Maria 2.0: Der Aufstand der Frauen

Bild: Maria im Kreis der Zwölf Apostel – erhöht im Zentrum stehend – empfängt mit ihnen am 50. Tag nach Ostern die Liebesgaben (Charismen) des Heiligen Schöpfergeistes vom Himmel (in Gestalt der Taube), tritt aber danach in der Apostelgeschichte nicht wie Petrus und Paulus in der amtlichen Verkündigung der Erlösung der Welt in Erscheinung – frühchristliche Miniatur aus dem Handschriftenmuseum in Jerewan (Armenien).

 

Die im 17. Jahrhundert entstandene Formel „ecclesia semper reformanda“ (die Kirche ist beständig zu reformieren) gilt als Urformel der Reformation. Die Aktionswoche „Maria 2.0“ vom 11. bis 18. Mai 2019 in Deutschland mit Frauenboykott und Forderungen nach altbekannten Kirchenreformen wurde mit dem Anschlag eines offenen Briefes an Papst Franziskus an Kirchentüren (in Münster) eröffnet – analog zum „Thesenanschlag“ Luthers.

Offensichtlich wollte und will die auch nach der „Streikwoche“ weitergehende Protestaktion die Reformation in der katholischen Kirche nachholen, wobei der Missbrauchsskandal in der Kirche, von dem Familien, (Sport-)Vereine und nicht zuletzt auch die evangelische Kirche nicht minder betroffen sind, lediglich als willkommenes Instrument für die Durchsetzung der seit mindestens vier Jahrzehnten verfolgten kirchenpolitischen Ziele diente. Denn alle gestellten Forderungen wie Aufhebung des Priesterzölibats, Zulassung von Frauen zur Priesterweihe (bzw. Ordination) und Ausrichtung der kirchlichen Sexualmoral „an der Lebenswirklichkeit der Menschen“ sind in den protestantischen Kirchen längst verwirklicht, ohne dass diese deshalb besser dastünden.

 

Instrumentalisierung von Maria und Jesus

Es überraschte daher nicht, dass die evangelische Theologin und frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann den Kirchenstreik der Protestbewegung begrüßte und den „Schwestern“ Respekt zollte: „Das wurde auch Zeit“ (Bild am Sonntag). Frauen müssten „endlich öffentlich die Kirche repräsentieren“. „Wenn uns angeblich die Hälfte des Himmels gehört, können wir das auf Erden ja schon mal einüben.“ Und weiter: „Den Entscheidungen der Männer über Jungfräulichkeit, Ehe, Verhütung und Abtreibung müssten sie (die Frauen) sich beugen. Wie kann das sein?“ Das „revolutionäre Lied“ Marias, das Magnifikat, sage da etwas anderes: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen“ (vgl. Lk 1,52). „Maria 2.0“ steht nicht für die Maria des Evangeliums (= „Maria 1.0“), sondern für eine feministisch zubereitete Maria, für die der Vers Lk 1,48 ausgeblendet wird: „Denn auf die Niedrigkeit (lat. humilitas, vgl. Humus) seiner Magd hat er (Gott) geschaut.“

Die Tugend der Demut steht bei den protestantisierenden Frauen, die ihre kirchlichen Ehrenämter eine Woche lang ruhen ließen und die sonntägliche Eucharistiefeier gleich mit boykottierten, nicht eben hoch im Kurs: „Maria wurde von den Männern der katholischen Kirche auf einen Sockel gestellt, sie ist demütig, sie schweigt, sie ist gehorsam, überspitzt formuliert, sagt sie zu allem Ja und Amen. (…) Für uns ist Maria eine starke Frau, die sich bewusst auf etwas eingelassen hat, was zu ihrer Zeit hieß, das eigene Leben zu riskieren, nämlich ohne Mann schwanger zu werden und ein Kind zu bekommen. Dazu Ja zu sagen erfordert Mut, nicht nur Demut“, so Andrea Voß-Frick, einer der Mitinitiatorinnen der Aktion. Außerdem sei Maria „die Lehrerin und Mutter“ ihres Sohnes gewesen – „und was ist da für ein Mensch daraus hervorgegangen?“ (Interview in der FAZ vom 19. Mai 2019 „Wir ertragen es nicht mehr“).

Dass Maria Gottesmutter und ihr Sohn der Sohn Gottes ist, der keinen menschlichen Lehrer braucht, sondern von seinem Vater im Himmel und durch den Geist Gottes seine Gotteslehre empfängt (Mt 7,29; 15,9; Mk 3,33-35; Lk 2,46-50; Joh 6,45f; 8,28; 12,49; 14,26), wird hier schlicht unterschlagen. Und sie empfängt ihn nicht aus eigener Kraft, sondern in der Kraft des sie „überschattenden“ Heiligen Geistes (Lk 1,35), der ihr das (jungfräuliche) Empfangen-Können des ewigen Wortes schenkt.Kardinal Walter Kasper sagt es so: „Ihr Fiat [Mir geschehe, wie du gesagt hast] war kein autonomer Akt, sondern ein Akt des Glaubens, ein Geschenk Gottes. Nur weil Maria von der Gnade getragen und durchdrungen war, war sie imstande, sich ganz und gar für Gott zu öffnen und ihre Aufgabe völlig zu akzeptieren“ (Maria – Zeichen der Hoffnung, 2018, 73).

Dieses vollkommene Sich-Öffnen für den Geist und die Gnade verlangt aber vor allem die Demut des wahren Glaubens: den Humus als „guten Boden“, der reiche Furcht bringt (Mk 4,8.20). In den Augen der nach Autonomie, Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung strebenden Welt ist demütig und gehorsam zu sein „Dummheit und Unfähigkeit, sich zu verteidigen und sich durchzusetzen. Das ist der deutlichste Beweis dafür, wie weit wir vom Evangelium entfernt sind. Maria bringt es im Magnifikat auf den Punkt: ‚Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind’ (Lk 1,51). Zu allen Zeiten hat die spirituelle Tradition die Demut als Grundlage und Kern der Lehre Christi betrachtet, der selbst demütig war“ (ebd. 38).

 

„Ohne Veränderungen werden wir der Amtskirche den Rücken kehren“

Auch bei der Schlussveranstaltung am Sonntag (19. Mai) vor dem Frankfurter Kaiserdom St. Bartholomäus stimmten die revolutionär gestimmten Frauen freudig das Magnifikat an. Eine der Initiatorinnen der Aktionswoche rief unter dem Applaus der Passanten ins Megaphon: „Wir werden nicht länger schweigen! Jetzt ist die Stunde, Gleichberechtigung und gleiche Würde für Frauen in der katholischen Kirche weltweit zu erkämpfen.“ Zuvor hatte die Bundesvorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) zu der Protestwelle, die auch nach Übersee und Australien überschwappte, betont, dass sie „keine Eintagsfliege“ sei: „Wenn wir nicht bald sichtbare und spürbare Veränderungen haben, läuft die Amtskirche Gefahr, dass die Frauen ihr scharenweise den Rücken kehren.“

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz hat die Protest-Frauen, die sich nur als Zu-kurz-Gekommene wahrnehmen, an die belebende Kraft der starken Frauen in der Kirchengeschichte erinnert: „Wenn es heute um die tiefere Mitsprache der Frau in allen Belangen des Menschlichen geht, dann muss man sich zuerst der Vor-Denkerinnen versichern, deren späte Frucht wir sind: der namenlosen wie der berühmten Christinnen. (…) Nur mit dem Selbstbewusstsein einer 2000-jährigen bedeutenden Vergangenheit lässt sich Geschichte gestalten, auch auf das neue Gegenufer des Unerprobten zu.“

Zugleich wies die Religionsphilosophin auf die Rolle des Christentums bei der Verteidigung der Würde der Frauen hin: „Nach wie vor werden weltweit Frauen unterdrückt: Mitgiftmorde, Ehrenmorde an Frauen, Witwenverbrennungen, Mädchenabtreibung, Mädchentötung, Mädchenbeschneidung, Kinderheiraten, Polygamie, Haremskulturen, heute kommt dazu: Druck zur Abtreibung, Leihmutterschaft auf Bezahlung. Es gäbe viele Anlässe für katholische Frauenverbände, sich dagegen laut aufzulehnen. (Die streikenden Frauen kleben sich den Mund zu – merken sie nicht, was für ein doppeldeutiges Symbol das ist?). Die Fakten der Frauenverachtung sprechen eine interreligiöse und interkulturelle Sprache. Es ist wesentlich das Christentum, das diese Gewohnheiten angreift und überhaupt die weibliche Würde gegen religiös unterbaute Herabwürdigung verteidigt“ (Maria 3.0, in: Die Tagespost, 23. Mai 2019, 17).

 

Eucharistieboykott in weißen Kleidern und Tüchern

Der Kirchenboykott bedeutete das Fernbleiben von jeder kirchlichen Eucharistiefeier: „Wir bleiben draußen! Wir feiern die Gottesdienste auf den Kirchplätzen, vor den Kirchentüren. Wir tanzen, singen, beten, finden neue Worte und neue Ausdrucksformen! (…) Wir bringen weiße Betttücher mit. Wir bedecken die Plätze mit dem Weiß der Unschuld, mit dem Weiß der Trauer und des Mitgefühls. Die weißen Tücher können beschrieben, bemalt, besudelt werden“ (offener Brief).

Weiß ist die Farbe der Priesteralbe und der Vollendung des Menschen jenseits des siebenfarbigen Spektrums des Lichts, also anlog zum „achten Tag“ jenseits der Sieben-Tage-Schöpfung. Deshalb tragen die Erstkommunionkinder in der Oktav von Ostern weiße Kleider. In der Johannes-Apokalypse heißt es von den durch die erste Christenverfolgung getöteten Märtyrern: „Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht“ (Offb 7,14). Und von den mit dem „Siegel“ des Taw-Kreuzes Gezeichneten heißt es: „Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen. Sie riefen mit lauter Stimme: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm“ (Offb 7,10).

Dass die in weiß gekleideten Frauen aus einer „großen Bedrängnis“ kommen und auf die Rettung durch das geschlachtete Osterlamm vertrauen, wird man nicht sagen können. Ihre Motivation ist das Gefühl der Benachteiligung und ungerechtfertigten Zurücksetzung bei der Besetzung der kirchlichen Ämter, ein Gefühl der Ungerechtigkeit angesichts der von der Kirche propagierten Gleichberechtigung von Mann und Frau, das heißt der „Diskriminierung“ der Frauen durch die Männer der Kirche.

Diskriminierend ist auch, Geschiedene nicht wieder sakramental heiraten zu lassen, in der evangelischen Kirche homosexuellen Paaren nur eine „Segnung“ und keine „Trauung“ zu ermöglichen, beim Weltgericht die „rechte Seite“ gegenüber der „linken Seite“ zu bevorzugen (Mt 25,33), wenn „Jahwe zwischen Ägypten und Israel einen Unterschied macht“ (Ex 11,7) oder wenn nach Paulus Christen „besonders denen, die mit uns im Glauben verbunden sind“, Gutes tun (Gal 6,10; auch mit den „geringsten Brüdern“ Jesu sind Christen gemeint, nicht etwa alle Armen dieser Welt). Diskriminieren heißt wörtlich ‚trennen’ und ‚unterscheiden’.

 

Die Unterscheidung zwischen Amt und Charisma

Jesu Berufung aller in seine Kreuzesnachfolge zur vollkommenen Verwirklichung der Gottes- und Nächstenliebe hat mit der Berufung zum Priesteramt nichts zu tun. Zwar muss Petrus, der Jesus aus Angst um sein Leben dreimal verleugnet hat, dreimal seine übergroße Liebe zu ihm bekunden, bevor er den Auftrag erhält, als „guter Hirte“ die Schafe Jesu zu weiden, das heißt in den „Schafstall“ der Kirche zu führen (Joh 21,15-17). Aber diese Liebe allein ist nicht der Grund dafür, dass Jesus ihn zum „Pastor“ der Gläubigen bestellt und als Auferstandener den männlichen Aposteln insgesamt durch Anhauchung des österlichen Heiligen Geistes des Lebens die göttliche Vollmacht zur Sündenvergebung verleiht: „Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,22f; Gen 2,7).

Dieser nur in der Kraft des Heiligen Geistes erfüllbare amtliche Auftrag zur Sündenvergebung und Nicht-Vergebung (bei fehlender Reue) ist zu unterscheiden von den Charismen (Liebesgaben), die der Heilige Geist mit seiner Sendung vom Himmel am 50. Tag (Pfingsten) auf alle Gläubigen ausgießt. Dass Frauen in der Kirche ihre Charismen zum Aufbau der Kirche und zum Heil der Welt ausüben, war in der Kirche immer selbstverständlich. Aber niemals hatten sie dazu ein kirchliches (Apostel-)Amt inne, sowenig im alttestamentlichen Judentum Frauen zu den drei Ämtern (Hohepriester, Priester „zweiter Ordnung“, Leviten) zugelassen waren – im Unterschied zu den heidnischen Kulten, wo für die Feier der irdischen Fruchtbarkeit durch eine „Heilige Hochzeit“ zusammen mit den Priestern natürlich auch Priesterinnen am Ritus teilnahmen.

Die Kirchenväter verliehen Maria daher den Titel der „Königin“ und der „Prophetin“, aber nicht den der „Priesterin“: Sie haben „an einem lebendigen Bilde die Gestalt des geistbegnadeten Christen sichtbar gemacht und in lebendiger Erinnerung behalten“; dabei wurde „zwischen dem charismatischen und dem amtlichen ‚Prophetentum‘ unterschieden“, denn die Väter hatten „die wache Sorge …, keiner Frau eine amtsmäßige Sendung in der Kirche zuzubilligen“, auch nicht Maria (Alois Grillmeier, „Mit ihm und in ihm“, 1975, 198-216).

 

Im Monotheismus hat der eine Gott die „männliche Form“

Im jüdischen Tempelkult und in der christlichen Eucharistiefeier als „Hochzeitsmahl des Lammes“ (Offb 19,9) geht es nicht um die Feier des irdisch-sterblichen Lebens, sondern um die Teilhabe am österlichen ewigen Leben des Auferstandenen. Dieser wesentliche Bezug zur Transzendenz bedeutet im biblischen Ein-Gott-Glauben, dass der weltjenseitige Gott im Unterschied zur „in Geburtswehen“ liegenden Schöpfung (Röm 8,22) als „männlich“ vorgestellt wird.

Die pietistische geprägte Christin, Religionswissenschaftlerin und Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, die mit dem irakisch-deutschen Atheisten, Moralisten und „Freigeist“ Najem Wali das Buch „Abraham trifft Ibrahim. Streifzüge durch Bibel und Koran“ (2018) herausgebracht hat, sagte im „Spiegel“-Interview (5. Mai 2018, 126-130) zur Meinung Walis, der monotheistische Gott sei „das herrschende und strafende Element“, was im Kontext einer politischen Religion „tyrannische Herrschaft in seinem Namen politisch möglich“ macht:

„Die Vorstellung Gottes als männliches Wesen hat auch plausible Gründe. Das Weibliche ist bei praktisch allen Völkern und Kulturen stärker erdgebunden, einfach dadurch, dass die Frauen Kinder austragen und gebären. Die Männlichkeit steht demgegenüber für den abstrakten Weltzusammenhang. Wenn die göttliche Figur nicht mehr wie in der Mythologie menschenähnlich und geschlechtsspezifisch auftreten darf, dann leuchtet es ein, dass die männliche Form als die allgemeinere gewählt wird.“

Biblisch zeigt sich diese „männliche Form“ im Symbol des immer männlich konnotierten Feuers (auch und gerade an Pfingsten): „Gott ist verzehrendes Feuer“ (Dtn 4,24; Hebr 12,29). Unter allen Lebewesen der Erde kann nur der Mensch mit dem Feuer (und „Feuerwaffen“) umgehen. Dies war für die Menschwerdung des Menschen von größter Bedeutung, wie der britische Anthropologe Richard Wrangham in seinem Buch „Die Zähmung des Menschen“ (dt. Sept. 2019) herausstellt: „Erst zähmte Homo [sapiens] das Feuer, dann zähmt er sich selbst. Erst als der Mensch gelernt hatte, seine Aggressionen zu beherrschen, stand ihm der Weg offen, zum Kulturwesen zu werden“ (vgl. Spiegel Nr. 12/ 16. März 2019, 104-108, hier 104).

Dass es bei der Feuerbeherrschung auch um männliche Selbstbeherrschung geht, zeigt auch der Psychologe August Vetter in seinem Buch „Mitte der Zeit“ (1962): „Deutlicher als der Giftpfeil verrät das hohle Rohr, in welchem Prometheus den göttlichen Funken, den der Sonne entwendeten Samen der Flamme birgt, dass sein Ursprung im Wesen und Geschlecht des Mannes liegt. Das glimmende Scheit und der Quirl, dessen Reibung im vertieften Weichholz den Zunder in Brand setzt, lassen die Feuerbereitung als männliche Erregung von Lust und Schmerz erkennen. Die züngelnde Flamme ist das Urbild der Zeugungskraft, ihres Aufbrechens und ihrer verzehrend-schmelzenden Glut. Als er das Feuer zähmte, bändigte der Mann sich selbst.“

Auch für die Bildung des im Vergleich zu den Primaten viel größeren Gehirns des Menschen (und des Mannes gegenüber der Frau) ist der Feuergebrauch von entscheidender Bedeutung. Denn nur durch das Kochen und das Braten von Fleischspeisen konnten diese viel besser verwertet werden als im rohen Zustand, was es wieder erlaubte, nicht fast die ganze Zeit des bewussten wachen Lebens für die Nahrungssuche zu verwenden. (Das „Braten“ des Osterlammes „über dem Feuer“ in Ex 12,9 war für Origenes allegorischer Hinweis auf das geistige Verständnis der Heiligen Schrift, während ein buchstäbliches sie gleichsam nur im Rohzustand liest).

 

Jesus: Wahrer Prometheus und Sieger über die Welt

 Wenn Jesus in die Welt gekommen ist, „um Feuer (vom Himmel) auf die (weibliche) Erde zu werfen“ (Lk 12,49), dann nicht nur analog zu Prometheus als Kulturbringer, sondern als Bringer des neuen Kultes des neuen und ewigen Bundes im „Blut“ des Opferlammes, das am Kreuz geschlachtet wird. Denn erst dieser wahre Feuerkult im „Granzbrandopfer“ des Sohnes Gottes, der sein Leben freiwillig für seine „Freunde“ (Joh 15,13) beziehungsweise für seine „Schafe“ hingibt (Joh 10,11), gibt dem Mann oder „männlichen Prinzip“ die wahre Selbstbeherrschung bis hin zur Selbsthingabe, weil er sich in der österlichen Auferstehung und „Himmelfahrt“ ganz vom „mütterlichen“ oder „weiblichen Prinzip“ der Erde als (ihre „Menschenkinder“ bindende) Magna Mater gelöst hat.

Durch Jesu „Sieg“ über die Welt (1 Joh 5,4-6) im Tod am Kreuz wird der „Herrscher dieser Welt hinausgeworfen“ (Joh 12,31), das heißt der Teufel, der „die Gewalt über den Tod hat“ (Hebr 2,14), wobei Tod und Geburt/Zeugung/Sexualität ja reziprok sind: Nur weil der Mensch sterblich ist, bedarf er der irdischen Fortpflanzung. Die unsterblichen Engel im Himmel bedürfen dessen nicht. Der Tod aber ist nicht das, wozu der Gott und „Freund des Lebens“ (Weish 11,26) und nicht der „Gott der Toten“ (Mt 22,32) den Menschen erschaffen hat: „Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen, und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt. Kein Gift des Verderbens ist in ihnen…“ (Weish 1,13f) – außer in der „alten Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt“ (Offb 12,9; vgl. Weish 2,24).

Mit seinem Welt-Sieg am Kreuz hat das Osterlamm auch den Teufel besiegt, mit dem Jesus schon gleich zu Beginn seines öffentlichen Wirkens durch den Heiligen Geist konfrontiert wird (Mk 1,12f). Denn nur durch die geistlich-geistige Auseinandersetzung mit der Trias Sünde, Tod und Teufel wird der Mensch aus der „Gefangenschaft“ und „Sklaverei“ der „Sünde der Welt“ befreit (Joh 8,32-36; 1,29). Nur als der am Kreuz „erhöhte“ wahre oder himmlische König der (erlösten) Welt kann Jesus als Messias sagen: „Ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen“ (Joh 12,31).

 

Maria: Geisterfüllte neue Erde und Urbild der Kirche

Die von Gott geschaffene Erde (Adamah) ist nicht als solche schlecht, sondern nur insofern sie den als „unsterbliche Seele“ geschaffenen Menschen durch die Schlangen-Versuchung und den Sündenfall zu einem körperlichen, „irdischen Lebewesen“ degradiert (1 Kor 15,45-49). Eigentlich aber wäre die Erde offen für den Himmel und das Feuer vom Himmel, wozu die Kirche besonders an Pfingsten mit dem Schöpfungspsalm 104,30 bittet: „Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu“ (Gotteslob 645.3).

Die neue und wahre, weil geisterfüllte Erde ist im christlichen Glauben Maria als Urbild der geisterfüllten Mutter Kirche. Durch ihre jungfräuliche Geburt des Sohnes Gottes als Urbild der jungfräulichen „Wiedergeburt“ im Wasser und Feuer des Heiligen Geistes steht sie für das höhere „weibliche Prinzip“, das dem im Geistfeuer und im Geistgesalbten Jesus gekommenen höheren „männlichen Prinzip“ ganz entspricht.

Kardinal Kasper zufolge ist Maria nach Pfingsten „sozusagen die verborgene, aber nicht weniger einflussreiche mütterliche Seele und mächtige Fürsprecherin im Haus der Kirche geworden. Als solche trägt Maria Sorge, dass das pfingstliche Feuer des Heiligen Geistes nicht erlischt und seine Glut in unserer nachpfingstlichen Situation nicht erkaltet. Sie lehrt die Kirche, um den Heiligen Geist zu beten, und sie selbst betet für sie. (…) So wie die Lunge im Körper wirkt sie im Innern der Kirche, um ihr geistliche Luft zum Atmen zu geben und ihr Kraft, Trost, Mut, inmitten der Bedrängnisse Freude und inmitten aller Müdigkeit neuen pfingstlichen Schwung und Begeisterung zu schenken.“ Gerade heute werde Maria als „Mutter der Kirche“ gebraucht, „damit nicht der Ungeist der Welt, sondern der Heilige Geist … die Kirche und die Welt durchdringt“ (Maria – Zeichen der Hoffnung, 48f).

Im Hebräischen und Griechischen können die Begriffe für den „Geist“ (ruach bzw. pneuma) auch Atemluft bedeuten. Der Schöpfer haucht mit seinem „Feueratem“ (GL 347.4) den aus dem Staub der Erde gebildeten Menschen die Geistseele ein, die selbst Atemcharakter (und Feuercharakter) hat und macht ihn so zu einem lebendigen Wesen (Gen 2,7), das sich beständig nach der himmlischen Gnade ausstreckt und sich dem inneren Wirken des Heiligen Geistes öffnet, um ganz gottähnlich zu werden. In der Taufe werden die Gläubigen von der „Erbsünde“ befreit und so nach dem „Fall“ erst wieder befähigt zur fruchtbaren Teilnahme an der höheren „Hochzeits“-Feier der sakramentalen Eucharistie. Denn durch die Taufe auf Tod und Auferstehung Jesu sind die vom Geist Christi „Gesalbten“ (= Christen) dem „neuen Menschen“ (neuen Adam) wieder ähnlich, „der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph 4,24).

Von allen Heiligen ihrem Sohn am ähnlichsten ist Maria, die makellose Braut und von aller (Erb-)Sünde befreite Gottesmutter, der nach frommer Meinung der Auferstandene zuerst erschien (so Ignatius von Loyola in seinem Exerzitienbuch). Trotz dieser übergroßen Ähnlichkeit kommt es ihr nicht zu, Priesterin zu sein (s. o.). Denn diese Ähnlichkeit gehört der Ordnung der Gnade, nicht der metaphysischen Ordnung des Seins an.

Zwischen Christus als „männlichem“ Schöpfer (Geist) und der „weiblichen“ Schöpfung (Materie, von lat. mater) besteht – auch wenn sie in der weiblichen Kirche zur erlösten „neuen Schöpfung“ wird (2 Kor 5,17) – ein fundamentaler Unterschied. Die Erlösung besteht darin, dass der von den Toten auferstandene Christus als „der Erstgeborene der ganzen Schöpfung“ die Prinzipen Geist und Körper oder Himmel und Erde auf höherer Ebene „hochzeitlich“ vereint  (Kol 1,15.20). Aber diese Erlösung am ewigen, jenseitigen „achten Tag“ wird in der Feier der sieben österlichen Sakramente „schon jetzt“ antizipiert, doch so, dass die Zukunft des „achten Tages“ nie schon ganz Gegenwart wird („noch nicht“). Paulus hat die Kirche als neue Eva ihrem Bräutigam Christus im Glauben „verlobt“ (2 Kor 11,2), die ewige „Hochzeit“ steht aber noch aus.

 

Erklärung Inter insigniores zur Frage der Zulassung der Frauen

Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, die entsprechende „Erklärung zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt“  (Inter insigniores) vom 15. Oktober 1976 des Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Franjo Šeper, im Auftrag von Papst Paul VI. noch einmal neu und genau zu lesen. Dort nämlich heißt es: „Durch die Diskussion, die in unseren Tagen (!) um die Priesterweihe der Frau entstanden ist, sollten sich alle Christen eindringlich dazu aufgerufen fühlen, die Natur und die Bedeutung des Bischofs- und Priesteramtes tiefer zu erforschen und die authentische Stellung des Priesters in der Gemeinschaft der Getauften wiederzuentdecken, der er selbst als Glied angehört, von der er sich aber auch unterscheidet. Denn in den Handlungen, die den Weihecharakter erfordern, ist er für sie mit der ganzen Wirksamkeit, die dem Sakrament innewohnt, das Abbild und Zeichen Christi selbst, der zusammenruft, von Sünden losspricht und das Opfer des Bundes vollzieht.“

Der Priester, der die Stellung und Funktion Christi in der Eucharistie sakramental darstellt und vergegenwärtigt, handelt zwar „auch in persona Ecclesiae, d. h. im Namen der ganzen Kirche und um sie zu repräsentieren“; doch vor allem handelt er „in persona Christi, indem er die Stelle Christi einnimmt und sogar sein Abbild wird, wenn er die Wandlungsworte spricht“. Die in der Taufe erneuerte und wiederhergestellte gleiche „Gottebenbildlichkeit“ aller Gläubigen ist davon nicht berührt, denn das Priestertum gehört „nicht zu den Rechten der menschlichen Person“, sondern leitetet „sich aus der Ökonomie des Geheimnisses Christi und der Kirche her… Die Sendung des Priesters ist keine Funktion, die man zur Hebung seiner sozialen Stellung erlangen könnte. Kein rein menschlicher Fortschritt der Gesellschaft oder der menschlichen Person kann von sich aus den Zugang dazu eröffnen, da diese Sendung einer anderen Ordnung angehört.“

Die Aufgaben in der Kirche sind verschieden und dürfen nicht vermischt werden. An Pfingsten schenkt der Heilige Geist seine Liebesgaben (Charismen, nicht Ämter) allen Gläubigen. „Sie begründen keine Überlegenheit der einen über die andern und bieten auch keinen Vorwand für Eifersucht. Das einzige höhere Charisma, das sehnlichst erstrebt werden darf und soll, ist die Liebe (vgl. 1 Kor 12-13). Die Größten im Himmelreich sind nicht die Amtsdiener, sondern die Heiligen.“ „Die Taufe verleiht kein persönliches Anrecht auf ein öffentliches Amt in der Kirche.“ Zwar „gibt es eine universelle Berufung aller Getauften zur Ausübung des königlichen Priestertums, indem sie Gott ihr Leben aufopfern und zur Ehre Gottes Zeugnis ablegen“; aber: „Der Heilige Geist ist es, der durch die Weihe Anteil gibt an der Leitungsgewalt Christi, des obersten Hirten (vgl. Apg 20, 28).“

Die Erklärung hebt darauf ab, dass kein Unterschied zwischen Menschen so tief ist wie der zwischen den Geschlechtern, der „in der biblischen Offenbarung einem ursprünglichen Willensentscheid Gottes zugeschrieben wird: ‚Als Mann und Frau schuf er sie’ (Gen 1, 27).“ Dieser Unterschied, „insofern er die Identität der Person bestimmt“, wird auch in der ewigen Herrlichkeit nicht aufgehoben. Die von der Geschlechter-Symbolik tief durchdrungene „Sprache der Schrift“ offenbart auch das Geheimnis Gottes und Christi, das „in sich unergründlich ist“. Gleichzeitig sollen die sichtbaren sakramentalen Zeichen „von den Gläubigen auch leicht verstanden werden“: „Die Ökonomie der Sakramente ist in der Tat auf natürlichen Zeichen begründet, auf Symbolen, die in die menschliche Psychologie eingeschrieben sind: ‚Die sakramentalen Zeichen’, sagt der hl. Thomas, ‚repräsentieren das, was sie bezeichnen, durch eine natürliche Ähnlichkeit’.“

 

Jesus: Urheber des Bundes und Bräutigam der Kirche

Wenn daher „Christus selbst, der Urheber des Bundes, der Bräutigam und das Haupt der Kirche, in der Ausübung seiner Heilssendung repräsentiert wird – was im höchsten Maße in der Eucharistie geschieht“, dann kommt diese Verkörperung seiner Rolle allein einem Mann zu. Umgekehrt läge „diese ‚natürliche Ähnlichkeit’, die zwischen Christus und seinem Diener bestehen muss, nicht vor, wenn die Stelle Christi dabei nicht von einem Mann vertreten wird: andernfalls würde man in ihm nur schwerlich das Abbild Christi erblicken. Christus selbst war und bleibt nämlich ein Mann.“

Dabei kann biblisch der („weibliche“) Körper auch durch einen Mann symbolisiert werden, der dann aber weiter qualifiziert werden muss, etwa durch die Farbe rot und eine Überfülle an Haaren wie bei einem „(Tier-)Fell“, wie es von Esau heißt, dem ‚Zwillingsbruder’ von Jakob, der seinerseits umgekehrt für die göttliche Geistseite (unsterbliche Geistseele) steht (vgl. Gen 25,25; 3,21). Von daher lässt die Bibel dann Gott sagen: „Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst“ (Röm 9,13; Mal 1,2f), das heißt zurückgesetzt an die zweite Stelle (wie vor dem Sündenfall). Esau rückt dann mit „400 Mann“ gegen seinen Bruder an (Gen 32,7; 33,1), wobei die „400“, die letzte Zahl des hebräischen Alphabets (= Taw in der Bedeutung von „Zeichen“), für die Materie steht (vgl. die „400 Jahre“ der „Gefangenschaft“ Israels in „Ägypten“, Gen 15,13); die Eins/Aleph steht hingegen für den Geist (die Rabbinen verknüpfen Esau beziehungsweise Edom = das „4.“ Weltreich mit dem „bösen Trieb“ und mit dem Christentum).

So ist und bleibt Christus der nur durch einen „Mann“ (im Sinn von innerer Geistseele) repräsentierbare göttliche Bräutigam der Kirche, und zwar gerade in seiner Hingabe bis zum Tod am Kreuz als neuer Adam, das heißt als „lebendigmachender Geist“ (1 Kor 15,45) und „Bild des Himmlischen“ (V. 49). Denn „aus seiner durchbohrten Seite wird [in den sakramentalen Zeichen von „Blut“ und „Wasser“] die Kirche geboren, wie Eva aus der Seite Adams geboren wurde [vgl. Sacrosanctum Concilium 5]. Jetzt erst verwirklicht sich vollkommen und endgültig das bräutliche Geheimnis, das im Alten Testament angekündigt und [im Hohelied der Liebe] besungen worden ist: Christus ist der Bräutigam; die Kirche ist seine Braut, die er liebt, da er sie durch sein Blut erworben und sie lobwürdig, heilig und ohne Makel gestaltet hat und mit ihr nunmehr untrennbar verbunden ist“ (Inter insigniores).

Deshalb beruht der Ausschluss der Frau vom sakramentalen Priesteramt auf dem „göttlichen Schöpfungsplan“, auf dem „Plan Gottes für seine Kirche“ (Heilsökonomie), „dessen Mittelpunkt das Geheimnis des Bundes ist“, und auf dem „Gesetz der Ähnlichkeit“. Den Bund haben schon die „Propheten des Alten Testaments mit Vorliebe unter dem Bild eines geheimnisvollen Brautverhältnisses beschrieben: das erwählte Volk wird für Gott zur innig geliebten Braut; die jüdische wie die christliche Tradition haben die Tiefe dieser innigen Liebe erkannt, indem man immer wieder das Hohelied der Liebe gelesen hat; der göttliche [!] Bräutigam bleibt treu, selbst dann, wenn die Braut seine Liebe verrät, d.h. wenn Israel Gott gegenüber untreu wird (vgl. Hos 1-3; Jer 2).“

Gerade für den neuen Dialog zwischen Kirche und Judentum ist nach Kardinal Kasper ist die Rückbesinnung auf Maria von größter Bedeutung. Denn „Maria ist das Band und die Verbindung zwischen dem Alten und dem Neuen Testament, und sie steht für die Einheit der Heilsgeschichte, für den roten Faden, der die gesamte Heilige Schrift durchzieht. Deshalb kann die Mariologie nicht anhand einzelner biblischer Texte begründet werden, sondern ist in der Bibel als Ganzer enthalten und das Ergebnis einer typologischen Interpretation, das heißt einer Auslegung, die das Alte Testament im Licht des Neuen Testaments begreift und das Neue Testament auf der Grundlage der Verheißungen des Alten Testaments interpretiert. Diese Auslegung ist in neuerer Zeit leider in Vergessenheit geraten“ (Maria, 30). Das gilt natürlich auch für die Frage der Frauenordination, die nur vom Ganzen der Bibel her erhellt werden kann.

 

Durch die Analogie des Glaubens die Frage erhellen

Die Erklärung Inter insignores sagt auch, dass es in der ganzen Frage der Nicht-Zulassung der Frau zur Priesterweihe nicht darum geht, „einen stringenten Beweis zu erbringen“. Vielmehr will sie die Lehre durch die „Analogie des Glaubens“ erhellen und in rechter Weise zur Unterscheidung „zwischen den wandelbaren und den unwandelbaren Elementen“ beitragen. „Die Angleichung an bestimmte Zivilisationen und Epochen kann also nicht, was die wesentlichen Elemente betrifft, ihre sakramentale Bezogenheit auf die grundlegenden Ereignisse des Christentums und auf Christus selbst abschaffen.“

Die Protestaktion „Maria 2.0“ hat unterschiedliche Reaktionen ausgelöst, etwa die Gründung der Gegen-Aktion „Maria 1.0“ durch kirchentreue Frauen (s. www.mariaeinspunktnull.de). Auch die Bischöfe positionierten sich unterschiedlich und durchaus gegensätzlich. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode übte zwar Kritik am Boykott („Die Eucharistie kann kein Instrument eines solches Protestes sein“), äußerte zugleich aber Verständnis für den Frust der Frauen und ihr Anliegen. Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr hielt eine Zulassung von Frauen zum Priesteramt sogar für „theologisch denkbar“, auch wenn gegenwärtig mit Blick auf die Weltkirche „absolut unvorstellbar“.

Der Münsteraner Bischof Felix Genn kritisierte eine „Verzweckung der Gottesmutter“. Es gebe eine Grenze dort, „wo das Heiligste berührt ist“ (Online-Portal „Kirche + Leben“). Das hat wiederum den Kolumnisten der Süddeutschen, Heribert Prantl, auf den Plan gerufen: „Verzweckt? Diese junge Frau Maria aus Nazareth ist so oft verzweckt worden: als Feldzeichen für die Kreuzzügler, die sich mit ‚Maria hilf’ in die Schlacht stürzten. Sie ist verzweckt worden als demütige Magd, um den Frauen Unterwürfigkeit einzubläuen; als asexuelle Heilige, um Frauen die Freude an ihrer Sexualität auszutreiben und ihnen Schuldgefühle einzupflanzen; als ewige Jungfrau, indem man ihr ihre Kinder absprach und bis heute behauptet, Jesu Geschwister seien nicht ihre leiblichen Söhne und Töchter. Jetzt wird sie vom Bischof verzweckt (und das ist eine besonders raffinierte Verzweckung), weil der Bischof es als Sakrileg definiert, wenn Frauen die Maria als Patronin für ihren Protest wählen. Solche Reaktionen auf die Proteste der Frauen sind unterirdisch – und typisch für die patriarchalen Strukturen der katholischen Kirche“ (Frauenstreik: Wenn sogar der Muttergottes der Mund verboten wird, in: SZ Magazin vom 25. Mai 2019).

Natürlich zitiert auch Prantl Marias „Lobpreis auf die Revolution der Machtverhältnisse“: „Auch das steht beim Evangelisten Lukas. Man sollte das lesen, bevor man vom bischöflichen Stuhl aus auf Frauen herabpredigt und ihnen die Instrumentalisierung der Eucharistie vorwirft.“ Im Geist der Aufklärung wird so von Prantl das Bild einer ‚sexuell aktiven’, politisch ‚revolutionären’ Maria gezeichnet, die freilich nicht die „Mutter des Lichts“ ist, als die sie in der Präfation in der Marienmesse der Osterzeit gepriesen wird: „Du (Gott) lässt in den Sakramenten der Kirche zeichenhaft geschehen, was sich an der erhabenen Jungfrau vollkommen verwirklicht hat. Aus dem Wasser der Taufe gebiert dir die Kirche neue Kinder, die sie als Jungfrau und Mutter aus Glauben und Heiligem Geist empfangen hat“ – erleuchtete „Kinder des Lichts“ (Eph 5,8).

 

Die Wahrheit der Bibel im Licht der Tradition

Auch die Reformation hat bekanntlich mit einer neuen Lesart der Bibel begonnen, auch wenn Martin Luther selbst noch eine in bestimmter Hinsicht „großartige Auslegung“ des Magnifikat schreiben konnte (Kasper, Maria, 71). Wenn aber Maria gar nicht die immerwährende „Jungfrau“ ist (Maria semper virgo), als die sie im Credo und Dogma der Kirche bekannt wird, warum sollten dann die anderen kirchlichen Marien-Dogmen wahr sein, die alle untereinander eng zusammenhängen (s. Kasper, Maria, 66-76)? Warum sollte überhaupt die Bibel wahr sein?

Hat Maria das Magnifikat überhaupt gebetet? Weist der neutestamentliche Text Lk 1,46-55 nicht rund 40 Bezugstexte zum Alten Testament auf, so dass er als kunstvolle Komposition des dritten Evangelisten erscheint? Hat nicht also Lukas schon die ‚junge Frau aus Nazareth’ für sein ‚Evangelium’ oder den ‚Heilsplan’ instrumentalisiert? Und haben nicht die vier Evangelisten zusammen mit Paulus den ‚jungen Wanderprediger aus Nazareth’ zum Erlöser der Welt stilisiert und instrumentalisiert? Wem soll man hier noch was glauben?

Wer nicht mit der katholischen Kirche ihren Glauben teilen will, dem steht es frei, sich aus der Bibel einen eigenen zurechtzuzimmern und sich dazu irgendeine ‚apostolische’ Legitimität zuzulegen, wie dies ja hunderte von evangelisch-evangelikalen (Frei-)Kirchen seit jeher getan haben und weiter tun (sola scriptura ohne Tradition). Dagegen hat der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki zu Recht daran erinnert, dass Maria in der katholischen (und orthodoxen) Tradition die „Überwinderin der Irrlehren“ ist: Sie steht für die „überzeitlichen Wahrheiten“, die „entscheidend sind für das Heil unseres Lebens, für das Heil unserer Seele“. Eine Lockerung des Zölibats, eine Neubewertung der Homosexualität und Weiheämter für die Frauen seien nicht die Lösung für die Probleme der Kirche.

Auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer lehnt eine Priesterinnenweihe ab: Wir können uns nicht „die Geschichte der Kirche zurechtbasteln, um uns dann am Ende etwa ein Frauenpriestertum zu genehmigen“. Der Freiburger Kircherechtler Georg Bier sagte mit Blick auf die von den letzten Päpsten in Ausübung ihres  Eehramtes getroffenen Entscheidungen, dass es beim Priesteramt keinerlei Spielraum gebe: Hier sei „das letzte Wort gesprochen“, nicht aber bei der Frage nach der Weihe von Diakoninnen (KNA-Interview). 

 

Katholische Diakoninnen?

Ist aber wenigstens eine Weihe zur Ständigen Diakonin für Frauen möglich, also der untersten Stufe des dreistufigen Weihesakraments? Der Bonner Dogmatiker Karl-Heinz Menke hat dazu in einem Beitrag unter dem Titel „Katholische Diakoninnen?“ (Die Tagespost, 5. Juli 2918) gezeigt, warum auch eine Diakoninnenweihe „spätestens“ mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1963–65) unmöglich geworden ist. Denn seit dem Konzil könne die Frage der Zulassung von Frauen zum Diakonat „nicht von der Frage der Zulassung zur Priester- und Bischofsweihe getrennt werden“. Der Präfekt der Glaubenskongregation habe am 29. Mai 2018 „den von Johannes Paul II. erklärten Ausschluss der Frau vom Empfang des Ordo-Sakraments im Namen von Papst Franziskus als unfehlbar und irreversibel qualifiziert“. Folglich könne „eine Frau das Sakrament des Ordo auch nicht auf der niedrigsten Stufe empfangen“.

Die katholische Kirche kennt seit dem 2. Jahrhundert die Ämtertrias Bischof – Priester – Diakon, die sie praktisch vom dreistufigen Priesteramt Israels zur Heiligung des Volkes Israel übernimmt: Hoherpriester Aaron, Aarons Söhne als „Priester des zweiten Ranges“ (2 Kön 23,4) und Leviten. Allerdings ist es mit dem lateinischen Kirchenvater Hieronymus (347–420) in der Westkirche Menke zufolge „a) zu einer sakramentalen Identifikation von Bischof und Presbyter (gekommen), und b) zu einer Ausgliederung des Diakonates aus dem sakramentalen Ordo und – damit verbunden – c) zu einer verhängnisvollen Trennung der rechtlichen von der sakramentalen Ordnung der Kirche“.

Nach der Reformation hat das Reformkonzil von Trient versucht, das Verhältnis von sakramentaler Weihegewalt und rechtlicher Jurisdiktionsgewalt zu klären. Nach der einen vertretenen Meinung unterscheiden sich Bischof und Priester nicht aufgrund der Weihe, sondern nur aufgrund der vom Papst erhaltenen Jurisdiktionsgewalt; nach der anderen empfängt der Bischof die Fülle seiner Gewalt durch das Sakrament und damit direkt von Christus. Die Frage blieb letztlich offen. Erst das Zweite Vatikanische Konzil hat sie zugunsten der zweiten Position entschieden.

 

Repräsentation Christi gegenüber der Kirche

Dem Konzil vorausgegangen war eine Rückbesinnung auf die Kirchenlehre der Kirchenväter mit der Auffassung von der Kirche als mystischer „Leib Christi“. Papst Pius XII. erklärte 1947 mit seinem Lehrschreiben „Sacramentum ordinis“, die Kirche habe keine Vollmacht, „die ein für allemal festgeschriebene Siebenzahl der Sakramente zu ändern; dass es deshalb nur ein Ordo-Sakrament gibt; dass dieses Sakrament drei Stufen aufweist; und dass diese Stufen eine Ordnung begründen, die nicht verändert werden kann“. Die Diakonenweihe erscheint damit als unterste Weihestufe neben der Priester- und der Bischofsweihe.

Karl-Heinz Menke kommt zu dem Ergebnis: „Es gibt – so folgerte das Zweite Vatikanische Konzil – die sakramentale Repräsentation Christi [als Haupt] gegenüber der Kirche [als Leib] durch die Bischöfe gemeinsam mit den Priestern und Diakonen (Lumen gentium 20–22; 28–29).“ Die für die Position der Einführung eines Frauendiakonats angeführten Bibelstellen (Röm 16,1; 1 Tim 3,11) „können den Beweis eines weiblichen Diakonats in neutestamentlicher Zeit nicht tragen“.

Dafür spreche auch nicht die Existenz von Diakoninnen im Osten (3. bis 10. Jh.) und im Westen (6. bis 13. Jh.). Denn dies bedeutete nie, dass Diakoninnen zum Klerus gehörten, noch dass sie zum liturgischen Altardienst zugelassen worden wären. „Wie groß auch die äußere Ähnlichkeit mit der Weihe der männlichen Diakone gewesen sein mag, so ist die Diakonin doch kein Diakon.“

Gegen den Ausschluss der Frauen vom Weiheamt führte der Freiburger Dogmatiker Karlheinz Ruhstorfer in einem Beitrag für die Herder-Korrespondenz (8/2018, 25-28: „Mitte des Glaubens“?) das Argument ins Feld: „Wer Frauen abspricht, Christus repräsentieren zu können, spricht ihnen letztlich das volle Menschsein ab.“ Der Theologe macht geltend, dass die Nicht-Erwählung von Frauen zum Zwölferkreis der Apostel durch Jesus ähnlich wie die Erwählung nur von Juden für die Kirche nicht bindend sei. Für die Ablehnung der Frauenordination sei historisch vielmehr die hierarchische Struktur der Geschlechter in der Bibel entscheidend gewesen, wonach Gott das Haupt Christi, Christus das Haupt des Mannes, der Mann das Haupt der Frau sei (1 Kor 11,3). Damit habe die Kirche „über Jahrhunderte und Jahrtausende die angebliche anthropologische Minderwertigkeit der Frau begründet“. Dies sei heute aber nicht mehr möglich. Ist aber Christus, dessen Haupt Gott ist, deshalb minderwertig gegenüber Gott?

 

Gibt es eine Hierarchie der Geschlechter?

Ruhstorfer zufolge könne man nach Abschaffung der Hierarchie der Geschlechter heute nicht mehr „die überlegene Göttlichkeit Jesu mit der überlegenen Männlichkeit …, das Rationale des Logos mit der Emotionalität der Frau, die Geistigkeit des Mannes mit der Materialität der Frau (vergleiche mater-materia)“ assoziieren. In der Tat hat die Frau im Christentum dieselbe personale Würde wie der Mann, steht sie in der Hierarchie der Heiligkeit dem Mann in nichts nach. Schließt dies aber aus, dass es in den Prinzipien des Männlichen und des Weibliche eine Hierarchie gibt?

Wenn die Bibel die Frau aus der „Rippe“ als Symbol der Mondsichel erschaffen sein lässt (Gen 2,21f), weil Luna ja als „Urgrund aller Geburt“ und „Mutter des (irdischen) Lebens“ gilt (vgl. Gen 3,20), Sonne und Mond sich also nach der allgemeinen Symbolik wie Geist und Materie oder „männlich“ und „weiblich“ verhalten (in Mexiko sind die Toiletten durch diese Symbole unterschieden!), dann kann die in der Schöpfungsordnung verankerte Hierarchie der Geschlechter nicht einfach für überholt erklärt werden. Eucharistie und biblischer Glaube sind nicht ablösbar vom Fundament der Schöpfung und ihrer Symbolik (vgl. die Feier von Ostern am ersten Sonn-tag nach dem Frühlings-Vollmond). Das von Papst Urban IV. im Jahre 1264 universalkirchlich eingeführte Hochfest „Fronleichnam“ (= lebendiger Leib des Herrn) geht zurück auf die Vision der jungen Augustinernonne Juliana von Lüttich, die im Jahr 1209 mehrmals den Vollmond als Kirche schaute, auf dem ein Fleck das Fehlen eines eigenen Festes zu Ehren der heiligen Eucharistie anzeigte.

Mit Verweis auf Galater 3,28, wonach „in Christus“ männlich und weiblich, aber auch „Juden und Griechen“ (= Heiden), nicht mehr zählt, „denn ihr alle seid einer in Christus“, verlangt Ruhstorfer die Gleichheit der Geschlechter. Aber die Einheit in Christus macht nicht alles gleich, sowenig das Judenchristentum einfach mit dem Heidenchristentum gleich ist. Vielmehr geht es Paulus um die Aufhebung der Geschlechterdifferenz in die paradiesische Einheit des „Ein-Fleisch-seins“ der „hochzeitlichen“ Liebe von Gott und Mensch vor dem Sündenfall (Gen 2,24; Mt 19,5; Eph 5,31).

Entsprechend versteht er die Kirche als neue Eva, die er wie die erste Eva von der Schlange oder dem Versucher bedroht sieht: „Denn ich liebe euch mit der Eifersucht Gottes; ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu Christus zu führen. Ich fürchte aber, wie die Schlange einst durch ihre Falschheit Eva täuschte, könntet auch ihr in euren Gedanken von der aufrichtigen und reinen Hingabe an Christus abkommen“ (2 Kor 11,2f). Der Apostel warnt vor der Verkündigung eines „anderen Jesus“, „anderen Geistes“, „anderen Evangeliums“ durch „Lügenapostel“, die sich als Apostel tarnen, „denn auch der Satan tarnt sich als Engel des Lichts“ (2 Kor 11,13f).

 

Die Eucharistie als Sakrament der „hochzeitlichen“ Liebe Gottes

Verfälschung, Verblendung und Verwässerung bedrohen seit jeher die Wahrheit des Glaubens. Deshalb bedarf es immer neu der Unterscheidung der Geister: „Traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind“ (1 Joh 4,1). Letztlich gilt der geistliche Kampf dem Teufel als „Gott dieser Weltzeit“ (2 Kor 4,4), „Herrscher dieser Welt“ (Joh 12,31) und „Todfeind unserer menschlichen Natur“ (Ignatius von Loyola). Zu glauben, diesen Todfeind und ‚Feind Tod‘ (1 Kor 15,26) könnte man mit Appellen an die Vernunft besiegen, so dass der ‚Sieg des Glaubens‘ über die Welt (1 Joh 5,4) überflüssig wäre, ist der Grundirrtum der Aufklärungsepoche, die sich stolz das „Jahrhundert des Lichts“ nannte.

Das Ziel des Heilsplanes Gottes in der Bibel ist die „hochzeitliche“ Liebe des ewigen Bundes zwischen Gott und der Menschheit, repräsentiert durch Israel (vgl. das Hohelied der Liebe), das in der Feier des eucharistischen Ein-Fleisch-seins von Christus und der Kirche realisiert wird. Papst Franzikus betont daher in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium (Nr. 104): „Das den Männern vorbehaltene Priestertum als Zeichen Christi, des Bräutigams, der sich in der Eucharistie hingibt, ist eine Frage, die nicht zur Diskussion steht.“ Was Walter Kasper von Maria sagt, gilt in bestimmter Hinsicht auch von der einen und heiligen Kirche:

„Die unbefleckte und vor jeder Sünde bewahrte Maria ist das Zeichen dafür, dass der Plan, den Gott mit seiner Schöpfung hatte, nicht gänzlich gescheitert ist. Der Bund mit Gott ist nicht völlig fehlgeschlagen. In Maria ist die Absicht Gottes unversehrt geblieben. In ihrer Person ist auch der göttliche Plan im Hinblick auf die Kirche als die Braut ‚ohne Flecken und Falten’ (Eph 5,27) wahr geworden. So gibt uns Maria die Gewissheit, dass der Bund mit Israel und der gesamten Menschheit nicht gescheitert und dass die Kirche, die wir im Credo als heilig bekennen, nicht nur ein fernes Ideal ist, sondern zumindest in Maria wirklich existiert. In Maria können wir Gottes ursprünglichen Plan für seine Geschöpfe und den ursprünglichen Entwurf der Kirche erkennen. In der Erwählung Marias wird das eschatologische Ziel des Bundes Gottes auf konkrete und persönliche Weise greifbar“ (Maria, 74).

Von Ewigkeit her durch Gott erwählt ist aber nicht nur Maria, sondern in Christus auch Israel, die Kirche und jeder einzelne Gläubige (Eph 1,4f). „Durch ihn sind wir auch als Erben vorherbestimmt und eingesetzt nach dem Plan dessen, der alles so verwirklicht, wie er es in seinem Willen beschließt; wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, die wir schon früher auf Christus gehofft haben“ (V.11f). Die Hochform dieses Gotteslobes ist die  Eucharistie als österliches „Sakrament der Liebe“; bei ihr repräsentiert der Priester Christus als göttlichen Bräutigam, die Gemeinde die eine heilige (marianische) Kirche als gläubige Braut.

 

Die Eucharistie als Grund der sakramentalen Priesterweihe

In der Feier der Eucharistie liegt der Grund, warum es überhaupt ein Weihesakrament gibt, denn ein Getaufter ohne Weihe kann dieser „Quelle und dem Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ nicht vorstehen, weil nur der Priester „das göttliche Opferlamm Gott“ darbringen kann (Lumen gentium 11), indem er Christus als „Haupt“ der Gemeinde als „Leib“ gegenübersteht (die Taufe, von der Gal 3,28 redet, gliedert jeden Täufling in den „Leib Christi“ ein). Haupt und Leib, Bräutigam und Braut sind aber der eine und ganze Christus (Augustinus: totus Christus), der so wiederum ganz dem himmlischen Vater die Ehre gibt. Dieser „ist nicht der Gott der Toten, sondern der Gott der Lebenden“ (Mt 22,32) – auch jetzt schon in Gestalt der Gerechten und Heiligen aller Zeiten (Hebr 11).

Nach dem von Papst Johannes Paul II. vor 25 Jahren, am 22. Mai 1994, dem damaligen Pfingstfest, veröffentlichten Schreiben Ordinatio sacerdotalis, in dem die Lehre von Inter insignores bekräftigt wurde, hat die Kirche „keinerlei Vollmacht …, Frauen die Priesterweihe zu spenden“. Der Papst betonte ausdrücklich am Ende, „dass sich alle Gläubigen endgültig an diese Entscheidung zu halten haben“, an den Ratschluss Gottes, „der der Weisheit des Herrn des Universums zuzuschreiben ist“ (Nr. 3).

Offenbar folgen die den Aufstand probenden Frauen aber lieber ihrer eigenen Weisheit, wie dies in gewisser Weise auch schon Luther tat, weshalb es in der lutherischen Theologie bis heute umstritten ist, „ob das ordinationsgebundene Amt auf einer göttlichen Einsetzung beruht oder auf menschlicher Delegation“ (Vom Konflikt zur Gemeinschaft. Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017, Nr. 166). Auch die Marienverehrung ist in der evangelischen Kirche weithin versiegt, auch wenn es vereinzelt Versuche gibt, sie zu revitalisieren. „Wo aber Maria vergessen wird und wo der marianische Glaube abgelehnt wird, das wird die biblische Botschaft in ihrer Gesamtheit zur Diskussion gestellt und aufs Spiel gesetzt“ (Kasper, Maria, 30).

 

Die Kirche als Abbild der Zahlen-Ordnung von Himmel und Erde

Eine mehr „ästhetische“, für eine ästhetisch-sinnliche Feier wie die Eucharistie aber nicht unwichtige Begründung für den Ausschluss ergibt sich schließlich aus der Zahlensymbolik in Schöpfung und Bibel, wobei nach dem Weisheitsbuch (11,20) der Schöpfer in seiner Weisheit „alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet“ hat. In der pythagoreischen, chinesischen und biblischen Tradition sind die ungeraden Zahlen, beginnend mit der Eins als Maß der folgenden ungeraden Zahlen, immer männlich konnotiert, die geraden Zahlen, beginnend mit der Zwei, hingegen immer weiblich. In der Symbol-Sprache der Zahlen, gewissermaßen dem universalen Sprachcode aller Kulturen und Religionen, stehen also die Zahlen eins und drei für Gott oder den Himmel, zwei und vier für die materielle Schöpfung (vier Urelemente, Jahreszeiten, Himmelsrichtungen usw.). Gott als der eine „Vater“ ist im „Himmel“, die Erde oder die Natur hingegen ist die „Mutter“ (Papst Franziskus spricht häufig von der „Mutter Erde“). Gott kann daher auch trinitarisch (drei-faltig) gedacht werden, aber niemals binarisch (zwei-faltig) oder quaternarisch (vier-faltig). Dem entspricht der dreifach gestufte Ordo.

Die sakramentale Kirche ist wie die (sakramentale) Schöpfung als „Heiligtum“ durch die Zahl sieben gekennzeichnet (sieben Schöpfungstage), untergliedert in die männliche Drei und die weibliche Vier. Die drei Initiations-Sakramente Taufe (Glaube), Firmung (Hoffnung) und Eucharistie (Liebe) geben Anteil am ewigen Leben des Himmels, die vier anderen Sakramente (Buße, Krankensalbung, Ehe und Ordo) sind Befähigungen zum Leben in der Welt, wobei aber das Weihesakrament analog zum „siebten Tag“ (Sabbat) wiederum in der Welt den Raum des Himmels offen hält (ein Buch zum „Priester sein heute“ von George Augustin u. a. trägt den Titel „Den Himmel offen halten“).

In orthodoxen Kreuzkuppelkirchen symbolisiert das Kuppelrund den Himmel, das Quadrat des Naos (Kirchenschiff) die Erde. Der den Priestern vorbehaltene Altarraum hinter der Bilderwand steht ebenfalls für den Himmel und ist der dritte Teil der Kirche mit Vorhalle und Schiff. Analoges gilt für den lateinischen Kirchenraum. Eine ebenfalls mögliche Zweigliederung des Raumes (unsichtbare – sichtbare Welt) symbolisiert die göttliche und menschliche Natur Christi oder auch Seele und Körper des Menschen, wobei aber wiederum der Körper vier Gliedmaßen und die eine Seele drei Grundkräfte hat: Erinnerung (memoria), Erkenntnis (intelligentia) und Wille (voluntas), was Augustinus als trinitarische Analogie deutet.

Nach Ps.-Dionysius Areopagita (um 500) besteht die Hierarchie der Engel im Himmel aus neun (3 x 3) Chören. Die Zahl 27 (3 x 3 x 3) ist beispielsweise die Zahl der himmlischen Sterne mit dem männlichen Lamm Gottes (als „Bräutigam“ Jerusalems: Offb 21,9) im Scheitel des Chorgewölbes des Presbyteriums in der frühchristlichen, oktogonalen Kirche San Vitale in Ravenna, die Vorbild für die oktogonale Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen war. In der Krypta der Benediktinerabtei Marienberg im Vinschgau mit herausragenden romanischen Engelfresken aus dem 12. Jahrhundert sind 27 Engel dargestellt.

Klaus W. Hälbig

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Karl-Maria von Heide-Trier (Freitag, 14 Juni 2019 21:46)

    Leider kein Leuchtfeuer intellektueller Redlichkeit!
    Ich habe mir die Mühe gemacht, den gesamten Text zu lesen; er ist schon eine Zumutung, aber das hat man ja im Studium gelernt: Zumutungen auszuhalten.
    Frelich handelt es sich hier überwiegend um eine Zumutung in intellekueller Hinsicht; es fällt durchaus schwer, weiterzulesen, wenn beispielsweise das Gehirngewicht von Frauen und Männern miteinander verglichen und als "Argument" eingeführt wird. Die Worterklärungen zeigen mehr und mehr, dass es sich hier um einen Text handelt, der natürlich mit Wissenschaft nicht das Allergeringste zu tun hat, sondern ausschließlich auf die Erläuterung vorgefasster Meinungen abzielt. Mathematiker erkennen schnell das Prinzip: Mit der "Division durch Null" lässt sich der größte Blödsinn als "wahr beweisen".
    Hinsichtlich des Argumentationsstils lässt sich sagen: Horst Seehofer hat wohl Pate gestanden - man muss solche Texte so formulieren, dass sie niemand versteht.
    Verzeihung, Herr Autor: einen solchen verquasten Behauptungstext habe ich eigentlich noch nie vor Augen gehabt - schon gar nicht von meinen Studentinnen und Studenten.
    Ich glaube, die Frauen in unserer Gesellschaft haben mehr Ehrlichkeit - und: mehr Demut der Herren der Schöpfung verdient.