„Berlin trägt Kippa“: Hilft das Fest „Beschneidung des Herrn“?

Bild: Das äthiopische Christentum hat ein ausgeprägtes Bewusstsein für seine jüdischen Grundlagen entwickelt. So werden die christlichen Männer vor ihrer Taufe am 40. Tag zunächst am 8. Tag beschnitten. Nach der Gründungslegende war der erste König von Äthiopien der Sohn von König Salomo und der Königin von Saba. Er hat auch die verlorene Bundeslade in das Land gebracht, wo sie seitdem in Axum bewacht und bewahrt wird. Jede neue Kirche erhält davon eine Kopie. In typologischer Auslegung ist Maria der neue Tempel und die neue Bundeslade (Tabernakel) als Ort der Heilsgegenwart Gottes in Jesus (= JHWH rettet).

 

 

Wiedereinführung des Festes „Beschneidung des Herrn“?

Als Zeichen der Solidarität mit Juden hat der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, zur Aktion „Berlin trägt Kippa“ aufgerufen, besonders im Hinblick auf den anti-israelischen „Al-Kuds-Tag“ am Samstag (1. Juni), bei dem Muslime gegen Israel hetzen. Zuvor hatte Klein mit seiner Warnung, überall und jederzeit in Deutschland die Kippa zu tragen, in Israel einen Schock ausgelöst. Hilft als Zeichen der Solidarität auch die Wiedereinführung des Festes „Beschneidung des Herrn“?

Das jedenfalls glauben namhafte katholische Theologen wie Christian Rutishauser, Jan-Heiner Tück oder Hans Hermann Henrix, die den Papst und die Kirchenleitungen dazu aufgerufen, ein demonstratives Zeichen der Verbundenheit mit dem gegenwärtigen Judentum zu setzen und dazu das kirchlich Fest „Beschneidung des Herrn“ wiedereinzuführen. Der Name des Beschneidungs-Festes am Oktavtag von Weihnachten (1. Januar) war 1960 aus nicht geklärten Gründen abgeschafft worden; mit der Liturgiereform 1969, also vor 50 Jahren, trat an seine Stelle das „Hochfest der Gottesmutter Maria“.

Angesichts des steigenden Pegels des Antisemitismus in und außerhalb der Kirche im Land des Holocaustgenügt eine einmalige Solidaritätsaktion von Nichtjuden für Juden sicher nicht. Antisemitischer Einstellungen finden sich nicht nur bei Rechtsextremen und Islamisten, sondern reichen bis in die Mitte der Gesellschaft. Die genannten Theologen halten daher eine Stärkung des Bewusstseins für die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens und einen „anamnetischen Kontrapunkt gegen die Israelvergessenheit“ der Kirche (Tück) für unabdingbar. Außerdem gehe es um „die Unverfügbarkeit Jesu“: „Wir gehören ihm an, doch er gehört nicht uns“ (Paul Petzel).

 

Es geht um die Identität des Christentums

Für den katholischen Theologen Norbert Reck wird bei der ganzen Frage „nichts weniger als die Identität des Christentums verhandelt“. Während Martin Luther mit seiner Schrift „Daß Jesus Christus ein geborner Jude sei“ (1523) den Juden vorwarf, „den Glauben ihrer Väter zu verraten, wenn sie sich weigerten, den Juden Jesus als den Sohn Gottes anzuerkennen“, hat 200 Jahre später der Aufklärer Hermann Samuel Reimarus mit fast denselben Worten („Uebrigens war er ein gebohrner Jude“) das Gegenteil daraus gefolgert: „und wollte es auch bleiben; er bezeuget er sey nicht kommen das Gesetz abzuschaffen, sondern zu erfüllen“.

Reck hält fest: „Aus dem Judesein Jesu ergab sich also mitnichten die Achtung aller Angehörigen des jüdischen Volks“. Wohl aber bedeutet die Anerkennung des Judesein Jesu „eine noch nie dagewesene Verunsicherung“ für die christliche Theologie. „Wie konnte ein bewusster und toratreuer Jude zugleich die Zentralgestalt des Christentums sein? Das ging nur, wenn man das Judesein des irdischen Jesus so weit wie irgend möglich ignorierte und stattdessen Christus als Gottmenschen und Überwinder des Judentums darstellte. Oder indem man behauptete, dass das Judentum ‚schon lange eine tote Religion’ (Friedrich Schleiermacher) sei und dass ‚die Juden des Gottesmordes schuldig’ (Joseph Kleutgen SJ) seien“ (Selbstbespiegelung oder Umkehr? Soll das „Fest der Beschneidung Jesu“ wieder eingeführt werden? Online-Portal „feinschwarz.net“, 30. April 2019).

Das Fest der „Beschneidung des Herrn“ muss also nicht per se schon Gutes bringen, muss nicht dazu führen, dem Judentum mit Respekt zu begegnen oder gar zu einer „guten Nachbarschaft“: „Die jahrhundertealte liturgische Erinnerung an den beschnittenen Juden Jesus hat weder Pogrome, Vertreibungen noch die Schoa verhindert.“ „Man kann auch heute, als wäre nichts geschehen, von der ‚Umstiftung des Sinai-Bundes in den neuen Bund im Blute Jesu’ reden und die Juden, die den Jesus-Bund ablehnen, des Bundesbruchs zeihen, wie das Joseph Ratzinger letzten Sommer in der Zeitschrift ‚Communio’ getan hat, deren Schriftleiter Jan-Heiner Tück ist. Feierte man in diesem Sinne den beschnittenen Juden Jesus, wäre nichts gewonnen, sondern lediglich der furchtbare alte Suprematieanspruch des Christentums erneuert.“

Allerdings hat der emeritierte Papst Benedikt XVI. den Juden nicht den Bruch des „Jesus-Bundes“ vorgeworfen, noch hat er die Schoa für sein theologisches Denken einfach ausgeblendet, im Gegenteil. Im zweiten Band seiner Trilogie zu Jesus von Nazareth (2011, 49) schreibt er: „Wir erkennen es nach Jahrhunderten des Gegeneinanders als unsere Aufgabe, dass diese beiden Weisen der neuen Lektüre der biblischen Schriften – die christliche und die jüdische – miteinander in Dialog treten müssen, um Gottes Willen und Wort recht zu verstehen.“

 

Stärkung des christlich-jüdischen Dialogs nach den Irritationen

Die „Anmerkungen zum Traktat ‚De Judaeis’“ (Über das Judentum) in der Zeitschrift „Communio“ (2018, 387-406) von Benedikt XVI. zum christlich-jüdischen Dialog hatte weltweit erhebliche Irritationen bei Juden und Christen ausgelöst. Der Aufsatz hat aber auch zu Rückfragen geführt, die Ungeklärtes weiter zu klären halfen. Der Rabbiner Joschka Ahrens zog nach diesen Klärungen das Fazit, „dass der katholisch-jüdische Dialog aus der Kontroverse gestärkt hervorging“ (Christen bleiben Christen, in: HerKorr 5/2019, 49-51, hier 51). Bei der an sich unstrittigen Frage des „ungekündigten Bundes“ brauche es allerdings nach Aussage von Benedikt noch weiterer „Präzisierung und Vertiefung“: „Dies bedeute aber keineswegs eine Ersetzung oder Aushöhlung“ (ebd.).

Der orthodoxe Oberrabbiner Arie Folger (Wien), der nach den entstandenen Irritationen und einem Briefwechsel dazu zusammen mit dem Landesrabbiner Zsolt Balla den emeritierten Papst zu einem persönlichen Gespräch aufgesucht hatte, wünschte sich vor allem, dass die Kirche noch stärker „den dunklen Schatten der einstigen Substitutionstheorie“ bekämpft. Diese habe es nach Meinung von Benedikt XVI. zwar nie als offizielle Lehre der Kirche gegeben, wohl aber sei sie von Theologen über Jahrhunderte vertreten worden. Die Kirche, so wurde bei dem Treffen nochmals klargestellt, ersetzt nicht Israel und der von Christus gestiftete „neue Bund“ nicht den Alten Bund mit dem alttestamentlichen Gottesvolk. Auch eine Judenmission sei „nicht vorgesehen und nicht nötig, weil sie (die Juden) allein unter allen Völkern den ‚unbekannten Gott’ kannten. Für Israel galt und gilt daher nicht Mission, sondern Dialog“ (so Benedikt in seinem Aufsatz, vgl. HerKorr 12/2018, 14).

Als weiter klärungsbedürftig erwies sich vor allem die theologische Bewertung und religiöse Bedeutung der Gründung des modernen Staates Israel: Ist diese „Rückkehr ins Heilige Land“ eine „rein säkulare Angelegenheit“? Oder ist sie die Erfüllung der „Landverheißung“ Gottes aus der „Treue Gottes zum Volk Israel“ heraus? Der Infragestellung der Legitimität des jüdischen Staates und auch jüdischer Bräuche wie der rituellen Knabenbeschneidung müsse jedenfalls, so der Wunsch der jüdischen Partner, stärker entgegen getreten werden. Der emeritierte Papst und der für den Dialog mit dem Judentum zuständige Kurienkardinal Kurt Koch sicherten zu, dass die Kirche „der jüdischen Gemeinschaft noch mehr bei der Verteidigung ihrer Religionsfreiheit helfen“ werde (ebd.).

 

Die Frage nach der rituellen Knabenbeschneidung

Erstaunlicherweise wurde in der ganzen Diskussion um die Wiedereinführung des Festes der Beschneidung Jesu von den beteiligten Theologen mit keinem Wort thematisieren, dass dieser Ritus am „achten Tag“ zu erfolgen hat (Lev 12,3). Jan-Heiner Tück meinte dazu nur: „Durch die Vorverlegung der Zirkumzission ins Säuglingsalter unterscheidet sich Israel von den Völkern“ („Beschneidung des Herrn“, IKaZ 47 [2019] 216-230, hier 219).

In Wirklichkeit geht es beim „achten Tag“ (analog zu christlichen Taufe in achteckigen Taufbecken und Baptisterien) um den Überstieg über die zeitliche Sieben-Tage-Schöpfung auf die ewige Vollendung hin. Das Zeugungsglied des jüdischen Mannes wird beschnitten, weil Zeugung und Sexualität immer mit dem Tod zu tun haben. Israel aber soll an den Gott des Lebens glauben, der in der Auferstehung (am „achten Tag“) den Tod überwindet (vgl. die Deutung des Isaakopfers in Röm 4,19-21; Hebr 11,17-19).

Die Beschneidung am „achten Tag“, zuerst bei Isaak (Gen 21,4), stellt den Bund wieder her, den Gott schon mit Adam im Paradies und dann mit Noah, dem Zehnten nach Adam, nach der Sintflut geschlossen hat. Beide Bünde werden gebrochen, der eine durch das Essen vom Erkenntnisbaum (Gen 3), der andere durch das Aufdecken der Blöße des weintrunken im Zelt liegenden Noah durch den zweiten Sohn Ham, der daraufhin verflucht wird wie die Paradies-Schlange (Gen 9, 21-25; 3,14f).

Der Zehnte nach Noah ist dann Abraham, mit dem Gott einen neuen Versuch startet, der auch wieder misslingt. Zuletzt schließt Gott mit Mose, der 26. Generation nach Adam (JHWH = 10-5-6-5 = 26), am Sinai durch die Brautgabe der Thora den neuen Bund am „50. Tag“ (Pfingsten, griech. pentecoste). Die Zahl 50 (7 x 7 + 1) ist analog zur Zahl 8 (7 + 1) die Zahl des Überstiegs über die zeitliche Schöpfung im Zeichen der Mondzahl sieben (Joseph Ratzinger, Im Anfang schuf Gott, 1986, 27: „die Zahl einer Mondphase“). Der Mond oder Luna hat nicht nur die ‚Herrschaft über die Nacht’ (Gen 1,16), sondern dient auch „als Maß für die Zeiten“ (Ps 104,19). Das grundlegende Zeitmaß ist von den vier Lichtphasen des Mondzyklus her die Sieben-Tage-Woche, die mit dem heiligen (Schöpfungs-)Sabbat oder Samstag abschließt (Gen 2,1-3). Entsprechend ist der Sonn-tag der Auferstehung Jesu der „erste Tag“ der Woche, „als eben die Sonne aufging“ (Mk 16,2), aber zugleich auch der „achte Tag“, wie es im frühchristlichen Barnabasbrief (1./2. Jahrhundert, Kap. 15) heißt:

„Wenn Gott sagt: ‚Eure Neumonde und Sabbate ertrage ich nicht’ [Jes 1,13], meint er: Nicht die jetzt gefeierten Sabbate will ich, sondern allein den Sabbat, den ich selbst gemacht habe, den Sabbat, an dem ich selbst die ganze Weltgeschichte zur Ruhe bringen und den Anfang des achten Tages machen werde, das heißt: den Anfang einer anderen, neuen Welt. Deswegen begehen wir auch den achten Tag, den Sonntag, uns zur Freude als ersten Tag. Denn an diesem Tag ist Jesus auferstanden von den Toten und den Jüngerinnen und Jüngern erschienen und in den Himmel hinaufgestiegen.“

Die darin anklingende Abwertung des jüdischen Sabbat lässt auch an die ‚Substitutionstheorie’ denken, wie sie dann in gewisser Weise besonders Bischof Melito von Sardes in der ältesten erhaltenen Osterpredigt (160 n. Chr.) entwickelt, auch wenn man nach dem Urteil von Klaus Berger Melito mit dem Vorwurf des Antijudaismus „im großen und ganzen unrecht“ tut (Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, 2005, 1300). Die erst im 20. Jahrhundert gefundene Passah-Homilie (publiziert 1960) vergleicht „die jüdische Passahtradition umfassend typologisch mit der christlichen Ostertradition“ (ebd.).

 

Israel als zeitliches Modell der ewigen Erlösung

Melito feiert das christliche Ostern noch in Entsprechung zum jüdischen Osterfest in der ersten Vollmondnacht im Frühling am 14./15. Nisan (Ex 12,2.6). In dieser Nacht soll Israel das Blut des am 10. des Monats geholten und am 14. des Monats geschlachteten Lammes als Schutzzeichen an „die beiden Türpfosten und den Türsturz an den Häusern streichen, in denen man das Lamm essen will“ (V. 7). Nicht roh, sondern über dem Feuer gebraten soll man es noch in dieser Nacht essen, alles, was übrig bleibt, soll im Feuer verbrannt werden (V. 10). Das „Fest zur Ehre des Herrn“ (V. 14) erinnert daran, dass in dieser Nacht über das „Sklavenhaus Ägypten“ Gott sein Gericht gehalten hat, indem er „in Ägypten an den Häusern der Israeliten vorüberging, als er die Ägypter mit Unheil schlug, unsere Häuser aber verschonte“ (V. 27).

Diese in der christlichen Osternacht als Vorausbild für Tod und Auferstehung Jesu vorgetragene Erzählung empfinden viele Christen heute als anstößig und unverständlich. Deshalb ist es notwendig, bei Melito die Methode der typologischen Schriftauslegung (neu) zu lernen. Melito schreibt einleitend: „Die Worte des Geheimnisses, das somit verkündet worden ist [in der Erzählung vom Auszug aus Ägypten], will ich nun entschlüsseln. (…) Nun begreift also, ihr Lieben: Es geht um etwas, das zugleich neu und alt, ewig und zeitlich, vergänglich und unvergänglich, sterblich und unsterblich ist. Das Geheimnis des Passah [= Vorübergang des Herrn] war alt, denn es steht im Gesetz. Es ist neu, denn es betrifft Jesus, Gottes Wort. Es geschah in der Zeit, weil es ein Entwurf, ein Modell von etwas Künftigem war. Es ist ewig, denn dadurch schenkt Gott seine Gnade“ (1301).

Nach diesem Schema „zeitlich – ewig“ liefert das Alte Testament das vergängliche Modell für die ewige Erlösung durch den Messias, „der alles in sich umfasst“: „Weil er richtet, ist er Gesetz, weil er lehrt, ist er das Wort, und weil er rettet, ist er Gnade. Weil er hervorbringt, ist er Vater, weil er hervorgebracht wird, ist er Sohn; weil er leidet, ist er ein Schafbock, und weil er begraben wird, ist er ein Mensch. Doch weil er aufersteht, ist er Gott“ (1302) – Anspielung auf die dreitägige Osterfeier vom Karfreitag bis zum Ostersonntag.

Das Passahfest versteht Melito als „Mysterienfeier“, bei der „Israel zum Schutz versiegelt worden war“ (1303). „Das Siegel des lebendigen Gottes“ auf der Stirn der Erlösten ist in Ez 9,4.6 und Offb 7,7f das Taw, der letzte, im ersten christlichen Jahrhundert noch kreuzförmig geschriebene Buchstabe des hebräischen Alphabets in der Bedeutung von „Zeichen“ mit dem Zahlenwert 400. Wenn Israel „400 Jahre“ in Ägypten ist (Gen 15,13), dann ist „Ägypten“ Symbol für das Werden (und Leiden) in der zeitlich-vergänglichen Körperwelt der Materie (das Symbol für den Geist ist der erste Buchstaben Aleph = 1).

Mit dem Siegel des Taw-Kreuzes auf der Stirn (vgl. 2 Kor 1,22), dem Ort des ‚dritten Auges’, erfährt der so Versiegelte seine Verbindung mit der verborgenen Welt des Geistes und des Göttlichen, lebt er wieder im „Bund“ mit Gott. Dagegen werden die Ägypter (bzw. jede „Erstgeburt“) mit Pharao (als Sinnbild der Todesmacht) „zum Fraß des Todes“ (1304). Aber „der Tod des Lammes war für das Volk eine schützende Mauer. Das ist ein unerhörtes, unsägliches Geheimnis: Die Schlachtung des Lammes wurde zur Rettung für Israel.“ Für Melito kündigt sich darin Gottes Absicht an, denn die Ereignisse im Alten Testament und Alten Bund „sind ein Modell für das Zukünftige“ (1305).

Das Modell als Vorausbild oder zeitliches Abbild des Ewigen besteht dabei „aus Wachs oder Ton oder Holz“, also einem vergänglichen Baustoff (vgl. 1 Kor 3,12), das „dem Eigentlichen und Wahren“, der gemeinten Sache selbst, weichen muss: „Gottes Heilstat und das, was er wirklich ist, wurden im Volk Israel vorher abgebildet. Und die Lehren des Evangeliums wurden vom Gesetz vorher verkündet. Das Volk Israel war Modell und Entwurf. Das Gesetz war als Gleichnis aufgeschrieben. Das Evangelium legt das Gesetz aus und ist seine Erfüllung. Die Kirche ist die Herberge der Wahrheit. Das Modell ist wertvoll, solange die eigentliche Wirklichkeit nicht da ist. (…) Das Gesetz war großartig, bevor das Licht des Evangeliums aufstrahlte. Doch seitdem die Kirche entstanden ist, seitdem das Evangelium voransteht, ist das Modell bedeutungslos geworden. Es hat seine Bedeutung an die eigentliche Wirklichkeit abgegeben“ (1306f).

 

Das Neue Testament ersetzt nicht das Alte Testament

Hier wird das Verhältnis zwischen Altem und Neuem Bund als ‚Ersatz’ (Substitution) verstanden, was das Alte Testament und das Judentum überflüssig zu machen scheint: Die Kirche tritt an die Stelle Israels, das Evangelium an die Stelle des Gesetzes, der Erlöser Jesus an die Stelle des Erlösers Mose, das Wertvolle an die Stelle des wertlos Gewordenen: „Einst war das Blut des Lammes wertvoll, doch jetzt ist es wertlos, weil der Herr uns den Geist gesandt hat. (…) Einst war das irdische Jerusalem wertvoll, doch jetzt ist es wertlos, weil wir das himmlische Jerusalem haben“ (1307).

Diese Gegenüberstellung scheint sich auf den Hebräerbrief berufen zu können, der ebenfalls den Alten und den Neuen Bund als „Schatten“ und „Wahrheit“, irdisches „Abbild“ und „himmlische Wirklichkeit“ kontrastiert. Allerdings sagt er auch: „Wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt, sondern wir suchen die künftige“ (Hebr 13,14; vgl. 8,8,5f). Das heißt, das eschatologische Heil liegt auch für Christen in gewisser Weise noch in der Zukunft, auch wenn es schon im Geist antizipiert und vergegenwärtigt wird.

Das bedeutet, das die vier grundlegenden jüdischen Institutionen Thora, Sabbat, Tempel und Beschneidung im Christentum zwar als solche nicht einfach weitergeführt werden, sondern einer Transformation unterliegen im Sinn einer vergeistigten, verinnerlichten, universalisierten und verwandelten Konzentration auf das Bleibende. Doch daraus folgt weder eine rein spirituelle Auslegung des Alten Testaments, noch ein falscher Legalismus.

Wenn die göttliche Himmelsstimme auf dem Berg der Verklärung, wo sich zu Jesus auch Mose und Elija gesellen, befiehlt: „Auf ihn (Jesus) sollt ihr hören“ (Mk 9,7), dann sind Gesetz und Propheten nicht abgetan, sondern als bleibende „Zeugen“ für Jesus in Anspruch genommen. Das heißt, die neutestamentliche Verkündigung muss belegen und bewahrheiten, dass ihr Anspruch, die Erfüllung und Vollendung des Alten Testaments in der Perspektive der vom Geist ermöglichten Hoffnung zu sein, zu Recht und in Wahrheit besteht und keine willkürliche Behauptung ist.

 

Erbsünde als universale Erlösungsbedürftigkeit aller Menschen

Grundlegend für die universale Erlösungsbedürftigkeit der Menschheit ist die biblische Erzählung vom Sündenfall im Essen vom „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ im Gegenüber zum „Baum des (ewigen) Lebens“ in der Mitte des Paradiesgartens (Gen 2,9; 3,1-7). Melito versteht dies als „zweierlei Samen“, den der Mensch als „Acker“ aufnimmt. Weil er den falschen Samen aufnahm, „wurde er in diese Welt hinausgeworfen wie ein Verurteilter ins Gefängnis“. So hinterließ er „seinen Kindern als Erbe nicht Heiligkeit, sondern Sexgier, nicht Unsterblichkeit, sondern Sterblichkeit, nicht Ehre, sondern Schande, nicht Freiheit, sondern Sklaverei, nicht Königtum, sondern Tyrannis, nicht Leben, sondern Tod, nicht Heil, sondern Verderben“ (1308).

Damit ist im Grunde das schon formuliert, was mit Augustinus als Dogma von der „Erbsünde“ die Kehrseite der Lehre von der Erlösung der Menschheit von Sünde, Tod und Teufel im schändlichen Kreuzestod Jesu und seiner Auferstehung bilden wird. Melito malt die Folgen der Ursünde drastisch aus: „Ein Vater missbraucht seine Tochter, ein Sohn trieb Unzucht mit seiner Mutter, ein Bruder mit dem anderen, Männer mit Männern, ein jeder trieb es mit der Frau seines Nächsten. Über all das freute sich die Sünde. Bereitwillig besorgte sie dem Tod Quartier bei den Menschen. (…) Alle Menschen verfielen in ihrer Schwäche der Sünde, und seitdem ist jeder Leib dem Tod unterworfen“ (1309).

In der himmlischen Welt des Paradieses wäre der Mensch noch nicht gestorben, noch nicht im irdischen „Gefängnis“ des sterblichen Leibes, noch nicht „vertrieben aus dem Haus seines Leibes“ (ebd.). Paulus hofft daher, „ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel“ zu erhalten oder „mit dem himmlischen Haus überkleidet zu werden“ (2 Kor 5,1f). Denn: „Unsere Heimat aber ist im Himmel“ (Phil 3,20). Haus, Kleid und auch der Körper als „Tempel des Heiligen Geistes“ (1 Kor 6,19) sind Metaphern für den irdischen oder den himmlischen Zustand. Dieser ist abhängig von der Sünde als Trennung von Gott beziehungsweise von der Gnade als Wiederverbindung mit Gott.

 

Von Anfang an vorbereitete Erlösung

Um den Menschen mit sich wieder zu versöhnen und zu vereinen, wurde „das Erlösungsgeheimnis des Herrn … von langer Hand gestaltet“ und vorbereitet, angefangen bei Abel, der von seinem Bruder Kain erschlagen wird, über den zum Brandopfer gefesselten Isaak, den verkauften Josef von Ägypten, den im Binsenkörbchen ausgesetzten Mose und all die anderen leidenden Propheten mit dem Höhepunkt des leidenden Gottesknechts (Jes 53,7f). „Blicke auch auf das Lamm, das in Ägypten geschlachtet wurde, das die Ägypter schlug und durch sein Blut Israel rettete“ (1309f; vgl. 1311). „Durch den Heiligen Geist, der nicht sterben kann,  hat er den menschentötenden Tod getötet. (…) Er erlöste uns aus der Dienstbarkeit gegenüber der Welt wie aus dem Land Ägypten. Er befreite uns aus der Sklaverei des Teufels wie aus der Macht des Pharao“ (1311).

Ägypten wird so zum Sinnbild für die Welt (des Todes) und der Pharao zum Sinnbild des Teufels als „Herrscher dieser Welt“ (Joh 12,31). Wenn es vom toten Jesus am Kreuz heißt, dass die Soldaten „ihm die Beine nicht“ zerschlugen (Joh 19,33.36), so ist dies Anspielung auf das Paschalamm, dem die Israeliten „keine Knochen … zerbrechen“ sollen (Ex 12,46). Ebenso spielt der dem Gekreuzigten gereichte Ysopzweig mit Essig (Joh 19,29) auf des Paschafest an: „Dann nehmet einen Ysopzweig, taucht ihn in die Schüssel mit Blut, und streicht etwas von dem Blut in der Schüssel auf den Türsturz und auf die beiden Türpfosten!“ (Ex 12,22). Entsprechend stirbt Jesus im vierten Evangelium am Rüsttag zum Paschafest, das im Jahr 30 mit dem Sabbat (Samstag) zusammenfiel, in der „Stunde“ der Schlachtung der Paschalämmer im Tempel, also am Freitagnachmittag, dem 6. Tag (analog zum 6. Tag der Erschaffung des Menschen, und zwar am Nachmittag, denn am Vormittag des 6. Tages werden die Erd-Tiere erschaffen).

Melito beschuldigt Israel, es habe „den getötet, der dich lebendig gemacht hat“: „Du hast den Herrn getötet am großen Fest. … Du hast dem Herrn unerhörte Leiden zugefügt, deinem Herrn, der dich geschaffen, geformt und geehrte und dir den Namen ‚Israel’ gegeben hat, das heißt: ‚der Gott sieht’. … Du hast den Herrn nicht erkannt, du Israel hast nicht gewusst, dass dieser der erstgeborene Sohn Gottes ist, der vor der Morgenröte geboren ist und selbst das Licht geschaffen hat; der den Tag leuchten ließ und die Finsternis vom Licht schied …“ (1312f).

Die ganze biblische Heilsgeschichte wird in diesem Tenor durchgegangen, wie schon Paulus erklärt, dass Israels Geschichte „uns als warnendes Beispiel“ aufgeschrieben wurde: Der in der Wüste mit Israel mitziehende Felsen mit dem geistgeschenkten Trank „war Christus“ (1 Kor 10,4-7; vgl. 1314). Warnung und Beispiel heißt aber: Nicht die Juden sind in Gefahr, sondern die Christen, die nicht verstehen, dass sie selbst diejenigen sind, die den Herrn verraten, verkaufen und verurteilen, wenn sie sündigen oder in der Sünde verharren.

Dies stellen die Lieder der vorösterlichen Bußzeit und des Karfreitags immer wieder heraus: „Was ist wohl die Ursach solcher Plagen?/ Ach, meine Sünden haben dich geschlagen./ Ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet,/ was du erduldet“ (Gotteslob 290.3). Oder: „O Mensch bewein dein Sünde groß/ derhalb Christus seins Vaters Schoß/ verließ und kam auf Erden“ (GL 267). Nicht nur wegen der Sünde Israels erscheint der Erlöser, sondern wegen der Sünde jedes einzelnen Menschen vom Anfang bis zum Ende der Weltgeschichte.

 

Der Erlöser der Welt ist auch der Schöpfer der Welt

Melito geht es allerdings um den Kreuzestod Jesu, des Schöpfers der Welt, in aller (Welt-) Öffentlichkeit: „Der ungerechte Mord an dem Gerechten geschah mitten auf der Straße, mitten in der Stadt, am helllichten Tag, als alle zuschauten. (…) Der die Erde aufgehängt hat, wurde aufgehängt. Der die Himmel angenagelt hat, wurde angenagelt. Der die himmlische Welt befestigte, wurde am Kreuz befestigt. Der Herr wurde geschmäht. Gott wurde ermordet. Der König Israels wurde hingerichtet durch Israels Hand. (…) Die Gestirne wandten sich ab von ihrer Bahn, und der Tag verfinsterte sich, um den zu verbergen, der nackt am Kreuz hing“ (1316).

Die Lust am ins Extrem gesteigerten Paradox führt hier mehr die Feder als die Absicht, Israel zum ‚Gottesmörder’ zu stilisieren. Nicht weniger als der Schöpfer oder das fleischgewordene Schöpferwort selbst stirbt am Kreuz, das, wenn alles „vollbracht“ ist (Joh 19,30), auch das Schöpfungswerk vollendet hat, nämlich befreit von Sünde und Tod zur vollkommenen Liebe im Gehorsam des Glaubens „zur Ehre Gottes, des Vaters“ (Phil 2,8.11). Melitos Predigt über das Passahlamm endet deshalb mit einem Aufruf, sich von Christus (durch seinen Heiligen Geist) alle Sünden vergeben zu lassen:

„’Ich’, sagt Christus, ‚habe den Tod vernichtet und über den Feind triumphiert. Ich habe das Totenreich niedergetreten. Ich habe den Starken [= Satan] gebunden [vgl. Mt 12,29] und den Menschen hinweggerissen in die Höhen des Himmels. Ich, der Christus. Kommt also, all ihr Stämme der Menschen, die ihr mit Sünden zu einem Teig verknetet seid! Lasst euch die Sünden vergeben. Denn ich bin eure Vergebung. Ich bin das rettende Passahlamm. Ich bin das Lamm, das für euch geschlachtet wurde. Ich bin euer Lösegeld, ich bin euer Leben, ich bin eure Auferstehung, ich bin euer Licht, ich bin eure Rettung, ich bin euer König’“ (1317f). Das Johannesevangelium überträgt das „Ich bin“ des Gottesnamens JHWH (vgl. Ex 3,14) auf Jesus in den sieben Ich-Bin-Bildworten (zum Beispiel: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“, Joh 11,25), aber auch den absolut gebrauchten Ich-Bin-Aussagen (Joh 8,28.58; 17,24, 18,5.8). Jesus ist hier ausdrücklich der Offenbarer des „Namens“ Gottes (Joh 17,6.26).

Das Königtum Gottes, das Israel durch den Glauben an die befreiende Rettung aus dem „Sklavenhaus“ Ägypten bekennt und angenommen hat (Ex 20,2), wird neutestamentlich vom gekreuzigten Messiaskönig ausgesagt, über dem in allen drei Weltsprachen als Angabe seines „Vergehens“ das Schild prangt: „Jesus von Nazareth, der König der Juden“ (Joh 19,19). Melito: „Er ist das A und das O, er ist Anfang und Ende, der unaussprechliche Anfang und das unbegreifliche Ende“ (1318; vgl. Offb 1,17; 2,8; 22,13).

Aleph und Taw-Kreuz, die göttliche Eins und die materielle Vier (bzw. 400) der Welt sind im viergliedrigen Kreuz mit der einen Mitte wieder verbunden zum heilbringenden Bund Gottes. Dies zeigt die Osterkerze mit der Aufschrift Alpha und Omega und den fünf roten Wachsstiften für die fünf verklärten Wundmale des auferstandenen Gekreuzigten im Bundes-Verhältnis 1 (Herzwunde) zu 4 (Male an Händen und Füßen; vgl. Joh 29,25-29). Die Osterkerze wiederum hat ihr Vorausbild in der nächtlichen Feuersäule als Symbol der Gegenwart Gottes, die zusammen mit der Wolkensäule am Tag Israel den Weg aus Ägypten in die Freiheit weist (Ex 13,21f).

 

Der Bundesschluss am Kreuz im Blut des neuen Osterlammes

Allerdings ist diese mit Gott errungene Freiheit immer auch gefährdet, wie die Anbetung des „goldenen Kalbs“ (= irdisches Fruchtbarkeitssymbol) zeigt, wodurch Israel den „nie gekündigten Bund“ bricht (Ex 31,18 – 33,6). Weil letztlich für den Schöpfer der im Sündenfall gebrochene erste universale Paradies-Bund mit der Menschheit der grundlegendere ist, wird zuletzt im „kostbaren Blut“ des makellosen Osterlammes und neuen Adam am Kreuz (1 Petr 1,19f; Mt 26,28) der entscheidende Bund des Heils geschlossen. Dieser neue und ewige Bund ist als solcher unverbrüchlich, weil mit der Auferstehung Jesu am „achten Tag“ die Einheit von Gottheit und Menschheit nicht mehr durch die Sünde des Menschen zerstört werden kann: „Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. (…) Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,17.30).

Wegen der Auferstehung Jesu am „achten Tag“, der schon immer der Tag der kommenden Welt ist, bezeichneten die Kirchenväter die Taufe als „Mysterium der Achtzahl“. Sowohl die Sintflut mit der Rettung der Acht in der Arche (vgl. 1 Petr 3,20f; 2 Petr 2,4f), als auch die Beschneidung am „achten Tag“ (und der Sinai-Bund am „50. Tag“) sind Vorausbilder der Taufe, die das Zeichen des neuen und ewigen Bundes ist, der schon in all den anderen Bundesschlüssen präfiguriert und angezielt war.

Die Kirchenväter sahen in der rituellen „Beschneidung des Herrn“ auch ein Vorausbild seines Selbstopfers am Kreuz als endgültigem Bundesschluss und Bundeszeichen. Die Offenbarungskonstitution des II. Vatikanums „Dei Verbum“ formuliert: „Daher ist die christliche Heilsordnung, nämlich der neue und endgültige Bund, unüberholbar, und es ist keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus in Herrlichkeit (vgl. 1 Tim 6,14 und Tit 2,13)“ (DV 4).

Auch der Bundesschluss Gottes mit Israel hatte schon universalen Charakter, weil das Zwölf-Stämme-Volk stellvertretend für die ganze Schöpfung und Menschheit steht (die Zwölf ist ja die Zahl der zwölf Tierkreiszeichen als Repräsentanten der Schöpfung mit dem Frühlingszeichen Widder/Lamm als Anfang, vgl. Gen 37,9; Ex 12,2). Deshalb darf auch die Rückbesinnung auf das Judesein Jesu nicht dazu führen, die universale Bedeutung Israels zu unterschlagen. Gott wird nicht in Jesus „als Jude Mensch“ (Christoph Dohmen), sondern der Logos, der als das fleischgewordene Schöpferwort Gottes „jeden Menschen erleuchtet“ (Joh 1,9), nimmt das im Sündenfall sterblich gewordene „Fleisch“ der Menschennatur an (Joh 1,14; 1 Kor 15,42-50), um diese durch seine Passion und seine Auferstehung verwandelt zu ihrer ursprünglichen Höhe bei Gott zurückzuführen: „Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen“ (Joh 12,32).

 

Knabenbeschneidung um der (Selbst-)Vervollkommnung willen

Im Judentum wird das im letzten Augenblick verhinderte Isaakopfer als gleichwohl dargebrachtes „Ganzbrandopfer“ gesehen, dessen erste Form die Isaakbeschneidung ist. Das Landgerichts Köln wertete die Knabenbeschneidung im Urteil vom 7. Mai 2012 als „einfache Körperverletzung“ und damit als Straftat, was sie verboten hätte. Nach heftigen Debatten hat dies der Bundestag durch ein neues Gesetz zur Erlaubtheit der Beschneidung „nach den Regeln der ärztlichen Kunst“ abwenden können (vgl. BGB § 1631d).

Wenig bekannt ist, dass auch nach einem rabbinischen Narrativ schon Abraham mit Gott darüber streitet, ob die Beschneidung nicht eine Verletzung seiner körperlichen Unversehrtheit sei, worauf der Judaist Gabriel Strenger hingewiesen hat: „Heute bin ich doch schon tamim (also körperlich unversehrt), wenn ich mich aber beschneiden lasse, macht mich das mangelhaft!“ (Tanchuma Lech-Lecha 16). Strenger zufolge trifft die Debatte über die Beschneidung „das Herz der biblisch-jüdischen Weltanschauung“ („Jüdische Spiritualität“, 2016, 54). Die entscheidende Frage dabei ist, was die Vollkommenheit, Ganzheit, Fehlerlosigkeit oder Makellosigkeit (Gen 17,1: tamim) genau bedeutet, die Gott von Abraham verlangt und die mit der Beschneidung realisiert wird, und zwar ausgerechnet an dem Organ, wo der sexuelle Trieb (hebr. jezer) am stärksten ist.

Im talmudischen Schrifttum der rabbinischen Auslegung der Sündenfallgeschichte (Gen 3) wird das Böse im Menschen auf den „bösen Trieb“ (jezer ha-ra‘) zurückgeführt. Resch Laqisch, „ein in Tiberias wirkender Weiser des 3. nachchristlichen Jahrhunderts“, sagt im Babylonischen Talmud (Baba Batra 16a): „Der Satan, der böse Trieb und der Todesengel sind identisch“ (Gabriella Oberhänsli-Widmer, „Bilder vom Bösen im Judentum“, 2013, 155). Im rabbinischen Genesis-Kommentar Bereschit Rabba (22,6) wird der böse Trieb als Gast beschrieben, „der sich zuletzt zum Hausherrn aufschwingt – ein auch im Talmud wiederholter Vergleich (Sukka 52b). Freuds Es und der böse Trieb rabbinischer Provenienz kommen sich hier einmal mehr sehr nahe“ (147).

Das heißt, die Bescheidung soll die Freiheit und Selbstbeherrschung des Menschen oder die im Sündenfall verlorene Ur-Heiligkeit und Ur-Gerechtigkeit als Leben in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes wiederherstellen, was ja auch von der christlichen Taufe als Befreiung von der „Erbsünde“ gilt. Die Getauften, die einmal „von den Begierden unseres Fleisches beherrscht wurden“ (Eph 2,3), sind ja in der Taufe neu bekleidet worden mit Christus oder dem neuen Menschen, „der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph 4,24).

 

Die Bestimmung zur „göttlich freien Menschennatur“

Der Gründer der Neo-Orthodoxie in Deutschland, der Frankfurter Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888), kommentiert Levitikus 12,3 („Am achten Tag soll man die Vorhaut des Kindes beschneiden“) so: Der siebentägige Weltzyklus bedeutet „den vollendeten Ablauf eines zu überwindenden Zustandes“, nämlich der „Hinaustritt aus dem geschöpflich-unfreien (sechs) in das im Bunde mit Gott zu gewinnende menschlich freie Dasein (sieben)“; der achte Tag als „Wiederholung des ersten Tages auf erhöhter Stufe …, gleichsam die jüdische Oktave des ersten Tages der physischen Geburt“, entspricht der Bestimmung zur „göttlich freien Menschennatur“.

Und im Kommentar zu Levitikus 9,1 („Am achten Tag rief Mose Aaron, seine Söhne und die Ältesten Israels zusammen“) führt Hirsch aus, dass mit dem 8. Tag die „zum Priesterdienst Bestimmten in den neuen, erhöhten Charakter einer Gott und der Nation hörigen Lebensweihe“ eintreten (das heißt in das gemeinsame heilige Priestertum). Im Hinblick auf den Beschneidungsbund Abrahams (Gen 17) schließlich erklärt Hirsch, es gehe im Bund mit Gott nicht nur darum, dass die Sinne und Triebe – und „selbst der mächtigste Trieb“ (der Sexualtrieb) – „der freien Beherrschung der menschlichen Willenskraft unterstehen“, also darum, „human“ zu sein, sondern „immer und in allen Beziehungen soll der jüdische Mensch göttlich, und eben darin erst wahrhaft vollendet ‚menschlich‘ sein. Auf diesen Entschluss der sich Gott frei unterordnenden Tat hat Gott das ganze Gebäude [der Welt] errichtet, dessen Resultat das jüdische [Priester-]Volk, das Haus Abrahams ist“ (Der Pentateuch. Kommentar in fünf Bänden, 1911 [5. Aufl.], Bd. III: Leviticus, 247 und 183; Bd. I. Genesis, 279).

Oberrabbiner Arie Folger, der mit Benedikt XVI. im August/September 2018 in einen Briefwechsel über dessen Aufsatz zum Traktat „De Judaeis“ getreten war (vgl. Communio 2018, 611-617), hat genau ein Jahr nach dem Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts (2012) bei der Tagung „Knabenbeschneidung – wozu?“ in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Hohenheim über die Beschneidung als „Vervollkommnung des Menschen“ referiert und sich dabei auf Samson Raphael Hirsch bezogen. Mit der Beschneidung werde, so Folger, die Aufforderung Gottes an Abraham erfüllt, „ganz“, „vollkommen“ oder „makellos“ zu sein (Gen 17,1), was die Befähigung zum Kult bedeutet. So habe etwa der bedeutende Rabbi Akiba (2. Jh.) auf die Frage, warum das männliche Kind nicht gleich beschnitten auf die Welt kommt, mit dem Hinweis geantwortet, dass Gott „die Gebote den Israeliten nur darum gab, damit sie sich vervollkommnen“.

Gott erschafft somit den Menschen absichtlich unvollkommen in der Situation einer noch unentschiedenen Freiheit (zwischen Gut und Böse, Leben und Tod, vgl. Dtn 30,19f), um ihm so zu ermöglichen, selbst entscheidend zu seiner Vervollkommnung oder „Veredlung“ seiner Natur beizutragen, um „Gottes Herrlichkeit aufnehmen zu können“, wie Folger anmerkte. Die Knabenbeschneidung geschehe dabei „ausgerechnet dort, wo der Körper unsere stärksten Triebe produziert“. Es gelte nämlich aus jüdischer Sicht, sich von den „drei Kapitalsünden“ Götzendienst, Mord und sexuelle Unzucht und damit vom „Tod“ abzuwenden (vgl. Offb 22,14). Auf die Unzucht beziehe sich mehr das Zeichen der körperlichen Beschneidung, auf den Götzendienst mehr die Herzensbeschneidung. Physische und spirituelle Beschneidung würden deshalb im Judentum nicht als alternative Gegensätze verstanden. Zudem könne ein tieferes Verständnis nicht bloß intellektuell vermittelt werden.

 

Innere Herzensbeschneidung versus äußere Beschneidung?

Paulus hat die äußere Beschneidung durch die innere Herzensbeschneidung beziehungsweise die Taufe ersetzt: „Denn es kommt nicht darauf an, ob einer (äußerlich) beschnitten oder unbeschnitten ist, sondern darauf, dass er eine neue Schöpfung ist“ (Gal 6,15; 2 Kor 5,17). In Christus „habt ihr eine Beschneidung empfangen, die man nicht mit Händen vornimmt, nämlich die Beschneidung, die Christus gegeben hat“ (Kol 2,11). Allerdings wird auch bei der Taufe und den anderen sakramentalen Handlungen der Kirche nicht auf das äußere Zeichen verzichtet, weshalb der Gegensatz in gewisser Weise nur ein relativer sein kann.

Dabei tritt die Erlösung der Welt, die mit dem Kommen des Messias als „König des achten Tages“ (F. Weinreb) und seiner Auferstehung von den Toten untrennbar verbunden ist, nicht äußerlich sichtbar in Erscheinung, wie es von jüdischer Seite erwartet und gefordert wird, sondern in Gestalt der vom Geist getragenen Hoffnung, die um das „noch nicht“ weiß (Röm 8,24f).  Allein in der Gabe der Geistfülle von oben am „50. Tag“, wodurch die Kirche aus Juden und Heiden gegründet und die „Feindschaft“ zwischen den beiden Seiten durch den am Kreuz gestifteten (inneren) „Frieden“ aufgehoben wird (Eph 2,15f), ist sie auch schon sakramental-sichtbar.

Das entscheidende sichtbare Zeichen dafür, dass Jesus tatsächlich der vom jüdischen Volk erwartete Messias ist, „das Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel“ (Lk 2,32), ist letztlich vor allem das Bundeszeichen der Eucharistie, wo die Schöpfungsgaben Brot und Wein durch die Herabkunft des Geistes für den Glauben in die österliche Wirklichkeit des verklären Christus verwandelt werden. Denn mit der Feier der heiligen Eucharistie als dem vom Schöpfer erwarteten Kult der großen Danksagung, wofür die heilige Taufe befähigt, wird die geisterfüllte Kirche als „Leib Christi“ und heiliger „Tempel im Herrn“ (Eph 2,21f) erbaut sowie als heiliges Priestervolk (1 Petr 2,5-10) konstituiert.

 

Die jungfräuliche Gottesmutter Maria als „greifbares“ Zeichen des Bundes

Im Zentrum der Johannes-Apokalypse, der sich am stärksten auf die Prophetie des Alten Testaments zurück beziehenden neutestamentlichen Schrift, steht ebenfalls die Eucharistie als „Hochzeitsmahl des Lammes“ (Offb 19,9), aber auch die sichtbare „Bundeslade“ als Zentrum des Allerheiligsten des „Tempels Gottes im Himmel“ (Offb 11,19), die christlich zum Tabernakel wird und zu einem Symbol Marias, der jungfräulichen Gottesmutter als der „Wohnung Gottes unter den Menschen (Offb 21,3) und des neuen Tempels des Geistes.

Unmittelbar danach erscheint vor den Augen des Sehers von Patmos ein „großes Zeichen am Himmel“, nämlich die apokalyptische schwangere Frau, das heißt das neutestamentliche Gottesvolk oder Maria-Ekklesia als neue Eva, die auf dem Mond steht, bekleidet mit den Strahlen der Sonne und bekränzt mit den zwölf Sternen des Tierkreises (Offb 12,1) und von der „alten Schlange“ des Paradieses bedrängt wird (Offb 12,3.9). Die ‚Natur’ oder die lunare Sieben-Tage-Schöpfung ist in diesem Bild schon auf die Vollendung der Schöpfung hin überschritten, wie sie dann als neues Jerusalem und ‚Braut des Lammes’ vom Himmel her in Erscheinung tritt (Ofb 21,9 – 22,5).

In dieser himmlischen Stadt „aus reinem Gold, wie aus reinem Glas“ (Offb 21,18), auf deren zwölf Tore „die Namen der zwölf Stämme der Söhne Israels“ stehen (Offb V.12) und auf deren zwölf Grundsteinen „die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes“ (V.14), wird die erlöste Schöpfung schon jetzt mehr transparent als beim Zwölf-Stämme-Volk Israel, beim Bundeszeichen des (Schöpfungs-)Sabbats, der Thora (als Schöpfungsweisheit) und des (zerstörten) Jerusalemer Tempels (als Abbreviatur des Kosmos). Auf diese heilige Gottesstadt hin ist die Kirche bleibend unterwegs, die aber in Maria (und den Heiligen) doch auch schon Gegenwart geworden ist. So schreibt Kardinal Walter Kasper in seinem Buch „Maria – Zeichen der Hoffnung“ (2018, 65): 

„Maria steht für das Ganze des biblischen Zeugnisses: den Bund mit dem Volk Israel, mit dem Volk des Neuen Bundes, das heißt der Kirche, und mit der gesamten Menschheit. Maria steht nicht am Rand, sondern im Zentrum der Bibel. Und dieses grundlegende Zeugnis ist in gewisser Weise verborgen. Wer die Bibel oberflächlich und distanziert liest, wird es nicht entdecken. Oft versteht das Herz die Dinge besser als der Kopf. Daher braucht es die geistliche Betrachtung, um Maria von Grund auf zu verstehen.“

Und gegen Ende seiner Betrachtung zu Maria schreibt der Vorgänger von Kardinal Koch als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen: „Die unbefleckte und vor jeder Sünde bewahrte Maria ist das Zeichen dafür, dass der Plan, den Gott mit seiner Schöpfung hatte, nicht gänzlich gescheitert ist. Der Bund mit Gott ist nicht völlig fehlgeschlagen. In Maria ist die Absicht Gottes unversehrt geblieben. In ihrer Person ist auch der göttliche Plan im Hinblick auf die Kirche als die Braut ‚ohne Flecken und Falten’ (Eph 5,27) wahr geworden. So gibt uns Maria die Gewissheit, dass der Bund mit Israel und der gesamten Menschheit nicht gescheitert und dass die Kirche, die wir im Credo als heilig bekennen, nicht nur ein fernes Ideal ist, sondern zumindest in Maria wirklich existiert. In Maria können wir Gottes ursprünglichen Plan für seine Geschöpfe und den ursprünglichen Entwurf der Kirche erkennen. In der Erwählung Marias wird das eschatologische Ziel des Bundes Gottes auf konkrete und persönliche Weise greifbar“ (74).

Dass mit der Liturgiereform vor fünfzig Jahren an die Stelle des Festes „Beschneidung des Herrn“ das umfassendere „Hochfest der Gottesmutter Maria“ getreten ist, kann insofern durchaus als wegweisende und zukunftsträchtige Entscheidung verstanden werden.

Klaus W. Hälbig

 

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