen die Gnade des Schöpfergeistes oder Creator spiritus, der in der Heiligen Schrift der Juden und Christen auch Heiliger Geist genannt wird, weil er in besonderer Weise für die Heiligkeit Gottes und die der Menschen eintritt, die von Gott zur Heiligkeit berufen sind (Eph 1,4). Im zweiten Vers der Bibel heißt er Geist Gottes, der im Uranfang über den vier Elementen des Urchaos „schwebt“: wüste und leere Erde, Finsternis, Urflut und Wasser (Gen 1,2). Dieser Vierzahl der Chaos-Welt steht der eine Geist Gottes als ordnende Schöpferkraft gegenüber. Der Geist ist so das Gegenbild zu Erde, Finsternis und Wasser oder zur Materie, nämlich göttliches Feuer vom Himmel (Lk 12,49).

 

Geist Gottes, Ruach elohim (200-6-8 1-30-5-10-40), hat in der Summe der Zahlenwerte der hebräischen Buchstaben den Wert 300, was auch der Wert des vorletzten Buchstabens Schin ist, der die Form von drei lebendigen Flammen hat (ש) und auch „Feuer“ bedeutet. Christliche Kabbalisten wie der Humanist Johannes Reuchlin (1455–1522) sehen im Namen Jesu den vierbuchstabigen Gottesnamen JHWH, in dessen Mitte das Schin eingefügt ist: JESUH. Der Görlitzer Mystiker Jakob Böhme schreibt in seiner Apologia II: „Wir Menschen haben allesamt nur ein einziges Buch, das auf Gott hinweist. Jeder hat es in sich. Es ist der teure Name Gottes. Seine Buchstaben sind die Flammen der Liebe, die Gott aus seinem Herzen in dem teuren Namen Jesu in uns geoffenbart hat“ (zit. nach Klaus H. Neuhoff, Die Schrift entziffern: Zahlensymbolik in der Bibel, 2017, 96).

 

Das Sinnbild des Opfers und des Atems

 

Das Feuer ragt unter den Sinnbildern des Heiligen Geistes besonders heraus. Es ist, wie der Katechismus der Katholischen Kirche sagt, „eines der sprechendsten Sinnbilder des Wirkens des Heiligen Geistes“: Es symbolisiert „die verwandelnde Kraft. (…) Der Prophet Elija, der ‚aufstand wie Feuer und dessen Wort wie ein flammender Ofen’ war (Sir 48,1), zieht durch sein Gebet auf das Opfer vom Berge Karmel Feuer vom Himmel herab – Sinnbild des Feuers des Heiligen Geistes, der, was er erfasst, umwandelt“ (KKK 969). Beim Brandopfer geht es um die Umwandlung des irdischen Körpers in den „Wohlgeruch für Gott“, hebr. reach nichoach, wobei reach und ruach eng verwandt sind. Auch reach nichoach (200-10-8 50-10-8-6-8) hat den Wert 300, was, wie der jüdische Thora-Gelehrte Friedrich Weinreb erklärt, „der volle Wert des Namens Gottes“ ist (Das Opfer in der Bibel, 2010, 101;103).

 

Ein anderes Sinnbild des Geistes ist der Atem. Denn „Geist“, griech. pneuma, ist auch „Luft“ und „Atem“, gewissermaßen der Atem Gottes. Der aus dem Lehm der Erde gebildete Adam wird von Gott mit seinem Lebensatem angehaucht und wird erst so zu einem lebendigen Wesen (Gen 2,7). „Die Seele“, sagt der Symbolforscher Otto Betz, „hat ja selbst Atemcharakter, etwas vom Geisthauch Gottes ist in ihr, das ‚kosmische Wehen‘ ... ereignet sich dauernd im Menschen. Und wie der Körper durch die Lunge den Atem in sich aufnimmt und den lebensnotwendigen Sauerstoff an alle Körperteile weitergibt, so muss auch die Seele sich dauernd nach der Gnadenkraft ausstrecken“ (Selbsterfahrung und Gotteserfahrung in der Leiblichkeit, in: Geist und Leben 3/1992, 199-211, hier 202).

 

Die Kraft der Gnade, die der Geist dem Menschen beständig schenkt, wird hier mit der Atemluft verglichen, die wir beständig brauchen, um uns am Leben zu erhalten. Der Psychologe und Judaist Gabriel Strenger deutet mit der jüdischen Tradition das Pronomen der 1. Person Plural in Gen 1,26 („Lasst uns den Menschen machen“) als Hinweis „auf den komplexen Ursprung des Menschen: Geist und Materie. Er hat [einen] den biologischen Gesetzen unterstehenden Körper und trägt [doch] den Odem Gottes in sich, der ihm ein gewisses Maß Freiheit ermöglicht. Diese Dualität aber ist Urgrund unseres Strebens und Leidens“ (Jüdische Spiritualität, 36f).

 

„Almosen des Feuers“: Der Geist macht lebendig

 

Diese Zweiheit des doppelten Ursprungs bedeutet aber nicht einfach einen Dualismus zweier vollkommen getrennter Substanzen. Denn die zwei Prinzipien Geist und Materie werden ja wie Himmel und Erde von dem einen Gott zum fruchtbaren Zusammenspiel und Zusammenwirken erschaffen. Das heißt, der Körper ist nicht geistlos oder geistfremd, sondern auf die Geistform hin geschaffen, wobei aber der Geist den Vorrang hat: „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts“ (Joh 6,63).

 

Es ist also der Geist, der das Leben schenkt. Die Benediktinerin Photina Rech erinnert entsprechend an die Bedeutung des Wortes „Geist“ im Deutschen: „Nach Grimm ist noch für das 19. Jahrhundert nachdrücklich zu bemerken, dass ‚Geist‘ begrifflich nicht das Denkende in uns ist, sondern das Lebendige, Lebengebende, Lenkende, Wirkende, entsprechend der ersten Bedeutung Atem, Lebenshauch“ (Inbild des Kosmos, 1966, Bd. II, 19). „Atmend sind wir ununterbrochen in Beziehung zu anderen Lebewesen, ja zur ganzen Welt“ Helga Simon-Wagenbach, Atmen, 2019).

 

Die Atemluft wiederum hängt eng mit dem Feuer zusammen. In einem Heilig-Geist-Lied, das besonders an Pfingsten gesungen wird, ist vom „Feueratem“ des Geistes Gottes die Rede, der „Gottes Reich lebendig“ macht in der Welt (GL 347.4), also seine Welt-Herrschaft aufrichtet, die der Welt Licht und Leben gibt. Der französische Philosoph Ernest Hello beobachtete in der Natur einen wechselseitigen ‚Austausch‘ des „Almosens des Feuers“:

 

„Die Pflanzen und die Tiere spenden sich wechselseitig das Feuer, das sie atmen. Denn der Atem ist Feuer. Die Tiere atmen Sauerstoff ein und Kohlenstoff aus. Wenn der Sauerstoff in die Lunge des Tieres tritt, so erneuert es dessen Leben und reinigt sein Blut, weil er es erhitzt. Zwischen den Bäumen und uns vollzieht sich der Austausch Tag und Nacht. Die Erde hat unterirdische Vulkane, das Meer hat Vulkane unter Wasser. Alles, was Leben hat, brennt. Die Schöpfung ist ein Werk der Liebe, und alle ihre Glieder spenden einander unablässig das Almosen des Feuers. Das Feuer reinigt, das Feuer erleuchtet, das Feuer einigt. Es stellt wieder

 

her, nachdem es zersetzt hat. Hierdurch versinnbildet es auf geheimnisvolle Weise die drei Formen des mystischen Lebens: das reinigende, das erleuchtende und das vervollkommnende und vollendende Leben in Gott“ (Mensch und Mysterium, 132-140: Das Feuer, hier 136f und 132f).

 

Die Schöpfung als bleibende Grundlage der Erlösung

 

Wenn die Bibel mit der Schöpfung von Himmel und Erde beginnt und das christliche Credo darauf aufbaut, ist es wichtig, die Entstehungsgeschichte des Lebens auf der Erde zu kennen. Nach dem Prolog des Johannesevangeliums ist der Logos, der in Jesus Christus Fleisch geworden ist, das ewige, Licht und Leben spendende Wort des Schöpfers, durch das alles geworden ist und „das jeden Menschen erleuchtet“ (Joh 1,3.9). Der Kolosserbrief besingt im Hymnus Christus als den Ursprung, in dem „alles Bestand“ hat und der die Gegensätze von Himmel und Erde, des Unsichtbaren und des Sichtbaren durch sein Kreuz „versöhnt“ hat (Kol 1,16-20). Und in der Johannes-Apokalypse sagt Christus von sich: „Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende“ (Offb 21,6; vgl. 1,17f).

 

Das Erlösungsgeschehen in Christus setzt also die Schöpfung durch Christus als Schöpfungsmittler voraus und vollendet sie. Deshalb konnte der frühchristliche Theologe Tertullian (2. Jh.) das Axiom aufstellen: „Die Seele ist von Natur aus christlich“ (anima naturaliter christiana). Von der Erlösung kann deshalb nur im engen Rückbezug auf die Schöpfung die Rede sein. Auch die biblische Heilsgeschichte gründet bleibend in der Schöpfungsgeschichte, und alle jüdischen und christlichen Hauptfeste basieren auf dem Dreischritt von Schöpfung – Heilsgeschichte – (Hoffnung auf) eschatologische Vollendung oder auf dem Dreischritt von Naturgesetz – Sittengesetz – Gnade. In diesen drei Stufen geschieht beim Übergang jeweils eine Transformation, aber doch so, dass bei aller Diskontinuität auch ein Moment der Kontinuität erhalten bleibt.

 

Keine Religion fängt bei Null an. Das Christentum baut auf dem Judentum des Alten Testaments auf, das seinerseits die altorientalischen Religionen, etwa die des Alten Ägypten und von Babylon, voraussetzt. Wie es eine Philosophia perennis gibt, eine immerwährende Philosophie, so gibt es auch eine immerwährende Religion. Der größte lateinische Kirchenvater Augustinus formuliert dies im Rückblick auf seinen eigenen Weg zum christlichen Glauben so: „Denn die Sache selbst, die jetzt unter dem Namen der christlichen Religion verkündet wird, gab es schon bei den Alten. Seit Beginn des Menschengeschlechtes hat sie nicht gefehlt, bis Christus selbst im Fleische erschien. Von da begann man, die wahre Religion, die schon war, christlich zu nennen“ (Retractationes I, XIII, 3).

 

Für Augustinus lag der Weltanfang allerdings erst wenige tausend Jahre zurück, so wie nach dem heutigen jüdischen Kalender, der von der Weltgründung an rechnet, wir uns im Jahr 5779 befinden. Auch die Zählung nach Christi Geburt war zur Zeit des Augustinus im 5. Jahrhundert noch nicht üblich. Der Kirchenvater lässt das Christentum mit der Fleischwerdung Christi an Weihnachten, dem 25. Dezember, beziehungsweise neun Monate zuvor, dem 25. März, dem Fest „Mariä Verkündigung“ (= Christi Zeugung), beginnen.

 

Symbolik von Lamm und Frühling als Schöpfungsanfang

 

Der 25. März ist das alte Datum der Tagundnachtgleiche im Frühling: Der von Gott gesandte Erzengel Gabriel erbittet von Maria ihr Ja-Wort für die Fleischwerdung des Schöpferwortes, das sie auch im Glauben und Gehorsam gibt, was eine Art „hochzeitliche“ Verbindung mit dem Schöpfer darstellt (Lk 1,26-38). Diese Verbindung oder „Verlobung“ nimmt den neuen und ewigen Bund mit Gott vorweg, der dann am Kreuz im „Blut“ des geschlachteten oder geopferten Osterlammes geschlossen wird. Paulus sagt ja im 1. Korintherbrief (5,7): „Als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden.“

 

 

Wenn Christus nach dem Johannesevangelium am Rüsttag zum jüdischen Paschafest, das heißt am Freitag vor dem Sabbat, der zugleich das jüdische Osterfest war, am Kreuz stirbt, dann werden parallel dazu die jüdischen Osterlämmer für das Fest geschlachtet. Dies musste im ersten Frühlingsmonat Nissan geschehen (Ex 12,2), weil das Osterlamm sein kosmisches Urbild im Widder hat, dem ersten Zeichen des Tierkreises, in dem die junge Frühlingssonne ihren Jahreslauf beginnt, und zwar „wie ein Bräutigam“ (Ps 19,6). In der Johannes-Apokalypse ist Christus als „Lamm Gottes“ der „Bräutigam“ des himmlischen Jerusalem (Offb 19,7) und zugleich das Lamm, das geschlachtet ist „seit Anbeginn der Welt“ (Offb 13,8; vgl. 1 Petr 1,19f), das heißt seit dem 25. März, also der Frühlings-Tagundnachtgleiche.

 

Hier zeigt sich in der Symbolik von Lamm und Frühling sehr deutlich der Rückbezug der Erlösung auf die Schöpfung. Schon diese steht im Zeichen des Bundes, denn das erste Wort der Bibel, hebr. Bereschith, „im Anfang“ (Gen 1,1), wird durch Buchstabenumstellung zu Berith-esch, „Bund des Feuers“. Das Alte Testament erzählt eine Abfolge von mindestens vier Bundessschlüssen, die aber aller wieder gebrochen werden, weshalb die Propheten einen neuen und ewigen, das heißt unverbrüchlichen Bund erwarten (Jer 31,31-34).

 

Der erste Bundesschluss besteht mit Adam im Paradies, wobei der Sündenfall im Essen vom Baum der Erkenntnis als Bruch des Bundes zu verstehen ist, wie gleich noch näher zu erklären ist. Der zweite Bundesschluss erfolgt mit Noach, dem Zehnten nach Adam, der dritte Bundesschluss mit Abraham, dem Zehnten nach Noach, und der vierte Bundesschluss mit Mose, der 26. Generation nach Adam, auf dem Berg Sinai, wo Gott „im Feuer“ herabsteigt (Ex 19,18). Die Zahl 26 ist die Summe der vier Buchstaben des Gottesnamens JHWH: 10-5-6-5 = 26.

 

Der Bund zwischen Gott (1) und Welt (4)

 

Entscheidend ist nun für das Verständnis des Bundes dessen Zahlenstruktur, sie besteht nämlich aus 1 für Gott und 4 für die Welt, also die 1–4-Struktur, die wir schon von der Atemluft, dem Hämoglobin, dem Chlorophyll und dem menschlichen Herzen her kennen. Auch die menschliche Gestalt (ein Kopf – vier Gliedmaßen) und die greifend-begreifende Hand (1 Daumen – vier Finger) hat diese Struktur. Dasselbe gilt nun auch für den Namen Adam, hebr. a-d-m = 1-4-40 (die Nullen hinter der ersten Zahl können in bestimmter Hinsicht vernachlässigt werden).

 

Ebenso entspringt im Paradies ein Strom, der sich in vier Hauptflüsse zerteilt (Gen 2,10). Vor allem aber stehen die beiden Bäume im Zentrum des Gartens, der Baum des ewigen Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, im Verhältnis 1 zu 4. Denn der Zahlenwert von ets ha-chajim 70 + 90 + 5 + 8 + 10 + 10 + 40 ist 233, der von ets ha-daäth tob wara 70 + 90 + 5 + 4 + 70 + 400 + 9 + 6 + 2 + 6 + 200 + 70 ist 932. 4 x 233 ist 932, also steht der Baum des Lebens für die Eins und der Baum der Erkenntnis für die Vier, das heißt für Geist und Materie, die unsichtbare und die sichtbare Welt oder Seele und Körper.

 

Der aus Seele und Körper bestehende Mensch kann sich zum Körperlichen hinneigen, das heißt auch zum Sexuellen und zum Sterblichen, oder zum Geistigen und zur Gerechtigkeit voll „Unsterblichkeit“ (Weish 3,4). Indem Adam durch die „Verführung“ Evas (Gen 3,12; Tim 2,14) und diese durch die „Verführung“ der sprechenden Schlange (Gen 3,13), das heißt der Triebnatur, die Körperwelt stark macht, wählt er zugleich den Tod. Im 5. Buch Mose, dem Buch Deuteronomium, sagt Gott zu Israel: „Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme, halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben“ (Dtn 30,19f).

 

Die Stammeltern im Paradies hören nicht auf die Stimme Gottes, sondern auf die Stimme des Versuchers, der „alten Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt“ (Offb 12,9). So erleben sie in der Schöpfung nicht den Segen, die Gutheißung Gottes, sondern seinen Fluch, dass Gott nicht gutheißen kann, dass der Mensch, der durch den Sündenfall vor allem „Fleisch“ geworden ist statt „Geist“, verdorben war und mit ihm auch die ganze Erde: „Gott“, so heißt es unmittelbar vor dem Ausbruch der Sintflut, „sah sich die Erde an: Sie war verdorben; denn alle Wesen aus Fleisch auf der Erde lebten verdorben“ (Gen 6,12).

 

Die einzige Ausnahme ist Noach, der vor Gott „gerecht“ ist (Gen 7,1). Ihn beauftragt Gott mit dem Bau der Arche in bestimmten Maßen, so dass er, seine drei Söhne und ihre vier Frauen darin gerettet werden, außerdem alle Tiere aus Fleisch, von allen reinen Tieren jeweils sieben Paare und von allen unreinen jeweils ein Paar (Gen 7,2). Die Siebenzahl verweist hier darauf, dass die wie der Mensch am sechsten Tag geschaffenen Landtiere zur Sieben-Tage-Schöpfung gehören. Beim Menschen ist die entscheidende Zahl aber die Acht mit Noach als „dem achten“ (2 Petr 2,5; 1 Petr 3,20); denn der Mensch ist das achte Schöpfungswerk auf den ewigen achten Tag hin, jenseits der zeitlichen Sieben-Tage-Schöpfung.

 

Die Vollendung des Bundes am „achten Tag“

 

Auf den „achten Tag“, an dem das Bundeszeichen der Knabenbeschneidung bei Abraham zu vollziehen ist, wird im zweiten Vortrag näher einzugehen sein. Hier genügt es zu sehen, dass der Bund mit dem Ewigen durch die Zahl acht symbolisiert wird, und dass dieses Bund seine Vollendung findet in Kreuz und Auferstehung Jesu am Sonntag, das heißt am „achten Tag“ nach dem Sabbat, dem siebten Tag, mit dem die Schöpfung vollendet ist (Gen 2,2f). Die christliche Taufe, deren Vorausbild die Sintflut und die Beschneidung ist, wurde in achteckigen Becken und Baptisterien gespendet und hieß bei den Kirchenvätern „Mysterium der Achtzahl“, wie auch viele Kirchtürme (vgl. die der Münster von Straßburg, Freiburg oder Wien) oktogonal sind.

 

Das Buch des Bundes ist die Thora, die aus fünf Büchern besteht, worin wir wieder die 1–4-Struktur finden: Genesis = 1 – Exodus, Levitikus, Numeri, Deuteronomium = 4. Wie für den alttestamentlichen Bund das „Blut“ des geopferten Osterlammes notwendig war (Ex 24,8), so ist auch die Wiederherstellung und Vollendung dieses Bundes im Neuen Testament nur möglich „im kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel. Er war schon vor der Erschaffung der Welt dazu ausersehen, und euretwegen ist er am Ende der Zeiten erschienen. Durch ihn seid ihr zum Glauben an Gott gekommen, der ihn von den Toten auferweckt hat, so dass ihr an Gott glauben und auf ihn hoffen könnt. (…) Ihr seid neu geboren worden, nicht aus vergänglichem Samen, sondern aus unvergänglichem Samen: aus Gottes Wort, das lebt und das bleibt“ (1 Petr 1,19-23).

 

Das heißt, das Kreuzesopfer des wahren Osterlammes Christus ist kein dummer Zufall oder Unfall der Geschichte, sondern Erfüllung des ewigen Schöpfungs- und Heilsplanes Gottes. Mit der österlichen Auferstehung Christi von den Toten am „achten Tag“ ist das Ende der Zeit gekommen und damit auch die Vollendung der Schöpfung. Die an Gott jetzt Glaubenden und auf ihn Hoffenden sind durch das lebendige Wort Gottes neu geboren.

 

Bis ins 19. Jahrhundert glaubte man noch, die Welt sei vor etwa 6000 Jahren auf Christus hin erschaffen worden. Bei einem heutigen Zeithorizont von knapp 14 Milliarden Jahren ist das nur noch schwer nachvollziehbar. Auch eine leibhafte Auferstehung zu einem ewigen Leben liegt außerhalb unseres normalen Verstehenshorizonts. Ist doch das Sterben-müssen eine Folge unseres natürlichen Geborenseins (lat. ‚natura’, von nasci = geboren werden): Wo geboren wird, wird auch gestorben. Was soll dann eine „Neugeburt“ sein?

 

In der Tat übersteigt christlicher Glaube alles Irdische und Weltliche, alles Natürliche und Kreatürliche oder eben die Sieben-Tage-Schöpfung auf etwas „Übernatürliches“ hin, das aus der Natur nicht einfach ableitbar und trotzdem darin schon vorbereitet ist, nämlich auf den „achten Tag“. Das entsprechende theologische Axiom heißt: gratia supponit naturam et perfecit eam – die Gnade setzt die Natur voraus und vollendet sie – auf übernatürliche Weise.

 

„Natur“ meint dabei aber nicht einfach das Vorhandene, sondern das Lebendige, das sich auf das Ziel seines Daseins hin entwirft, das es in sich trägt. Jedes Seiende hat eine Eigentätigkeit und erstrebt seine Erfüllung (Entelechie). Thomas von Aquin, der das eben genannte Axiom besonders vertreten hat, wandte sich damit auch gegen die islamische Theologie, die alles Wirken in der Welt unmittelbar auf Gott zurückführt, weshalb es für sie weder Naturgesetze gibt noch Menschenrechte, die in der Natur des Menschen selbst gründen.

 

Durch die göttliche Gnade, wie sie der christliche Glaube vermittelt, wird die Natur hingegen über sich hinaus geführt und erhoben zur Gemeinschaft der Liebe mit dem ewigen Gott. Darin besteht das Ziel des göttlichen Heilsplans, das durch Kreuzestod und Auferstehung Christi und die Neugeburt in der christlichen Taufe als Teilhabe daran erreicht wird.

 

 

 

 

Belebt vom Feuer des Heiligen Geistes

 

Wie die Gnade die Natur voraussetzt, so auch setzt die christliche Wahrheit die Wahrheit des Judentums und des Alten Testaments und aller Menschheitsreligionen voraus und vollendet diese. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling hat in seiner „Philosophie der Mythologie“ gezeigt, dass im Polytheismus der altägyptischen Religion die drei Potenzen des Absoluten, das erste, Wirklichkeit setzende Prinzip, das zweite, das Wesen (Was-sein) der Wirklichkeit bestimmende Prinzip und das dritte Prinzip, das setzende und bestimmende Tätigkeit als Geist vereint, hier zunächst noch auseinander treten in den Gestalten von Seth, Osiris und Horus, während mit dem verborgenen Geist-Gott Amun und dem Weisheits-Gott Thot schon deren Einheit ins Bewusstsein tritt. Schelling nennt die Amunsreligion „die höhere Theologie der Ägypter“, in der sich eine wirkliche „Metaphysik in Gestalt des Mythos“ darstellt (Jens Halbwassen). Dieser monotheistische Grundzug der altägyptischen Religion findet nach Schelling ihre Vollendung in der christlichen Offenbarung des Einen Gottes in der Dreiheit seiner Personen.

 

Das christliche Bild des einen Gottes ist zugleich trinitarisch, was erst nach einigen hundert Jahren Theologiegeschichte dogmatisiert wurde, aber natürlich schon im Neuen Testament angelegt ist, so in der Szene der Taufe Jesu mit der Heilig-Geist-Taube und der Stimme des Vaters vom Himmel: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden“ (Mk 1,11f). Oder am Schluss des Matthäus-Evangeliums (28,18f) der Missionsauftrag an die Jünger durch den Auferstandenen: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes …“

 

Das Evangelium von der Gnade Gottes in Jesus Christus in der Kraft des Heiligen Geistes wird von Anfang an als die universale göttliche Wahrheit für alle Zonen und alle Zeiten verstanden. Die Taufformel „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ nennt nun neben Gott und seinem Sohn Jesus auch noch eine dritte göttliche Person: den Heiligen Geist. Dieser Geist Gottes ist mit dem alles erneuernden Feuer gemeint, das auf die Erde zu werfen Jesus gekommen ist (Lk 12,49). Die Geistsendung an Pfingsten setzt Ostern als Höhepunkt und Haupt-Fest des Kirchenjahres die Krone auf: die Feuerkrone. „Pfingsten“, griech. pentecoste, bedeutet der „50. Tag“ nach Ostern. Die Zahl 50 = 7 x 7 + 1 symbolisiert analog zur Zahl 8 den Überstieg über die Sieben-Tage-Schöpfung. Mit dem Schöpfergeist wird, wie es im Schöpfungspsalm 104 heißt, „das Antlitz der Erde neu“ (Gotteslob 645.3).

 

Die Entstehung der Kirche aus Juden und Heiden

 

Zugleich mit dem Neuwerden der Schöpfung entsteht mit der Sendung des Geistes vom Himmel her auch eigentlich erst die Kirche aus Juden und Heiden. Denn nun wird das Alte Testament so verstanden, dass die partikulare Beschränkung auf Israel ebenso entfällt wie der feindliche Gegensatz zwischen Juden und Heiden (Eph 2,11-20). Das Zwölf-Stämme-Volk Israel war schon im Alten Bund nicht für sich da, sondern stellvertretend für die ganze Menschheit, ja die ganze Schöpfung. Beim Bundessschluss am Berg Sinai hört Mose die Worte: „Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören“ (Ex 19,5f).

 

Israel ist ein heiliges, priesterliches Volk, um stellvertretend den priesterlichen Gottesdienst, das Gotteslob der ganzen Schöpfung (vgl. Ps 150), zu vollziehen und so über die „Tiere“ zu herrschen, wie in der ersten Schöpfungserzählung der Auftrag des Schöpfers an die Menschen heißt (Gen 1,26). Gemeint ist mit den „Tieren“ und insbesondere mit der Schlange, dem „Kriechtier“ par excellence (Gen 3,14), die menschliche Triebnatur der inneren Welt des Unbewussten. Mit dem Sündenfall durch das „Gift“ der Schlange muss der Mensch zum „Staub“ der Erde zurückkehren (Gen 3,19).

 

Die Worte werden bei einer Beerdigung gesprochen und beim Auflegen des Aschenkreuzes am Aschermittwoch zu Beginn der vorösterlichen Bußzeit, die auf das Osterfeuer in der Osternacht zugeht: Aus Asche soll wieder Feuer werden, aus Fleisch wieder Geist. Wo sich der Mensch mit seiner Triebnatur identifiziert, wird er tierähnlich. Doch durch den im Paradies in seine Nase eingehauchten Gottesgeist, dem ‚Feueratem’ Gottes, hätte er eigentlich gottähnlich sein sollen oder auch „den lieben Engeln gleich“, wie Martin Luther im Weihnachtslied als Ziel des Kommens Jesu herausstellt: „Er ist auf Erden kommen arm,/dass er unser sich erbarm/ und in den Himmeln mache reich/ und seinen lieben Engeln gleich. Kyrieeleis“ (Gotteslob 252.6).

 

Engel sind flammende Geistwesen oder lodernde „Feuerflammen“ (Ps 104,4). Pseudo-Dionysius Areopagita, der anonyme Begründer der christlichen Mystik im 5. Jahrhundert, unterscheidet  neun (3 x 3) Engel-Hierarchien; die oberste Hierarchie sind die Cherubim und Seraphim, das heißt die in Gottesliebe „Brennenden“. Die Cherubim mit dem „lodernden Flammenschwert“ vertreiben den gefallenen Menschen aus dem heiligen Bereich der Gottesnähe, in dem er als Sünder oder als „Fleisch“, das nicht „eins“ ist mit dem Geist (vgl. Gen 2,24; 6,3), nicht mehr bleiben kann (Gen 3,24).

 

 

 

 

 

 

Von der Tierähnlichkeit zurück zur Gottähnlichkeit

 

Die ursprüngliche, gnadenhafte Gottähnlichkeit wird dem Menschen als „Heiligkeit und Gerechtigkeit“ durch den österlichen Glauben wiedergegeben (Eph 4,24). Am Osterfeuer wird in der Osternacht die Osterkerze angezündet. Ihr eingeprägt sind die fünf roten Wachsstifte für die fünf verklärten Wundmale des auferstandenen Gekreuzigten. Bei einer Altarweihe werden sie durch fünf Feuer dargestellt, eins in der Mitte, vier an den Ecken des Altars. In dieser 1–4-Struktur wird, wie gesehen, der Bund von Gott (1) und Welt (4) symbolisiert, dessen Wiederherstellung nach dem Bundesbruch im Sündenfall die Welt erlöst, also mit Gott wieder verbindet.

 

Feuer verbrennt und vernichtet. Auch das Feuer des Kreuzes und des Geistes zerstört, nämlich die Zerstörungsmacht von Sünde und Tod (vgl. 1 Joh 3,2-9). Jesus nimmt Fleisch und Blut an, „um durch seinen Tod den zu entmachten, der die Gewalt über die Tod hat, nämlich den Teufel, und um die zu befreien, die durch die Furcht vor dem Tod ihr Leben lang der Knechtschaft verfallen waren“ (Hebr 2,14f). Der Tod erscheint heute einerseits als das natürlichste von der Welt, andererseits wird er aber auch tabuisiert, und jeder hofft, möglichst lange zu leben.

 

Der Schöpfer hat als „Freund des Lebens“ (Weish 11,26) dem Menschen ursprünglich nicht das sterbliche Leben zugedacht, vielmehr heißt es im Buch der Weisheit (ca. 50 v. Chr.): „Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen, und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt. Kein Gift ist in ihnen, das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde“ (1,13f). Gleichwohl gibt es ja den Tod. Aber nicht durch den Schöpfer, sondern „durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt, und ihn erfahren alle, die ihm angehören“ (2,24).

 

Dem Tod gehören jene „Frevler“ oder „Toren“ an, die glauben, nur „durch Zufall sind wir geworden“, und ein ewiges Leben gibt es sowieso nicht (2,2-4). Daher wollen sie alles in der Schöpfung bis zur Neige auskosten und denjenigen „zu einem ehrlosen Tod“ verurteilen, der ihrem Treiben ein Dorn im Auge und ihrer Gesinnung „ein lebendiger Vorwurf“ ist (2,6-10.20): „Ist der Gerechte wirklich Sohn Gottes, dann nimmt sich Gott seiner an und entreißt ihn der Hand seiner Gegner.“ „Roh und grausam wollen wir mit ihm verfahren, um seine Sanftmut kennenzulernen, seine Geduld zu erproben“ (2,1-20). Ebenso wird ja auch der sündlose, gerechte Jesus am Kreuz verspottet (Mt 27,42f).

 

Das Weisheitsbuch sieht in diesem Unglauben einen grundlegenden Irrtum aufgrund der Blindheit durch die eigene Schlechtigkeit: Die Frevler „verstehen von Gottes Geheimnissen nichts, sie hoffen nicht auf Lohn für die Frömmigkeit“ (2,21f). Ganz anders die Gerechten, die der Herr mit einem Leben in Ewigkeit belohnt und deren Hoffnung „voll Unsterblichkeit“ ist (3,1.4; 5,15). Denn nicht Sünde und Tod hat der Schöpfer dem Menschen zugedacht, sondern ein Leben in seiner Nähe, wozu er aber heilig und gerecht (Weish 9,3) oder gottähnlich sein muss. Durch die Taufe „mit dem Heiligen Geist und mit Feuer“ (Lk 3,16) wird die ursprüngliche Gottbildlichkeit oder Gottähnlichkeit des Menschen wieder hergestellt, ist der Mensch eine „neuen Schöpfung“ sein (2 Kor 5,17; Gal 6,15).

 

Das Kreuz als Vermittlung der wahren Weisheit

 

Dem geht  voraus, dass der gefallene Mensch den ‚alten Adam’ oder sterblichen Mensch wie ein Kleid ablegt und den ‚neuen Menschen’ oder Christus als weißes Licht- oder Feuerkleid des Himmels anzieht. „Der Erde Kleid“, wie es im Kirchenlied heißt (GL 552.4), ist das haarige „Tierfell“ (Gen 3,21), das der Mensch nach seinem Fall von Gott bekommt. Man hat darin eine Art von Wiederherstellung der Würde des Menschen sehen wollen, weil im Gleichnis vom verlorenen Sohn der Vater dem Heimkehrenden ja wieder mit dem „besten Kleid“ ausstattet (Lk 15,22). Aber wörtlich steht dort: „das erste Kleid“, nämlich das der Gottähnlichkeit, während das Tierfell ja Tierähnlichkeit besagt.

 

Die „Kreuzigung“ des „alten Adam“ bedeutet seine Wiederherstellung durch Tod und Auferstehung hindurch (Röm 6,2-14). In den Augen des „irdisch gesinnten“ Menschen erscheint das Kreuz hingegen als pure Torheit oder als empörendes Ärgernis. Im Licht des österlichen Glaubens aber ist es „das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes“, die ein neues, tieferes Sehen lehrt in der Teilhabe am Sehen Gottes: „Der Geist ergründet alles, auch die Tiefen Gottes“ (1 Kor 2,7.10).

 

Auch der tiefere Sinn des Alten Testaments oder des göttlichen Heilsplans für seine Schöpfung und die ganze Menschheit (Eph 3,8f) wird erst jetzt im göttlichen Geist neu erschließbar. Im Paradies gehen durch das Essen vom Baum der Erkenntnis die Augen auf (Gen 3,7), aber dieses Sehen der Vielheit bedeutet ein Blindwerden für die hintergründige Einheit und unsichtbare Wirklichkeit des Himmels oder des Göttlichen, ein Verlieren der Teilhabe an der himmlischen Weisheit, die zur Kontemplation befähigt. Der christliche Glaube ist demgegenüber eine Blindenheilung und „Erleuchtung“ (photismos), was in der frühen Kirche der Terminus technicus für die Taufe war (Hebr 10,32). So führt das Christentum im Zeichen des Kreuzes das Judentum des Alten Testaments integral fort und vollendet es, indem mit den in der Taufe von der Blindheit der Sünde gereinigten und erleuchteten Augen der tiefere Sinn der alttestamentlichen Offenbarung erkannt wird (2 Kor 3,14-18).

 

Das Christentum bedeutet in der Kraft des Schöpfergeistes der Wahrheit und der Weisheit die Erneuerung des Alten, nicht dessen Beseitigung. Ein Neues Testament ohne das Alte kann es gar nicht geben, auch wenn hier in Berlin manche Theologieprofessoren eine De-kanonisierung des Alten Testaments befürworten. Auch das Wort Jesu „Seht, ich mache alles neu“ (Offb 21,5) findet sich als Zitat im Alten Testament beim Propheten Jesaja (43,18), wo Gott zu seinem Volk Israel sagt: „Denkt nicht mehr an das, was früher war, auf das, was vergangen ist, sollt ich ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues.“

 

 

 

 

Erneuerung von Schöpfung und Bund im Geistfeuer

 

Jesus bringt das Feuer des Geistes vom Himmel, um nicht weniger als die durch ‚Ursünde’ und Tod entstellte Schöpfung gemäß dem ursprünglichen Heilsplan und damit zugleich den Alten Bund zu erneuern und zu vollenden. Durch die Vergebung der Sünden und durch die Auferstehung von den Toten empfangen alle, die das Licht des göttlichen Logos in Gestalt von Jesus im Glauben aufnehmen, neues, ewiges, unvergängliches Leben (Joh 1,3-13). Der Auferstandene haucht seinen Jünger den Geist der Sündenvergebung ein, wodurch sie die Menschen wieder gottähnlich sein lassen können in der Teilhabe an Gottes Weisheit (Joh 20,22; Gen 2,7).

 

Der enge Bezug zwischen Alten und Neuem Testament wird von manchen allerdings auch sehr kritisch gesehen. Denn der biblische Gott, der etwa eine Sintflut als Strafgericht über die Erde kommen lässt, erscheint als aggressiver und grausamer Willkür-Gott, auch wenn er offenbar grundlos das Opfer Abels annimmt, das aber des älteren Bruders Kain verwirft (Gen 4), oder wenn er von Abraham verlangt, dass er ihm seinen ‚geliebten Sohn’ Isaak auf dem Berg Morijah als Opfer darbringt (Gen 22), worauf im zweiten Vortrag näher einzugehen ist.

 

Der Philosophiehistoriker Kurt Flasch (Warum ich kein Christ bin, 2013) zieht daraus die Konsequenzen und verabschiedet sich vom Glauben und seinem Gottesbild; zugleich gibt er dem griechischen „Gott der Philosophen“, das heißt der Vernunft, entschieden den Vorrang. Was hier nicht verstanden wird, ist die Notwendigkeit, dass der gefallenen, tierähnlich gewordene Mensch erst wieder durch eine Verwandlung und Transformation hindurch gottähnlich werden muss, um Gott wirklich dienen und gefallen zu können. Dieser Transformation dient das Brandopfer von bestimmten reinen Tieren mit den aufsteigenden Opferduft, reach nichoach, wie es Noach nach der Rettung der Acht aus der Sintflut mit reinen Tieren darbringt (Gen 8,20f).

 

Der Übergang vom Diesseits in die kommende Welt des „achten Tages“ oder des Jenseits geschieht durch das Wasser hindurch – durch das Wasser der Sintflut, durch das des Jordan beim Auszug Israels aus Ägypten oder durch das Wasser der Taufe: Es ist ein Übergang vom Wasser der Zeit zum Feuer der Ewigkeit. Erst wenn der sterbliche Mensch dem Ewigen wieder ähnlich geworden ist, kann er den heiligen Gott ertragen. Denn Gott ist für die Sünde „verzehrendes Feuer“ (Dtn 4,24; Hebr 12,29).

 

Die Erscheinung vom Gott des Feuers im Kosmos

 

Die Bibel erzählt von einer Reihe von unmittelbaren Gottesbegegnungen, insbesondere im Zusammenhang mit der Berufung der Propheten. So schaut im vierten Kapitel der Geheimen Offenbarung des Johannes der Prophet in der einleitenden Himmelsvision den Himmel offen und sieht Gottes Thron, umstanden von den 24 Ältesten und umgeben von sieben lodernden Flammen – „das sind die sieben Geister Gottes“ (Offb 4,5) – sowie von den vier sechsflügeligen hohen Engeln aus der Berufungsvision des Propheten Ezechiel, den Cherubim.

 

Diese Engel bilden den Tetramorph, den kosmischen Thronwagen Gottes (Ez 1). Das viergestaltige Wesen mit einem Gesicht wie ein Löwe, ein Stier, ein Mensch und ein fliegender Adler (Offb 4,7; vgl. Ez 1,10) meint die vier mittleren Zeichen der Quadranten des Tierkreises: das Frühlingszeichen Stier, das Sommerzeichen Löwe, das Herbstzeichen Skorpion – hier das polar entgegen gesetzte Geistzeichen Adler – und das Winterzeichen Wassermann, das heißt hier Engel oder Mensch. Diese vier Wesen rufen Tag und Nacht: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, er war, und er ist, und er kommt“ (Offb 4,8).

 

Dieses Zitat stammt aus der Berufungsvision des Propheten Jesaja. Dieser schaut Gott auf seinem „hohen und erhabenen Thron“, umgeben von sechsflügeligen Engeln; hier sind es aber nicht Cherubim, sondern Serafim, also die Brennenden, die als himmlische Wesen den Hofstaat Gottes bilden und einander beständig zurufen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt“ (Jes 6,3). Angesichts dieser überwältigenden Gotteserscheinung erkennt sich der Prophet als unrein: „Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe in einem Volk mit unreinen Lippen, und meine Augen haben den König, den Herrn der Heere, gesehen“ (V. 5).

 

Jesaja sieht die Größe und Erhabenheit Gottes und fühlt sich angesichts der göttlichen Majestät winzig und verloren. Doch einer der Serafim berührt mit einem Stück glühender Kohle, „die er mit einer Zange vom Altar genommen hatte“, seine Lippen, tilgt so seine Schuld und sühnt seine Sünde; so ist Jesaja bereit, sich von Gott als Prophet senden zu lassen zu seinem Volk, das hören, aber nicht verstehen soll, sehen, aber nicht erkennen (Jes 5,6-9).

 

Die christliche Johannes-Apokalypse nimmt die Botschaft von Jesaja, Ezechiel und Daniel sowie die Schöpfungserzählungen vom Anfang des Alten Testaments auf und lässt den auferstandenen Jesus sagen: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt“ (Offb 1,17f).

 

 

Kreuz und Thora als Schlüssel zum Leben

 

 Jesus kommt also die gleiche Schöpfergewalt über die Welt und die Zeit zu wie Gott. Der Schlüssel zum Tod, den er mit seiner Auferstehung besitzt, ist hebr. mafteach, von petach, Öffnung, Tür, was eng verwandt ist mit pesach = Ostern. In der altorientalisch-orthodoxen Kirche in Äthiopien wird das Kreuz häufig als Schlüssel des Lebens dargestellt, bei den orthodoxen Kopten Ägyptens wird zudem auch das kreuzförmige Anch-Zeichen des Alten Ägypten als Leben oder Lebensschlüssel aufgenommen.

 

Friedrich Weinreb wiederum versteht von Pesach/Ostern her die Thora als Schlüssel zum Leben: „Sobald der Mensch vom Baum der Erkenntnis nimmt, ist der Weg zum Baum des Lebens, der Weg zum Tempel, verschlossen. (...) Aber am Ende der ersten sechsundzwanzig Geschlechter [nach Adam] wird dem Menschen [in Gestalt des Mose] die Offenbarung am Sinai gegeben. Das ist nichts anderes, als dass Gott dem Menschen den Schlüssel gibt, den Baum des Lebens. Hier hast du ihn wieder, sagt Gott, du brauchst ihn nur zu nehmen, dann geht dir der Weg wieder auf. (…) Es ist der Weg, den jeder Mensch im Leben zu gehen sich sehnt“ (Das Opfer in der Bibel, 107f).

 

Christlich wird das Kreuz mit dem paradiesischen Baum des Lebens identifiziert und die Eucharistie mit seiner Frucht (Offb 2,7). In Armenien und Georgien etwa, den beiden ältesten christlichen Ländern, wird auf tausenden von Kreuzsteinen immer das „blühende Kreuz“ mit acht Knospen an den vier Kreuzarmen dargestellt, was auf den Paradiesbaum des Lebens verweist. Mit der Kreuzigung reißt ja auch der innere Tempelvorhang von oben bis unten entzwei, so dass der Weg zum Tempel, zum Paradies, zum Baum des Lebens oder ins Gelobte Land als Weg ins ewige Leben bei Gott nun wieder offen steht (Lk 23,45). Dem reumütigen mitgekreuzigten Schächer kann Jesus am Kreuz verheißen: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43).

 

Zum Paradies, zur ewigen Liebesgemeinschaft mit Gott, ist der Mensch von Anfang an von Gott berufen. Aber er kann diesen Weg nur in der Kraft des Heiligen Geistes und der göttlichen Gnade gehen, nicht aus eigener Kraft, auch nicht aus der Kraft der natürlichen Vernunft und ihres natürlichen Lichts. Deshalb kann der biblische Gott vom rein natürlichen Standpunkt aus gesehen wie ein Willkür-Gott erscheinen. Aber immer geht es in der Bibel darum, dass der Mensch mit Gottes Hilfe sein ewiges Ziel erreicht.

 

Der Wohlgeruch des „achten Tages“

 

In den zuletzt angeführten biblischen Texten werden in besonderer Weise auch die Sinne angesprochen: Es geht ums Sehen und Hören, Fühlen und Schmecken. Und wenn wir das Räucherwerk dazu nehmen, dass in der Johannes-Apokalypse die Engel mit einer goldenen Räucherpfanne zum himmlischen goldenen Altar tragen, wo sie es vor dem Thron Gottes mit viel Weihrauch verbrennen – das sind die zu Gott aufsteigenden „Gebete der Heiligen“ (Offb 8,3f) –, dann geht es auch ums Riechen. Auch bei dem im Jerusalemer Tempel dargebrachten  Brandopfer ist das Riechen wesentlich. Denn Gott will, dass ihm ein ‚beruhigender Wohlgeruch’ in die Nase steigt.

 

Mit dem ‚Wohlgeruch’ des reinen Opfers ist – wie Friedrich Weinreb erklärt – ein „ständiges Nach-Hause-kommen“ gemeint, „das ‚Einsammeln’ Oben, das Glück, dass dies [Verbrennende] alles wieder zu Hause ist. Der Mensch ist wieder zu Hause, alles ist wieder zu Hause.“ Es ist der „Geruch des achten Tages“ (Das Opfer in der Bibel, 2010, 102; 182) oder des ewigen Tages. Im Hebräischen bestehen die Wörter ‚acht’ (schmonah) und Salböl (schemen) aus denselben Konsonantenkomponenten. Noah lässt nach der Flut dreimal die weiße Taube aufsteigen, die bei zweiten Mal mit einem frischen Ölzweig im Schnabel zurückkehrt, was auf die wieder erblühende Erde hinweist (Gen 8,8-11).

 

Die weiße Taube symbolisiert den Heiligen Geist, so bei der Taufe Jesu im Wasser des Jordan (Mk 1,10), aber auch am Anfang der Schöpfung, wo der „Geist Gottes“ über den Chaos-Wassern „schwebt“ (Gen 1,2). Die Jungfrau Maria wird vom Heiligen Geist „überschattet“, damit sie geisterfüllt im Glauben dem Engel das Ja-Wort auf Gottes „Heiratsantrag“ (Benedikt XVI.) geben kann (Lk 1,31) – als Aufhebung des falschen Ja-Wortes der Jungfrau Eva gegenüber dem Lügen-Wort des gefallenen Engels (Gen 3,1-6). Das II. Vatikanum sagt: „Im Glauben und Gehorsam gebar sie (Maria) den Sohn des Vaters auf Erden, und zwar ohne einen Mann zu erkennen, vom Heiligen Geist überschattet, als neue Eva, die nicht der alten Schlange [Offb 12,9], sondern dem Boten Gottes einen von keinem Zweifel verfälschten Glauben schenkte“ (Lumen gentium 63).

 

Durch die Fleischwerdung des Schöpferwortes im Schoß der Jungfrau Maria gleicht sie dem brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch, in dem Mose der heilige Gottesname JHWH offenbart wird (Ex 3). Das hebräische Wort für „Dornbusch“ (sne) hängt mit dem Wort „Sinai“ zusammen, wo Gott „am dritten Tag“ im „Feuer“ herabsteigt und sich dem Volk offenbart (Ex 19,16-18). In dieser Erfahrung des herabsteigenden Gottes als „Feuer“ bis zum Abstieg der Inkarnation des Wortes in den Schoß Mariens hat die Heilige Schrift ihren eigentlichen Brennpunkt: „Vom 4. Jh. an wird der Dornbusch als Typus der ‚Immerjungfrau’ verstanden, die Gott als das Feuer in sich trägt, ohne zu verbrennen“ (Günter Spitzing, Lexikon byzantinisch-christlicher Symbole, 1989, 63).

 

Den Geist des Menschen entflammen

 

Kardinal Nikolaus von Kues (1401–1464), einer der wichtigsten Philosophen des 15. Jahrhunderts, schreibt in seinem Werk Über die Gottsuche: „Unser Geist (noster spiritus intellectualis) hat die Natur des Feuers (virtutem ignis) in sich. Er ist zu keinem andern Zweck von Gott auf diese Erde gesetzt, als um zu brennen und zu einer Flamme anzuwachsen. Er wächst, wenn er durch Staunen angeregt wird. Bei der Betrachtung der Werke Gottes staunen wir über die ewige Weisheit“ (Nicolaus Cusanus, hg. von Gerhard Wehr, 2011, 72).

 

Und in einer seiner Predigten führt Cusanus aus: „Das Feuer, aus welchem die göttliche Liebe hervorkommt, ist der Geist, der auch die Liebe genannt wird. Und wie das Feuer in einer unverzehrbaren Materie nicht aufhört, zu erwärmen, so hört auch der Heilige Geist nie auf, lebendige Freude, die Flamme der Liebe in der vernünftigen Seele zu entzünden, wenn diese der Vereinigung mit ihm fähig und unzerstörbar ist. Der Apostel nennt das Herz die Seele selbst, wenn er sagt: ‚Die Liebe Gottes ist in unsere Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist’ [Röm 5,5]. Das Herz wird hier genannt, weil es das Zentrum des Lebens ist. So heißt der Heilige Geist die Liebe, wiewohl die Liebe vom Heiligen Geist stammt und in den Mittelpunkt unseres Lebens ausströmt.“                                                                                     

 

Einer der bedeutendsten Lehrer des mystischen Weges, der Spanier Johannes vom Kreuz, geht noch weiter. Er deutet vom Feuer her die sich durch den Geist ereignende ‚Vergöttlichung’ des Menschen und der Welt als Verähnlichung und Einung mit Gott aus Liebe. In seinem um 1584 entstandenen Gedicht Die lebendige Liebesflamme besingt er den Heiligen Geist als Geist des Bräutigams der Seele und als die „sanfte Glut“, der durch seine zarte Berührung einen „Geschmack ewigen Lebens“ schenkt und alle Schuld tilgt: „Du tötest, wandelst so den Tod zum Leben.“ Ohne mystischen Feuer- oder Verwandlungs-Tod im Sinn eines grundlegenden Bewusstseinswandels gibt es für den Doctor mysticus keine Erfüllung. Johannes vom Kreuz bemerkt zum mystischen Weg:

 

„Was Gott beansprucht, ist, uns zu Göttern durch Teilhabe zu machen, wie Er es von Natur aus ist, so wie das Feuer alle Dinge in Feuer verwandelt.“ „Das Handeln des Heiligen Geistes in der in Liebe gleichgestalteten Seele besteht darin, dass Er sie durch innere Wirkungen entflammt, so dass der Wille der Seele, in einer einzigen Liebe mit jener Flamme innig verbunden, in höchster Stufe liebt.“ Die Seele wird aufgefordert: „Vollziehe nun vollends in aller Vollkommenheit die geistliche Vermählung mit mir durch beseligende Schau; denn sie ist es, um die der Mensch hier bittet“ (Die lebendige Flamme, 1964).

 

Das wunderbare Feuer im Wesen der Dinge

 

Bevor Mose im brennend nicht verbrennenden Dornbusch dem Gott des Feuer begegnen kann, muss er seine Schuhe, mit denen er den Staub der Erde berührt, aus lederner Tierhaut ausziehen; „denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“ (Ex 3,5). Das Ausziehen der Schuhe oder des Tieres bedeutet, seinen tierähnlichen Körper abzulegen. Denn nur gottähnlich kann sich der Mensch dem Gott, der selbst „verzehrendes Feuer“ ist (Dtn 4,24; Hebr 12,29), nähern. Der Jesuit Michael Schneider fasst das Wirken des Heiligen Geistes so zusammen:

 

„‚Das unsagbare und wunderbare Feuer, das im Wesen der Dinge wie in einem Dornbusch verborgen ist‘, sagt Maximus Confessor, ‚ist das Feuer der göttlichen Liebe und der strahlende Glanz seiner Schönheit im Innern aller Dinge.‘ Der Heilige Geist baut die Schöpfung zu einem ‚Tempel‘ auf, der von der Schönheit Gottes Zeugnis ablegt. Alle Werke Gottes enden in der Präsenz des Heiligen Geistes, in ihm kommt das Werk des dreieinen Gottes zum Ziel. Durch das Wirken des Heiligen Geistes bleibt der Schöpfer in seiner Schöpfung gegenwärtig und erneuert das Antlitz der Erde. Das in Christus befreite und erlöste Leben der Neuschöpfung ist bleibend vom Wirken des Heiligen Geistes getragen. Er schenkt dem Glaubenden das Licht der neuen Schöpfung (2 Kor 4,6) und gewährt Anteil an der Auferstehung (1 Kor 12; 1 Kor 14; Röm 12,3ff.), vor allem aber macht er den Menschen leibhaftig zu einem ‚Tempel des Heiligen Geistes‘ (1 Kor 6,13-20)“ (Das Wirken des Heiligen Geistes und der Dienst des Priesters in der Byzantinischen Liturgie, in: George Augustin u.a. [Hg.], Priester und Liturgie, 2005, 93-116, hier 113).

Klaus W. Hälbig

 

 

Erster von zwei Vorträgen in der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin am 4. Juli 2019 zu meinem Buch Das Feuer vom Himmel. Gottes Geist der Weisheit und Liebe in Schöpfung und Kirche, St. Ottilien 2018, 632 S.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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